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Debatte über Martin Heidegger und Fake News

Tafel am Heidegger-Haus in Messkirch

Die Debatte über „Fake News“ im Fall Heidegger galt der These einer Beteiligung des Seinsphilosophen an den Nürnberger Gesetzen und am Holocaust. Sie betraf außer Martin Heidegger auch alle anderen Mitglieder des von Hans Frank 1934 gegründeten Ausschusses für Rechtsphilosophie. Der Vorwurf wurde im Jahr 2017 von dem Semiotiker und Direktor im CNRS, François Rastier, und von der Philosophin Sidonie Kellerer mit dem Hinweis auf ein noch unbekanntes Dokument erhoben, unterstützt von der Ex-Vize-Vorsitzenden der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Donatella Di Cesare. Ihnen wurde daraufhin von dem Philosophen Jean-Luc Nancy und dem Publizisten Kaveh Nassirin vorgehalten, Entdeckungen nur zu simulieren und „Fabeln“ und „alternative Wahrheiten“ zu verbreiten. Der Disput, in dem das sonst politische Schlagwort der „Fake News“ für die These in einer wissenschaftlichen Kontroverse verwendet wurde, fand in den großen Tageszeitungen und in akademischen Online-Medien in Frankreich, Deutschland, Italien und Österreich statt.[1]

Verlauf der VorgeschichteBearbeiten

Jean-Luc Nancy äußerte in Libération am 12. Oktober 2017 die These, die Diskussion um Heideggers NS-Vergangenheit sei stellvertreterhaft und diene einem Exorzismus der faschistischen Anteile der westlichen Zivilisation. Diese würden nicht in die Ideologie der political correctness passen. Heidegger sei also „schlimmer als verdammungswürdig: er ist nicht korrekt“.[2]

Daraufhin warf ihm Sidonie Kellerer am 27. Oktober 2017 in Le Monde vor, „ohne Beweise“ behauptet zu haben, dass Heidegger schon in Texten der 1930er Jahre Verachtung für den Nazismus gezeigt habe und wies auf ein unbekanntes, „datiertes Dokument“ hin, das belege, dass Heidegger „bis Juli 1942“ Mitglied im „Ausschuss für Rechtsphilosophie“ gewesen sei, der auch die Nürnberger Gesetze „erarbeitet“ habe.[3] Für die letztere Aussage verwies sie auf Emmanuel Faye.[4] Der Vorwurf wurde von François Rastier verschärft, indem er im Wissenschaftsportal The Conversation mitteilte, das unbekannte Dokument beweise, dass „alle Mitglieder“ des Ausschusses, damit auch Heidegger, nicht nur die Nürnberger Gesetze vorbereitet, sondern „bis Dezember 1942“ auch „in Praxis und Theorie“ den Holocaust betrieben hätten.[5] Der Vorsitzende des Ausschusses, Hans Frank, sei ja auch verantwortlich für die „ersten Vergasungen in Auschwitz und Chelmno gewesen“.[6]

Die ehemalige stellvertretende Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Donatella di Cesare, nannte die Entdeckung des unpublizierten Dokumentes zu Heidegger daraufhin im Corriere della Sera „eine sehr relevante Nachricht“ und äußerte ihr Befremden darüber, „wie ein so bedeutendes Faktum erst jetzt ans Licht kommen“ könne: „Ich frage mich, wie es möglich ist, dass so viele Jahre lang niemand in Deutschland Recherchen zu diesem Sachverhalt unternommen hat.“[7] Dagegen erhob Nancy den Vorwurf, Kellerer simuliere nur zu entdecken. Das besagte Dokument sei „nicht so neu, wie sie sage“.[8]

