ICAO-Alphabet

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Das ICAO-Alphabet (auch Internationale Buchstabiertafel, Internationales Buchstabieralphabet, ICAO-Buchstabieralphabet, NATO-Alphabet oder NATO-Buchstabiertafel) ist eine international verwendete Buchstabiertafel.

ICAO-/NATO-Alphabet in einem US-amerikanischen Militärhandbuch[1]

Laut DIN 5009:2022-06 kann diese Buchstabiertafel im deutschen Wirtschafts- und Verwaltungswesen an Stelle der Deutschen Buchstabiertafel für Wirtschaft und Verwaltung verwendet werden, wenn es so von den ansagenden und hörenden Personen gewünscht wird.

NormungsträgerBearbeiten

Die internationale Buchstabiertafel ist von der International Civil Aviation Organization (ICAO) standardisiert[2] im Anhang 10, Band II, Chapter 5, Figure 5-1, zum Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt.[3] Dort wird sie als „The Radiotelephony Spelling Alphabet“ bezeichnet. Die Ziffern von 0 bis 9 werden in Chapter 5, Nr. 5.2.1.4.3 separat geregelt. Chapter 5, Nr. 5.2.1.3 legt fest, dass im internationalen Flugfunk Eigennamen, Betriebsabkürzungen und Wörter mit unklarer Schreibweise nach der internationalen Buchstabiertafel zu buchstabieren sind.

Die Internationale Fernmeldeunion (ITU) hat diese Buchstabiertafel übernommen und in der Vollzugsordnung für den Funkdienst (VO Funk) veröffentlicht, dort im Anhang 14[4][5] (Appendix 14 [Rev.WRC-07], Nr. 1 und 2). Sie wird in der VO Funk als „Phonetic alphabet and figure code“ bezeichnet, umfasst hier also auf gleicher Regelungshöhe auch die Aussprache der Ziffern. Die VO Funk legt fest, dass bei Bedarf Rufzeichen, Betriebsabkürzungen und Wörter nach der internationalen Buchstabiertafel auszusprechen sind. Diese Regelung ist für alle international arbeitenden Funkdienste verbindlich. Die ITU verwendet jedoch andere Ansagewörter für Ziffern als die ICAO (ITU: doppelte Ansageformen; ICAO: einfache Ansageformen).

Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) hat die Buchstabiertafel in die Standard Marine Communication Phrases, Abschnitt General, unter der Überschrift „Spelling“ aufgenommen (2.1 Spelling of letters, 2.2 Spelling of digits and numbers).[6]

VerwendungBearbeiten

Die internationale Buchstabiertafel der ICAO findet Anwendung beispielsweise im internationalen Funkverkehr und häufig in der militärischen Kommunikation der westlichen Streitkräfte (NATO). Da die letztgenannte Anwendung weitläufig bekannt ist, wird die Buchstabiertafel häufig als „NATO-Alphabet“ bezeichnet.

Neben der Verwendung im Sprechfunk dient die Internationale Buchstabiertafel vielfältigen Zwecken, wie der Bezeichnung von Positionen, Meldepunkten, Zeitzonen oder Schlüsselwörtern.

In den Funkdiensten, in denen Rufzeichen verwendet werden, muss im internationalen Funkverkehr die Rufzeichennennung gemäß der VO Funk nach dem Internationalen Buchstabieralphabet erfolgen. Davon ist beispielsweise der Seefunkdienst ebenso betroffen wie der Amateurfunk (siehe Weblink zur Amtsblatt-Verfügung 13/2005 der Bundesnetzagentur). Obwohl zur Erlangung eines Amateurfunkzeugnisses die Kenntnis des Internationalen Buchstabiertafel der ICAO zwingend erforderlich ist, wird sie im Amateurfunk nicht immer unverändert verwendet. Stattdessen wird oftmals eine Mischung aus internationalem Buchstabieralphabet, ARRL-Alphabet (hier insbesondere „Nancy“, „Queen“ und „Sugar“) und eigenen Schöpfungen („Ocean“ – in keiner anderen Buchstabiertafel enthalten) verwendet.

