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Thomas Schmidinger

österreichischer Politikwissenschaftler, Sozial- und Kulturanthropologe
Thomas Schmidinger, 2012

Thomas Schmidinger (* 25. August 1974 in Feldkirch) ist ein österreichischer Politikwissenschaftler und Sozial- und Kulturanthropologe mit den Schwerpunkten Kurdistan, Jihadismus, Naher Osten und Internationale Politik.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Schmidinger wurde 1974 in Feldkirch geboren, verbrachte jedoch auch viel Zeit bei der Familie seines Vaters in Fusch an der Glocknerstraße. Er besuchte die Volksschule und Hauptschule in Feldkirch und war von 1988 bis 1990 an der HTL Rankweil für Nachrichtentechnik von der er 1990 in die Fachschule für Nachrichtentechnik an der HTL Rankweil wechselte. Schmidinger war seit seinem fünfzehnten Lebensjahr in verschiedenen linken, ökologischen und antifaschistischen Gruppierungen aktiv, gründete in Vorarlberg die Jugendinitiative Pangea und die dortige Landesorganisation der Grünalternativen Jugend.

Von 1994 bis 1996 war er auch als erster und einziger Bundeskoordinator der Grünalternativen Jugend aktiv, trat im Herbst 1996 allerdings aus dieser aus und war danach nur noch in parteiunabhängigen linken Projekten aktiv. Im Rahmen seiner antirassistischen Tätigkeiten erhielt er 1999, nachdem er nach dem Tod von Marcus Omofuma mit Flugblättern die Rede des damaligen Innenministers Karl Schlögl im Parlament gestört hatte, ein Jahr Parlamentsverbot.

Schmidinger trat als Jugendlicher in Vorarlberg als Dialektliedermacher auf, war an mehreren Piratenradios beteiligt und veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten.

1995 erfolgte die Studienberechtigungsprüfung. Von 1995 bis 2003 absolvierte er das Studium der Politikwissenschaft und Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Wien und promovierte in Politikwissenschaft bei Eva Kreisky. Er ist seit 2004 Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, seit 2011 als Lektor an der Fachhochschule Vorarlberg im Master für Interkulturelle Soziale Arbeit und seit 2016 an der Fachhochschule Oberösterreich, ebenfalls im MA Soziale Arbeit tätig. Weiters hält er immer wieder einzelne Lehrveranstaltungen an Pädagogischen Hochschulen, v. a. im Fortbildungsbereich.

Während seines Studiums arbeitete Schmidinger u. a. als Koordinierender Redakteur der Zeitschrift Context XXI[1], Koordinator der Recherche der Ausstellung Gastarbajteri[2] im Wien Museum und im Flüchtlings- und Integrationsbereich der Caritas Österreich.

Studien- und Forschungsaufenthalten führten Schmidinger nach Syrien, Libanon, Libyen, Ägypten, Sudan, Jordanien, Türkei, Israel, den palästinensischen Autonomiegebieten, Irak und den Iran. 2010/2011 erhielt er ein Research Fellowship am Center for Austrian Studies an der University of Minnesota. Im Jahr 2012 ein Research Fellowship an der Universität Pristina mit dem MOEL-Plus-Förderprogramm der Österreichischen Forschungsgesellschaft. Schmidinger tritt immer wieder an verschiedensten internationalen Konferenzen auf und war zu den Themen Jihadismus und Kurdistan immer wieder als Gastredner im EU-Parlament, u. a. im Unterausschuss für Menschenrechte (DROI). Im Februar 2016 war er als Gastlektor an der traditionsreichen Mülkiye der Universität in Ankara tätig.[3]

Zudem ist er weiters in der Flüchtlingsbetreuung und Integrationsarbeit aktiv und hat 2014 das „Netzwerk Sozialer Zusammenhalt[4]“ zur Deradikalisierung jihadistischer Jugendlicher und junger Erwachsener und Präventionsarbeit mitbegründet, das im Herbst 2015 den Europäischen Bürgerpreis des EU-Parlaments erhielt.[5] Nach Zerwürfnissen zwischen dem Obmann, Moussa al-Hassan Diaw, und einem Teil des Vorstands und Beirats, wurde der Verein im Jänner 2016 allerdings aufgelöst. Schmidinger ist seither nicht mehr in der Beratung, sondern nur noch wissenschaftlich und im Bereich der Fortbildung zum Thema Dschihadismus aktiv. Er ist Mitglied im Expert-Forum Prävention, Deradikalisierung und Demokratiekultur der Stadt Wien[6] und weiterhin Referent zum Thema im Bereich der Erwachsenenbildung, in der Schulung von Sozialarbeitern, Polizeibeamten, Bewährungshelfern und Pädagogen.[7] Von Februar 2016 bis Dezember 2017 war Schmidinger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie, wo er an einer Studie zu Jihadisten in Haft[8] und einer Studie über jugendliche IS-Sympathisanten arbeitete.[9]

Schmidinger hat auch kleinere Dokumentarfilme produziert und ist in öffentlichen Debatten in Österreich gelegentlich medial präsent. So nahm er an Fernsehdiskussionen des ORF,[10] Puls 4[11] und Servus TV[12] teil, beteiligte sich aber auch an Debatten mit migrantischen[13] und muslimischen Vereinen.

Im Juli 2016 eröffnete Schmidinger eine Ausstellung mit seinen Fotos über Rojava im Europäischen Parlament.[14] Obwohl dabei unterschiedliche, auch miteinander rivalisierende kurdische Akteure zu sehen waren,[15] wurde die Ausstellung von türkischen Massenmedien als „terroristische Propaganda“[16] verurteilt. Von offizieller Seite protestierten der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu und İbrahim Kalın, der außenpolitische Berater Erdogans gegen die Ausstellung, da damit „unter dem Dach des EU Parlaments Propaganda für eine terroristische Gruppe“ gemacht werde, „die täglich türkische Bürger angreife.“[17] Im Herbst 2016 wurde die Ausstellung schließlich auch in den Räumlichkeiten des Parlamentsclubs der SPÖ im Parlament in Wien gezeigt.

ForschungsschwerpunkteBearbeiten

Schmidingers Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Naher Osten, Politischer Islam, Jihadismus, Irak, Sudan, Antisemitismus, Migration, Staatszerfall, Kurdistan, Internationale Politik, Staat und Religion.

MitgliedschaftenBearbeiten

Schmidinger ist Vorstandsmitglied der im Nahen Osten tätigen Hilfsorganisation Liga für emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit LeEZA.[18] Er ist Mitbegründer und Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie / Europäisches Zentrum für kurdische Studien.[19] Er ist Mitglied in der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft und der Sudan Studies Association. Er war Vorstandsmitglied der IG LektorInnen und freie WissenschafterInnen, des Österreichisch-Irakischen Freundschaftsvereins Iraquna, der Gesellschaft für kritische Antisemitismusforschung, Mitglied des Senats der Universität Wien (Mittelbau)[20] und von 2012 bis 2015 Mitglied des Betriebsrats für das Wissenschaftliche Personal der Universität Wien.

PublikationenBearbeiten

  • Mary Kreutzer / Thomas Schmidinger (Hg.): Irak – Von der Republik der Angst zur parlamentarischen Demokratie? Freiburg, 2004
  • ArbeiterInnenbewegung im Sudan Frankfurt / Wien u. a., 2004
  • Eva Pentz / Georg Prack / Thomas Schmidinger / Thomas Wittek: „Dies ist kein Gottesstaat!“ Terrorismus und Rechtsstaat am Beispiel des Prozesses gegen Mohamed M. und Mona S. Wien, 2008
  • Dunja Larise / Thomas Schmidinger (Hg.): Zwischen Gottesstaat und Demokratie. Handbuch des Politischen Islam. Wien, 2008.
  • Vom selben Schlag... Migration und Integration im niederösterreichischen Industrieviertel Wiener Neustadt, 2008
  • Herwig Schinnerl / Thomas Schmidinger (Hg.): Dem Krieg entkommen? Tschetschenien und TschetschenInnen in Österreich. Wiener Neustadt, 2009
  • Johanna Muckenhuber / Claus Tieber / Thomas Schmidinger (Hg.): Die Kunst der Lehre Hochschuldidaktik in Diskussion Berlin, Wien, et.a. 2010
  • Alicia Allgäuer / Mary Kreutzer / Thomas Schmidinger: ZusammenReden Debatten über Integration in österreichischen Kommunen Wiener Neustadt, 2010
  • Vedran Džihić / Thomas Schmidinger: Looming Shadows. Migration and Integration at a time of Upheaval. European and American Perspectives Washington DC, 2011
  • Kurdistan im Wandel. Konflikte, Staatlichkeit, Gesellschaft und Religion zwischen Nahem Osten und Diaspora Frankfurt am Main, 2011
  • Gora. Slawischsprachige Muslime zwischen Kosovo, Albanien, Mazedonien und Diaspora Wiener Verlag für Sozialforschung. Wien, 2013
  • Wiener Jahrbuch für Kurdische Studien Nr. 1/2013 Schwerpunkt: Transnationalität und kurdische Diaspora in Österreich (gemeinsam mit Ferdinand Hennerbichler, Maria Anna Six-Hohenbalken, Christoph Osztovics). Wien, 2013
  • The Kurdish Spring in Diaspora? Austria and its Kurds in: Ahmad, Mohammed M. / Gunter, Michael: The Kurdish Spring.
  • Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan Analysen und Stimmen aus Rojava. Vierte, erweiterte und aktualisierte Auflage Wien 2017 (zuerst 2014), ISBN 978-3-85476-665-0.
  • Jihadismus. Ideologie, Prävention und Deradikalisierung. Mandelbaum Verlag, Wien 2015, ISBN 978-3-85476-481-6.
  • Kampf um den Berg der Kurden – Geschichte und Gegenwart der Region Afrin. Bahoe Books, Wien 2018, ISBN 978-3-903022-84-3
  • Kosovo – Die Entstehung eines Parastaates zwischen Peripherisierung, Ethnisierung und EU-Protektorat. Bahoe Books, Wien 2019. ISBN 978-3-903290-01-3

