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Armide (Gluck)

Oper von Christoph Willibald Gluck
Operndaten
Titel: Armida
Originaltitel: Armide
Titelblatt des Librettos, Paris 1777

Titelblatt des Librettos, Paris 1777

Form: Drame héroïque in fünf Akten
Originalsprache: Französisch
Musik: Christoph Willibald Gluck
Libretto: Philippe Quinault
Literarische Vorlage: Torquato Tasso: Das befreite Jerusalem
Uraufführung: 23. September 1777
Ort der Uraufführung: Paris, Académie Royale de musique
Spieldauer: ca. 3 Stunden
Ort und Zeit der Handlung: In und um Damaskus zur Zeit des Ersten Kreuzzugs Ende des 11. Jahrhunderts
Personen
  • Armide (Armida), Zauberin, Prinzessin von Damaskus, Nichte Hidraots (Sopran)
  • Phénice, Armides Vertraute (Sopran)
  • Sidonie, Armides Vertraute (Sopran)
  • Hidraot, Zauberer, König von Damaskus, Onkel Armides (Bass[1] oder Bariton[2])
  • Aronte, Heerführer in dessen Diensten (Bass)
  • Renaud (Rinaldo), Ritter im Heer Godefrois (Gottfrieds von Bouillon) (Haute-Contre)
  • Artémidore, Ritter, Armides Gefangener (Tenor)
  • Ubalde, Ritter auf der Suche nach Renaud (Bass)
  • Chevalier danois, ein dänischer Ritter auf der Suche nach Renaud (Tenor)
  • La Haine, Furie des Hasses (Alt)
  • ein Dämon als Melisse, Geliebte Ubaldes (Sopran)
  • ein Dämon als Lucinde, Geliebte des dänischen Ritters (Sopran)
  • ein Dämon als Naïade/Najade (Sopran)
  • zwei Koryphäen (2 Soprane)
  • Plaisir, Genius der Freude (Sopran)
  • Volk von Damaskus, Gefolge von La Haine, Nymphen, Hirten, Dämonen als Landleute, Genien der Freude, selige Geister (Chor)
  • Volk von Damaskus, Nymphen, Hirten, Furien, Ungeheuer, Dämonen als Landleute, Gefolge Armides, Genien der Freude, selige Geister (Ballett)
  • Gefolge Hidraots (Statisten)

Armide ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Drame héroïque“) in fünf Akten von Christoph Willibald Gluck. Das Libretto von Philippe Quinault basiert auf der Armida-Episode aus Torquato Tassos Epos Das befreite Jerusalem und war bereits 1686 von Jean-Baptiste Lully vertont worden. Die Uraufführung erfolgte am 23. September 1777 an der Académie Royale de musique in Paris.

Inhaltsverzeichnis

HandlungBearbeiten

Erster AktBearbeiten

Platz in Damaskus mit einem Triumphbogen

 
Bühnenbild des ersten Akts, Théâtre national de l’Opéra, 1905

Szene 1. Armide, die zauberkundige Prinzessin von Damaskus, wurde von ihrem Geliebten Renaud verschmäht und klagt ihr Leid ihren Gefährtinnen Phénice und Sidonie. Die beiden erinnern sie an den kürzlich errungenen Sieg über das Kreuzfahrerheer Godefrois (Gottfried von Bouillon). Doch nichts kann Armides Stimmung heben: Sie hat im Traum gesehen, wie Renaud ihr Herz durchbohrte.

Szene 2. Der alte Hidraot, Armides Onkel und König von Damaskus, erscheint mit seinem Gefolge. Er wünscht nichts mehr, als dass Armide einen würdigen Gatten finde, der nach ihm über das Reich herrschen könne. Armide erklärt, dass sie nur denjenigen heiraten werde, der zuvor Renaud im Kampf besiegt habe (Armide: „La châne de l’hymen m’étonne“).

Szene 3. Das Volk von Damaskus feiert Armides Sieg mit Tanz und Gesang. Phénice und Sidonie stimmen ein: Armide habe die Gegner ohne Kriegswaffen, allein durch ihre Schönheit, bezwungen.

