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Daniela Wuensch

deutsche Wissenschaftshistorikerin

Leben und WerkBearbeiten

Wuensch studierte Physik, Mathematik, Germanistik und Philosophie und promovierte 2000 „summa cum laude“ an der Universität Stuttgart in Wissenschaftsgeschichte bei Armin Hermann. Für ihre Doktorarbeit erhielt sie 2001 den „Wilhelm-Zimmermann-Preis“ der Universität Stuttgart. Aus dem Thema ihrer Dissertation wurde ein Buch über Theodor Kaluza, die erste umfassende Biographie über den Urheber der in der Stringtheorie fundamentalen Kaluza-Klein-Theorien. 2001 bis 2003 gab sie im Rahmen der Werkausgabe von David Hilbert an der Universität Göttingen dessen Physik-Vorlesungen heraus. Sie lehrte am dortigen und am Hamburger Institut für Wissenschaftsgeschichte. Sie ist heute als unabhängige Wissenschaftshistorikerin tätig.

Priorität von Hilbert oder EinsteinBearbeiten

Bekannt wurde sie durch ihren Beitrag zum (überwiegend von dritter Seite geführten[1]) Prioritätsstreit um die Entdeckung der Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie durch David Hilbert und Albert Einstein Ende 1915. Diese waren sowohl von Hilbert als auch von Einstein veröffentlicht worden. Beide standen vorher in Briefwechsel, der aber zum größten Teil nicht erhalten ist. Einsteins Arbeit erschien zuerst (2. Dezember 1915)[2], war aber am 25. November eingereicht worden, nach der Arbeit von Hilbert.[3] Zuvor hatten die renommierten Wissenschaftshistoriker und Einstein-Spezialisten Jürgen Renn, Leo Corry und John Stachel 1997 in Science[4] ihre Entdeckung von Fahnenkorrekturen von Hilberts Aufsatz (vom 20. November 1915) veröffentlicht, die zeigen sollten, das Hilbert die Feldgleichungen in seinem ursprünglichen Entwurf nicht explizit aufführte und erst nach Kenntnisnahme von Einsteins Arbeit diese einfügte, womit sie indirekt einen Plagiatsvorwurf erhoben. Dass die Feldgleichungen in „impliziter Form“ in Hilberts Arbeit enthalten waren, ist nie bestritten worden. Wuensch[5] wies dagegen auf fehlende Seiten in den Fahnenkorrekturen hin (wie schon Friedwardt Winterberg[6]), was Corry, Renn und Stachel in ihrem Science-Artikel nicht getan hatten. Sie machte auch wahrscheinlich, wie sie in ihrem Buch detailliert darlegt, dass diese Seiten erst viel später und nicht von Hilbert selbst entfernt wurden. Damit stand ein Fälschungsvorwurf im Raum, auf die Frage des Urhebers ging Wuensch in ihrem Buch allerdings nicht ein. Hilbert selbst hatte die Fahnenkorrekturen an Felix Klein gesandt mit der Bitte um spätere Rückgabe, und über Kleins Nachlass gelangten sie in die Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Göttingen. Wuensch hält es für wahrscheinlich, dass auf diesen Seiten die fehlenden Feldgleichungen explizit standen. Unabhängig davon haben verschiedene Physiker darauf hingewiesen, dass es für einen Mathematiker von Hilberts Kaliber nur ein kleiner Schritt von der impliziten[7] zur expliziten Form der Feldgleichungen war.[8] Die Thesen von Wuensch führten 2005 zu einem wissenschaftlichen Disput[9], der seinen Niederschlag auch im Feuilleton fand.[10]

