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Theater Thikwa ist ein freies Theater in Berlin-Kreuzberg. Thikwa ist hebräisch und heißt auf Deutsch Hoffnung. Bei Theater Thikwa machen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theater und Kunst. Es wurde 1990 als Thikwa e. V. gegründet und betreibt seit 2006 zusammen mit dem English Theatre Berlin eine gemeinsame Spielstätte in den Mühlenhaupthöfen.[1]

In der Thikwa-Werkstatt für Theater und Kunst, als deren Träger der Theater Thikwa e. V. und die Nordberliner Werkgemeinschaft gGmbH kooperieren, werden alle künstlerischen Projekte, wie Theaterinszenierungen, Ausstellungen und Performances, grundsätzlich gemeinsam von Künstlern mit und ohne Behinderung erarbeitet.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte und OrganisationBearbeiten

GründungBearbeiten

1990 begann die Geschichte von Thikwa mit der Gründung des Thikwa e. V. mit der Zielsetzung, die gemeinsame künstlerische Arbeit von Menschen mit Behinderung und nicht behinderten Künstlern zu fördern. Initiiert von Christine Vogt waren maßgebliche Gründungsmitglieder Hanna Näter, Gerlinde Altenmüller und Matthias Maedebach sowie Freunde und Mitarbeiter des Werkheims Zehlendorf. Seit der ersten Produktion war Klaus Altenmüller verantwortlich für die Theatertechnik.

1990 bis 1993 entstanden die ersten vier Inszenierungen als Freizeitprojekte. Ab 1994 begannen die Bemühungen um Professionalisierung der künstlerischen Arbeit von Menschen mit Behinderung. 1995 erfolgte die Gründung der Theater-Werkstatt Thikwa, die seitdem in Kooperation mit der NBW gGmbH betrieben wird.

Von 1990 bis 2001 teilten sich Christine Vogt, Gerlinde Altenmüller und Matthias Maedebach die künstlerische Leitung von Theater Thikwa. Von 2002 bis zu ihrem Tod im Mai 2012 war Gerlinde Altenmüller allein für die künstlerische Leitung verantwortlich. Seitdem wird das Theater von Nicole Hummel und Gerd Hartmann geleitet.

WerkstattBearbeiten

1995 bis 1997 ist die Thikwa-Werkstatt für Theater und Kunst als Modellprojekt gestartet.[2] Finanziert vom Bundesministerium für Gesundheit, war dieser Modellversuch das erste derartige Pilotprojekt in Deutschland. In der Werkstatt wurde ganztägig, 35 Stunden pro Woche ausschließlich Kunst produziert. Damit grenzte sie sich von der damals oft üblichen Praxis ab, künstlerische Arbeit als begleitendes Angebot zum Ausgleich für überwiegend repetitive Tätigkeiten anzubieten. In der Startphase bot die Theaterwerkstatt Thikwa in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg zunächst für 12 Beschäftigte mit Behinderungen Arbeitsplätze im künstlerischen Bereich an. Das Thikwa-Motto „Der Geist lässt sich nicht behindern“ wurde über die inhaltliche Arbeit gestellt. Unter diesem Motto nutzen die Beschäftigten der Thikwa-Werkstatt die künstlerischen Ausbildungs- und Übungsmöglichkeiten in den hier inhaltlich aufeinander bezogenen Bereichen Schauspiel und Tanz, Handwerk und Grafik, Malerei und Plastik. In Verbindung mit künstlerischen Arbeitsweisen und Arbeitsprozessen wurden und werden neue Methoden der Qualifizierung, Förderung und Rehabilitation entwickelt und erprobt. Die Zahl der Arbeitsplätze wurde bis zum Jahr 2010 auf 20 erhöht. Im Oktober 2011 zog die Werkstatt in größere Räume in der Fidicinstraße 3, in unmittelbare Nähe der Spielstätte Fidicinstraße 40, um. Das ermöglichte eine neuerliche Kapazitätserweiterung. Derzeit (Stand 2018) beschäftigt die Thikwa Werkstatt für Theater und Kunst 44 Künstler*innen mit Behinderung, die das Ensemble von Theater Thikwa bilden.

SpielstättenBearbeiten

Zeit ohne eigene SpielstätteBearbeiten

1990 bis 2005 war Theater Thikwa ausschließlich auf Gastspiele oder Einmietung in andere Spielstätten angewiesen. Gemäß seinem Anspruch, ein gleichwertiger Bestandteil des Berliner Kulturlebens zu sein, fanden die Aufführungen von Anfang an in etablierten Spielstätten wie dem Studio des Maxim-Gorki-Theaters, der Akademie der Künste, dem Theater am Halleschen Ufer, dem Podewil und den Sophiensälen statt.