Szene 4. Der Heerführer Aronte stolpert verwundet mit zerbrochenem Schwert herein und berichtet, dass die von ihm bewachten Gefangenen von einem einzigen unbesiegbaren Helden befreit wurden. Wie Armide sogleich ahnt, handelt es sich um Renaud. Alle schwören Rache.

Zweiter AktBearbeiten

Landschaft, in der ein Fluss eine anmutige Insel bildet

 
Skizze zum Bühnenbild des zweiten Akts, Théâtre national de l’Opéra, 1905

Szene 1. Der Ritter Artémidore dankt seinem Befreier Renaud, der ihn zurück zum Kreuzfahrerlager schickt. Renaud selbst kann nicht dorthin zurückkehren, da er – von Gernaud fälschlich eines Vergehens beschuldigt – von Godefroi verbannt worden war. Renaud will nun allein neue Abenteuer suchen. Die Warnung Artémidores vor Armide tut er mit den Worten ab, dass sie ihn auch bei ihrer letzten Begegnung nicht bezirzen konnte (Renaud: „J’aime la liberté“). Beide gehen.

Szene 2. Hidraot führt Armide herbei. Er hat Dämonen beschworen, die an diesem abgelegenen Ort erscheinen sollen. Da sich noch kein Ungeheuer sehen lässt, sprechen beide gemeinsam erneut einen Zauber, um ihre Geister herbeizurufen und Renaud zu bezirzen (Duett: „Esprits de haine et de rage“). In einer Vision sieht Armide, wie sich Renaud dem Flussufer nähert. Sie zieht sich mit Hidraot zurück.

Szene 3. Am Ufer angekommen besingt der bezirzte Renaud die Schönheit der Natur (Renaud: „Plus j’observe ces lieux“). Er wird von Müdigkeit überwältigt und schläft ein.

Szene 4. Eine Najade, Nymphen, Hirten und Schäferinnen erscheinen – es sind in Wirklichkeit die von Armide beschworenen Dämonen in verwandelter Gestalt. Sie tanzen, besingen das friedliche Leben und die Liebe und umwinden Renaud mit Blumengirlanden.

Szene 5. Armide sieht ihre Chance zur Rache gekommen und nähert sich mit einem Dolch dem schlafenden Renaud. Doch plötzlich wird sie erneut von Liebe zu ihm überwältigt. Ihr Zorn verfliegt. Aus Scham über ihr Unvermögen fordert sie ihre Dämonen auf, sich in Zephyre zu verwandeln und sie beide weit weg in die Wüste zu tragen (Armide: „Venez, venez, seconder mes désirs“).

Dritter AktBearbeiten

Eine Wüste

 
Bühnenbild des dritten Akts, Théâtre national de l’Opéra, 1905

Szene 1. Armide wird von Selbstzweifeln geplagt (Armide: „Ah! si la liberté me doit être ravie“).

Szene 2. Phénice, Sidonie bemühen sich, ihre Herrin zu trösten. Schließlich befindet sich Renaud jetzt in ihrer Gewalt und muss ihrem Liebeszauber erliegen. Doch Armide kann sich mit erzwungener Liebe nicht zufriedengeben. Sie beschließt, ihre Liebe durch Hass zu ersetzen (Armide: „De mes plus doux regards Renaud sut se défendre“).

Szene 3. Wieder allein, ruft Armide La Haine, die Furie des Hasses, herbei, um ihre Liebe zu vertreiben (Armide: „Venez, venez, Haine implacable!“).

Szene 4. La Haine erscheint mit ihrem Gefolge. Sie erfüllt gerne Armides Wunsch, die Liebe in ihrem Herzen zu vernichten. Doch als die Beschwörung (ein Furientanz) in vollem Gange ist, ruft Armide Einhalt, da sie sich anders besonnen hat. La Haine fühlt sich von ihr verhöhnt und schwört, ihr nie wieder zu Hilfe zu kommen. Amor werde sie ins Verderben führen (La Haine und Chor: „Suis l’Amour, puisque tu le veux“).

Szene 5. Nachdem die Furien entschwunden sind, ruft die erschrockene Armide Amor um Hilfe an.