SchriftenBearbeiten

  • Der Erfinder der 5. Dimension. Theodor Kaluza – Leben und Werk. Termessos Verlag, Göttingen 2007, ISBN 978-3-938016-03-9.
  • Aufbruch in höhere Dimensionen. Zum 150. Jahrestag von Theodor Kaluza (1885–1954). In: Physik in unserer Zeit. Bd. 41, Heft 6, 2010, S. 287–291.
  • ”Zwei wirkliche Kerle” – Neues zur Entdeckung der Gravitationsgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie durch David Hilbert und Albert Einstein. Termessos Verlag, Göttingen 2005, 2. Auflage 2007, ISBN 978-3-938016-09-1, erweiterte 3. Auflage 2015, ISBN 978-3-938016-17-6.
  • Der Weg der Wissenschaft im Labyrinth der Kulturen. Sieben zentrale Aufgaben der Wissenschaftsgeschichte. Termessos Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-938016-10-7.
  • Dimensionen des Universums. Die Geschichte der höherdimensionalen vereinheitlichten Theorien von der Antike bis zur modernen Physik. Termessos Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-938016-12-1.
  • Die Vereinheitlichung der Naturkräfte. David Hilbert zum 150. Geburtstag. In: Physik in unserer Zeit. Bd. 43, Heft 2, 2012, S. 91–95.
  • Daniela Wuensch, Klaus P. Sommer (Hrsg.): Die altägyptische Zeitmessung / Ludwig Borchardt. Neu hrsg. von Daniela Wuensch & Klaus P. Sommer. (Mit einer Einleitung von Daniela Wuensch „Was die alten Ägypter über Uhren und Zeitmessung wussten.“) Reprint der Ausgabe von 1920, Termessos, Göttingen 2013, ISBN 978-3-938016-14-5.
  • Der letzte Physiknobelpreis für eine Frau? Maria Goeppert Mayer: Eine Göttingerin erobert die Atomkerne. Nobelpreis 1963. Zum 50. Jubiläum. Termessos Verlag, Göttingen 2013, ISBN 978-3-938016-15-2.

WeblinksBearbeiten

VerweiseBearbeiten

  1. Anfängliche Irritationen sowohl von Hilbert als auch von Einstein wurden von beiden schnell beigelegt. Vor der erwähnten Arbeit von Renn, Stachel und Corry galt Hilbert als derjenige, der die Feldgleichungen zuerst und unabhängig von Einstein hinschrieb, Einsteins Primat auf physikalischem Gebiet stand aber ebenfalls nie zur Debatte
  2. Einstein „Die Feldgleichungen der Gravitation“, Sitzungsberichte Königlich Preussische Akademie der Wissenschaften, 25. November 1915, S. 844–847
  3. „Grundlagen der Physik. 1. Mitteilung“, Nachrichten Königliche Gesellschaft der Wissenschaften Göttingen, 1916, S. 395, datiert 20. November 1915
  4. Corry, Renn, Stachel „Belated Decision in the Hilbert-Einstein-Priority Dispute“, Science, Bd. 278, 1997, S. 1270
  5. „Zwei wirkliche Kerle“, Termessos 2005, siehe auch Klaus Sommer, Physik in unserer Zeit, Bd. 36, 2005, Heft 5, S. 230–235, „Wer entdeckte die Allgemeine Relativitätstheorie? Prioritätsstreit zwischen Hilbert und Einstein“
  6. Winterberg, Zeitschrift für Naturforschung, Bd. 59a, 2004, S. 719
  7. Hilbert gab im erhaltenen Teil der Fahnenkorrekturen die korrekte Lagrangefunktion an, aus deren Variation die Feldgleichungen folgen
  8. Logunov, Mestvirishvili, Petrov „How where the Hilbert-Einstein equations discovered?“, Physics Uspekhi Bd. 47, 2004, S. 607–621, online hier [1], Todorov „Einstein and Hilbert – the creation of General Relativity“, [2], F. Winterberg 2006 in einer Erwiderung auf einen Review von David Rowe
  9. Erwiderung von Renn z. B. Deutsche Allgemeine Sonntagszeitung, 20. November 2005
  10. zum Beispiel André Behr „Der Streit um die Formel“, Neue Zürcher Zeitung, 6. Dezember 2005, Thomas Bührke „Das zerschnittene Blatt“, Süddeutsche Zeitung, 14. September 2005