F40 und F40 StudiobühneBearbeiten

2005 bewilligte der Stiftungsrat der Deutschen Klassenlotterie Berlin den gemeinsamen Antrag von English Theatre Berlin (ETB) und Thikwa e. V. auf Mittel zum Ausbau einer gemeinsamen, für Publikum und Künstler barrierefreien Spielstätte. In den Mühlenhaupthöfen, Fidicinstraße 40, wurde eine große Lagerhalle angemietet und umgebaut, die spätere Spielstätte F40. Darüber hinaus wurde am gleichen Ort ein kleineres Atelier gemietet, das zur F40-Studiobühne mit 60 Zuschauerplätzen umgebaut wurde. Am 28. August 2008 wurde das Große Theater, das bis zu 120 Zuschauer fasst, eingeweiht. Seit 2016 wird die Bezeichnung F 40 nicht mehr verwendet. Beide Spielstättenpartner benutzen in ihrer Aussendarstellung ihren eigenen Namen. Theater Thikwa führt in seiner Spielstätte jährlich zwischen 8 und 10 verschiedene Produktionen in 70 – 90 Vorstellungen auf.

Sonstiges zu Theater ThikwaBearbeiten

Die wichtigsten ArbeitsgrundlagenBearbeiten

Das Prinzip von Theater Thikwa ist, dass unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten – Menschen mit und ohne Behinderungen und aus verschiedenen künstlerischen Genres und Kulturen. Thikwa ist Pionier der Inklusion im künstlerischen Bereich. Es beobachtet die Entwicklung gesellschaftlicher und ästhetischer Fragestellungen und reagiert darauf mit seiner künstlerischen Arbeit. Die Produktionen in Schauspiel, Sprache, Musik, Tanz, Performance und Kunst bringen sowohl die Unterschiedlichkeit der teilnehmenden Personen als auch deren Gemeinsamkeiten zum Ausdruck. Theater Thikwa ist ein künstlerisches Experiment mit behinderten und nicht behinderten Künstlern und ein gelungenes soziales Experiment. Thikwa kooperiert für die Inszenierungen im Theater und die künstlerische Ausbildung in der Thikwa-Werkstatt mit nicht behinderten Künstlern aller Genres. Thikwa-Performer*innen wurden auch für externe Produktionen besetzt, sowohl in der Freien Szene, als auch in staatlichen Theatern (z. B. Deutsches Theater, Theater an der Parkaue, Grips Theater) sowie bei Film- und Fernsehproduktionen.

KooperationenBearbeiten

Seit 2001 kooperiert Theater Thikwa kontinuierlich mit nationalen und internationalen Gruppen und Initiativen. Daraus entstanden u. a. die Coproduktionen "Kotchu Ichi Mannen Sai" mit der japanischen Performancegruppe Taihen, 2001, "The Thikwa plus Junkan Project" mit der Dance Box Kobe, 2009 - 12, "BioFiction" mit dem Moskauer Theaterstudio Kroog II, 2016, sowie "Dschingis Khan" und "Regie" mit der Gruppe Monster Truck, 2012/14.

Die wichtigsten ArbeitsergebnisseBearbeiten

Theater Thikwa hat sich einen anerkannten Platz in der Freien Theaterszene erarbeitet und gilt mittlerweile als "Deutschlands berühmtestes Theater, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theater spielen"[3]. Seit 1990 sind über 120 Inszenierungen und Performances entstanden, die in Berlin und auf der ganzen Welt gezeigt werden. Thikwa wird zu Einzelauftritten, Tagungen und Festivals eingeladen, u.v.a KIADA-Festival, Seoul, 2017, Donau-Festival, Krems 2016, Israel Festival 2016, Politik im Freien Theater, 2014, Heidelberger Stückemarkt 2013, Kyoto Experiment, 2012, ProTeatr Moskau, 2005/2010. Außerdem gab es zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen der Künstler der Thikwa-Werkstatt, auch gemeinsam mit Künstlern ohne Behinderung.

AuszeichnungenBearbeiten

  • 2019 Theaterpreis des Bundes für "die in der Theaterszene herausragende Beschwörung von gesellschaftlicher Diversität bei gleichzeitiger Lust an künstlerischer Radikalität."[4]
  • 2018 Martin-Linzer-Theaterpreis für "herausragende künstlerische Leistung eines Ensembles im deutschsprachigen Raum"[5]

LiteraturBearbeiten

Theater Thikwa / Claudia Lohrenscheit (Hg) "Theater.Rebellion Die Ausweitung der Kunstzone - Theater Thikwa", 2018, Athena Verlag, ISBN 978-3-7455-1019-5

