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Octenidindihydrochlorid (Octenidin) ist ein unspezifischer antimikrobieller, kationenaktiver Wirkstoff aus der chemischen Gruppe der Bispyridine mit einer breiten Wirkung gegen Bakterien, Pilze und behüllte Viren. Octenidinhaltige Produkte werden topisch zur Desinfektion von Haut und Schleimhäuten zur Wunddesinfektion sowie zur MRSA-Dekontamination eingesetzt.[2][3][4][5][6]

Strukturformel
Strukturformel von Octenidin
Allgemeines
Freiname Octenidin
Andere Namen
  • N-Octyl-1-[10-(4-octyliminopyridin-1-yl)decyl]pyridin-4-imin (IUPAC)
  • N,N′-(Decan-1,10-diyldi-1(4H)-pyridyl-4-yliden)bis(octylammonium)dichlorid
  • Octenidinum (Latein)
Summenformel C36H62N4
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer
ECHA-InfoCard 100.068.035
PubChem 51167
Wikidata Q1409243
Arzneistoffangaben
ATC-Code
Wirkstoffklasse

Antiseptikum

Eigenschaften
Molare Masse 550,90 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

215–217 °C (Dihydrochlorid)[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung
Piktogramm unbekannt
H- und P-Sätze H: ?
EUH: ?
P: ?
Toxikologische Daten
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Inhaltsverzeichnis

EinsatzbereichBearbeiten

Octenidindihydrochlorid wird meist in Kombination mit Phenoxyethanol (octenisept®) zur Desinfektion von Haut- und Schleimhautwunden, sowie zur antiseptischen Behandlung der Schleimhaut der Mundhöhle und des Uro- und Anogenitalbereichs, z. B. vor Operationen im Anal- und Genitalbereich und zur Vorbereitung des Legens eines Harnblasen-Katheters verwendet.

WirkungsspektrumBearbeiten

Octenidindihydrochlorid wirkt bakterizid sowohl gegen grampositive als auch -negative Bakterien, viruzid gegen lipophile (behüllte) Viren wie die Herpes-simplex-Viren und das Hepatitis-B-Virus, sowie mikrobizid gegen Trichomonas vaginalis.[7] Außerdem wirkt es fungizid, aber nicht sporizid.

Vorteile/NachteileBearbeiten

VorteileBearbeiten

  • geruchlos
  • farblos
  • schmerzfreie Anwendung
  • breites Wirkungsspektrum
  • Remanenzwirkung
  • schneller Wirkungseintritt[8]
  • keine Resistenzentwicklung[9]
  • gute Gewebeverträglichkeit[10]
  • keine systemischen Nebenwirkungen aufgrund fehlender Resorption[11][12]
  • keine Inaktivierung durch Eiweiß
  • während der Schwangerschaft und Stillzeit anwendbar[13][14]
  • bei Neu- und Frühgeborenen anwendbar[15]

NachteileBearbeiten

  • Knorpeltoxizität (darf ebenso wie Polyhexanid nicht auf Knorpelgewebe und im Innenohr bzw. in Nähe des Trommelfells angewendet werden)
  • kontraindiziert für die Spülung der Bauchhöhle und Harnblase
  • befristete Anwendung, nicht zur Daueranwendung
  • kann bei nicht-oberflächlicher Anwendung, etwa nach Wundspülung, zur chronischen Inflammation und aseptischen Nekrose führen[16][17]

HinweiseBearbeiten

Bei gleichzeitiger Anwendung von PVP-Iod-basierten Antiseptika kann es im Grenzbereich zu bräunlich bis violetten Hautverfärbungen kommen.

Bei der Versorgung von Stichwunden etwa im Handbereich – sowie generell bei der Behandlung von Wundkavitäten – mit Octenidin ist darauf zu achten, dass das Präparat nicht unter Druck (z. B. über eine Knopfkanüle) appliziert wird und frei abfließen kann (z. B. mit Hilfe einer Drainage), da es ansonsten zu massiven Ödemen und Gewebeschädigungen kommen kann, die möglicherweise chirurgisch saniert werden müssen.[18]

HandelsnamenBearbeiten

octenisept® (mit Phenoxyethanol), octeniderm® (mit 1-Propanol und 2-Propanol), octenisept® Wundgel, octenidol® Mundspüllösung, octenilin® Wundgel, octenilin® Wundspüllösung, octenisan® Waschlotion, octenisan® Waschhandschuhe, octenisan® Waschhaube, octenisan® Nasengel

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Eintrag zu Octenidin-dihydrochlorid. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 19. Juni 2014.
  2. Wallhäußers Praxis der Sterilisation, Antiseptik und Konservierung. ISBN 978-3-13-141121-1)
  3. N. O. Hübner u. a.: Skin Pharmacol Physiol. 23, 2010, S. 244–258.
  4. T. Koburger u. a. in: J Antimicrob Chemother. 65, 2010, S. 1712–1719.
  5. RKI: Empfehlung zur Prävention und Kontrolle von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus-Stämmen (MRSA) in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2014, 57, S. 696–732.
  6. N. O. Hübner u. a. in: GMS Krankenhaushygiene International. 2009, 4(2).
  7. Erik Küng, Jacek Pietrzak, Christoph Klaus, Julia Walochnik: In vitro effect of octenidine dihydrochloride against Trichomonas vaginalis. In: Elsevier (Hrsg.): International journal of antimicrobial agents. Band 47, Nr. 3. Elsevier, 2016, S. 232–234.
  8. T. Koburger u. a. in: J Antimicrob Chemother. 65, 2010, S. 1712–1719.
  9. Z. Al-Doori u. a. in: Journal of Antimicrobial Chemotherapy. 59, 2007, S. 1280–1282.
  10. G. Müller, A. Kramer: in: Journal of Antimicrobial Chemotherapy. 61, 2008, S. 1281–1287.
  11. J. Stahl u. a. In: International Wound Journal. 7, 2010, S. 62–69.
  12. Stahl u. a. in: BMC Veterinary Research. 7, 2011, S. 44.
  13. Briese u. a. in: Arch Gynecol Obstet. 283, 2011, S. 585–590.
  14. Mikic A Novakov, S. Stojic in: Arch Gynecol Obstet. 292(2), 2015, S. 371–376.
  15. RKI: Empfehlung zur Prävention nosokomialer Infektionen bei neonatologischen Intensivpflegepatienten mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2007, 50, 1265–1303.
  16. Biermann CD1, Kribs A1, Roth B1, Tantcheva-Poor I2.: Use and Cutaneous Side Effects of Skin Antiseptics in Extremely Low Birth Weight Infants - A Retrospective Survey of the German NICUs.. In: Klin Padiatr. 228, Nr. 4, 2016, S. 208–12. doi:10.1055/s-0042-104122.
  17. Lachapelle JM: A comparison of the irritant and allergenic properties of antiseptics.. In: Eur J Dermatol.. 24, Nr. 1, 2014, S. 3–9. doi:10.1684/ejd.2013.2198..
  18. Rote Hand Brief: Wichtige Information zur Arzneimittelsicherheit von Octenisept® (Octenidindihydrochlorid, Phenoxyethanol) Oedematöse Schwellungen und Gewebeschädigungen nach Einbringen unter Druck in Stichwunden bei handchirurgischen Eingriffen (Memento vom 17. Juni 2012 im Internet Archive), 7. Februar 2008 (PDF; 171 kB).
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