Vierter AktBearbeiten

Dieselbe Einöde, deren Abgründe sich öffnen; danach Verwandlung in eine liebliche Landschaft

Szene 1. Ubalde und der dänische Ritter wurden von Godefroi ausgesandt, um Renaud aus den Fängen Armides zu befreien. Ubalde hat, um ihren Zauberkräften zu entgehen, von einem Magier einen diamantenen Schild und ein goldenes Zepter erhalten. Der dänische Ritter trägt einen Degen, den er Renaud übergeben soll. Nebel erhebt sich und verteilt sich in der Wüste des dritten Akts. Verschiedene Ungeheuer stellen sich den beiden entgegen, doch Ubalde kann sie mit seinem Zepter vertreiben. Auch der Nebel verschwindet. Die Wüste verwandelt sich in eine liebliche Landschaft. Sie sind zuversichtlich, Renaud zu finden und für den Kreuzzug zurückgewinnen zu können.

Szene 2. Ein Dämon erscheint in der Gestalt Lucindes, der Geliebten des dänischen Ritters, und versucht diesen zu betören. Der dänische Ritter kann sich von ihr nicht losreißen und ignoriert alle Warnungen Ubaldes. Doch als dieser sie mit dem goldenen Zepter berührt, verschwindet sie auf der Stelle.

Szene 3. Ubalde versichert dem dänischen Ritter, dass die Erscheinung nur ein Trugbild war. Er selbst glaubt sich vor derartigen Verirrungen sicher, da er seine Geliebte verlassen hat, um sich ganz dem Ruhm zu widmen.

Szene 4. Ein Dämon in der Gestalt von Ubaldes ehemaliger Geliebter Melisse erscheint. Diesmal ignoriert Ubalde die Warnungen des dänischen Ritters. Dieser entreißt ihm den Zepter, berührt Melisse und vertreibt sie so. Die beiden Ritter beschließen, in Zukunft vorsichtiger zu sein und sich zu beeilen, den Palast Armides zu erreichen (Duett: „Fuyons les douceurs dangereuses“).

Fünfter AktBearbeiten

Der verzauberte Palast Armides

 
Bühnenbildentwurf zum fünften Akt, Maifestspiele, Wiesbaden 1902

Szene 1. Renaud ist Armide nun völlig verfallen. Unbewaffnet, mit Blumengirlanden geschmückt, hält er sich in ihrem Palast auf. Doch Armide wird von bösen Vorahnungen geplagt. Sie macht sich auf den Weg in die Unterwelt, um dort Rat zu suchen. Während ihrer Abwesenheit sollen die Genien der Freude ihren Geliebten unterhalten.

Szene 2. Die Genien der Freude und Chöre seliger Liebender erscheinen zu einem Divertissement. Umrahmt von zwei Chaconnes reihen sich verschiedene Tänze, Arien und Chöre aneinander. Doch Renaud zieht die Einsamkeit vor, solange seine Geliebte nicht bei ihm ist (Renaud: „Allez, éloignez-vous de moi“). Die Genien und Chöre ziehen sich zurück.

Szene 3. Ubalde und der dänische Ritter haben ihr Ziel erreicht und treffen Renaud allein an. Nachdem Ubalde ihm den Diamantschild vor die Augen gehalten hat, verfliegt seine Verzauberung. Sie teilen ihm mit, dass ihr Heerführer ihn zurück zum Kampf rufe. Renaud reißt die Blumengirlanden herunter und erhält den Diamantschild von Ubalde und den Degen vom dänischen Ritter. Er ist bereit zur Abreise.

 
Bühnenbild des fünften Akts, Théâtre national de l’Opéra, 1905

Szene 4. Bevor die drei den Palast verlassen können, kehrt Armide zurück. Sie fleht Renaud an, zu bleiben, oder sie wenigstens als Gefangene mitzunehmen (Armide: „Renaud! Ciel! O mortelle peine!“). Doch Renaud ist fest entschlossen, seine Pflicht wieder aufzunehmen. Er versichert ihr lediglich, dass er ihrer ewig gedenken werde. Nun verlegt sich Armide auf Drohungen, aber auch diese bewirken nichts mehr. Nach einem letzten Ausdruck des Bedauerns (Renaud: „Trop malheureuse Armide, Que ton destin est déplorable“) verlässt Renaud mit seinen Gefährten den Zauberpalast.