Produktionen von Theater Thikwa (Auswahl)Bearbeiten

  • 1990/91 Im Stehen sitzt es sich besser – Kaspar Hauser Resonanz; Regie: Robin Telfer / Christine Vogt
  • 1992 Orpheus ohne Echo; Regie: Margot Gödrös
  • 1993 Arche Noah; Regie: Christine Vogt
1993 Da hat der Topf ein Loch am Ende eine Liebesgeschichte; Regie: Gerd Hartmann
  • 1996 Ein anderer Teil des Waldes; Regie: Peter Baer (Einladung Impulse-Festival 1996)
  • 1997 Zimmer zwei, Kind sucht Bad; Regie: Peter Baer
  • 1998 Sneewittchen; Regie: Carsten Ludwig / Thomas Seyde
  • 2000 verrichtungen; Regie: Martina Couturier
  • 2001 Orlando; Regie: Martina Couturier (Einladung Festivals Okkupation! 2009, Zürich, Wildwuchs 2009, Basel)
2001 Kotchu Ichi Mannen Sai; Coproduktion mit Taihen Theater Troupe für das Osaka Theatre Festival; Regie: Kim Manri, Gerd Hartmann;
  • 2002 Ohne Titel IV oder 2002 – Odyssee im Weltraum 2002; Regie: Carsten Ludwig; siehe Tagesspiegel Berlin: Man wird euch nicht mehr verstehen können
2004 Blut ist im Schuh; Regie: Gerd Hartmann (Einladung zum ProTeatr Festival, Moskau)
  • 2005 Maison de Santé; Co-Produktion mit dem Theater zum westlichen Stadthirschen; Regie: Werner Gerber (Einladungen Festivals Community Arts 2006, Bern; Okkupation! 2007, Zürich u. a.)
  • 2006 Alices Traum; Choreografie: Timothy Golliher
  • 2007 Anwesend. Aufgehoben; Regie: Gerd Hartmann (Einladung Festivals ProTeatr 2010, Moskau; Theaterunruhen 2009, Warschau u. a.)
2007 Die Flieger; Co-Produktion mit dem Theater zum westlichen Stadthirschen; Regie Dominik Bender
2007 Feder, Meer und Nachtigall; Regie: Gerlinde Altenmüller, Bente Schmidt
  • 2008 Brennendes Pferd; Regie: Elfie Mikesch
2008 Puppetina; Choreografie: Timothy Golliher, Ilene Winckler
2008 Kafka am Sprachrand; Co-Produktion mit dem Theater zum westlichen Stadthirschen; Regie: Dominik Bender (Einladung Festival Okkupation! 2011, Zürich u. a.)
  • 2009 Umbra; Choreografie: Yuko Kaseki
2009 Missing Link; Regie: Lukas Matthaei
  • 2009/12 The Thikwa plus Junkan Project; Leitung: Osamu Jareo (Einladung Kyoto Experiment Festival 2012)
  • 2010 Stabat Mater; Choreografie: Alessio Trevisani
2010 Kate; Choreografie: Linda Weißig
2010 Sturzflug; Regie: Gerd Hartmann(Einladung OBA Festival, Bamberg)
  • 2012 Protokoll Pankow; Regie: Dominik Bender (Einladung Festival Grenzgänger, München, 2012)
2011 Sommernachtstraum; Regie: Anke Rauthmann
  • 2012 Verflucht das Herz – Shakespeares Sonette; Regie: Gerd Hartmann (Einladung Israel Festival 2016)
2012 Kuuge – Himmelsblume; Choreografie: Yuko Kaseki
2012 Dschingis Khan; Monster Truck / Theater Thikwa (Einladung Festivals Heidelberger Stückemarkt 2013, Wildwuchs 2013, Basel, Radikal Jung München,2015 u.v.a)
  • 2013 Schillers Schreibtisch; Regie: Antje Siebers, Dominik Bender
2013 Der verborgene Garten des Kublai Khan; Choreografie: Alessio Trevisani
2013 Vogelfrei; Regie: Ruth Geiersberger
  • 2014 Der diskrete Schwarm der Bourgeoisie; Leitung: Anne Tismer
  • 2014 Subway to heaven; Regie: Gerd Hartmann (Einladung Festivals Grenzenlos Kultur, Mainz 2015, Grenzgänger, München, 2015, Mittenmang, Bremen 2017 u. a.)
  • 2016 Zwillinge; Regie: Nicole Hummel[6] (Einladung Festival Grenzgänger, München 2017[7])
  • 2017 Schweigen Impossible; Regie: Martina Couturier
  • 2017 Ur.kunft; Choreografie: Yuko Kaseki (Einladung KIADA-Festival, Seoul, 2017)
  • 2017 Sieben; Regie: Antje Siebers

Filme mit und über Theater ThikwaBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten