Verbraucherzentrale

auf Landesebene organisierte Vereine, die sich aufgrund eines staatlichen Auftrags dem Verbraucherschutz widmen und Beratungsleistungen erbringen

Die deutschen Verbraucherzentralen sind auf Landesebene organisierte Vereine, die sich aufgrund eines staatlichen Auftrags dem Verbraucherschutz widmen und Beratungsleistungen erbringen. Sie sind als gemeinnützig anerkannt und in der politischen Dachorganisation Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. (vzbv) zusammengeschlossen.

Verbraucherzentrale Bundesverband
(vzbv)
Logo
Rechtsform eingetragener Verein
Gründung 1. November 2000
Sitz Berlin, DeutschlandDeutschland Deutschland
Zweck Verbraucherschutz; Dachorganisation
Vorsitz Klaus Müller
Personen Lukas Siebenkotten (Verwaltungsrat)
Umsatz 37.307.159 Euro (2017)
Beschäftigte 209 (2019)
Mitglieder 51 Verbraucherorganisationen:
  • 16 Verbraucherzentralen
  • 26 weitere Verbände
  • 9 Fördermitglieder[1]
Website www.vzbv.de

ZieleBearbeiten

Ihr Ziel ist es, die Verbraucher in Fragen des privaten Konsums zu informieren, zu beraten, zu unterstützen und rechtlichen Beistand zu leisten. Beraten wird beispielsweise zu Themen wie Kaufrecht, Werkvertragsrecht (Handwerkerleistungen), Dienstvertragsrecht, Kreditrecht, Schuldnerberatung und privatem Insolvenzverfahren sowie deren Prävention, Banken und Geldanlage, Grauem Kapitalmarkt, Versicherungen, Patientenrecht, Pflegeberatung, Wohnberatung, Gesundheitsdienstleistungen, Reiserecht, Privater Altersvorsorge, Baufinanzierung, Energie, Stromanbieterwechsel, Umwelt, Ernährung, Haushalt, Freizeit oder Telekommunikation.

Die Verbraucherzentralen helfen gegen Entgelt bei individuellen Rechtsproblemen und vertreten Interessen jedes Verbrauchers im Einzelnen wie auch in Verbands- oder Sammelklagen. Insbesondere ist es satzungsgemäße Aufgabe der Verbraucherzentralen, außergerichtlich wie auch gerichtlich gegen unzulässige Allgemeine Geschäftsbedingungen, verbraucherschutzwidrige Geschäftspraktiken und unlautere Werbemaßnahmen eines Anbieters vorzugehen.

In den letzten Jahren ergab sich bezüglich fragwürdiger Vertragsbedingungen und Geschäftspraktiken sowie Verbraucherbeschwerden ein Arbeitsschwerpunkt der Verbraucherzentralen bei Telekommunikationsdienstleistungsverträgen – siehe Telekommunikationsunternehmen in der Kritik.

Die Verbraucherzentralen versuchen auch, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Beispielsweise ist die Verbraucherzentrale Hamburg neben 23 anderen Organisationen (unter anderem der BUND Hamburg, Kirchen sowie Verbände aus dem Bereich erneuerbare Energien) Mitinitiatorin einer Volksinitiative, die das Ziel einer Rekommunalisierung der Energienetze und der Etablierung „echter“ Stadtwerke (Stadtwerke mit Energienetzen) in Hamburg hat.[2]

RechteBearbeiten

Die Verbraucherzentralen erhielten durch das Gesetz gegenüber anderen Vereinen besondere Privilegien. So haben sie in Deutschland gemäß § 8 Abs. 1 Nr. 4 Rechtsdienstleistungsgesetz (seit 1. Juli 2008, davor § 3 Nr. 8 Rechtsberatungsgesetz) das Recht zur außergerichtlichen Rechtsbesorgung und können so im Rahmen ihres Aufgabenkreises neben Rechtsanwälten Verbraucher außergerichtlich beraten und vertreten. Dies erfolgt gegen Entgelt.

