Tretroller

muskelkraftbetriebenes, zweirädriges Kleinfahrzeug

Ein Tretroller oder Trittroller bzw. (vor allem in der Schweiz) Trottinett, Trottinette oder (im süddeutschen Raum) Radelrutsch (auch in der Bauweise des Wipprollers) ist ein muskelkraftbetriebenes, zweirädriges Kleinfahrzeug mit einem bodennahen Trittbrett, auf dem sich eine Person stehend fortbewegen kann. Er wird durch Abstoßen mit einem Bein (beim Wipproller durch gewichtsverlagernde Wippbewegungen über einen mechanischen Antrieb) angetrieben und kann aus Holz, kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff oder Metall (Aluminium, Stahl) gebaut sein.

Tretroller für Erwachsene, als Transport-, Freizeit- und Sportgerät

Geschichte des TretrollersBearbeiten

 
Kinder mit Rollern, 1948

Im Jahr 1817 stellte der badische Erfinder Karl von Drais eine Laufmaschine vor, die dem Tretroller sehr nahe kam. Ausgehend von diesem Gefährt war es Carl Ferdinand Langhans, der aus der sitzenden eine stehende Position entwickelte und somit den ersten Tretroller erfand[1]. Im Gegensatz zu den heutigen einspurigen Modellen besaß der erste Tretroller jedoch eine zweirädrige Hinterachse, das Gefährt musste also nicht ausbalanciert werden.

In den Nürnberger Spielzeug-Musterbüchern des 19. Jahrhunderts ist kein Tretroller abgebildet. Erst nach dem Ersten Weltkrieg gab es einen Boom von Tretrollern als Kinderspielzeug.

1915 wurde der Autoped auf den Markt gebracht, ein Tretroller mit Motor, der in Deutschland in Lizenz als Krupp-Roller bekannt wurde und erstmals auch erwachsene Nutzer ansprach. Die Stückzahlen blieben allerdings überschaubar.

Der klassische Sportroller „Kickbike“ wurde etwa 1990 von Hannu Vierrikko/FIN als Sommertrainingsgerät zum Tretschlitten erfunden.

In den Jahren 2000 und 2001 wurde der Mini-Klapproller, vom Schweizer Wim Ouboter erfunden, zur Modeerscheinung für den urbanen Individualverkehr und englisch Scooter oder Kickboard benannt (diese sind zuweilen auch dreirädrig). In Deutschland überbrückten viele Besucher der EXPO 2000 in Hannover die dortigen Gehdistanzen auf diese Weise und machten das Gefährt immer bekannter. Zuvor waren Roller nur als Kinderspielzeug gebräuchlich.

Während z. B. in Holland die Tretrollerszene vergleichsweise groß ist, hat die deutsche Rennszene erst 2007 wieder mehr Zulauf erfahren.

Mitte der 2010er Jahre kamen die ersten, kompakten Akku-Elektroroller (E-Scooter) auf den Markt, die durch den Start von Verleihsystemen ab 2018 weltweit populär wurden und die in der Folge auch den Absatz von klassischen Tretrollern für Erwachsene erhöhten.

ModellvariantenBearbeiten

Zu unterscheiden sind Mini-Klapproller von größeren Rollern für den Alltags- und Sportbereich. Während Mini-Klapproller meist harte Reifen wie bei Inlineskates verwenden, besitzen große Roller im Allgemeinen Luftreifen wie beim Fahrrad. Zumeist werden bei Sportrollern kleinere Hinterräder verwendet. So sind die typischen Laufradgrößen im Sport- und Alltagsbereich z. B. 28/18″ oder 26/20″ (vorne/hinten).

 
Mini-Klapproller aus Aluminium, 2000

Wegen der einspurigen Bauweise ist das Fahren mit dem Roller eine geeignete Vorübung, um später das Radfahren zu erlernen.[2] Durch die Bodennähe ist es für Kinder oder Erwachsene weniger sturz- oder unfallgefährdet anzuhalten oder zu bremsen.