Historische EntwicklungBearbeiten

Die ICAO bemerkte im Jahr 1947, dass die bis dahin im internationalen Flugfunkverkehr verwendete Buchstabiertafel (Able, Baker, Charlie, …) für nicht-englische Muttersprachler ungeeignet war. Folglich ließ die ICAO in den Jahren 1948 und 1949 von der Universität Montreal eine neue Buchstabiertafel entwickeln. Kommunikationsexperten aus aller Welt trafen sich in Montreal und beschlossen die Verwendung einer damals neuen Buchstabiertafel. Dieses ursprüngliche Alphabet, 1951 in Kraft getreten, enthielt allerdings noch die Wörter „Coca“ statt Charlie, „Metro“ statt Mike, „Nectar“ statt November, „Union“ statt Uniform und „Extra“ statt X-ray. Wegen Schwierigkeiten mit diesen Wörtern setzte die ICAO zum 1. März 1956 eine Änderung der ursprünglichen ICAO-Buchstabiertafel in Kraft, womit diese nun in der heute noch immer gültigen Form vorliegt.[7][8]

Bereits 1959 wurde diese Buchstabiertafel von der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) übernommen,[9] erweitert um die in der ITU bereits 1947 eingeführten Doppelschlüsselwörter für Zahlen.

In der Seefahrt wurde die Internationale Buchstabiertafel 1965 von der vierten Vollversammlung der Inter-Governmental Maritime Consultative Organization (IMCO), der Vorläuferin der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO), übernommen. Die IMCO machte die Internationale Buchstabiertafel zum Bestandteil des Internationalen Signalbuchs und setzte diese überarbeitete Version zum 1. April 1969 in Kraft.[10]

Andere englischsprachige Buchstabiertafeln spielen in den professionellen internationalen Funkdiensten heute keine Rolle mehr.

Übernahme durch die NATOBearbeiten

Die NATO hat das ICAO-Alphabet übernommen. Für Deutsch, Dänisch und Norwegisch wurden zusätzliche Bezeichner eingeführt, die aber nicht international verstanden werden.

  • Deutsch: Ärger, Öse, Übel. Für das ß und die Gruppen Ch und Sch gibt es keine Wörter.
  • Dänisch: Ægir, Ødis, Åse (für Æ, Ø und Å)
  • Norwegisch: Ægir, Ørnulf, Ågot (ältere Version: Ærlig, Østen, Åse)

Ziffern und ZahlenBearbeiten

Aussprachetabelle der ICAO, mit zweisilbiger Aussprache der Zahlwörter für 4 („fower“) und 9 („niner“):[11]
Ziffer Wort Aussprache (IPA)
0 Zero ˈziˈro
1 One ˈwan
2 Two ˈtu
3 Three ˈtri
4 Four ˈfo.ə
5 Five ˈfai̯f
6 Six ˈsɪks
7 Seven ˈsɛvən
8 Eight ˈei̯t
9 Nine ˈnai̯nə
00 Hundred ˈhandrɛd
000 Thousand ˈtau̯ˈzɛnd
Doppelschlüsselwörter der ITU:[12][13]
Ziffer Wort Aussprache
0 Nadazero NAH-DAH-SEH-RO
1 Unaone UH-NAH-WANN
2 Bissotwo BIS-SO-TUH
3 Terrathree TER-RA-TRIH
4 Kartefour KAR-TE-FAUER
5 Pantafive PANN-TA-FAIF
6 Soxisix SSOCK-SSI-SSIX
7 Setteseven SSET-TEH-SSÄWN
8 Oktoeight OCK-TO-ÄIT
9 Novenine NO-WEH-NAINER
1000 Thousand TAUSEND

Vom Standard-Englischen abweichende Schreibungen und Aussprachen Bearbeiten

Die Aussprache orientiert sich überwiegend am britischen Englisch, also z. B. ˈɛko statt dem deutschen ˈɛço oder auch ˈlima statt dem US-amerikanischen ˈlai̯ma.

Einige Schlüsselwörter werden anders geschrieben als der verwendete Begriff im Englischen: Der Grund für die abweichende Schreibung „Juliett“ (anstatt „Juliet“) liegt darin, dass frankophone Sprecher sonst auf die Idee kommen könnten, das „t“ sei stumm. Aus ähnlichem Grund wird auch „Alfa“ statt „Alpha“ geschrieben,[8] weil nicht in allen Sprachen die Aussprache von „ph“ wie „f“ selbstverständlich ist.

Ebenso sind Aussprache und Betonung geregelt und im Einzelfall vom Standard-Englisch abweichend.

Zur Vermeidung von Ausspracheproblemen und Missverständnissen werden einige Ziffern von der Schreibung abweichend ausgesprochen:[5][6][14][13] Die Schlüsselwörter für „4“ und „9“ werden zweisilbig ausgesprochen, also „fower“ ([foʊɝ] oder [fɑʊɝ]) statt „four“ ([fɔː(ɹ)]) und „niner“ ([naɪnɝ]) statt „nine“ ([naɪn]), und die „th“ bei „3“ und „1000“ werden durch „t“ ersetzt ([tɹiː] statt [θɹiː] und ['tɑʊznd] statt ['θɑʊznd]).

Eine weitere Regel gibt es für das Dezimaltrennzeichen, ganz gleich ob es ein Punkt oder ein Komma ist, wird es stets „Decimal“ ausgesprochen. Der Punkt als Satzzeichen dagegen wird durch das Schlüsselwort „Stop“ wiedergegeben.[5]

VerschiedenesBearbeiten

Das Lied La Reponse der Gruppe Ton Steine Scherben beginnt mit den Wörtern „Ici (frz.: „Hier (ist)“): Liverpool Italia Edison Baltimore Edison“. Auch das Lied Foxtrot Uniform Charlie Kilo der Bloodhound Gang macht sich die Buchstabiertafel als Euphemismus zunutze (ICAO-Alphabet). Ebenso ist der Titel Golf November von Reinhard Mey eine Verwendung des ICAO-Alphabets. Des Weiteren steht der Titel des Films Whiskey Tango Foxtrot im NATO-Alphabet für WTF, was wiederum für den Überraschungs-Ausdruck What the fuck steht (deutsch etwa „Was zum Teufel“ oder „Was zur Hölle“[15]).

Auch die Bezeichnung des Checkpoint Charlie in Berlin geht auf das ICAO-Alphabet zurück (vgl. Checkpoint Alpha, Checkpoint Bravo).

Im Vietnamkrieg war die Bezeichnung VC, Victor Charlie, beziehungsweise Charlie für die Truppen des Viet Cong gebräuchlich.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. U.S. Navy Signalman 3 & 2, NAVEDTRA No. 14244, 1996
  2. Abschnitt „Normative Verweisungen“ in DIN 5009:2022-06
  3. ICAO: International Standards and Recommendation Practices and Procedures for Air Navigation Services — Annex 10 to the Convention on International Civil Aviation — Aeronautical Telecommunications — Volume II: Communication Procedures including those with PANS status — Sixth Edition, October 2001, abgerufen am 18. Juli 2019
  4. Radio Regulations. ITU, 2020, abgerufen am 20. August 2021 (Download "English – zipped PDF", dort Dokument „RR-2020-00013-Vol.II-EA5.pdf“, Buchstabiertafel Seite 265, Ziffern Seite 266).
  5. a b c Anhang 14 (Memento vom 6. Juli 2011 im Internet Archive) der Vollzugsordnung für den Funkdienst
  6. a b Standard Marine Communication Phrases (Memento vom 10. Juni 2007 im Internet Archive) International Maritime Organization (IMO), 19. November 2001 (PDF), Seite 13
  7. ICAO: Milestones in International Civil Aviation, abgerufen am 18. Juli 2019
  8. a b The Postal History of ICAO – Annex 10 – Aeronautical Telecommunications. ICAO, abgerufen am 24. August 2021 (ausführliche Beschreibung der Entwicklung und Einführung der ICAO-Buchstabiertafel).
  9. Appendix 16: Phonetic Alphabet and Figure Code. In: Radio Regulations. International Telecommunication Union, Genf 1959, S. 430–431.
  10. International Code of Signals 1969. UK Department of Trade, Her Majesty’s Stationery Office, London 1969, ISBN 0-11-513492-1 (Historischer Abriss im Vorwort)
  11. Annex 10 to the Convention on International Civil Aviation: Aeronautical Telecommunications, Volume II, Figure 5-1: The Radiotelephony Spelling Alphabet
  12. Klaus E. Michael: Allgemeines Betriebszeugnis für Funker. Mit Allgemeinem Sprechfunkzeugnis für den Seefunkdienst. Yacht-Bücherei; Bd. 116. Klasing, Bielefeld 1996, ISBN 3-87412-157-7, S. 69.
  13. a b Bundesministerium für das Post- und Fernmeldewesen (Hrsg.): Handbuch für den Dienst bei Seefunkstellen (Handbuch Seefunk). 1. Auflage. Bonn 1981, S. 332 (Anlage 9, S. 2).
  14. ICAO Phonetics by the FAA (Memento vom 12. Oktober 2007 im Internet Archive)
  15. Dict.cc Übersetzungen für What the fuck (Abruf: 23. August 2021)