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Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.

Als wilde Ehe bezeichnete man bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein regelmäßig mit negativer Konnotation die Beziehung von Paaren, die unverheiratet in einem Haushalt zusammenlebten. Von Juristen wird die Partnerschaft unverheiratet Zusammenlebender als eheähnliche Gemeinschaft bezeichnet. Im Zuge der Sexuellen Revolution im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde die Auffassung in Frage gestellt, dass nur miteinander verheiratete Menschen das Recht hätten, sich sexuell zu betätigen. Seitdem erscheinen zunehmend auch andere Formen der Sexualität als legitim, so dass die Vorstellung den meisten als absurd erscheint, dass nicht miteinander Verwandte, die als Paar unverheiratet zusammenleben, „verwildert“ seien.

In der Nachkriegszeit in Deutschland entstand die Bezeichnung „Bratkartoffelverhältnis“ für ein Verhältnis, das von einem Mann wegen „bestimmter äußerer Annehmlichkeiten“ ohne wirkliche Bindung unterhalten wurde.[1]

Bis in die 1970er Jahre untersagten gesetzliche Verbote in Bayern und einzelnen Schweizer Kantonen das Zusammenleben eines unverheirateten gegengeschlechtlichen Paares in einer gemeinsamen Wohnung. Erst mit der Abschaffung dieser Konkubinatsverbote wurde dieses Verhalten legal.[2]

In der Schweiz wird das Zusammenleben von nicht miteinander verheirateten Menschen als Paar ohne abwertende Absicht als Konkubinat bezeichnet.[3]

Situation in DeutschlandBearbeiten

Gründe für Partnerschaften ohne TrauscheinBearbeiten

Viele von denjenigen, denen man vorhielt bzw. vorhält, sie lebten in „wilder Ehe“, betracht(et)en ihre Lebensform als vorübergehend. Sie nahmen bzw. nehmen für sich das Recht in Anspruch, erst das Zusammenleben auszuprobieren und danach erst zu heiraten. Nach Wegfall strafrechtlicher Sanktionen für „unzüchtiges“ Verhalten reduzierte sich der von der Gesellschaft ausgehende moralische Druck zu heiraten weitgehend auf sogenannte „Muss-Ehen“. In der Gegenwart gelten selbst eine Schwangerschaft oder die Geburt eines gemeinsamen Kindes oft nicht mehr als hinreichender Grund für Partner in einer Lebensgemeinschaft, eine Ehe zu schließen.

Während der beiden Weltkriege und danach führten finanzielle Überlegungen wie der mögliche Verlust von Versorgungsansprüchen durch eine offizielle Heirat oder die vage Aussicht auf Rückkehr des verschollenen Lebensgefährten dazu, dass Paare prinzipiell nicht beabsichtigten, eine Ehe einzugehen.[4] Als Onkelehe wurde in jenen Zeiten umgangssprachlich das eheähnliche Zusammenleben einer Witwe (und ihrer Kinder) mit einem Mann bezeichnet, den sie aus wirtschaftlichen Gründen nicht heiraten wollte, um ihre Witwenrente nicht zu verlieren.[5]

Es gibt Fälle eines (zumeist heimlichen) Zusammenlebens von Paaren als Reaktion auf Eheverbote. Bis in die 1950er Jahre durften in einigen Teilen Deutschlands z. B. Lehrerinnen nicht heiraten, mit der Begründung, „dass die Pflichten einer Hausfrau und Mutter mit der Tätigkeit einer Lehrerin unvereinbar sind“.[6] Das Zusammenleben selbst bzw. der Charakter des Zusammenlebens (z. B. eines katholischen Pfarrers mit seiner Haushälterin) wurden und werden auch von katholischen Geistlichen verheimlicht. Als „wilde Ehe“ werden auch bekannt gewordene systematische Verstöße gegen das Zölibatsgebot bezeichnet.

Ideologische Gründe für eine Nicht-Heirat gibt es in anarchistischen, durch antiautoritäre Vorstellungen beeinflussten Kreisen bereits seit dem 19. Jahrhundert. Die Ablehnung kirchlicher und bürgerlicher Moralvorstellungen ist besonders unter Linksliberalen weit verbreitet. Bereits 1908 schrieb die Anarchistin Emma Goldman:

„Ich glaube, dass die erste Unabhängigkeitserklärung der Frau, wenn sie ihre Emanzipation unterschreibt, sein wird, dass sie einen Mann wegen seines Herzens und Verstandes bewundert und liebt und nicht aufgrund der Größe seines Geldbeutels. Die zweite Erklärung wird sein, dass sie das Recht hat, diese Liebe ohne Hindernisse der Außenwelt zu leben. Die dritte und wichtigste Erklärung wird das absolute Recht auf freie Mutterschaft sein.“

Emma Goldman: What I Believe [Was ich denke]. New York World, 19. Juli 1908. Deutschsprachige Übersetzung in: Goldman – Anarchismus und andere Essays. Band 22 der Reihe Klassiker der Sozialrevolt (Hrsg.: Jörn Essig-Gutschmidt. UNRAST-Verlag. Münster. Dezember 2013 (1. Auflage).