Klassischer Tretroller (auch Footbike, Kickbike oder Kick Scooter genannt)Bearbeiten

Einspurige, zweirädrige Tretroller mit einer Felgengröße von 12–28 Zoll und mit Luftbereifung zeichnen diese Kategorie aus, die vom Grundprinzip aufgebaut sind wie die Kinderroller aus der Nachkriegszeit. Es gibt sowohl Modelle für Erwachsene als auch solche für Kinder. Umso größer die Laufräder sind, umso höhere Geschwindigkeiten können in der Regel erzielt werden. Allerdings sind kleinere Räder und kompaktere und damit meist leichtere Roller besser zu beschleunigen. Deshalb werden Roller, die für den Stadteinsatz gebaut werden, mit kleineren Rädern ausgestattet. Außerdem lassen sich diese Roller, die hinzu oft faltbar sind, auch besser in öffentlichen Verkehrsmitteln mitnehmen. Auch ein kürzerer Radstand, wie er sich bei Rollern mit kleineren Rädern automatisch ergibt, setzt bei unebenem Straßenbelag, wie er in der Stadt häufiger vorkommt (Kopfsteinpflaster, Bordsteine, Wurzelaufbrüche), weniger auf als Roller mit größeren Rädern und längerem Radstand, aber prinzipiell gleicher Bodenfreiheit. Umso niedriger jedoch das Trittbrett ist, umso ermüdungsärmer der Bewegungsablauf beim Treten. In der Regel werden heutzutage Roller mit einer Trittbretthöhe von sechs bis acht Zentimetern gebaut, für den Einsatz im Gelände auch bis elf Zentimetern.

MicroscooterBearbeiten

Der Mini-Klapproller, auch Microscooter genannt, wurde 1992 vom Lehrmeister Edmundo Duarte aus einer Idee seiner Lehrlinge in den Sulzer-Lehrwerkstätten in Winterthur entwickelt. Eines dieser Modelle steht heute im Landesmuseum Zürich.[3] Der Scooter (Kinderroller) wurde im Jahre 1999 vom Hersteller Micro auf den Markt gebracht.

KickboardsBearbeiten

Kickboards haben anders als klassische Roller drei Rollen und der Lenker ist ein runder Knauf ähnlich dem Schalthebel im Auto. Das Kickboard ist also eine Kombination aus einem Skateboard und Roller. Gelenkt wird durch seitliches Kippen des Knaufs und Gewichtsverlagerung. Kickboardfahren erfordert etwas Praxis im Skateboardfahren.

Waveboard/WavescooterBearbeiten

Ein Waveboard ist in seinen Eigenschaften denen eines Surfbretts nachgeahmt. Kinder sollen das Gefühl von Leicht- und Schwerelosigkeit auf der Straße haben. Vereint mit einer ergonomischen Form, die jeden Spaß mitmacht, steht dem „Straßensurfen“ nichts mehr im Wege.

Downhill-RollerBearbeiten

Downhill-Roller (auch: Downhill-Scooter bzw. in der Schweiz (Downhill-)Trottinettes) sind stabiler gebaut und für Bergabfahrten ausgelegt. Monsterroller gehören dazu, kennzeichnend dafür sind die dickeren Ballonreifen.

Als SportgerätBearbeiten

 
Rennstart bei der EM 2007 in St. Wendel
 
Mit Roller im Skateboard-Pool

Der kompakte, faltbare Tretroller (im Sportbereich auch Stuntscooter oder „Freestyle Scooter“ genannt) wird für Tricks wie beim BMX oder beim Skateboard verwendet.

