Hauptmenü öffnen

Psychophysischer Parallelismus

philosophische Theorie
Gottfried Wilhelm Leibniz,
Porträt von Christoph Bernhard Francke, um 1700; Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig

Als Psychophysischer Parallelismus wird eine philosophische Position zum sogenannten Leib-Seele-Problem bezeichnet. Ihr zufolge besteht eine Ereignisparallelität zwischen einem psychischen und einem physischen Phänomenbereich. Mit dieser Annahme sollen Probleme behoben werden, die sich aus der interaktionistischen Lösung des Leib-Seele-Problems ergeben.[1]

Geschichte der TheorieBearbeiten

Im 17. und 18. JahrhundertBearbeiten

Im Kontext des Leib-Seele-Problems ist die Verwendung des Begriffs „Parallelismus“ zum ersten Mal bei dem neuzeitlichen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz nachweisbar. In seinen Essais de Théodicée spricht er an zwei Stellen von einem Parallelismus, der zwischen einem Reich der Gnade und einem Reich der Natur („parallélisme harmonique des Regnes de la Nature et de la Grace“) bzw. zwischen einem Reich der Zwecke (Finalursachen) und einem Reich der Wirkungen (Effektursachen) bestehe (parallélisme des deux regnes, de celui des causes finales et de celui des causes efficientes).[2] Mit dem Reich der Gnade bzw. der Zwecke ist der psychische, mit dem Reich der Natur bzw. der Wirkungen der physische Phänomenbereich bezeichnet.[3] Mit der These einer Parallelität dieser Bereiche begegnet Leibniz einer entscheidenden Schwierigkeit der interaktionistischen Lösung des Leib-Seele-Problems, wie sie von René Descartes vorgeschlagen worden ist. Dieser erkannte zwar an, dass stets dieselbe Quantität der Bewegung bzw. Kraft erhalten bleibt, nicht aber dieselbe Bewegungsrichtung. Das heißt, dass mit der cartesischen Annahme einer bloßen Richtungsänderung der Bewegung eines Körpers über die Zirbeldrüse die Annahme eines sogenannten physikalischen Einflusses (influxus physicus) einhergeht. Ein physikalisch wirksamer Einfluss in den Bereich physischer Phänomene von einer Kraftquelle außerhalb dieses Bereichs widerspricht jedoch dem Energieerhaltungssatz.[4] Die Annahme einer psychophysischen Parallelität behebt diesen Widerspruch dadurch, dass jedes physische Phänomen seine Entsprechung im psychischen Bereich und jedes psychische Phänomen seine Entsprechung im physischen Bereich findet. Dadurch würde es bloß so scheinen als ob ein psychisches Ereignis ein physisches und ein physisches Ereignis ein psychisches verursachen könne, während dieser Schein seinen realen Grund in einer Parallelität der Ereignisse habe. Gewährleistet sei diese Parallelität durch die vollkommene Schöpfung Gottes, der beide Phänomenbereiche im Vorhinein so vollendet eingerichtet habe, dass sie stets übereinstimmen (hypothèse des accords).[5][6][7]

Leibniz spricht allerdings selbst eher selten von einer "Parallelität" und bevorzugt den Begriff der „Harmonie“. So ist in seiner berühmten Monadologie von einer Parallelität überhaupt nicht mehr die Rede. Stattdessen heißt es:

„Die Seelen agieren gemäß der Finalursachen [...]. Die Körper agieren gemäß der Effektursachen [...]. Die beiden Reiche, dasjenige der Effektursachen und dasjenige der Finalursachen, sind miteinander harmonisch.“

Gottfried Wilhelm Leibniz: : Monadologie § 79.[8]