Seit dem 1. Januar 2002 können sich Verbraucherzentralen individuelle Ansprüche von Verbrauchern abtreten lassen, um diese vom Anbieter einzufordern und gegebenenfalls auch einzuklagen. Damit können Verbraucherzentralen Ansprüche einzelner Verbraucher bündeln und im Interesse des Verbraucherschutzes bis hin zum Bundesgerichtshof geltend machen.

OrganisationBearbeiten

Zuständig für Informationen und Beratung sind die in Deutschland auf Landesebene organisierten Verbraucherzentralen der einzelnen Bundesländer. Politische Dachorganisation dieser Landes-Verbraucherzentralen ist der Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. (abgekürzt vzbv) mit Sitz im GSW-Hochhaus in Berlin-Kreuzberg. Er vertritt die Verbraucherinteressen gegenüber Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf Bundesebene. Der vzbv bietet jedoch keine direkte Verbraucherberatung an. Dies übernehmen die einzelnen Verbraucherzentralen in den Ländern.[3]

Er ist federführend für die Klimaschutzkampagne für mich. für dich. fürs klima. mit dem Ziel der Verbraucherberatung bei Mobilität, Ernährung und Finanzprodukten, finanziert von der Bundesregierung. Die Klimakampagne des vzbv endete mit dem Jahr 2010. Insgesamt wurden circa 1900 Aktionen und 1500 Bildungsaktionen durchgeführt.

 
Logo der vzbv-Energieberatung

Seit 1978 koordiniert der vzbv die Energieberatung der Verbraucherzentrale, das größte interessenneutrale Beratungsangebot zum Thema Energie in Deutschland. In acht Beratungsangeboten (Telefonberatung, Onlineberatung,[4] Stationäre Beratung, Basis-Check, Gebäude-Check, Heiz-Check, Solarwärme-Check und Detail-Check) beraten über 550 Energieberater jährlich rund 120.000 Verbraucher zur Energieeinsparung und zum Einsatz erneuerbarer Energien in privaten Wohngebäuden.[5]

Der Verbraucherzentrale Bundesverband wurde am 1. November 2000 als Nachfolgeorganisation der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände, des Verbraucherschutzvereins und des Verbraucherinstituts gegründet. Sein erster Vorstand war Edda Müller. Vom August 2007 bis Mitte Dezember 2013 war Gerd Billen Vorstand.[6] Am 1. Mai 2014 trat Klaus Müller, bisheriger Vorstand der Verbraucherzentrale NRW, sein Amt als neuer Vorstand des vzbv an.[7]

 
NRW-Vorstand Schuldzinski und Dorothea Khairat, Leiterin der jüngsten Beratungsstelle in Neuss (2017)

Größte Einzelorganisation ist die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen mit Sitz in Düsseldorf. Sie berät landesweit in 61 Beratungsstellen, per Internet und über eine kostenpflichtige Rechtsberatungshotline. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ist Gründungsmitglied des Vereins EnergieVision e. V., der das ok-power Label für Ökostrom-Angebote vergibt. Insgesamt gibt es 16 Landesverbraucherzentralen, die in den Bundesländern als selbstständige Organisationen auftreten und als solche arbeiten. Zwischen den einzelnen Verbraucherzentralen gibt es jedoch einen regen Austausch, so dass es einheitliche Beratungsstandpunkte gibt.[8]

International ist der Verbraucherzentrale Bundesverband Mitglied beim Europäischen Verbraucherverband (BEUC) und bei Consumers International.

AktivitätenBearbeiten

Lebensmittelklarheit.deBearbeiten

Am 20. Juli 2011 ging in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Hessen die Website Lebensmittelklarheit.de im Rahmen der Initiative Klarheit und Wahrheit (bei der Aufmachung und Kennzeichnung von Lebensmitteln) online.[9] Dieses neue Portal löste am selben Tag ein sehr großes Medienecho aus, so dass die Website nach der Freischaltung temporär aufgrund von Überlastung nicht zu erreichen war. Negative Kritik wurde von Seiten der Lebensmittelindustrie[10] und dem Deutschen Konsumentenbund geäußert.[11]