Mit dem großen, luftbereiften Tretroller werden bei Europa- oder Weltmeisterschaften Rennen wie Kriterium (Rundkursrennen), Marathons oder Staffel ausgetragen. Bei einer Staffel wird der Roller als „Staffelholz“ übergeben. Im Marathon (42 km) können Durchschnittsgeschwindigkeiten von ca. 31 km/h erreicht werden. Die größte Rennszene gibt es in Holland, dahinter Tschechien, Italien und Finnland. In Deutschland dürfen Tretroller bei einigen Marathons im Feld der Inlineskater/Handbiker mitfahren (werden zumeist noch nicht offiziell in den Ausschreibungen angeführt), z. B. Köln-Marathon, Karstadt-Marathon, Europamarathon, Damp-Marathon etc. Der Tretroller ist ein ideales Ausdauer-Trainingsgerät, das zwischen Laufen und Radfahren platziert ist. Selbst Langstreckenfahrten sind mit dem Tretroller möglich (Alpo Kuusisto mit 84:36 h bei Paris–Brest–Paris, 1200 km mit ca. 10.000 Höhenmetern oder Joachim Sternal bei Alb Extrem 190 km / 2800 Hm in 10 Std. (8,5 Std. reine Fahrzeit, 80 km/h bergab)). Beliebt ist der Deutsche Tretroller Cup (DTC). Der DTRV (Deutscher Tretroller Verband) wurde im März 2010 gegründet.

Der aktuelle 24-Stunden-Weltrekord wurde im Juli 2012 von Peter Groeneveld auf einer 400-m-Laufbahn gefahren (545 km). Die Niederländerin Hermies Koers stellte 2015 den 24-Stunden-Rekord bei den Damen auf. Dieser liegt bei 430,82 km.[4]

Die Tretroller-Weltmeisterschaft 2012 in St. Wendel (Saarland) erreichte ein neues Teilnehmer-Maximum. Es waren ca. 300 Teilnehmer gemeldet. Die nächsten Weltmeisterschaften fand 2014 in Tschechien (Pilsen) statt. Die WM im Jahr 2016 wurde in Australien ausgetragen. Im Jahr 2018 fand sie in den Niederlanden statt. In den Jahren zwischen den Weltmeisterschaften finden Europameisterschaften statt.

2013 sind 6 starke Tretrollerfahrer die Tour de France-Strecke gefahren. Das Projekt hieß „Kickfrance 2013“. Sie sind einen Tag vor den Rennradprofis gestartet und kamen auch einen Tag vor ihnen auf der Champs-Elysées an. Damit sind sie in 3 Wochen über 3400 km und ca. 50.000 Höhenmeter gefahren.

Mit dem Tretroller gibt es auch Hundesport-Rennen vom VDSV (Verband Deutscher Schlittenhundesport Vereine e. V.), genannt Mushing.

Als VerkehrsmittelBearbeiten

 
Tretroller als Reisefahrzeug

Auf der auto- und fahrradfreien Insel Helgoland sind Tretroller das Hauptverkehrsmittel.

Tretroller ohne Elektroantrieb müssen nach der deutschen Straßenverkehrsordnung (§ 24) – soweit vorhanden – auf Fußwegen fahren, da sie anders als Fahrräder und E-Scooter nicht zu Fahrzeugen zählen, sondern wie Fußgänger behandelt werden.[5] Auf Gehwegen darf nur mit Schrittgeschwindigkeit gefahren werden. Wie hoch diese genau ist, ist nicht eindeutig in der StVO festgeschrieben und variiert in der Rechtssprechung bis maximal 15 km/h.

Das Fahren auf Radwegen ist mit Tretrollern ohne Motor nicht zulässig, wird aber fast immer geduldet, besonders seit der Einführung von E-Scootern, die, wenn vorhanden, ausschließlich auf Radwegen bewegt werden müssen. Hinzu schreibt § 25, Abs. 2 der StVO vor: „Wer zu Fuß geht und Fahrzeuge oder sperrige Gegenstände mitführt, muss die Fahrbahn benutzen, wenn auf dem Gehweg oder auf dem Seitenstreifen andere zu Fuß Gehende erheblich behindert würden. Benutzen zu Fuß Gehende, die Fahrzeuge mitführen, die Fahrbahn, müssen sie am rechten Fahrbahnrand gehen.“ Somit dürfte das Ausweichen mit einem Tretroller vom Gehweg auf einen danebenliegenden Radweg bzw. die Straße und bei viel Fußgängerverkehr auf dem Gehweg sogar ein Gebot sein.

