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Matto regiert (Film)

Film von Leopold Lindtberg (1947)

Matto regiert, in Deutschland unter dem Titel § 51 – Seelenarzt Dr. Laduner verliehen, ist ein Schweizer Kriminalspielfilm aus dem Jahre 1947 mit Heinrich Gretler, der hier seine bereits 1939 erstmals in Wachtmeister Studer gespielte Rolle des Polizeiermittlers Studer wieder aufnimmt. Die Regie in der Verfilmung von Friedrich Glausers gleichnamigem Roman führte wiederum Leopold Lindtberg.

Filmdaten
Deutscher Titel§ 51 – Seelenarzt Dr. Laduner
OriginaltitelMatto regiert
ProduktionslandSchweiz
OriginalspracheSchweizerdeutsch
Erscheinungsjahr1947
Länge113 (Schweiz 1947), 101 (Dtld. 1952) Minuten
AltersfreigabeFSK 16
Stab
RegieLeopold Lindtberg
DrehbuchAlfred Neumann
Leopold Lindtberg
nach dem gleichnamigen Roman (1936) von Friedrich Glauser
ProduktionLazar Wechsler für Praesens-Film, Zürich
MusikRobert Blum
KameraEmil Berna
SchnittHermann Haller
Besetzung

Inhaltsverzeichnis

HandlungBearbeiten

Der zentrale Handlungsort ist die Nervenheilanstalt von Randlingen. Dort stehen Chefarzt Dr. Borstli und der stellvertretende Direktor Dr. Laduner im Widerstreit. Laduner lehnt die herkömmlichen und von ihm als veraltet angesehenen Behandlungsmethoden ab. Während einer mehrmonatigen Abwesenheit Borstlis hat Laduner die Gelegenheit am Schopfe ergriffen, und den Patienten Herbert Caplaun, der sich von seinem tyrannischen Vater gequält fühlt, nach seinen eigenen, modernen Methoden geheilt. Als Borstli wieder zurückkehrt, verweigert er Laduner die Anerkennung und behauptet stattdessen, dass kein Erfolg sichtbar sei. So muss Caplaun weiterhin in der Klinik bleiben. Während eines Tanzvergnügens, das die Anstaltsinsassen auf die Beine gestellt haben, kommt es zum offenen Disput zwischen den beiden Nervenspezialisten. Herbert Caplaun, der die Auseinandersetzung mitbekommt, reagiert verstört und sucht bei der noch sehr jungen Krankenschwester Irma Wasem Trost. In derselben Nacht kann er den wachsamen Augen des Krankenwärters Gilgen entfleuchen und Dr. Borstli abfangen. Erregt macht Caplaun dem Direktor klar, dass er sich als geheilt betrachte, doch der Chefarzt lässt ihn abtropfen und erklärt von oben herab, dass er dies wohl kaum beurteilen könne. Wenig später findet man Herbert bewusstlos auf, während Dr. Borstli wie vom Erdboden verschluckt ist.

Die Polizei wird eingeschaltet, und Wachtmeister Studer, ein behäbiger und tief in sich ruhender Beamter, nimmt die Ermittlungen in diesem Vermisstenfall auf. Durch Laduner wird Studer in die ihm völlig fremde Welt der Geisteskrankheit eingeführt, in „Mattos Reich“, das Land der Verrückten, wie man sagt. Studer beginnt zunächst erst einmal jeden Winkel des grossflächigen Asylum-Areals abzusuchen, bis er schliesslich Borstlis Leiche im Schacht des hauseigenen Aufzugs findet. Herbert Caplaun leidet seit seiner ominösen Begegnung mit dem Toten an permanenter Schlaflosigkeit, er ist überzeugt, den Direktor ermordet zu haben. Dann begeht er eine Dummheit und überredet Krankenschwester Irma, mit ihm aus diesen unheilvollen Mauern zu entfliehen. In einem abgelegenen Chalet, dass Pfleger Gilgen gehört, kann Studer die beiden aufspüren. Herbert versucht sich umzubringen, weil er nun fest davon überzeugt ist, die Bluttat begangen zu haben. Studer sieht dies anders; das schmächtige Bürschchen könne unmöglich den gewichtigen Borstli in den Schacht gestossen haben. Vielmehr, so ergeben die Ermittlungen, muss der Täter die Fahrstuhltür so manipuliert haben, dass für den ahnungslosen Borstli der erste Schritt in den vermuteten Fahrstuhlraum zugleich der tiefste wurde und er ins Bodenlose stürzte.

Nach weiteren Ermittlungen stösst Wachtmeister Studer auf den Portier Dreyer, der hoch verschuldet ist. Es gibt Gründe, die ihn als Täter glaubhaft sein lassen. Von der Polizei gestellt, flieht der Mann über die Dächer der Anstalt und versucht, zu entkommen. Es kommt zu einer kurzen Hetzjagd, dann aber wird Dreyer von der Polizei in Gewahrsam genommen. Für Caplaun aber bedeutet die Lösung dieses Falls zugleich seine ersehnte Freiheit. Es hat sich herausgestellt, dass er nie wirklich geisteskrank war, sondern dass Borstli nur deshalb auf dessen Weiterbehandlung beharrte, weil Herberts Vater, Georg Caplaun, den Anstaltsdirektor dafür bezahlte, den rebellischen Sohn in der Irrenanstalt zu behalten. Während Dr. Laduner nun ein ernstes Wörtchen mit dem alten Caplaun wechselt, entschliesst das junge Liebespaar Herbert und Irma, dem düsteren Ort von Randlingen für immer den Rücken zuzukehren.

