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Reisepass mit Einreisestempel nach Sowjet-Unterzögersdorf

Sowjet-Unterzögersdorf ist eine fiktive sowjetische Enklave im österreichischen Weinviertel, die von der Gruppe monochrom Ende der 1990er-Jahre entwickelt wurde und als Background für unterschiedliche künstlerische Projekte (z. B. Theaterstücke, Computerspiele, Interventionen, Filme) verwendet wird. Über die Jahre hat sich ein umfangreicher Werkkorpus und ein geschichtlicher Kanon des fiktiven Universums Sowjet-Unterzögersdorfs gebildet, der auch von Fans weiterentwickelt wird. Es zählt zu einem der bekanntesten Projekte der Gruppe.[1][2][3]

HandlungBearbeiten

 
Cory Doctorow als Charakter in monochroms Adventure-Computerspiel „Sowjet-Unterzögersdorf: Sektor 2“ (2009)

In der fiktiven Geschichtsschreibung wurde das Lager Sowjet-Unterzögersdorf im Jahre 1947 vom sowjetischen Militär Pawel Protin im Rahmen der sowjetischen Besatzung Ostösterreichs gegründet. Mit der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags im Jahre 1955 wurde das Lager nicht aufgelöst, da es logistische Probleme beim Abzug aus dem Dorf gab. Ein Zusatz wurde in den Staatsvertrag aufgenommen, der das Lager fortan als eigenständige Enklave der Sowjetunion definierte. Der Zerfall der Sowjetunion in den frühen 1990ern wirkte sich verheerend auf die wirtschaftliche Situation der Enklave aus. Sowjet-Unterzögersdorf unterhält keinerlei diplomatischen Beziehungen zu der sie umschließenden Republik Österreich oder zur, wie die Sowjet-Unterzögersdorfer sie bezeichnen, „Festung Europäische Union“. Dennoch porträtiert monochrom das Land nicht nur als reines Mangelsystem und Persiflage auf staatskommunistische Exzesse, sondern gestaltet viele Bereiche der Erzählung durchaus utopisch und inkorporiert an Steampunk, Atompunk und ähnliche Sci-Fi-Genres erinnernde Elemente.[4]

HintergrundBearbeiten

EntstehungsgeschichteBearbeiten

Sowjet-Unterzögersdorf basiert auf einer Idee von monochrom-Gründer Johannes Grenzfurthner. Als Kind verbrachte er viel Zeit in Unterzögersdorf, einer Katastralgemeinde von Stockerau, auf dem Bauernhof seiner Großeltern. Die Geschichten seiner Großeltern über die Zeit des Nationalsozialismus, den daraus resultierenden Zweiten Weltkrieg und die anschließende sowjetische Besatzung initiierte das Projekt.[5][6] Viele real existierende Gebäude und Sehenswürdigkeiten Unterzögersdorfs sind in die fiktive Geschichte von Sowjet-Unterzögersdorf eingebettet, etwa der Tumulus (Löwenberg), der die umstrittene Grenze zu Oberzögersdorf darstellt.[7][8] Das auch real angrenzende Dorf spielt generell eine wichtige Rolle, da es das an imperialistischer Übernahme interessierte US-Oberzögersdorf darstellt.[9][10]

PhilosophieBearbeiten

Die Gruppe monochrom beschäftigt sich seit Jahren mit der Konstruktion, Analyse und Reflexion von alternativen Welten und Geschichtsschreibungsmodellen,[11] in Hinblick auf die Erschaffung von narrativen Welten in der phantastischen Literatur. Das Projekt "Sowjet-Unterzögersdorf" nennen sie die "Implementierung einer falschen Erinnerung in das österreichische Kulturgedächtnis."[12]

Die durch die Postmoderne ausgelösten Debatten haben unsere Aufmerksamkeit auf Fragen der Repräsentation und Relevanz von Geschichte und Geschichten gelenkt; so etwa die herausfordernde Proklamation einer post-histoire, die Feststellung der Unmöglichkeit meta-narrativer Geschichtsschreibung; der Bruch zwischen Realität und Zeichensystemen, die Unterschiede zwischen Fakten und Fiktionen, der Status der Ethnografie, die Unmöglichkeit neutraler Beobachtung oder Zeugenschaft sowie die Positionierung subjektiven Bewusstseins in solchen Repräsentationen etc. All diese Formen der Repräsentation stellen zentrale Elemente in der Formierung und Verbreitung nationaler und ethnischer Identitäten seit dem Zweiten Weltkrieg dar.[13]

ProjekteBearbeiten

 
Johannes Grenzfurthner (als Nikita Perostek Chrusov) und Tim O'Reilly auf der O'Reilly Emerging Technology Conference, 2008