Studie zur bedarfsgerechten BeratungBearbeiten

Eine Studie des vzbv sollte 2013 anhand einer Stichprobe zeigen, ob die Beratung von Banken und Versicherern bedarfsgerecht ist. Knapp 300 Fälle wurden dazu untersucht. Die Kritik des Bundesverbands: Oftmals passen die angebotenen Produkte oder abgeschlossenen Verträge nicht zu den Bedürfnissen der Kunden.[12] Im Dezember 2013 kritisierte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) die Untersuchung als „irreführend“. Zudem sei die Studie aufgrund der geringen untersuchten Fälle nicht repräsentativ.[13]

WeltverbrauchertagBearbeiten

Zum Weltverbrauchertag am 15. März informieren die Verbraucherzentralen jedes Jahr zu einem Schwerpunktthema und führen bundesweit Aktionen durch.

Deutscher VerbrauchertagBearbeiten

Um seine politischen Forderungen zu formulieren, richtet der Verbraucherzentrale Bundesverband seit dem Jahr 2007 alle zwei Jahre den Deutschen Verbrauchertag als politische Tagung aus.[14]

Musterfeststellungsklage gegen VWBearbeiten

Aufgrund des Abgasskandals startete der vzbv 2018 vor dem Oberlandesgericht Braunschweig in Kooperation mit dem ADAC eine Musterfeststellungsklage gegen den Autokonzern Volkswagen AG. Diese Klage endete Anfang 2020 mit einem Vergleich. Daraufhin erhielten etwa 240.000 Verbraucherinnen und Verbraucher eine Einmalzahlung zwischen 1.350 Euro und 6.257 Euro. Insgesamt musste Volkswagen aufgrund des Vergleichs eine Entschädigungssumme von etwa 750 Millionen Euro zahlen.[15]

faktencheck-gesundheitswerbung.deBearbeiten

Im Dezember 2020 ging in Zusammenarbeit mit den Landesverbänden Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz die Website faktencheck-gesundheitswerbung.de online. Das Portal soll über irreführende oder unzulässige Gesundheitsinformationen, Produktinformationen oder Werbung zu Gesundheitsfragen im Internet aufklären. Außerdem können Verbraucher schlechte oder gefährliche Gesundheitsinformationen über das Portal melden. Partner des Projektes sind unter anderem Gute Pillen-Schlechte Pillen, IGeL-Monitor, Informationsnetzwerk Homöopathie, Medizin transparent.[16][17] Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) fördert das Portal im Rahmen der Initiative Verbraucherschutz im Markt der digitalen Gesundheitsinformationen und Individuellen Gesundheitsleistungen.[18]

FinanzierungBearbeiten

Die Finanzierung der Verbraucherzentralen beruht überwiegend auf Fördermitteln. In Nordrhein-Westfalen setzt sich der Etat beispielsweise aus institutioneller Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen, Mitteln der Städte und Kreise, Projektmitteln, Spenden sowie aus eigenen Einnahmen zusammen.[19] Am 23. Juli 2018 wurde bekannt, dass die Stadt Mönchengladbach den Vertrag mit der Verbraucherzentrale NRW bis 2022 mit einem Finanzierungsanteil von rund 127.000 Euro pro Jahr erneuert hat.[20][21]

Diese eigenen Einnahmen stammen zum Teil aus der Verbraucherberatung. Insbesondere die individuelle Rechtsberatung wird von Verbraucherzentralen in vielen Bundesländern nur gegen Entgelt angeboten. Die Preise der Verbraucherzentrale variieren oft zwischen telefonischer und persönlicher Beratung und sind abhängig vom Beratungsgegenstand.[22]

Bis 2012 galt für die kostenpflichtigen Beratungen der Verbraucherverbände der reduzierte Umsatzsteuersatz von 7 %. Seit dem 1. Januar 2012 wird stattdessen der volle Umsatzsteuersatz von 19 % erhoben. Diese gesetzliche Veränderung entspricht einer Verteuerung von 11,2 %. Gerd Billen, bis Ende 2013 der Vorsitzende des vzbv und von Dezember 2013 bis Mai 2020 Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz,[23] appellierte an Bund und Länder, im Gegenzug die Zuschüsse des Staates zu erhöhen.