Szene 5. Armide ist allein zurückgeblieben. Nach einer Klage über den Verlust Renauds erinnert sie sich an die Prophezeiung La Haines. Nun bleibt ihr nur noch die Rache. Verzweifelt befiehlt sie ihren Furien und Dämonen, den Zauberpalast niederzureißen. Anschließend entfernt sie sich in einem fliegenden Wagen.

GestaltungBearbeiten

InstrumentationBearbeiten

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:[1]

MusikBearbeiten

Gluck deutete den Verlauf der Handlung anders als Lully. Während die frühere Vertonung des Texts den Schwerpunkt auf die Überwindung der Zauberkünste Armides durch die Kreuzritter legte, betrachtete Gluck vor allem das Seelenleben der Titelheldin. Da der Text beider Fassungen identisch ist, erreichte er dies ausschließlich durch musikalische Mittel.[1] Armide ist die einzige seiner späten Opern mit einem tragischen Ende. Weitere Besonderheiten sind die Fülle von Theatereffekten und Tanzszenen sowie die abwechslungsreiche Handlung.[2] Crolls Gluck-Biografie bezeichnet die Oper als ein „kontrastreiches, überaus farbiges Tongemälde“, das „die charakteristischen Merkmale aller beteiligten Personen, ihrer Stimmungen und des jeweiligen Umfeldes zum Ausdruck bringt, ohne jemals den Kern und den konsequenten Verlauf des Dramas außer Acht zu lassen“.[3]:216 Gluck selbst schrieb in einem Brief vom Sommer 1776, dass er versucht habe, „mehr Maler und Poet als Musiker“ zu sein.[1]

Es gibt in Armide nur wenige in sich abgeschlossene größere Musiknummern. Die Oper besteht vorwiegend aus kürzeren Arien, Ariosi und Rezitativen. Der Charakter Armides ist wesentlich in den beiden letzteren Formen dargestellt.[2] Im Zentrum des Werks steht ein großer zusammenhängender Abschnitt, in dem Armide mit La Haine und den Dämonen zusammentrifft. Dieser besteht aus verschiedenen Soli, Chorszenen und einer pantomimischen Beschwörung. Um Armide nach dem Fluch La Haines nicht völlig vernichtet zurückzulassen, ließ Gluck vier zusätzliche Verse einfügen.[1] Robert Maschka schrieb im Handbuch der Oper über die Musik dieser Zeilen, in denen sich der wesentliche Unterschied zwischen Glucks und Lullys Deutung des Librettos zeigt: „Während in den mittleren Streicherstimmen ein pulsierender Ostinato-Rhythmus von den Nachwirkungen des Hasses in Armides Seele einen Eindruck gibt, findet die Titelheldin erst nach verstörtem Stammeln wieder zur sanglichen Linie zurück, so daß die melodische Abrundung zum Spiegel für Armides wiedergewonnene innere Fassung wird“.[4]

Gluck hielt Armide für die beste seiner Opern. Er schrieb, dass es ihm hier gelungen sei, den Ausdruck der einzelnen Charaktere so weit zu differenzieren, dass man sofort erkennen könne, ob Armide oder jemand anderes singe. Dies gilt bereits für die Eröffnungsszene, in der sich die lyrische tänzerische Musik der beiden Vertrauten Phénice und Sidonie deutlich von der kriegerischen Musik Armides absetzt.[2] Hidraot ist würdevoll und entschlossen; Renaud und die übrigen Ritter durch einen heroischen, gelegentlich kantablen Stil gekennzeichnet. Die äußerst differenziert dargestellte Gestalt der Armide dominiert jedoch das Werk und degradiert alle anderen Figuren zu Typen. Lediglich Renaud ist eine größere Arie gewidmet.[1] Diese, „Plus j’observe ces lieux“ (zweiter Akt, Szene 3), stellt den durch die Soloflöte suggerierten Gesang der Vögel dem in Achtelnoten dahinströmenden Fluss der gedämpften Violinen gegenüber. Armides Flug am Ende des zweiten Akts wird von Sechzehntel-Triolen der Flöte und Violinen, den synkopierten geteilten Violen und einer darüberliegenden Solo-Oboe begleitet. Das Liebesduett im fünften Akt gehört zu Glucks leidenschaftlichsten Musikstücken, und auch die Schlussszene der Oper zählt zu seinen besten Werken.[2] Nach dem letzten Konflikt zwischen Armide und Renaud endet die Oper mit einem „abklingende[n] Nachspiel mit einem gespenstischen D-Dur-Klang, der keinen lautstarken Beifall herausfordert, sondern das Auditorium betroffen seinen Gedanken überlässt“ (Croll).[3]:217