Außerhalb geschlossener Ortschaften muss am linken Fahrbahnrand gefahren werden, soweit das zumutbar ist.

Tretroller mit Motorunterstützung, Elektro-Tretroller, etablierten sich ab 2015 zunehmend weltweit in Großstädten als Verkehrsmittel, überwiegend im Mietsystem. In Deutschland wurden diese im Juni 2019 eingeführt und sollen kurze Entfernungen schnell und staufrei überwinden.

Mitnahme in öffentlichen VerkehrsmittelnBearbeiten

 
Tretroller für die Stadt, faltbar, stoßmilderndes Trittbrett. Modell Boardy

Im Zuge der Freigabe von E-Scootern im Straßenverkehr hat die Deutsche Bahn explizit die kostenlose Mitnahme in ihren Zügen erlaubt, wenn der Roller zusammengeklappt wurde. Wenn ein Zusammenklappen des Rollers nicht möglich ist oder nicht vorgenommen wurde, muss für den Roller eine Fahrradkarte gelöst werden. Diese Regeln dürften analog auch für Tretroller ohne Motor in der Praxis gelten.[6]

Im Nahverkehr, insbesondere in Tram und Bus, gelten davon jedoch abweichende Regelungen. Im VBB in Berlin und Brandenburg werden Tretroller mit einer Laufradgröße von nicht mehr als 12 Zoll, auch im nicht gefalteten Zustand, kostenlos befördert. Für größere Tretroller muss eine Fahrradkarte gelöst werden. Bei E-Sootern dagegen ist die Laufradgröße unwichtig, hier zählt allein, ob der Roller zusammengeklappt wurde (kostenlos) oder nicht (Fahrradkarte).[7]

Österreich: In den Zügen der ÖBB werden Roller gratis befördert, wenn sie gefaltet wurden. Ansonsten ist ein Fahrradticket zu lösen. In den Verkehrsverbünden gibt es davon wie auch in Deutschland abweichende Regelungen. In Wien werden Tretroller egal welcher Größe kostenlos als Handgepäck befördert, E-Scooter nur im gefalteten Zustand, sonst gar nicht.[8][9]

Schweiz: In den Zügen der SBB werden kostenlos und unverpackt nur kleine Tretroller, die in der Schweiz Trottinett heißen, transportiert. Größere Roller müssen für eine kostenlose Mitnahme entweder gefaltet und verpackt sein oder es muss ein Fahrradticket gelöst werden.[10]

GalerieBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Tretroller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Tretroller – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Wipproller – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Die Geschichte des Tretrollers – Erfinder und Erfindung. Abgerufen am 2. Dezember 2019 (deutsch).
  2. „Vom Roller zum Fahrrad“, Rudolf Lensing-Conrady und Nicola Neumann-Opitz, Verkehrswachtforum, Heft 6, 1998
  3. Made in Winterthur. Erfindungen und Innovationen aus der Region Winterthur. Buchhandlung Obergass (Vertrieb), Winterthur 2012.
  4. RTV Oost: 24 uur lang steppen: een werelduurrecord voor Hermien Koers uit IJsselmuiden. In: RTV Oost. 8. August 2015 (rtvoost.nl [abgerufen am 23. Januar 2018]).
  5. ZEIT, März 2017
  6. Community.bahn.de, Dürfen E-Scooter mitgenommen werden?
  7. vbb.de, Beförderungsbedingungen
  8. Tretrollerverkauf.at, Mitnahme im ÖPNV
  9. Wien.orf.at, E-Scooter in Öffis erlaubt
  10. SBB-Community, Beförderungsbedingungen