DebatteBearbeiten

Das Dokument wurde am 11. Juli 2018 von Kaveh Nassirin publiziert, zunächst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, später mit wissenschaftlicher Kommentierung in der Online–Ausgabe des FORVM und auf PhilPapers.[9][10] Nassirin legte dar, dass es sich bei dem im Bundesarchiv-Lichterfelde befindlichen Papier (BArch R 61/30, Blatt 171) lediglich um eine Liste von zwölf Namen handele, die nicht datiert und deren Zweck unbekannt sei. Die Liste belege „mit keinem Wort ein Fortbestehen ('bis 1941/42'), auch keine Wiedereinrichtung des 1938 aufgelösten 'Ausschusses für Rechtsphilosophie'“[11] und keinerlei Verbindungen zur Planung und Ausführung des Holocaust. Die Aussage bezüglich des Ausschusses und seiner aktiven Rolle bei den Nürnberger Gesetzen und dem Holocaust nannte Nassirin das „Beispiel eines postfaktischen Standgerichtes, dem eine Bagatelle zur Verurteilung genügt“[12] und kritisierte, dass von Rastier „sogar noch der fehlende Beweis als Beweis für eine Teilhabe am Holocaust anerkannt wird“. Für Rastiers Aussage, der Ausschuss habe „bis Dezember 1942“ in „Praxis und Theorie“ am Holocaust teilgenommen, gebe es „nicht einmal einen Zettel als Beleg“.[13]

Die Qualifikation der Autoren für Fragen des Nationalsozialismus sei zudem zweifelhaft, wofür Nassirin als Beispiele Kellerers Datierung der Entscheidung zur „Endlösung“ auf „Januar 1942“[14] – den Monat der Wannseekonferenz – und Rastiers Zuschreibung der Verantwortung von Hans Frank für „die ersten Vergasungen in Auschwitz und Chelmno“ nannte.[15] Beide Angaben seien falsch und zurückzuführen auf eine „gerichtete Verwendung historischer Daten und Namen zu dem Zweck, sie in eine Deutungskonzeption zu zwängen und zu zwingen, die Heidegger partout zum Aktivisten der Vernichtung europäischer Juden erklären will“. Mit einer solchen Methodik werde „eine Vorgehensweise 'alternativer Wahrheiten' legitimiert, mit der am Ende einem jeden Menschen jedes Verbrechen angelastet werden“ könne.[16]

Die Veröffentlichung der Replik in der FAZ wurde von Patrick Bahners abgelehnt, woraufhin Gerhard Oberschlick den Text im FORVM herausbrachte. Unter dem Titel Den Völkermördern entgegen gearbeitet bekräftigten Kellerer und Rastier dort ihre Darstellung und erhoben den Vorwurf, „dass unsere Forschungsarbeiten als Fake News verleumdet werden“.[17] Sie verwiesen auf antisemitische Zitate aus Heideggers Werken, um ihre Angaben zu rechtfertigen. Doch räumten sie ein, dass die Aussage zu Franks Verantwortung in Bezug auf den Anfang des Holocausts durch Vergasungen in Auschwitz und Chelmno „unrichtigerweise“ getätigt worden sei: „In der Tat Hans Frank verantwortete nicht die Ermordungen im Reichsgau Wartheland und in Oberschlesien, sondern 3 Millionen Tote in den Lagern Belzec, Sobibor, Majdanek, Treblinka.“ Doch die „durchweg spekulativen Argumente“, so die Autoren, „widerlegen unsere Interpretationen nicht“. Es seien vielmehr „Argumente ad hominem feminamque“, die in der „Anschuldigung einer 'Identifikation mit dem Aggressor'“ gipfelten, „eine Art partiellem Stockholm-Syndrom“.[18]

