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Zeichenkombination für eine Spielstraße. Diese Beschilderungs­kombination mit Bild 11 wurde 1949 in Bochum gültig. Wegen fehlender Rechtssicherheit wurden die Zeichen 1952 wieder abgebaut.

Eine Spielstraße ist gemäß deutscher Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung (VwV-StVO) § 41 Abs. 2 Nr. 6 StVO durch das Zeichen 250 für Fahrzeuge aller Art gesperrt. Durch das Zusatzzeichen 1010-10 wird Kindern erlaubt, auf der Fahrbahn und den Seitenstreifen zu spielen. Auch Sport kann durch ein Zusatzschild erlaubt sein. In der Verwaltungsvorschrift zu Zeichen 250 StVO heißt es dazu: „Das uneingeschränkte Verbot jeglichen Fahrverkehrs rechtfertigt die Benutzung der ganzen Straße durch Fußgänger und spielende Kinder.“ Da eine Sperrung der Straße durch Zeichen 250 auch die Anlieger betrifft, ist diese Konstellation recht selten. Kommunalverwaltungen können außerdem sogenannte „Spielstraßen auf Zeit“ in ihrem Zuständigkeitsbereich widmen. Hierfür wird eine entsprechende Straße für einen festgelegten Zeitraum für den Fahrzeugverkehr gesperrt.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Bereits zu Beginn der 1920er Jahre wurden aus der Ärzteschaft Stimmen laut, die dafür plädierten, Spielstraßen anzulegen. Wesentlicher Grund dafür waren Sparmaßnahmen der Städte, die zur Schließung von öffentlichen Spielplätzen führten. Für den in Berlin tätigen Augenarzt Carl Hamburger (1870–1944) stand der gesundheitliche Aspekt, dass der Organismus junger Menschen nur durch einen konsequenten Aufenthalt im Freien von den positiven Eigenschaften der Natur profitieren könne, im Vordergrund. Er schlug vor, diese Spielstraßen an den überbreiten, verkehrsarmen Ausfallstraßen der Städte zu errichten. Diese Straßen sollten auf drei bis vier Meter Breite verjüngt werden, ebenso die überbreiten Bürgersteige. Der gewonnene Raum könne dann mit Erde befüllt und die herausgebrochenen Pflastersteine verkauft werden. Diesen Raum könnten die Kinder nutzen.[1] Für seine Überzeugungen trat Hamburger viele Jahre lang ein. In einem Vortrag, den er 1929 hielt, führte er an, dass seine Ideen von Spielstraßen 1925 in New York und erst vor kurzem in Tokio aufgegriffen wurden. Nur in Berlin hatte er bis dahin keinen Erfolg gehabt.[2]

Die Versuche, die in der Folge mit Spielstraßen in deutschen Städten stattfanden, waren oftmals nur von kurzer Dauer. Vielfach scheiterten sie am Widerstand der Anwohner die sich vom Lärm belästigt fühlten und an den Verkehrsteilnehmern, die Beschränkungen für den Verkehr hinnehmen mussten. So zog beispielsweise der Stuttgarter Polizeipräsident 1936 seine versuchsweise Einführung von Spielstraßen nach nur wenigen Monaten zurück.[3] Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die rechtliche Lage für Spielstraßen problematisch. Nach Vorschlägen der Bauverwaltung, des Schulamts und der Polizei wurden in einer Sitzung am 29. November 1949 insgesamt 21 Straßen in Bochum zu Spielstraßen erklärt. Der Grund hierfür war, dass sämtliche Kinderspielplätze im Krieg zerstört worden waren. Nach Beschwerden von Anwohnern, im Besonderen Bergleute der Nachtschicht, die am Tag schlafen mussten, aber besonders auch durch einen Unfall mit einem Kind, bei dem die Stadt für die Behandlungskosten im Krankenhaus regresspflichtig gemacht wurde, schaffte die Stadt – um weitere Haftungsschäden zu vermeiden – im Oktober 1952 die Spielstraßen wieder ab. Von den 21 Spielstraßen wurden 12 aufgehoben. Als offizieller Grund wurde angeführt, dass zu diesem Zeitpunkt in der Nähe zwischenzeitlich wieder Spielraum außerhalb der Straßen geschaffen worden war. An den verbliebenen Straßen wurde das Zusatzschild „Spielstraße“ entfernt und durch Vorsichtszeichen mit der Aufschrift „Spielende Kinder“ ersetzt.[4]