ProduktionsnotizenBearbeiten

Die Dreharbeiten zu Matto regiert begannen am 7. Dezember 1946 und endeten am 21. März 1947. Die Innenaufnahmen entstanden in den Filmstudios Bellerive und Rosenhof in Zürich, die Aussenaufnahmen wurden in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik von Königsfelden sowie in Brugg und Limmatufer hergestellt. Die Uraufführung am 17. April 1947 im Zürcher Rex-Kino statt. In Deutschland lief der Film unter dem Titel § 51 – Seelenarzt Dr. Laduner am 22. August 1952 an.

Die Produktionsleitung lag in den Händen von Oscar Düby, die Filmbauten entwarf Robert Furrer.

Die 20-jährige Elisabeth Müller gab hier ihren Einstand vor der Kamera. Für die beiden aus Hitler-Deutschland in die Schweiz geflohenen Schauspieler Fritz Delius und Hugo Döblin, die hier sehr kleine Rollen spielten, war dies der letzte Filmauftritt.

Der Film kostete etwa 395.000 Schweizer Franken und war, angesichts der Tatsache, dass man international nach dem Welterfolg von Lazar Wechslers Produktion Die letzte Chance einen weiteren, künstlerischen grossen Wurf anstatt eine Rückkehr zu einem regional-schweizerischen Thema erwartete, ein grosser finanzieller Misserfolg.

“matto” ist das italienische Wort für “verrückt”.

Zur EntstehungsgeschichteBearbeiten

 
Filmzeitschrift Mein Film mit dem Bildbericht zur Premiere in Wien, 1948

Ursprünglich wurde ein Drehbuch für diesen Film bereits 1942/43 von Richard Schweizer und David Wechsler verfasst, doch beide liessen ein Gespür für den Stoff, wie Hervé Dumont zu berichten weiss[1], vermissen. Noch im März des Jahres 1943 begannen die Dreharbeiten zu dem ersten “Matto”-Filmversuch. Gretler und der im Schweizer Exil lebende Theaterkünstler Wolfgang Langhoff in der Rolle des Dr. Laduner standen als Hauptdarsteller fest. Die Regie musste der künstlerisch sichtlich überforderte Schnittmeister und Schweizer Staatsbürger Hermann Haller übernehmen, da die Schweizer Fremdenpolizei nicht gewillt war, für diesen Film dem Ausländer Lindtberg erneut eine Arbeitsgenehmigung zu geben.[1] Nach nur einer Woche musste die Produktion abgebrochen werden, zumal auch der als Ersatzregisseur vorgesehene Max Haufler sich ausserstande sah, diesen komplexen Stoff zu inszenieren.[1]

Erst aus Hollywood kam Hilfe: Wilhelm Dieterle schlug daraufhin Wechsler vor, den in Kalifornien im Exil lebenden deutschen Dramatiker Alfred Neumann das vorhandene Manuskript so umzuschreiben zu lassen, dass es verfilmbar werden würde. Als die Dreharbeiten schliesslich zum Jahresende 1946 begannen, war der vorgesehene Laduner-Darsteller Langhoff bereits wieder nach Berlin heimgekehrt, um dort die Leitung des Deutschen Theaters zu übernehmen, woraufhin dem filmisch unbeleckten Zürcher Theaterkünstler Heinz Woester die zweite Hauptrolle zugedacht wurde. Immerhin konnte nunmehr der ursprünglich vorgesehene Lindtberg, den die Schweizer Fremdenpolizei noch im Juli desselben Jahres als unerwünschten Ausländer des Landes verweisen wollte[2], mit der Regieübernahme betraut werden. Lindtberg kam seiner Ausweisung zuvor und reiste mit Produzent Wechsler und Drehbuchautor Schweizer zu Filmkontakten nach Hollywood. Dort vollendete er mit Neumann den endgültigen Drehbuchentwurf zu Matto regiert.

KritikenBearbeiten

Die zeitgenössische Kritik (1947) reagierte enttäuscht auf den Film, der international den hohen Erwartungen nach Lindtbergs phänomenalem Welterfolg „Die letzte Chance“ in keiner Weise entsprach. International kaum verliehen (bis 1952 in Österreich, Frankreich, Belgien und der Bundesrepublik) wurde er 1947 auf der Biennale sogar ausgepfiffen.[1]

„Dennoch ist Matto regiert ein interessanter Film, in dem Lindtberg ein erzählerisches Können an den Tag legt, das man bei ihm kaum kannte. Die Bilder fügen sich natürlich aneinander, mit einer grossen Vielfalt von Blickwinkeln du Kamerabewegungen; die Positionswechsel gehorchen einer ausgeklügelten Raumgeometrie. Auch die Nebendarsteller … sind von Meisterhand geführt, ihre Leistungen sind solid ins dramatische Gefüge integriert. Visuell reiht sich der Film in die zeitgenössische Strömung des „film noir“ ein, mit seiner Vorliebe für Schatten, nächtliche Auseinandersetzungen, symbolträchtige Bildausschnitte … ohne aber je in rein dekorative Stilisierung abzugleiten. Lindberg … schafft eine Art „Kammerfilm“… Die psychologische Dichte obsiegt über Spannung und Handlung...“

Hervé Dumont: Die Geschichte des Schweizer Films. Spielfilme 1896-1965. Lausanne 1987. S. 403

„Spannend inszenierter Kriminalfilm in einer Welt zwischen Wahn und Realität, in der „Matto“ (das heisst der Geist der Kollektivschuld der Gesellschaft und der Ungeist der sozialen Ungerechtigkeit) regiert.“

Lexikon des Internationalen Films Band 6. Reinbek 1987. S. 2889

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Hervé Dumont: Die Geschichte des Schweizer Films. Spielfilme 1896-1965. Lausanne 1987. S. 402
  2. Kay Weniger: „Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben …“. Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. ACABUS Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86282-049-8, S. 314.