Umesamische Sprache

Sprache

Umesamisch (andere Schreibweisen: Umesaamisch oder Umesámisch; Eigenbezeichnung: ubmejesámien giälla) ist eine samische Sprache und gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie. Die Anzahl der Sprecher ist äußerst gering (Ethnologue nennt 20 Sprecher,[1] Såhkie – Umeå sameförening unter 100[2]) und beruht hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, auf einigen älteren Sprechern.[3] Die umesamische Orthographie wurde 2016 anerkannt.

Umesamisch (ubmejesámien giälla)

Gesprochen in

Schweden
Sprecher ~100
Linguistische
Klassifikation

Uralisch

Finno-ugrisch
Finnopermisch
Finnosamisch
Samisch
Westsamische Sprachen
  • Umesamisch
Nr. 2 zeigt das Verbreitungsgebiet des Umesamischen.

Verbreitung und AbgrenzungBearbeiten

Die Bezeichnung Umesamisch bezieht sich auf das Ausbreitungsgebiet, welches im Süden durch den Ume-Fluss abgegrenzt wird. Als nördliche Grenze kann man den Pite-Fluss bezeichnen. Das umesamische Gebiet umfasst die schwedischen Kommunen Arjeplog (wo teilweise auch Arjeplogssamisch gesprochen wird oder wurde), Arvidsjaur, Sorsele und Tärna und, historisch betrachtet, auch Rana in Norwegen.[4] Umesamisch wird zu den westlichen samischen Sprachen gerechnet und zählt zusammen mit Südsamisch zu deren südlicher Gruppe, also zu den südsamischen Sprachen im weiteren Sinne.[5] Das Umesamische weist sowohl Züge südlicherer als auch nördlicherer samischer Sprachen auf und ist damit eine Übergangssprache: Während der Vokalismus des Umesamischen dem Südsamischen ähnelt, kommt im Umesamischen auch Stufenwechsel wie in allen nördlicheren samischen Sprachen (aber nicht im Südsamischen) vor.

GeschichteBearbeiten

Die ersten gedruckten Bücher in einer samischen Sprache waren auf Umesamisch. Es handelte sich um religiöse Literatur, beispielsweise ein 1619 veröffentlichter Katechismus. Pehr Fjellström, der die Skytteanska skolan für samische Kinder in Lycksele leitete und selbst aus dem pitesamischen Gebiet stammte, schrieb 1738 die erste Grammatik und das erste Wörterbuch des Umesamischen. Zwischen 1619 und 1811 wurden 30 Bücher auf Umesamisch veröffentlicht. Im 18. Jahrhundert war Umesamisch noch die Muttersprache der meisten Einwohner von Västerbotten. Friedrich Wilhelm von Schubert bemerkte auf seiner Skandinavienreise von 1817 bis 1820 auch die Unterschiede zwischen den samischen Sprachen und die Zwischenstellung des in Lycksele gesprochenen Samischen innerhalb des Sprachkontinuums.[6]

Doch im 19. Jahrhundert verstärkte sich die Kolonisation Lapplands und die Sprach- und Assimilationspolitik Schwedens traf das Umesamische hart. Die Sprecherzahl nahm stark ab. Am 6. April 2016 wurde die umesamische Orthographie offiziell anerkannt.[7] Inzwischen wird die Anzahl der Muttersprachler mit etwa zehn Personen in Schweden und keinen mehr in Norwegen angegeben, als Zweitsprache wird Umesamisch jedoch von etwa hundert Personen gesprochen und die Anzahl der Zweitsprachler wächst.[8] Der Verein Álgguogåhtie – umesamer i samverkan setzt sich für die Revitalisierung der Sprache ein.