In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde ein Sperrschild mit der Aufschrift „Spielstraße“ ab 1956 in die Straßenverkehrsordnung aufgenommen. Dieser Schritt schuf dort erstmals Rechtssicherheit. Das Zeichen verbot Fahrzeugen aller Art, den als Spielstraße ausgewiesenen Weg zu befahren. Lediglich Anlieger durften passieren.[5]

Ab Ende der 1960er Jahre wurden in Westdeutschland allgemeine Verkehrsverbotszeichen mit dem Zusatzschild „Spielstraße – Anliegerverkehr frei“ in Wohnstraßen eingeführt. Mit dem Inkrafttreten der Neufassung der StVO 1971 erhielt erstmals ein bildliches Zusatzschild mit der Bedeutung „Kinder dürfen auf der Fahrbahn und dem Seitenstreifen spielen“ seine Gültigkeit. Entsprechend den gesetzlichen Vorgaben in der StVO wurde es mit dem allgemeinen Verkehrsverbotszeichen Zeichen 250 aufgestellt.[6] In der DDR wurden Schilder mit der Aufschrift „Spielstraße“ seit 1979 nicht mehr verwendet. Im Mai 1979 wurde dort die neue Norm TGL 12096/01 gültig. Nun regelte auch hier, wie bereits in Westdeutschland, ein Sinnbild als Zusatzzeichen den Bereich der Spielstraße.

Der eingängige Begriff „Spielstraße“ hielt sich im Sprachgebrauch, da der verkehrsberuhigte Bereich erst 1980 in der Straßenverkehrs-Ordnung der Bundesrepublik Deutschland eingeführt wurde. In der DDR blieb der Begriff „Spielstraße“ über die 1978 gültig gewordene StVO bis zur Wende 1990 erhalten. Ab 2000 erhielt die Verwendung des Begriffs durch die Diskussionen um Shared Space und die Begegnungszone neuen Aufwind.[7]

Spielstraße auf ZeitBearbeiten

Kommunalverwaltungen können sogenannte „Spielstraßen auf Zeit“ in ihrem Zuständigkeitsbereich einführen. Hierfür wird eine entsprechende Straße für einen festgelegten Zeitraum für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Eine der ersten Kommunen, die das realisierten, war 2002 die hessische Stadt Griesheim.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Carl Hamburger: Spielraum für Großstadtkinder. Vorschläge zu einer besseren Ausnutzung der großstädtischen Freiflächen. Teubner, Berlin/Leipzig 1919
  • Wolf Jobst Siedler: Verordnete Gemütlichkeit: Abgesang auf Spielstraße, Verkehrsberuhigung und Stadtbildpflege. Severin, Berlin 1985, ISBN 3-88679-125-4.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Spielstraße – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wiktionary: Spielstraße – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Carl Hamburger: Spielstraßen oder der kürzeste Weg ins Freie. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, Heft 11 (1921), S. 388−390; hier: S. 388−389.
  2. Vortrag von Carl Hamburger. In: Zeitschrift für Schulgesundheitspflege und soziale Hygiene (1929), S. 48 u. S. 50.
  3. Kommunales Mosaik. In: Der Gemeindetag. Zeitschrift für deutsche Gemeindepolitik 30. Jg., Nr. 7 (1936), S. 303.
  4. Verwaltungsbericht der Stadt Bochum, 1952, S. 71.
  5. Rolf Jedicke: Verordnung über das Verhalten im Straßenverkehr – Straßenverkehrsordnung (StVO) – vom 4. Oktober 1956. In: Der deutsche Straßenverkehr. Sonderheft, November 1956. (ohne Seitenzahlen)
  6. Bundesgesetzblatt, Jahrgang 1970, Nr. 108, Tag der Ausgabe: Bonn, 5. Dezember 1970. S. 1588.
  7. Sprachgebrauch des Begriffs „Spielstraße“ im Google Ngram Viewer von 1960 bis 2008.
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