Mit dem Begriff der Harmonie grenzt sich Leibniz von dem ebenfalls parallelistischen Lösungsvorschlag des später sogenannten Okkasionalismus' (systema causarum occasionalium) ab und stellt ihm sein „System der prästabilierten Harmonie“ gegenüber.[9] Nach Leibniz versuche der Okkasionalismus die cartesische Psychologie durch die Annahme einer gelegentlichen (okkasionellen) Assistenz Gottes (concursus dei) zu retten. Diese Position laufe darauf hinaus, dass die Parallelität der Phänomenbereiche im Falle einer Abweichung voneinander quasi wie durch ein ständiges göttliches Wunder (deus ex machina) wieder hergestellt werde. Diese Annahme eines nachträglichen Eingriffs Gottes in das Weltgeschehen verstoße jedoch gegen die allseits anerkannte Vollkommenheit Gottes und seiner Schöpfung. Denn wenn Gott seine eigene Schöpfung korrigieren müsse, dann könne er nicht mehr als vollkommen gelten, da er seine eigene Schöpfung auch hätte besser machen können.[10][11]

Allerdings steht der Okkasionalist Arnold Geulincx dem leibnizschen Parallelismus weitaus näher als dies Leibniz selbst sieht. Dessen berühmtes Uhrengleichnis, das Leibniz zur Veranschaulichung seiner eigenen Position wohl aus Unkenntnis ohne Quellenangabe mehrfach anführt, läuft gleichfalls darauf hinaus, dass Gott im Vorhinein die verschiedenen Phänomenbereiche parallelisiert habe.[12] Leibniz war deswegen bereits früh mit dem Vorwurf des Plagiats und der Konstruktion eines Strohmann-Arguments konfrontiert.[13][14] Im Unterschied zum Parallelismus geulincxscher Provenienz lehnt Leibniz' jedoch die substantielle Unterscheidung der verschiedenen Phänomenbereiche strikt ab. Während der geulincxsche Parallelismus dem cartesischen Substanzdualismus verpflichtet bleibt, spricht sich Leibniz explizit gegen die cartesische Unterscheidung einer psychischen (res cogitans) und einer physischen Substanz (res extensa) aus und plädiert dafür, die psychischen und physischen Phänomene als verschiedene Perspektiven auf bloß einen Seinsbereich zu verstehen.[15] Statt zweier Ereignisfolgen, die unabhängig voneinander, substantiell verschieden und parallel nebeneinander ablaufen würden, wie es Geulincx annimmt, geht der leibnizsche Parallelismus von zwei ineinander greifender Reiche bzw. Perspektiven auf die Welt aus. Hierfür bemüht Leibniz die Metapher eines „imperium in imperio“,[16] die bei ihm den Sinn hat, dass jeder Effektursache eine Finalursache entspricht. Damit gilt Leibniz neben Baruch de Spinoza als ein maßgeblicher Vorläufer moderner Identitätstheorien.[17]

Das leibnizsche System der präetablierten Harmonie wurde von Immanuel Kant noch „Prästabilismus“ genannt.[18] Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist in Anlehnung an die Psychophysik Gustav Th. Fechners und dessen expliziten Bezug auf die Monadologie üblich geworden,[19] auch das System der präetablierte Harmonie unter dem Titel „Psychophysischer Parallelismus“ zu fassen. Diese Übertragung blendet jedoch aus, dass die präetablierte Harmonie eine weitaus umfassendere Absicht verfolgt, als bloß ein Lösungsvorschlag des Leib-Seele-Problems zu sein.[20]

Im 19. und 20. JahrhundertBearbeiten

 
Gustav Theodor Fechner

Im 19. Jahrhundert wurde unter dem Psychophysischen Parallelismus eine Spielart des Eigenschaftsdualismus verstanden, die von Gustav Theodor Fechner (1801–1887) stammt. Fechner hat auch den Ausdruck „Psychophysik“ erfunden. Seine Auffassung war unter Physiologen, Psychologen, Philosophen und Physikern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sehr weit verbreitet. Zwar haben bei Fechner der psychische und physische Bereich wie bei Leibniz ebenfalls keinerlei kausalen Einfluss aufeinander. Der Grund für dieses nicht-kausale Verhältnis und die Parallelität liegt jedoch nicht wie bei Leibniz in einer prästabilierten Harmonie, sondern in der unterschiedlichen Perspektive, die zu den Dingen eingenommen wird. Fechner greift zur Erläuterung die Uhrenanalogie von Leibniz auf: Während für Leibniz Leib und Seele wie zwei Uhren sind, die von ihrem Schöpfer auf dieselbe Zeit eingestellt wurden und deshalb ohne kausalen Einfluss aufeinander parallel gehen, sind für Fechner Leib und Seele sozusagen eine einzige Uhr, die aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet wird: aus der äußeren auf die Uhr und aus der inneren in die Uhr selbst. Das Psychische ist also das aus der Perspektive der ersten Person Gegebene, während das Physische das aus der dritten Person Gegebene umfasst. Die Parallelität geht demnach nicht wie bei Leibniz auf eine gemeinsame Ursache, nämlich Gott, zurück, sondern auf das korrelierte Auftreten von perspektivisch unterschiedlichen Eigenschaften eines und desselben Eigenschaftsträgers. Die psychische und physische Seite des Menschen betreffen also nach dieser Sicht die Art und Weise seines Gegebenseins. Fechner hat seine Lösung des Leib-Seele-Problems selbst „Identitätsansicht“ genannt. Der Ausdruck „Psychophysischer Parallelismus“ hat sich wohl durch den Psychologen Wilhelm Wundt eingebürgert, der für niedrige psychische Funktionen ebenfalls den Psychophysischen Parallelismus vertrat.

Fechner versuchte induktiv zu begründen, dass seine Zweiseitenlehre nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf das Universum als Ganzes anwendbar ist. Er meinte auf diesen Panpsychismus aus dem Systemcharakter des Universums schließen zu können, der ganz analog zu dem Systemcharakter des Menschen sei. Die Argumentation ist also ähnlich wie im modernen Funktionalismus (Philosophie) der Philosophie des Geistes. Die Annahme seines Panpsychismus ist jedoch logisch unabhängig von der Annahme des Psychophysischen Parallelismus in Bezug auf den Menschen. Viele Autoren sprachen deshalb auch vom „Psychophysiologischen Parallelismus“, um sich nicht dem Verdacht des Panpsychismus auszusetzen. (Der Begründer der Allgemeinen Systemtheorie Ludwig von Bertalanffy hat über Fechners Systemideen seine Dissertation geschrieben.)

Fechners Lehre verband sich bei dem österreichischen Philosophen Alois Riehl mit der Seelenlehre, die Immanuel Kant im Paralogismen-Kapitel der transzendentalen Dialektik seiner Kritik der reinen Vernunft entwickelt hat. Mit dieser „Identitätstheorie“, wie Riehl sie nannte, beschäftigte sich auch der Physiker und Philosoph und Leiter des Wiener Kreises Moritz Schlick, in seinem Werk Allgemeine Erkenntnislehre (1918) und diskutierte sie dort, wie auch den Parallelismus selbst.[21]

GegenwartBearbeiten

Ende der 1950er Jahre wurde eine anfängliche Varietät der physikalistischen bzw. reduktionistischen "Identitätstheorie" (englisch identity theory) von John Smart und Herbert Feigl (Moritz Schlicks zeitweiliger Assistent und Schüler), der 1930 in die USA emigrierte, entwickelt,[22] worauf Ullin Place dann aufbaute. In der Gegenwart vertritt der amerikanische Philosoph Thomas Nagel ähnliche Positionen.

Der Psychophysische Parallelismus lebt in der Sprechweise der Neurophysiologie vom Neuronalen Korrelat fort, das von dieser Wissenschaft für geistige Leistungen im neuralen Substrat, meist durch bildgebende Verfahren, aufgesucht wird.