DialekteBearbeiten

Die Lokaldialekte des Umesamischen kann man in die östlichen Walddialekte, den Dialekt von Sorsele und den von Nord-Tärna einteilen. Allerdings sind die Dialekte des Umesamischen nur noch anhand von Archivmaterial zu bestimmen.[9]

GrammatikBearbeiten

StufenwechselBearbeiten

Umesamisch weist, anders als das Südsamische, teilweise Stufenwechsel auf.[10]

UmlautBearbeiten

Umlaut spielt im Umesamischen eine wichtige Rolle. Vokale werden regelmäßig von folgendem /i/ und /u/ umgelautet:

  + i + u
i i y
u ü u
å ü u
a ä å
ie ii
iei ii yöy
oi üi ui
äi ii öi
ai äi åi
ua(i) üe, üi, üü uu
uou üw/yöy uuw
ou üw/üü ?
au äy ou
ii yö (ö)

[11]

MorphologieBearbeiten

Die morphologischen Mittel im Umesamischen sind phonologische Veränderungen (Stufenwechsel), Suffigierung, Zusammensetzung und Enklitisierung. Bei Verben und Substantiven unterscheidet man zwischen gleichsilbigen und ungleichsilbigen Wortstämmen.

VerbenBearbeiten

Das Verb kennt neben dem Singular und Plural auch eine Dualis-Form.

gullat „hören“ Singular Dual Plural
1. Person guulou gullan gullahpa
2. Person guulah gulla gulla
3. Person gullaa gulla gülläh

[12]

SubstantiveBearbeiten

Die Substantive flektieren nach zwei Numeri, d. h. nur Singular und Plural. Die Personalpronomen hingegen kennen auch den Dual.

mannaa „Kind“ Singular Plural
Nominativ mannaa maannaa(h)
Genitiv maanan maanai
Akkusativ maanau maanaida
Inessiv maanasna Ø
Elativ maanasta maanaista
Illativ mannaje maanaida
Essiv mannana Ø
Komitativ maanaina maanai-

[13]

BeispielBearbeiten

Text (mit südsamischer Orthographie) Phonologische Transkription Übersetzung
Jåa mojhtav akten daalvien goh tjuehkie sjadtji, goh båatsoej miarrije jåhhtajij jah idtjij naake biapmoev åajpmedh gåajvvodeh. Jiaknge jah iatnemisse sjadtji, dia båatsoej jaamedadtjeguutij. Dia tjuavverin jåhhtajidh ruapttoede viht bijjas, men dia tsievvie tij, idtjen åajpmedh baalliedh, gåajvvoedh.

/joo, mujhtaav aktən taalvien kuh čɯehkie šat'tij, kuh poocuoj miarrijə joh'taajij jah ič'čij naakə piapmuov oojpmət koojvvuot. jiakŋə jah iatnəmissə šat'tij, tia poocuoj jaamətaččəkɯɯtji. tia čuavvərin joh'taajit ruapttuotə viht pij'jaas, men tia sievvie lij, ič'čen oojpmət paalliet, koojvvuot./

Ich erinnere mich an einen Winter, als es Bodeneis gab, als die Rentiere zum Meer losgelaufen sind und nicht nach Futter graben konnten. Eis war auf dem Boden und die Rentiere begannen eines nach dem anderen zu sterben. Dann mussten sie wieder hochwärts laufen, aber der Schnee war hart damals, so dass sie nicht graben konnten.

[14]

MusikBearbeiten

Die Musikerin Katarina Barruk, eine der jüngeren Sprecherinnen, singt auf Umesamisch.[15]

LiteraturBearbeiten

  • Barruk, Henrik: Umesamiskan i Ume lappmark förr och nu. 2010 (schwedisch, 8 S., frei zugänglich [PDF; 568 kB; abgerufen am 10. Oktober 2020]).
  • Bergsland, Knut: Southern Lapp and Scandinavian quantity patterns. In: Symposium saeculare Societatis Fenno-Ugricae. Finnisch-Ugrische Gesellschaft, Helsinki 1983, S. 73–87 (englisch).
  • Israelsson, Per-Martin & Nejne, Sakka: Svensk-sydsamisk, sydsamisk-svensk: ordbok och ortnamn / Daaroen-åarjelsaemien, åarjelsaemien-daaroen: baakoegärja jih sijjienommh. 2. Auflage. Sametinget, Kiruna 2008 (schwedisch, südsamisch).
  • Sammallahti, Pekka: The Saami languages. An Introduction. Davvi Girji, Kárášjoka 1998 (englisch).
  • Schlachter, Wolfgang: Wörterbuch des Waldlappendialekts von Malå und Texte zur Ethnographie. Finnisch-Ugrische Gesellschaft, Helsinki 1958.
  • Svonni, Mikael: Umesamiskan – det gåtfulla språket. In: Andrea Amft und Mikael Svonni (Hrsg.): Sápmi Y1K – Livet i samernas bosättningsområde för ett tusen år sedan (= Sámi dutkan · Samiska studier · Sami Studies. Band 3). Universität Umeå, Umeå 2006, S. 151–170 (schwedisch).

