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Als Abortivum (Plural: Abortiva) oder Abtreibungsmittel wird eine Substanz bezeichnet, mit der ein Schwangerschaftsabbruch ausgelöst werden kann.

MedikamenteBearbeiten

Das heute am häufigsten gebrauchte und für diese Anwendung zugelassene Abortivum ist Mifepriston, ein Progesteron-Rezeptor-Antagonist, auch bekannt als RU-486. Es wird unter dem Handelsnamen Mifegyne oder in den USA als Mifeprex vertrieben.
Die Einnahme von Mifepriston in der frühen Schwangerschaft führt innerhalb von 48 Stunden zur Öffnung des Muttermundes und zur Ablösung der Gebärmutterschleimhaut.
Die Anwendung erfolgt in Verbindung mit einem synthetischen Prostaglandin E1-Analogon, wie Misoprostol oder Gemeprost 36 bis 48 Stunden nach der Mifepriston-Einnahme, welches Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur auslöst und damit eine Ausstoßung der Frucht bewirkt.
Verwendet wird diese Kombination, um einen künstlichen Abort in einem Schwangerschaftsalter von bis zu 49 Tagen post menstruationem auszulösen.

Ähnlich wirksam ist Methotrexat, ein Folsäure-Antagonist, der Trophoblastgewebe absterben lässt, allein oder in Verbindung mit einem Prostaglandin E1-Analogon.

Auch die wiederholte alleinige Gabe eines Prostaglandin E1-Analogons kann ebenfalls einen Abort auslösen.

Für fortgeschrittenere Schwangerschaften wird Prostaglandin E2 (Dinoproston) eingesetzt, da es in diesem Schwangerschaftsalter wirksamer ist.[1]

GeschichteBearbeiten

Abortiva wurden bereits im Altertum und der Antike[2] verwendet.

In den 1970er Jahren brachten die in Mumbai ansässigen Gambers Laboratories eine angeblich ayurwedische „Fetex-Paste“ auf den Markt, die in den Uterus eingespritzt wurde. Nachdem mehrere Frauen im Anschluss Bauchfellentzündungen, Gangrän und Nierenversagen erlitten hatten, wurde das Produkt nach 1985 verboten.[3] In Deutschland war bereits in den 1920er Jahren ein ähnliches Produkt, „Interruptin“, verwendet worden; nach einer Häufung von Todesfällen durch Luft- und Fettembolie war auch diese Paste wieder vom Markt genommen worden.[4]

Pflanzliche AbortivaBearbeiten

In der früheren Pflanzenheilkunde und bis ins 20. Jahrhundert bestehenden Volksmedizin[5][6] wird einer Reihe von Pflanzen wie Arnika (Berg-Wohlverleih), Echtes Johanniskraut[7][8], Aloe (Aloe vera), Angelika (Angelica archangelica), Eibennadelsud, Frauenminze, Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi), Beifuß (Artemisia vulgaris), Wermut (Artemisia absinthium), Mutterkraut, Gartenkresse (Lepidium sativum), Liebstöckel (Levisticum officinale), Muskatnuss (Myristica fragrans), Petersilie (Petroselinum crispum), Raute (vor allem Ruta graveolens), Gefranste Raute (Ruta chalepensis), Sadebaum (Juniperus sabina)[9], Trauben-Silberkerze (Actaea racemosa)[10], Zimt (Cinnamomum ceylanicum) und Safran (Crocus sativus) eine abtreibende Wirkung zugeschrieben. Bei Verwendung dieser Präparate sind schwere Vergiftungen beschrieben worden.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Ciganda & Laborde: Herbal infusions used for induced abortion. In: J Toxicol Clin Toxicol. 2003;41:235-9. PMID 12807304
  • Gold & Cates: Herbal abortifacients. In: JAMA. 1980;243:1365-6. PMID 7359700
  • Conway & Slocumb: Plants used as abortifacients and emmenagogues by Spanish New Mexicans. In: J Ethnopharmacol. 1979;1:241-61. PMID 232204
  • Vollmer: Über die Eignung von Gartenraute, Zimt und einigen anderen pflanzlichen Materialien als Abortiva. In: Arch Toxicol. 1938;9: 69-74 doi:10.1007/BF02452283
  • Andrea Kammeier-Nebel: Wenn eine Frau Kräutertränke zu sich genommen hat, um nicht zu empfangen … Geburtenbeschränkung im frühen Mittelalter. In: Mensch und Umwelt im Mittelalter. Hrsg. von Bernd Herrmann, Stuttgart 1986, S. 65–73
  • Beatrix Falch: Pflanzliche Therapien in Schwangerschaft und Stillzeit. Erlaubte Arzneipflanzen und verbotene Pflanzen. (Gynäkologie 4/2009, S. 24)

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Abortivum – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Henning Schneider, Fritz K. Beller: Schwangerschaftsabbruch. In: Henning Schneider, Peter-Wolf Husslein, Karl Theo Maria Schneider: Die Geburtshilfe. Springer-Verlag, 2007, ISBN 3540338977, S. 55-56
  2. Achim Keller: Die Abortiva in der römischen Kaiserzeit. Stuttgart 1988 (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie. Band 46).
  3. S. G. Kabra: Unsafe abortions and experimental excesses. In: Indian Journal of Medical Ethics. Band 11, Nr. 3, 2003 (ijme.in).
  4. Interruptin Spritzengarnitur. In: Museum fur Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Abgerufen am 8. September 2016.
  5. Lucy Prochnow: Experimentelle Beiträge zur Kenntnis der Wirkung der Volksabortiva. In: Arch. int. Pharmacodyn. Ther. Band 21, 1911, S. 313.
  6. Larissa Leibrock-Plehn: Hexenkräuter oder Arznei: die Abtreibungsmittel im 16. und 17. Jahrhundert (= Heidelberger Schriften zur Pharmazie- und Naturwissenschaftsgeschichte. Band 6). Wiss. Verl.-Ges, Stuttgart 1992, ISBN 978-3-8047-1200-3.
  7. John M. Riddle: Contraception and Abortion from the Ancient World to the Renaissance. Harvard University Press, Cambridge, MA 1994, ISBN 978-0-674-16876-3, S. 103 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Francesco Capasso, Timothy S. Gaginella, Giuliano Grandolini, Angelo A. Izzo: Phytotherapy: A Quick Reference to Herbal Medicine. Springer Science & Business Media, 2012, ISBN 978-3-642-55528-2, S. 92 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. V. J. Brøndegaard: Der Sadebaum als Abortivum. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 48, Nr. 4, 1964, S. 331–351, JSTOR:20775123.
  10. James C. Mohr: Abortion in America: The Origins and Evolution of National Policy. Oxford University Press, Oxford u. a. 1978, ISBN 0-19-502249-1, S. 68 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
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