Silberne Operettenära

Als Silberne Ära wurde von den Nationalsozialisten ein Zeitabschnitt in der Geschichte der Operette bezeichnet, der auf die Goldene Ära der Wiener Operette folge. Er dauere etwa von 1900 bis um 1940. und wurde von diesen gebraucht, um insbesondere jüdische Komponisten und Librettisten mehr oder minder stillschweigend vom Spielplan zu entfernen. Er wird heute wissenschaftlich nicht mehr verwendet, es findet sich jedoch in verschiedener Sekundär- und Populärliteratur nach wie vor eine gedankenlose Übernahme dieses NS-Begriffes.

ZeitumständeBearbeiten

Die Zeit von 1900 bis Anfang der 1930er Jahre ist geprägt von einer wirtschaftlichen Blüte des Genres Operette und zahlreichen Theaterneugründungen oder Theaterumwandlungen zu ihren Gunsten. Für die Operette erbaut wurden etwa das Johann Strauß-Theater, das Wiener Bürgertheater oder das Wiener Stadttheater. Zugleich war dies eine Zeit der zunehmenden Internationalisierung der Wiener Operette, die sich in fast zeitgleichen Ur- beziehungsweise Erstaufführungen in Wien, Berlin und New York City zeigt. Dieser Zeitraum endete mit dem Siegeszug der Revue sowie des Kinofilms in den 1920er-Jahren. Nachfolgende Operetten werden oft als „bronzene“ oder spöttisch als „blecherne“ bezeichnet.

VertreterBearbeiten

 
Zygmunt Skwirczyński: Die Fixsterne der Wiener Operette, umgeben von ihren Trabanten, im Café Museum in der Neujahrsausgabe 1911 der Illustrierten Zeitung

Als Hauptvertreter dieses Zeitraums werden oft Franz Lehár mit Die lustige Witwe, Der Graf von Luxemburg, Giuditta, Paganini, Das Land des Lächelns, Der Zarewitsch, Leo Fall mit Die Dollarprinzessin, Der fidele Bauer, Die Rose von Stambul und Madame Pompadour, Emmerich Kálmán mit Gräfin Mariza und Die Csárdásfürstin sowie Ralph Benatzky mit Im weißen Rößl genannt.

Weitere namhafte Komponisten dieser Zeit waren Oscar Straus, Edmund Eysler, Robert Stolz, Nico Dostal oder Rudolf Kattnigg.

Zu den großen Bühnenstars dieser Operetten gehörten der Tenor Richard Tauber sowie die Sopranistinnen Fritzi Massary und Vera Schwarz, auch der Komiker Max Pallenberg. Im Übergang zur Tonfilmzeit (seit etwa 1930) profilierten sich die Tenöre Jan Kiepura und Joseph Schmidt.

Kontroversen in der SekundärliteraturBearbeiten

Die geringere Wertschätzung einer „silbernen“ Operette gegenüber einer „goldenen“ des 19. Jahrhunderts wurde von den Nationalsozialisten durch den Wertunterschied von (realem) Gold und Silber bewusst eingesetzt. Auf diese Weise gelang es ihnen nicht nur, das Repertoire von Komponisten und Librettisten auszudünnen, auf diese Weise konnten aber auch internationale Entwicklungen, wie in England, Ungarn, Spanien, Italien und Frankreich völlig ausgeblendet werden. Er wurde in der neueren Literatur häufig in Frage gestellt worden[1] – ohne etwa den NS-Hintergrund des Begriffs zu reflektieren. Er traf zudem auf die Alt-Wien-Mode des 20. Jahrhunderts, die das Zeitgenössische mit Vorliebe gegenüber einer verklärten Vergangenheit abwertete. In dieser Phase der Operette „ragten Juden besonders heraus“,[2] sodass auch der Antisemitismus weiterer Grund für die Herabstufung ist. Ein gedankenloses Verwenden dieses Begriffs, wie es noch immer geschieht, verbietet sich, so der Librettologe Albert Gier.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Marion Linhardt: Residenzstadt und Metropole: Zu einer kulturellen Topographie des Wiener Unterhaltungstheaters (1858–1918) (= Theatron. 50). Niemeyer, Tübingen 2006, ISBN 3-484-66050-3, S. 124 ff.
  2. Steven Beller: Geschichte Österreichs. Aus dem Englischen von Susi Schneider. Böhlau, Wien 2007, ISBN 978-3-205-77528-7, S. 204.