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Wortstamm

Bestandteil eines Wortes, der als Ausgangsbasis für Wortbildung und Flexion dienen kann

Als Wortstamm oder kurz Stamm bezeichnet man in der Grammatik (genauer gesagt, in der linguistischen Morphologie) einen Bestandteil eines Wortes, der als Ausgangsbasis für Wortbildung und Flexion (Formenbildung) dienen kann. Es handelt sich demnach um ein potenziell unvollständiges Gebilde, das als Gegenstück zu einem Affix auftreten kann. Ein Stamm kann selbst zusammengesetzt sein, also bereits Produkt einer Wortbildungsregel sein, oder er kann eine elementare, unzerlegbare Einheit sein, d. h. eine Wurzel.

Inhaltsverzeichnis

BeispieleBearbeiten

Beispiel: {trink} ist eine Wurzel, die in folgender Weise weitergebildet werden kann:

  • als verbaler Stamm in einem flektierten Verb wie trink-e / trink-st etc., ebenso im Infinitiv trink-en
  • als verbaler Stamm für die Ableitung eines Substantivs wie Trink-er
  • als verbaler Stamm in einem zusammengesetzten Substantiv wie Trink-brunnen.

Somit kann die Wortzusammensetzung (Komposition) als Verbindung aus zwei Stämmen definiert werden. Im Beispiel Trinkbrunnen ist der linke Teil, der Stamm Trink-, also lediglich ein Stamm, der im Kompositum enthalten ist, nicht etwa „der Stamm des Kompositums“. Bei der Wortableitung Trink-er hingegen wird der Teil Trink- „der Stamm“ der gesamten Form genannt, der nur durch ein Affix erweitert ist.

Das Wortbildungsprodukt Trinkbrunnen kann dann wiederum Stamm sein für die flektierte Form Trinkbrunnen-s (Genitiv) oder für weitere Komposition verwendet werden, wie in Trinkbrunnenreinigung. Ebenso ist das Ergebnis der Ableitung Trink-er wiederum ein Stamm, der flektiert werden kann (des Trinker-s) oder für Komposition weiterverwendet werden kann (wie in Trinkernase).

Zu den Flexionsformen gehört auch der Infinitiv (wie etwa trink-en). Zwar wird er oft als „Grundform“ eines Verbs bezeichnet, dies bedeutet jedoch nicht, dass der Infinitiv beim Verb selbst ein Stamm wäre (wie im obersten Beispiel zu sehen).

Definition und BegriffsvariantenBearbeiten

Stamm und BasisBearbeiten

Der Stamm als Ausgangspunkt zur Bildung von flektierten Wortformen wird in der Regel als ein Element definiert, das selbst unflektiert ist.[1] Typischerweise geschieht das Hinzufügen einer Flexion zu einem Stamm dann durch Affixe, jedoch gibt es auch Prozesse, die ins Innere seiner Gestalt eingreifen können.

Im Gegensatz zu Stamm wird der Begriff Basis in einem allgemeineren Sinn verwendet, um jede Art von Element zu bezeichnen, das als Gegenstück zu einem Affix dient, oder auch zu einem Klitikon, also z. B. auch, wenn an eine bereits flektierte Form noch etwas angefügt wird.[2] Ein Beispiel ist die reflexive Form von Verben im Russischen, bei denen die Reflexivendung -s an die Personalform angefügt wird:

бреюсь
brejus' = bre - ju - s'
     rasieren- 1.sg- REFL
     „ich rasiere mich“

Hier wäre der Teil breju („ich rasiere“) nicht als Wortstamm zu bezeichnen, denn eine solche bereits flektierte Form könnte nicht mehr als Ausgangspunkt für Wortbildungsprozesse dienen (etwa die Ableitung eines Substantivs).

Andererseits ist der Begriff der Basis insofern eingeschränkter als er nur bei Affigierung und Klitisierung eine Rolle spielt, wogegen Stämme auch in der Komposition verwendet werden.

Stamm und WurzelBearbeiten

Wurzel ist normalerweise eine Bezeichnung für ein Element, das nicht zerlegbar ist und als Stamm benutzt werden kann, also ein Spezialfall eines Stammes. In manchen Theorien wird die Annahme gemacht, dass eine Wurzel kein Merkmal für eine bestimmte Wortart (Kategoriemerkmal) tragen muss, sondern dies erst im Lauf der morphologischen oder syntaktischen Weiterverarbeitung erhält. Diese Annahme findet sich in der traditionellen Indogermanistik ebenso wie in modernen Theorien wie der Distributed Morphology.[3] Bei zusammengesetzten Stämmen ist die Wortstruktur jedoch in der Regel mit Kategoriemerkmalen aufzuschlüsseln; siehe hierzu das Beispiel unter Kopf (Grammatik)#Komposition.