Die Verbraucherzentrale Bremen e. V. meldete im Februar 2019 Insolvenz an.[24] Das Amtsgericht Bremen hat das Insolvenzverfahren nach erfolgreicher Sanierung beendet.[25]

AbgrenzungBearbeiten

Im Gegensatz zu den Verbraucherzentralen sind die Europäischen Verbraucherzentren keine Nichtregierungsorganisationen, sondern Einrichtungen der EU-Kommission.

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Wiktionary: Verbraucherzentrale – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Verbraucherzentrale – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Der vzbv – Seite des Verbraucherzentrale Bundesverbands
  2. Unser Hamburg – Unser Netz. 21. November 2010.
  3. Übersichtsseite der Verbraucherzentralen und des vzbv.
  4. Energieberatung online. Stand: April 2018.
  5. Verbraucherzentrale Energieberatung (Memento vom 8. Juli 2010 im Internet Archive). Stand: April 2018.
  6. Gerd Billen wird Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, zuletzt abgerufen am 13. Januar 2014.
  7. Verbraucherzentrale fordert mehr Datenschutz. Handelsblatt, 5. Mai 2014, abgerufen am 16. Mai 2014.
  8. Verbraucherzentrale Bundesverband - vzbv (Memento vom 23. März 2010 im Internet Archive)
  9. Verbraucherzentrale Bundesverband: Klarheit und Wahrheit bei der Aufmachung und Kennzeichnung von Lebensmitteln. 20. Juli 2011, abgerufen am 20. Juli 2011.
  10. n-tv online: Branche läuft Sturm. 20. Juli 2011, abgerufen am 20. Juli 2011.
  11. Konsumentenbund kritisiert „Prangerportal“ der Verbraucherzentrale (Memento vom 12. Juli 2011 im Internet Archive), besucht am 30. Juli 2011.
  12. Anlageprodukte gehen am Verbraucherbedarf vorbei, zuletzt abgerufen am 13. Januar 2014.
  13. Kritik an Verbraucherschützer-Studie, zuletzt abgerufen am 13. Januar 2014.
  14. Geschichte. In: vzbv.de. Abgerufen am 30. Oktober 2018.
  15. Musterfeststellungsklage gegen Volkswagen AG - Eine Bilanz. Abgerufen am 22. Februar 2021.
  16. Verbraucherzentrale NRW: faktencheck-gesundheitswerbung.de - Was wir wollen. 5. Januar 2021, abgerufen am 12. Februar 2021.
  17. Gesundheitswerbung im Faktencheck. In: Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz. 2. Februar 2021, abgerufen am 12. Februar 2021.
  18. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: Silberwasser oder Vitamin D gegen das Corona Virus? – Neues Online-Angebot sorgt für Transparenz und klärt Verbraucher auf. Abgerufen am 12. Februar 2021.
  19. Finanzierung der Verbraucherzentrale NRW – Einnahmestruktur 2017. Stand 25. April 2018, abgerufen am 29. April 2018.
  20. Auf drei weitere Jahre! Stadt Mönchengladbach erneuert Vertrag mit Verbraucherzentrale bis 2022. moenchengladbach.de, abgerufen am 24. Juli 2018.
  21. Auf drei weitere Jahre! Stadt Mönchengladbach erneuert Vertrag mit Verbraucherzentrale bis 2022. Focus.de, abgerufen am 24. Juli 2018.
  22. Kostenseite der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. verbraucherzentrale-rlp.de, abgerufen am 27. April 2018.
  23. Gerd Billen wird Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz
  24. Verbraucherzentrale Bremen meldet Insolvenz an. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Februar 2019, abgerufen am 24. März 2019.
  25. Insolvenz abgewendet: Verbraucherzentrale Bremen kann weitermachen. In: butenundbinnen.de. 18. Oktober 2019, abgerufen am 17. Dezember 2019.