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Contextarchiv der Zeitschrift Conctext XXI, Text von Thomas Schmidinger: “Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit” (Memento des Originals vom 23. September 2015 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.contextxxi.at, 5-6 / 2005. Abgerufen am 27. August 2015.
  2. Team / Beteiligte (Memento des Originals vom 4. August 2016 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/gastarbajteri.at der Ausstellung „Gastarbajteri“. Abgerufen am 27. August 2015.
  3. Mülkiye'den Haberler on Twitter. Abgerufen am 13. Juli 2016.
  4. Webseite Netzwerk Sozialer Zusammenhalt. Abgerufen am 27. August 2015.
  5. Bürgerpreis 2015 des Europäischen Parlaments an das Netzwerk Sozialer Zusammenhalt verliehen. In: www.europarl.at. Abgerufen am 8. Juli 2016.
  6. Website der Stadt Wien. Abgerufen am 5. August 2016.
  7. BildungsTV: Dr. Thomas Schmidinger: Syrien – Bürgerkrieg und Flucht. 14. Oktober 2015, abgerufen am 8. Juli 2016.
  8. Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie – De-Radikalisierung im Gefängnis. (Nicht mehr online verfügbar.) In: www.irks.at. Archiviert vom Original am 1. April 2016; abgerufen am 8. Juli 2016.   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.irks.at
  9. Wege in die Radikalisierung. In: www.irks.at. Abgerufen am 9. Februar 2018.
  10. ozdergecko: IM ZENTRUM – Der Terror der Gotteskrieger – 12. Oktober 2014. 13. Oktober 2014, abgerufen am 8. Juli 2016.
  11. Minotheras: Falsche Toleranz – Alice Schwarzer bei Pro und Contra 22. Februar 2016. 29. Februar 2016, abgerufen am 8. Juli 2016.
  12. Talk im Hangar-7 bei ServusTV. Abgerufen am 8. Juli 2016.
  13. Aeoej Wien: Podiumsdiskussion: Scharia und demokratischer Verfassungsstaat. 17. März 2013, abgerufen am 8. Juli 2016.
  14. ROJAVA IN THE EUROPEAN PARLIAMENT. In: Josef Weidenholzer. Abgerufen am 13. Juli 2016.
  15. schmidiblog: Eine Ausstellung über Rojava und Erdoğans langer Arm in die akademische Welt. In: schmidiblog. 13. Juli 2016, abgerufen am 13. Juli 2016.
  16. DIPLOMACY - ‘Pro-PKK exhibition’ at European Parliament angers Turkey. Abgerufen am 13. Juli 2016.
  17. EU parliament criticized over terrorist photo exhibit. 13. Juli 2016, abgerufen am 13. Juli 2016 (ru-RU).
  18. MitarbeiterInnen von LeEZA | über Leeza. (Nicht mehr online verfügbar.) In: www.leeza.at. Archiviert vom Original am 24. Juni 2016; abgerufen am 8. Juli 2016.   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.leeza.at
  19. K U R D O L O G I E. (Nicht mehr online verfügbar.) In: www.kurdologie.at. Archiviert vom Original am 30. September 2013; abgerufen am 8. Juli 2016.   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kurdologie.at
  20. Senat der Universität Wien » Mitglieder. In: senat.univie.ac.at. Abgerufen am 30. Januar 2017.