BratkartoffelverhältnisBearbeiten

Die Verbreitung der „Wilden Ehe“ in Deutschland beruht vermutlich auf den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges für aus der Not geborene Zweckbeziehungen, bei denen es einigen Männern vor allem um die regelmäßige Versorgung mit warmen Mahlzeiten ging und eine Heirat von vornherein nicht geplant war.[7]

Die Bezeichnung „Bratkartoffelverhältnis“ für diese Form des Zusammenlebens wurde besonders zum Ende der 1940er Jahre verbreitet. Der Begriff bezeichnete nach dem Zweiten Weltkrieg Beziehungen zwischen heimkehrenden Soldaten und Witwen, die in wilder Ehe lebten, um den Verlust der Witwenrente zu vermeiden.[8]

SittenwidrigkeitBearbeiten

In der Bundesrepublik Deutschland konnte der Vermieter einer Wohnung wegen Kuppelei belangt werden, wenn er einem nicht verheirateten Paar oder einer Prostituierten eine Wohnung vermietete oder überhaupt, wenn er in seiner Wohnung anderen Unzucht gestattete. Erst ab dem Urteil des BGH vom 17. April 1970 (Az. I ZR 124/68) wurden solche Mietverträge auch zivilrechtlich als nicht sittenwidrig und damit wirksam anerkannt. Es war daher üblich, dass sich der Vermieter vor Abschluss eines Mietvertrags zum Beispiel den Trauschein des Paares vorlegen ließ. Beherbergungsbetriebe (zum Beispiel Hotels) fielen nicht unter die Ausnahme des § 180 Abs. 3, da ein Hotelzimmer keine ständige Wohnung ist. Somit machten sich der Inhaber oder Mitarbeiter bis 1968 (DDR) bzw. 1973 (Bundesrepublik Deutschland) wegen Kuppelei strafbar, wenn sie einem unverheirateten Paar ein gemeinsames Zimmer vermieteten. Deshalb gaben sich dort oft unverheiratete Paare als Ehepaar aus.

Mit dem Wandel der Sexualmoral vorrangig im Ergebnis der 68er-Bewegung wurden diese Lebensformen zunehmend toleriert und in Deutschland als nichteheliche Lebensgemeinschaften auch fortschreitend von Rechts wegen zur Kenntnis genommen, teilweise auch anerkannt. Im Recht der Sozialhilfe gelten solche Lebensgemeinschaften als Bedarfsgemeinschaft.

Aktueller GebrauchBearbeiten

Der Begriff der „wilden Ehe“ wird umgangssprachlich noch verwendet, um – oft ohne wertende Absicht[9] – eine Partnerschaft ohne Trauschein (eine konsensuale Lebensgemeinschaft) zu charakterisieren. Daneben wird der Begriff im übertragenen Sinn für Kooperationen ohne vertragliche Grundlage verwendet, die sich nicht auf Lebensgemeinschaften beziehen.

Vereinigte StaatenBearbeiten

Im US-amerikanischen Recht existieren in einigen Bundesstaaten Lebensgemeinschaften, die einige im deutschsprachigen Raum „wilde Ehen“ nennen würden, unter der Bezeichnung Common-law marriage. In den USA wie auch in anderen Staaten, in denen es Regelungen über eine "Common-law marriage" gibt, ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Paar, das weder vom Staat noch von einer Religionsgemeinschaft getraut wurde, dennoch mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit unbehelligt als „verheiratetes Paar“ auftreten darf.

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Bratkartoffelverhältnis – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Duden: Bratkartoffelverhältnis
  2. Anne-Lise Head-König / CN: Konkubinat. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  3. Konkubinat Wilde Ehe – was gilt? Abgerufen am 22. September 2011.
  4. Meldung: Nicht nur die Liebe zählt: Wilde Ehe bringt Nachteile. In: N-tv.de. 14. Mai 2008, abgerufen am 12. Juni 2019.
  5. Duden-Redaktion: Onkelehe. Abgerufen am 12. Juni 2019.
  6. Josef Ettle: Eichstätt: Lehrerinnen mussten ledig bleiben. In: Donaukurier.de. 26. März 2010, abgerufen am 12. Juni 2019 (Artikel aktualisiert: 31. Januar 2017).
  7. Olga Ejikhine: Beim Wort genommen: der Sprachführer durch die Welt der Redewendungen. Verlag Digitalis Books, 2006, ISBN 90-77713-05-0, Online in der Google-Buchsuche
  8. Kirsten Plötz: Als fehle die bessere Hälfte: „alleinstehende“ Frauen in der frühen BRD 1949–1969, Verlag Helmer, 2005, ISBN 3-89741-053-2, S. 305 Fn. 37, (books.google.de).
  9. z. B. Eheähnliche bzw. nichteheliche Lebensgemeinschaft - Definition, Kinder, Sorgerecht und Unterhalt. juraforum.de.