Daneben gibt es auch Konzeptionen, wonach Wurzel eine tiefere Ebene und Stamm eine komplexere Ebene der Zusammensetzung bezeichnet (so dass auch Wurzeln zusammengesetzt sein können, aber immer noch von Stämmen unterschieden werden).[4] In anderen Arbeiten wird die Bezeichnung Stamm vereinzelt auch so benutzt, dass ihre Bedeutung mit elementaren Einheiten, also Wurzeln, gleichgesetzt wird, und komplexe Stämme dann als „Stammgruppe“ bezeichnet werden.[5]

In den semitischen Sprachen beruhen die meisten Wörter auf einer dreikonsonantigen Wurzel. Siehe hierzu Radikal (semitische Sprachen).

Stamm und WortBearbeiten

Im Deutschen, ebenso wie in vielen anderen Sprachen, kann unter Umständen auch die Form des Stammes allein, ohne weitere Endungen, schon als ein Wort dienen, z. B. häufig bei Substantiven und Adjektiven: In dem Ausdruck einen Trinker wird der Akkusativ am Artikel durch ein Affix -en markiert, aber beim Substantiv wird der Stamm Trinker unverändert benutzt.

Die Unterscheidung zwischen „Stamm“ und „Wort“ wird jedoch auch beibehalten, wenn beide gleich aussehen, denn „Stamm“ ist ein Begriff, der in morphologischen Regeln vorkommt, wogegen syntaktische Regeln nach verbreiteter Auffassung nur auf „Wörter“ Zugriff haben, nicht auf Stämme. Im obigen Beispiel wird Trinker dadurch zum Wort, dass ihm im Satzzusammenhang (…einen Trinker…) das Merkmal „Akkusativ“ zugeschrieben werden muss (Das Zusammenspiel zwischen Morphologie und Syntax wird allerdings in verschiedenen Grammatiktheorien unterschiedlich gesehen).

Stammveränderung und morphologische RegelnBearbeiten

Wenn ein Stamm bei einer weiteren Ableitung in sich Veränderungen zeigt, im Deutschen zum Beispiel der Vokalwechsel bei Ablaut und Umlaut, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Analyse.

Wird angenommen, dass zum Beispiel ein Plural durch zwei Operationen namens Affigierung und Vokalwechsel markiert wird, so ist der Stamm der flektierten Wortform Träume (Nominativ Plural) dieselbe Form wie für den Singular, nämlich Traum; die Form Träum- entsteht dann erst durch eine morphologische Regel, die bei der Pluralbildung in die Gestalt des Stamms global eingreift.

Will man solche Regeln nicht annehmen, sondern Wortformen nur aus einer Aneinanderkettung von Elementen (d. h. Morphen) erklären, so muss man in diesem Fall zwei Varianten des Stamms im Lexikon ansetzen, nämlich [1]Traum- und [2]Träum-. Morphologische Regeln würden dann vorschreiben, welche der beiden Stammvarianten jeweils gewählt werden muss; so hätte z. B. die Regel der Pluralbildung auf -e dann die Form: Stamm2__-e (d. h. „-e verlangt Stamm2“). In diesem Fall gibt es also Allomorphie von Stämmen (nicht nur von Affixen).

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Laurie Bauer: Introducing Linguistic Morphology. 2nd edition. Edinburgh University Press, Edinburgh 2003, ISBN 0-7486-1705-1.
  • Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0.
  • Peter Eisenberg: Grundriss der Deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. 3. durchgesehene Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 2006, ISBN 3-476-02160-2
  • Helmut Glück (Hrsg.), unter Mitarbeit von Friederike Schmöe: Metzler-Lexikon Sprache. 3., neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-02056-8.
  • Joachim Mugdan: Morphological Units. In: R. E. Asher (Hrsg.): The Encyclopedia of Language and Linguistics. Band 5: Maa to Oxf. Pergamon Press, Oxford u. a. 1994, ISBN 0-08-035943-4, S. 2543–2553.
  • Richard Wiese: The phonology of German. Oxford University Press, 1996. (Kap. 5: Aspects of lexical phonology and morphology)

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Wortstamm – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Duden: Die Grammatik. 8. Auflage. 2009, S. 652.
  2. Stamm vs. Basis direkt so gegenübergestellt in: Francis Katamba, John Stonham: Morphology. Second Edition. Palgrave Macmillan, New York 2006, S. 46.
  3. Siehe für letzteres: David Embick & Rolf Noyer: Distributed Morphology. In: Gillian Ramchand & Charles Reiss (eds.): The Oxford Handbook of Linguistic Interfaces. Oxford University Press, 2007, S. 289–324. Siehe insbesondere S. 295.
  4. Wiese (1996), S. 129f.
  5. Eisenberg (1998)