WerkgeschichteBearbeiten

Mit Armide, der fünften seiner für Paris komponierten Opern, orientierte sich Gluck an der französischen Tradition Jean-Baptiste Lullys und Jean-Philippe Rameaus. Besonders deutlich wird dies daran, dass er wortgenau ein Libretto von Philippe Quinault nutzte, das Lully selbst bereits gut 90 Jahre zuvor vertont und 1686 zur Uraufführung gebracht hatte.[2] Lullys Oper Armide galt als eine Art französischer Nationaloper und war noch 1764 gespielt worden – eine der Aufführungen oder Proben dazu könnte Gluck gesehen haben.[3]:215 Das Libretto basiert auf einer Episode aus Tassos Epos La Gerusalemme liberata von 1575.[5] Den Stoff kannte Gluck bereits seit spätestens 1761 durch eine populäre Aufführung von Tommaso Traettas Armida in Wien.[3]:215

Von Quinaults Libretto strich Gluck lediglich den Prolog und ergänzte vier Verse in der vierten Szene des dritten Akts.[2] Diese stammen von François-Louis Gand Le Bland Du Roullet, dem Librettisten seiner vorherigen Opern Iphigénie en Aulide und Alceste.[1] Außerdem tauschten an wenigen Stellen Armides Dienerinnen bzw. Ubalde und der dänische Ritter den Text.[4]

Wie aus seinen Briefen hervorgeht, stellte Gluck erste Vorüberlegungen im November 1775 an. Die Komposition beschäftigte ihn nahezu zwei Jahre, wobei der Großteil der Arbeit in die Zeit zwischen seiner Rückkehr aus Paris nach der Aufführung der Alceste 1776 und seiner nächsten Paris-Reise im Mai 1777 fiel.[1] Er nutzte dabei viel Material aus früheren Arbeiten, insbesondere aus dem Telemaco von 1765 und dem Ballett Don Juan von 1761, doch tat er dies nicht aus Zeitnot, sondern weil er diese Stücke für die jeweiligen Situationen für besonders geeignet hielt. Er überarbeitete sie dementsprechend sorgfältig, um sie nahtlos mit der neu komponierten Musik zu kombinieren.[3]:218

Gluck hatte durchgesetzt, dass er für mindestens zwei Monate beliebig viele Probentermine ansetzen und die Darsteller für jede einzelne der zahlreichen Rollen bestimmen konnte. Eine weitere Bedingung war, dass für den Fall des Ausfalls eines der Sänger eine Alternativproduktion bereitgehalten würde: „Sonst behalte ich l’Armide mit Vernügen für mich, ich habe ihre Musik so gemacht, dass sie nicht so schnell veraltet.“ Dies führte zu Planungsschwierigkeiten, da einige der Sänger aus laufenden Produktionen abgezogen werden mussten.[3]:221

Die Uraufführung am 23. September 1777 in der Académie Royale de musique in Paris fand im Beisein der Königin statt.[3]:221 Es sangen Rosalie Levasseur (Armide), Mlle Lebourgeois (Phénice), Mlle Châteauneuf (Sidonie), Nicolas Gélin (Hidraot), Georges Durand (Aronte), Joseph Legros (Renaud), M. Thirot (Artémidore), Henri Larrivée (Ubalde), Étienne Lainez (Chevalier danois), Céleste Durancy (La Haine), Antoinette Cécile de Saint-Huberty (Melisse, Plaisir und Schäferin), Anne-Marie-Jeanne Gavaudan „l’aînée“ (Lucinde und Naïade). Die musikalische Leitung hatte Louis-Joseph Francur. Die Choreographie der Tänze stammte von Jean Georges Noverre. Zu den Tänzern zählten Gaetano Vestris und Pierre Gardel.[6]