LiteraturBearbeiten

  • Oskar Kuhn: Die Widerlegung des Materialismus. Verlag Gebr. Geiselberger, Altötting 1970, S. 113–129.
  • L. Addis: Parallelism, interactionism, and causation. In: P. A. French, J. T. E. Uehling & H. K. Wettstein (Hrsg.): Causation and causal theories. (= Midwest studies in philosophy Band 9) University of Minnesota Press, Minneapolis 1984, 329–344.
  • Uwe Meixner: The Two Sides of Being: A Reassessment of Psycho-Physical Dualism. Mentis, 2004, ISBN 3897853760 Review
  • T. Natsoulas: Gustav Bergmann's psychophysical parallelism. In: Behaviorism 12 (1984), 41–69.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vgl. Peter Bieri (Hrsg.): Analytische Philosophie des Geistes. 2. Auflage. Athenäum-Hain-Hanstein-Verlags-Gesellschaft, Bodenheim 1993, ISBN 978-3-8257-3006-2, S. 5–7.
  2. Gottfried Wilhelm Leibniz: Essais de Théodicée etc. I, §§ 18 & 74. Verlag François Daniël Changuion, Amsterdam 1710, zitiert nach Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Bd. 6, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 113 & 142.
  3. Vgl. Hans Poser: Leibniz' Philosophie. Über die Einheit von Metaphysik und Wissenschaft. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2016, ISBN 978-3-534-26846-7, S. 281–284.
  4. Vgl. Gottfried Wilhelm Leibniz: Monadologie § 80. Zitiert nach Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Bd. 6, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 620 f.
  5. Vgl. Gottfried Wilhelm Leibniz: Système nouveau de la nature et de la communication des substances etc. In: Journal des Sçavans. Paris 1695, S. 294–306.
  6. Vgl. Hubertus Busche: Übernatürlichkeit und Fensterlosigkeit der Monaden. In: Hubertus Busche (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz – Monadologie. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004336-4, S. 73–80
  7. Vgl. Thomas Leinkauf: Prästabilierte Harmonie. In: Hubertus Busche (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz – Monadologie. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004336-4, S. 197–209.
  8. Zitiert und übersetzt nach Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Bd. 6, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 620.
  9. Gottfried Wilhelm Leibniz: Essais de Théodicée etc. I, § 59. Verlag François Daniël Changuion, Amsterdam 1710, zit. n. Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Bd. 6, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 135.
  10. Vgl. Gottfried Wilhelm Leibniz: Extrait d'une lettre de M. Leibniz sur son Hypothèse de Philosophie etc. In: Journal des Sçavans. Paris 1696, S. 451–455.
  11. Vgl. Dirk Evers: Gottes Wahl der besten aller möglichen Welten. In: Hubertus Busche (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz – Monadologie. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004336-4, S. 129–143
  12. Vgl. Rainer Specht: Commercium mentis et corporis. Über Kausalvorstellungen im Cartesianismus. Friedrich Frommann Verlag (Günther Holzboog), Stuttgart-Bad Cannstatt 1966, S. 172–175.
  13. Vgl. Simon Foucher: Réponse de M.S.F. à M. de L.B.Z. sur son nouveau systême etc. In: Journal des Sçavans. Paris 1696, S. 422–426.
  14. Vgl. Eduard Zeller: Über die erste Ausgabe von Geulincx' Ehtic und Leibniz' Verhältnis zu Geulincx' Occasionalismus. In: Sitzungsbericht der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1884, S. 673–695.
  15. Vgl. Raphael Borchers: Zum substanzdualistischen Missverständnis der leibnizschen hypothèse des accords. In: Philosophisches Jahrbuch. Jg. 123, Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2016, S. 38–57.
  16. Gottfried Wilhelm Leibniz: Animadversiones in partem generalem Principiorum Cartesianorum II, § 64. Zitiert nach Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Bd. 4, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1880, S. 391.
  17. Vgl. Pirmin Stekeler-Weithofer: Das monadologische Strukturmodell der Welt. Leibniz zwischen Descartes und Kant. In: Herta Nagl-Docekal (Hrsg.): Leibniz heute lesen. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2018, S. 25–53.
  18. Vgl. Kritik der Urteilskraft § 81. Zitiert nach Kant’s Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe). Bd. 5, herausgegeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1913, S. 422.
  19. Vgl. Gustav Theodor Fechner: Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht. Verlag Breitkopf & Härtel, Leipzig 1879, S. 246–252.
  20. Vgl. Hans Poser: Gottfried Wilhelm Leibniz zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2005, S. 26–42
  21. Moritz Schlick: In: Allgemeine Erkenntnislehre. Julius Springer Verlag. Berlin, 1918. S. 178ff und Die Erkenntnis des Wirklichen 543ff.
  22. Patrice Soom: From Psychology to Neuroscience. Ontos Verlag. Heusenstamm, 2011. S. 6. ISBN 978-38683-8108-5.