Mit Zitaten aus der Odyssee wurde Rastier von Nassirin in der Duplik Schiffbruch eines Semiotikers[19] verschärfend vorgehalten, Fabeln erzählt und ein Urteil gesprochen zu haben, in dem die Verurteilten „teils nicht einmal Namen“ hatten, wofür u. a. Viktor Bruns, Rudolf Stammler und Hans Freyer als Beispiele genannt wurden. Die pauschale Beschuldigung aller Mitglieder des „Ausschusses für Rechtsphilosophie“ sei das „Prinzip der korporativen Schuld per Anklage“, das die individuelle Schuld aufhebe.[20] Die in der Replik erwähnte Korrektur zu Franks Verantwortung für „Auschwitz und Chelmno“, es seien dagegen „3 Millionen Tote in den Lagern Belzec, Sobibor, Majdanek, Treblinka“ gewesen, sei außerdem erneut falsch, da in den drei Lagern der Aktion Reinhardt zwischen 1,6 und 1,8 Millionen Menschen ermordet worden seien, in Majdanek etwa 78000, evtl. zuzüglich jener, die im Höfle-Telegramm genannt werden. Es seien also mehr „als eine Million Tote, die als Zugabe zum Grauen jener vier Vernichtungslager“ noch hinzuerfunden worden seien. Da es weiterhin auch keine Beweise für die Behauptungen bezüglich einer Teilhabe des Ausschusses an den Nürnberger Gesetzen und am Holocaust gebe, verglich Nassirin sie mit der Erfindung des Trojanischen Pferdes.