WeblinksBearbeiten

  • Álgguogåhtie: Språket. In: umesamiska.nu. Abgerufen am 10. Oktober 2020 (schwedisch, Seite des Vereins Álgguogåhtie zur Revitalisierung des Umesamischen).
  • Ingela Hofsten: Överlevnadskurs i samiska. In: Språktidningen. 2011, abgerufen am 10. September 2019 (schwedisch, Reportage zu einem Umesamisch-Sprachkurs).
  • Såhkie – Umeå sameförening: Viässuoje mujtuoh - Umesamiska ord och fraser. Lernplattform Memrise, abgerufen am 10. September 2019 (schwedisch, Umesamisch-Sprachkurs).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Saami, Ume. In: David M. Eberhard, Gary F. Simons und Charles D. Fennig (Hrsg.): Ethnologue: Languages of the World. (englisch, ethnologue.com [abgerufen am 10. September 2019]).
  2. Såhkie – Umeå sameförening: Umesamiska. Abgerufen am 10. September 2019 (schwedisch).
  3. Sammallahti (1998).
  4. Sammallahti (1998), S. 22.
  5. Svonni (2006), S. 151. Lars-Gunnar Larsson: Variation in Ume Saami: The Role of Vocabulary in Dialect Descriptions. (PDF; 317 kB) In: Networks, Interaction and Emerging Identities in Fennoscandia and Beyond. Papers from the conference held in Tromsø, Norway, October 13–16 2009. 2012, S. 288, abgerufen am 10. September 2019 (englisch).
  6. Friedrich Wilhelm von Schubert: Reise durch das nördliche Schweden und Lappland, oder durch Gestrikland, Helsingland, Medelpad, Angermanland, Westerbotten, Lappland, Jemteland und Herjeådalen im Jahre 1817 (= Reise durch Schweden, Norwegen, Lappland, Finnland und Ingermannland in den Jahren 1817, 1818 und 1820. Band 2). Hinrichsche Buchhandlung, Leipzig 1823, S. 343 (Google Books [abgerufen am 10. Oktober 2020]).
  7. Ubmejesámiengiälan bargguodåhkkie / Ubmisámegiela bargojoavku / Arbetsgrupp för umesamiska: Umesamisk ortografi. Beslut om umesamisk ortografi. (PDF; 1,0 MB) In: umesamiska.nu. Sámien Giällagálddije / Sámi Giellagáldu, 6. April 2016, abgerufen am 10. Oktober 2020 (schwedisch, Umesamische Orthographie).
  8. Sámediggi: Umesamiska. In: sametinget.se. 3. August 2020, abgerufen am 10. Oktober 2020 (schwedisch, Seite des schwedischen Sametinget zum Umesamischen).
  9. Lars-Gunnar Larsson: Variation in Ume Saami: The Role of Vocabulary in Dialect Descriptions. (PDF; 317 kB) In: Networks, Interaction and Emerging Identities in Fennoscandia and Beyond. Papers from the conference held in Tromsø, Norway, October 13–16 2009. 2012, S. 291, abgerufen am 10. September 2019 (englisch).
  10. Svonni (2006), S. 156.
  11. Tabelle nach Schlachter (1958).
  12. Tabelle nach Schlachter (1958).
  13. Tabelle nach Schlachter (1958).
  14. Aus Sammallahti (1998), S. 159.
  15. vuelie: Evelina – from Album Báruos, Katarina Barruk. 1. September 2015, abgerufen am 7. November 2016.