Da sich die Oper deutlich von den gewohnten Werken unterschied, reagierten Publikum und die ersten Zeitungsrezensenten zunächst mit Unsicherheit. Bald meldeten sich aber die Gegner Glucks im „Piccinnistenstreit“ wieder mit ihren alten Kritikpunkten zu Wort. Dieser Konflikt erreichte aufgrund der für das folgende Jahr vorgesehenen Aufführung von Niccolò Piccinnis Roland seinen Höhepunkt.[1] Gleichzeitig blieb der Publikumsandrang hoch. Als Armide nach der 27. Vorstellung am 23. Januar 1778 zeitweise Piccinnis Oper weichen musste, berichteten die Mémoires secrets, dass sie bereits 106.000 Livres eingenommen hatten.[3]:222 Gluck selbst schrieb am 16. November 1777 an die Baronin Anne von Fries in Wien über seine eigenen Eindrücke:

„Niemals ist eine schrecklichere, hartnäckigere Schlacht geschlagen worden als die, die ich mit meiner Oper Armide hervorgerufen habe. Die Kabalen gegen Iphigenie, Orphée und Alceste waren nichts als kleine Scharmützel leichter Truppen im Vergleich dazu. […] Der Streit wurde so hitzig, dass es nach Beleidigungen zu Tätlichkeiten gekommen wäre, hätten nicht gemeinsame Freunde für Ordnung gesorgt. Das täglich erscheinende Journal de Paris ist voll davon, der Herausgeber macht sein Glück damit, er hat schon 2500 Abonnenten in Paris. Da haben wir also die Revolution der Musik in Frankreich, in vollster Pracht? Die Enthusiasten sagen mir, ‚seien Sie glücklich, Monsieur, die Ehre der Verfolgung zu haben, die alle großen Genies durchstehen mussten‘, aber ich würde sie mit ihren schönen Reden gern zum Teufel schicken.“[3]:222

In Paris hielt sich Armide zunächst bis 1837 im Programm. Schon bald erschienen die Parodien L’Opéra de Province (1777) und Madame Terrible (1778).[1] Doch gab es im 18. Jahrhundert insgesamt nur wenige Aufführungen. Weitere Produktionen waren[2][1]:

Im Jahr 1809 stellte E. T. A. Hoffmann Armide in das Zentrum seiner Erzählung Ritter Gluck.[5]

AufnahmenBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f g h i j k Klaus Hortschansky: Armide. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 2: Werke. Donizetti – Henze. Piper, München / Zürich 1987, ISBN 3-492-02412-2, S. 453–456.
  2. a b c d e f g h Jeremy Hayes: Armide (ii). In: Grove Music Online (englisch; Abonnement erforderlich)..
  3. a b c d e f g h i Gerhard Croll, Renate Croll: Gluck. Sein Leben. Seine Musik. Bärenreiter, Kassel 2010, ISBN 978-3-7618-2166-4.
  4. a b c Robert Maschka: Armide. In: Rudolf Kloiber, Wulf Konold, Robert Maschka: Handbuch der Oper. Deutscher Taschenbuch Verlag / Bärenreiter, 9., erweiterte, neubearbeitete Auflage 2002, ISBN 3-423-32526-7, S. 202–206.
  5. a b Armide (Gluck). In: Reclams Opernlexikon. Philipp Reclam jun., 2001. Digitale Bibliothek, Band 52, S. 187.
  6. 23. September 1777: „Armide“ im Almanacco von Gherardo Casaglia.
  7. a b c d e f g h i Christoph Willibald Gluck. In: Andreas Ommer: Verzeichnis aller Operngesamtaufnahmen. Zeno.org, Band 20.
  8. Aufnahme von Umberto Cattini (1958) in der Diskografie zu Armide bei Operadis.