Sowjet-Unterzögersdorf wird erstmals im Jahre 1999 in einem Kurzfilm von monochrom erwähnt, der für den Wiener TV-Sender TIV gestaltet wurde. Die erste größere Aktion wurde 2001 gestartet und war eine interaktive Theaterperformance, eine Art Live-Roleplaying im realen Ort Unterzögersdorf. Es folgten Musiknummern (z. B. „Ich will Planwirtschaft“ im Rahmen des Protestsongcontests[14][15][16]), zwei Adventure-Computerspiele,[17][18][19][20][21] Filme und Videos,[22][23][24] Theaterstücke und weltweite Interventionen durch „seine Exzellenz, Kommissar Nikita Perostek Chrusov, Botschafter der Konföderation Sowjet-Unterzögersdorf“.[25][26] Der Charakter wurde von Johannes Grenzfurthner porträtiert.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Profil: "20 Jahre monochrom: Zurück an den Nerd", 28. Jänner 2013
  2. Falter: "Pubertät auf höchstem Niveau", Ausgabe 6/13
  3. Un saut chez les Soviets. 28. April 2006, abgerufen am 22. Februar 2019 (französisch).
  4. furtherfield review - Interview with Johannes Grenzfurthner of monochrom Part 1. 27. Oktober 2010, abgerufen am 22. Februar 2019.
  5. "in soviet unterzoegersdorf, game play you", ERF_, 11. Dezember 2010
  6. FM4: "Kurzbesuch in Sowjet-Unterzögersdorf", 23. Juli 2002
  7. fm4v2.ORF.at / Kurzbesuch in Sowjet-Unterzögersdorf. Abgerufen am 4. März 2019.
  8. Soviet Unterzögersdorf: Sector 1 – Walkthrough (Monochrom/2005). In: Ultimate Game Solutions. 11. März 2009, abgerufen am 4. März 2019.
  9. Sowjet-Unterzögersdorf: Sektor 2 - derStandard.at. Abgerufen am 5. März 2019 (österreichisches Deutsch).
  10. Tim Schürmann: Sowjet-Unterzögersdorf Sektor 2 erschienen. In: LinuxCommunity. 9. März 2009, abgerufen am 5. März 2019 (deutsch).
  11. Neural: Soviet-Unterzögersdorf, surreal socialism | Neural. Abgerufen am 22. Februar 2019 (amerikanisches Englisch).
  12. furtherfield review - Interview with Johannes Grenzfurthner of monochrom Part 1. 27. Oktober 2010, abgerufen am 22. Februar 2019.
  13. SOWJET-UNTERZOEGERSDORF / das adventure game. Abgerufen am 22. Februar 2019.
  14. Blunzen gegen den Boulevard - derStandard.at. Abgerufen am 22. Februar 2019 (österreichisches Deutsch).
  15. „Ich will Planwirtschaft“ - derStandard.at. Abgerufen am 22. Februar 2019 (österreichisches Deutsch).
  16. Menschen der Woche. Abgerufen am 22. Februar 2019.
  17. 'Best Internet Game of the Month: Soviet Unterzoegersdorf: Sector 1', in: The Edge (Zeitschrift), November 2005
  18. Bruce Sterling: Adventures in Soviet-Unterzogersdorf. In: Wired. 8. März 2009, ISSN 1059-1028 (wired.com [abgerufen am 22. Februar 2019]).
  19. Sowjet-Unterzögersdorf: Sektor 2 - derStandard.at. Abgerufen am 22. Februar 2019 (österreichisches Deutsch).
  20. Sowjet-Unterzögersdorf: Sektor 2 - alle Kraft für den Kommunismus. Abgerufen am 22. Februar 2019.
  21. Unterwegs in der Utopie - fm4.ORF.at. Abgerufen am 22. Februar 2019.
  22. Charlie Jane Anders: A Totally Demented Alternate History of a 21st Century Soviet Holdout. Abgerufen am 22. Februar 2019 (amerikanisches Englisch).
  23. Sierra Zulu Draws Attention to Soviet Austria. Abgerufen am 22. Februar 2019.
  24. Frito-Lay Puts Cheetos Brand in Bloggers' Hands. Abgerufen am 22. Februar 2019 (englisch).
  25. Nikita Chrusov of Soviet Unterzogersdorf Visits ETech 2008. In: Laughing Squid. 6. März 2008, abgerufen am 22. Februar 2019 (amerikanisches Englisch).
  26. beckedahl: NetzpolitikTV 057: Soviet Unterzoegersdorf auf dem 25c3. In: netzpolitik.org. 30. Dezember 2008, abgerufen am 22. Februar 2019 (deutsch).