Senatus consultum Silanianum

Beschluss des römischen Senats

Das Senatus consultum Silanianum ist ein im Jahr 10 n. Chr. ergangener Beschluss des römischen Senats[1][2] und gilt als einer der berüchtigten ermittlungsrechtlichen Rechtsakte der Augustusära. Verfahrensrechtlichen Regelungsbedarf erblickte Rom in den Fällen, in denen es Todesfälle aufzuklären galt. Deshalb ordnete der Beschluss an, dass Sklaven zur Aufklärung des (gewaltsamen) Todes ihres dominus gefoltert werden durften, da so Aussagen zum Informationsgewinn zu erwarten waren.

Zweifelhaft ist in der Forschung geblieben, ob der Beschluss auch im Falle eines Suizids des Patrons anwendbar war.[3] Widersetzten sich die Sklaven, konnten sie sogar zu Tode gefoltert werden, wenn nicht bereits erwiesen war, dass sie sich in Wahrheit zum Schutze ihres Herren eingesetzt hatten.[4]

Unter Trajan wurde das Regelwerk um die Wende ins zweite Jahrhundert noch verschärft, denn nun wurden auch ehemalige Sklaven, sogenannte Freigelassene, gesetzlich davon erfasst. Es galt bei ihnen allerdings die Einschränkung, dass lediglich Ermittlungsmaßnahmen gegen sie eingeleitet werden durften, nicht hingegen sollte der Sanktionsapparat der Bestrafung greifen.[5] Schon Hadrian relativierte das senatus consultum wieder, denn er interpretierte es als rein strafrechtliche Maßnahme. Folglich verlangte er den Nachweis eines erfüllten Schuldvorwurfs gegen den Gewaltuntergebenen.[1] Bis in die Zeit Justinians wurden ergänzende oder abändernde Anordnungen getroffen, um erkennungsdienstliche Maßnahmen ergreifen zu können beziehungsweise zu Sanktionen aussprechen zu können.[3]

Unter zeitgenössischen und später tätigen hoch- und spätklassischen Juristen wurde der Senatsbeschluss mehrmals besprochen; dies nicht nur hinsichtlich seiner Bedeutung als Rechtsquelle, denn die Durchsetzbarkeit von Senatuskonsulten war aufgrund der hohen Dominanz des Gradmessers lex (gesetztes Recht) in der Antike anfangs erheblich bestritten (legis vicem optinere),[6] sondern auch in Ansehung seiner inhaltlichen Regelungen. Ausweislich des „Index auctorum“ der justinianischen Digesten, hat Iulius Paulus der Rechtsquelle gar eine Monografie gewidmet (Ad senatus consultum Silanianum).[3] Heute lassen sich die Diskussionen der Juristen in den Digesten aufspüren. Festgehalten sind dort die Ausführungen der Juristenklassiker Ulpian und Gaius. Beide verdeutlichen zudem, dass das sensible Thema der Folterung testamentarisch Freigelassener, bereits zu Neros Zeiten gehörig diskutiert wurde. Nero soll dafür so lange Testamentseröffnungsverbote verhängt haben, bis die erkennungsdienstlichen Untersuchungen zu einem Ende gefunden hatten. Währenddessen ließ er ungestört Foltermaßnahmen umsetzen, für die das Konsult selbst keinen Raum gab. Zur Rechtfertigung der Maßnahmen soll Nero im Jahr 57 n. Chr. einen ergänzenden senatorischen Beschluss, den „senatus consultum Neronianum“, veranlasst haben. Soweit Nero Freigelassene damit durch Erweiterung der Handlungsspielräume wie Sklaven behandelte, kehrte Trajan wieder auf den Boden des Senatuskonsults zurück, denn seine eigenen Maßnahmen legitimierte er allein daraus.[7]

LiteraturBearbeiten

  • Danilo Dalla: Senatus consultum Silanianum, (Band 88 von Seminario giuridico della Università di Bologna), Verlag Giuffre, 1980.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Joseph Georg Wolf: Das Senatusconsultum Silanianum und die Senatsrede des C. Cassius Longinus aus dem Jahre 61 n. Chr., (vorgetragen am 17. Jan. 1987), Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse; 1988,2; ISBN 978-3-533-04023-1, S. 48 f.
  2. Max Kaser: Römisches Privatrecht. Kurzlehrbücher für das juristische Studium. München 1960. Ab der 16. Auflage 1992 fortgeführt von Rolf Knütel. 18. Auflage ISBN 3-406-53886-X, I § 67 I S. 283, Anm. 3 und § 67 II 3, S. 285, Anm. 25.
  3. a b c Wolfgang Ernst: Rechtserkenntnis durch Richtermehrheiten. „Group choice“ in europäischen Justiztraditionen, Mohr Siebeck 2016, ISBN 978-3-16-154361-6, S. 37 ff (38).
  4. Friedrich Ebel, Georg Thielmann: Rechtsgeschichte: von der Römischen Antike bis zur Neuzeit, 3. neu bearbeitete Auflage, C.F. Müller Heidelberg 2003, ISBN 3-8114-1199-3, S. 60.
  5. Digesten, 29,5,10,1.
  6. Max Kaser: Römische Rechtsquellen und angewandte Juristenmethode. in: Forschungen zum Römischen Recht Band 36. Verlag Böhlau, Wien, Köln, Graz, 1986. ISBN 3-205-05001-0. S. 16 f.
  7. Digesten 19,5,3,18 ff. Ulpian, 50 ed., 29,5,25,2. Gaius 17 ed. prov.