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. zum Verlauf der Debatte: K. Nassirin, Schiffbruch eines Semiotikers: Zu François Rastiers These einer Teilnahme von Martin Heidegger am Holocaust, „Überblick der Vorgeschichte“ u. „Chronologie“, FORVM u. PhilPapers pdf S. 2ff.; Kellerer/F. Rastier, Den Völkermördern entgegen gearbeitet, „Vorbemerkung des Autorenduos“, FORVM (Zugriff am 28. Oktober 2018)
  2. J.-L.Nancy, Libération v. 12. Oktober 2017, Heidegger incorrect: „à savoir que dans l’ensemble des éruptions fascistes (et à certains égards de toutes les éruptions dites 'totalitaires'), ce sont bel et bien toute notre société, toute notre civilisation même, notre culture, notre humanisme et notre idéalo-matérialisme qui ont été mis en jeu. Rien d’étonnant dès lors à ce que la philosophie en ait ressenti les secousses. Mais cela contrevient aux bien-pensants du politiquement correct. Heidegger est pire que condamnable: il est incorrect.“
  3. S. Kellerer, Heidegger n'a jamais cessé de soutenir le nazisme, in: Le Monde v. 27. Oktober 2017, Heidegger n’a jamais cessé de soutenir le nazisme: „Ainsi, dans une tribune parue le 12 octobre dans Libération, Jean Luc Nancy affirme-t-il – sans preuves – que Heidegger aurait 'accablé' les nazis avec la dernière 'virulence', dans ses textes des années 1930. (...) C’est là une découverte majeure... (...) une liste datée des membres de la commission qui prouve que Heidegger est resté membre de cette instance au moins jusqu’en juillet 1942.“
  4. vgl. Emmanuel Faye: Der Nationalsozialismus in der Philosophie. Sein, Geschichtlichkeit, Technik und Vernichtung in Heideggers Werk. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Philosophie im Nationalsozialismus. Meiner, Hamburg, 2009, S. 135 f.: Victor Farías habe „gezeigt, daß Heidegger (…) sich erneut engagiert hat (…) beispielsweise durch seine aktive Teilnahme (…) an einem Ausschuss für Rechtsphilosophie, der (…) damit beauftragt war, die künftigen Nürnberger Gesetze zu legitimieren“; Farías referiert in dem Kontext, S. 277–279, nicht auf die Nürnberger Gesetze; ders., Die Krönung der Gesamtausgabe, Ein Gespräch mit Iris Radisch, „Zeit online“ v. 27. Dezember 2013, editiert am 2. Januar 2014: „Heidegger akzeptierte allerdings, mit Alfred Rosenberg und Julius Streicher zum Ausschuss für Rechtsphilosophie der Akademie für deutsches Recht zu gehören, der daran gearbeitet hatte, die Nürnberger Rassengesetzgebung zu legitimieren.“ Siehe auch S. Kellerer; F. Rastier: Antwort auf Hermann Heideggers Leserbrief in der Zeit: „Der Ausschuss wirkte maßgeblich an der Vorbereitung der Nürnberger Gesetze mit.“
  5. François Rastier, The Conversation, 1. November 2017, Heidegger, théoricien et acteur de l’extermination des juifs?: „une telle commission, dont tous les membres sont partisans d’une extermination totale de juifs et dont la première tâche concrète est de contribuere à l’élaboration des lois de Nuremberg promulguées dès l’années suivante“; F. Rastier, Libération v. 5. November 2017, Un antisemitisme exterminateur
  6. François Rastier, The Conversation, 1. November 2017, Heidegger, théoricien et acteur de l’extermination des juifs?: „Sous son autorité, les premiers gazages avaient alors déjà commencé dès septembre à Auschwitz et décembre à Chelmno“.
  7. Antonio Carioti in: Corriere della Sera, v. 17. November 2017, Heidegger filosofo del Reich fino al 1942 zitiert D. di Cesare: „Non si tratta di un dettaglio biografico, ma di una notizia molto rilevante (...) Colpisce che un fatto così grave venga alla luce soltanto adesso: mi domando come mai in Germania per tanti anni nessuno abbia svolto ricerche sull’argomento“.
  8. J.-L. Nancy, Libération v. 5. November, Heidegger et l'echec de l'occident: „Mme Kellerer fait semblant de découvrir.“
  9. Kaveh Nassirin: Den Völkermördern entgegengearbeitet? In: FAZ.net. Abgerufen am 17. Juli 2018.; ders., Martin Heidegger und die Rechtsphilosophie der NS-Zeit: Detailanalyse eines unbekannten Dokuments (BArch R 61/30, Blatt 171), FORVM u. PhilPapers pdf
  10. FORVM, pdf des FAZ-Artikels, Abbildung des Dokumentes
  11. K. Nassirin, Martin Heidegger und die Rechtsphilosophie der NS-Zeit: Detailanalyse eines unbekannten Dokuments (BArch R 61/30, Blatt 171), FORVM u. PhilPapers pdf.
  12. K. Nassirin, Martin Heidegger und die Rechtsphilosophie der NS-Zeit: Detailanalyse eines unbekannten Dokuments (BArch R 61/30, Blatt 171), FORVM u. PhilPapers pdf.
  13. K. Nassirin, Martin Heidegger und die Rechtsphilosophie der NS-Zeit: Detailanalyse eines unbekannten Dokuments (BArch R 61/30, Blatt 171), FORVM u. PhilPapers pdf.
  14. S. Kellerer, Heidegger n'a jamais cessé de soutenir le nazisme, in: Le Monde v. 27. Oktober 2017, Heidegger n’a jamais cessé de soutenir le nazisme: „alors que la ‚solution finale‘ a été décidée en janvier 1942“.
  15. K. Nassirin, Martin Heidegger und die Rechtsphilosophie der NS-Zeit: Detailanalyse eines unbekannten Dokuments (BArch R 61/30, Blatt 171) FORVM u. PhilPapers pdf.
  16. K. Nassirin, Martin Heidegger und die Rechtsphilosophie der NS-Zeit: Detailanalyse eines unbekannten Dokuments (BArch R 61/30, Blatt 171), FORVM u. PhilPapers pdf.
  17. S. Kellerer/F. Rastier, Den Völkermördern entgegen gearbeitet, FORVM (Zugriff am 28. Oktober 2018)
  18. S. Kellerer/F. Rastier, Den Völkermördern entgegen gearbeitet, FORVM (Zugriff am 28. Oktober 2018)
  19. K. Nassirin, Schiffbruch eines Semiotikers: Zu François Rastiers These einer Teilnahme von Martin Heidegger am Holocaust, FORVM; pdf
  20. K. Nassirin, Schiffbruch eines Semiotikers: Zu François Rastiers These einer Teilnahme von Martin Heidegger am Holocaust, FORVM.