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Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden

Der Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden (MV) ist eine Freikirche evangelikal-charismatischer Prägung. Von 1938 bis 1998 nannte er sich Christlicher Gemeinschaftsverband Mülheim a. d. Ruhr (CGV). Zuvor existierte kein offizieller Name, nur die Bezeichnung „deutsche Pfingstbewegung“ oder „die Mülheimer“ als Ort der Erweckung 1905.

Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden e.V. (MV)
Mülheimer Verband Logo.jpg
Rechtsform e. V.
Gründung 1909 (1909 fand die erste Mülheimer Konferenz statt)
Hauptsitz Bremen
Aktionsraum Deutschland
Personen Ekkehart Vetter (Präses); Hans-Peter Pache (stellvertretender Präses)
Mitglieder 43 Gemeinden, 4509 Mitglieder[1]
Website www.muelheimer-verband.de

SelbstverständnisBearbeiten

Der Verband versteht sich als eine evangelische Freikirche in Deutschland auf der Grundlage einer evangelikal-charismatischen Frömmigkeit bzw. Theologie und bietet als Dachverband rechtlich selbständigen Ortsgemeinden und anderen Körperschaften ein Beziehungsnetzwerk und eine Dienstgemeinschaft an. Zudem wird die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen, Freikirchen, kirchlichen Verbänden und Werken auf nationaler und internationaler Ebene gefördert.

Im Verständnis des MV ist Gemeinde Jesu die Gemeinschaft von Menschen, die durch den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus miteinander verbunden sind. Durch Glaubenstaufe und Abendmahl wird das Heilsangebot Jesu ganzheitlich erfahrbar gemacht. Die Bibel ist die Grundlage für Glauben und Leben der einzelnen Glaubenden, sowie der Gemeinde.

Organisation und AufgabenschwerpunkteBearbeiten

Der Verband ist als eingetragener Verein organisiert und wird von einem Vorstand geleitet, welcher der Mitgliederversammlung gegenüber rechenschaftspflichtig ist, die als Delegiertenversammlung aller Mitglieder das oberste Entscheidungsgremium des Vereins darstellt. Erster Vorsitzender des Vereins und damit gleichzeitig Präses des MV ist zurzeit Pastor Ekkehart Vetter, Mülheim an der Ruhr.

Dem Verband gehören 43 Gemeinden mit insgesamt 4509 Mitgliedern an (ohne Kinder und regelmäßig teilnehmende Nichtmitglieder (Stand: Dezember 2015)).[2] Die meisten Mitglieder des Mülheimer Verbands sind ihrem Rechtsstatus nach eingetragene Vereine. Die Mitglieder sind innerhalb des Verbandes in ihren Ordnungen, Einrichtungen und Beschlüssen selbständig. Der zum Mülheimer Verband gehörenden Paulus-Gemeinde Bremen wurde im November 2015 die Rechtsstellung einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) verliehen. Der MV ist Veranstalter des Jugendfestivals MOVE, der Jugendmitarbeitertagung MIA und Mitarbeiterkonferenz ECHT!.

Die Leitung jeder Ortsgemeinde wird in der Regel durch einen berufenen Gemeindeleitungskreis (Ältestenkreis) ausgeübt. Die ordinierten Pastoren beziehungsweise Gemeindeleiter üben ihren Dienst in diesem Leitungskreis als primus inter pares aus. Die Finanzierung der Gehälter und des gemeindlichen Lebens geschieht über freiwillige Spenden der Gemeindeglieder.

Neben dem Verein besteht eine 1913 gegründete GmbH. Sie übernimmt entsprechend ihrer ursprünglichen Aufgabe als Hilfswerk für den MV und die ihm angeschlossenen Gemeinden wichtige Unterstützungsaufgaben, wie z. B. Verlag, Zeitschrift, Veranstaltungen, Versorgung von Pastoren im Ruhestand und Immobilienverwaltung.[2]

GeschichteBearbeiten

Der Verband ist der älteste pfingstkirchliche Verband Deutschlands. Er hat seine geschichtlichen Wurzeln in einer Erweckung, die im Jahr 1905 in Mülheim an der Ruhr begann und sich in anderen Regionen Deutschlands fortsetzte. Bereits im Vorfeld hatte es in Deutschland, ausgelöst durch die Erweckungsbewegung von Wales und unter dem Einfluss der Heiligungsbewegung seit Entstehung der Keswick-Bewegung, eine starke Erwartung für eine Erweckung und ein neues Pfingsten gegeben. Die führenden Männer der deutschen Gemeinschaftsbewegung waren durch diese Erwartungen geprägt. Einflussreich waren z. B. die Mülheimer Pfarrer Ernst Modersohn und Martin Girkon, der Evangelist und Gründer der Deutschen Zeltmission Jakob Vetter sowie Jonathan Paul. Die 1905 ausgebrochene Erweckung in Mülheim und Umgebung wurde daher als Parallele zu den Ereignissen in Wales gesehen, aber auch als ein neues Pfingsten gedeutet.[3]

Kurz nach der Erweckung in Mülheim kam die Pfingstbewegung, die 1906 mit dem Azusa Street Revival in Los Angeles ihren Anfang genommen hatte, auch nach Europa und Deutschland und nahm Einfluss auf die Erweckung. Innerhalb der Gemeinschaftsbewegung kam es jedoch sehr bald zu einer unterschiedlichen Beurteilung der sich entwickelnden Heilig-Geist-Bewegung. Die anfängliche Hoffnung, mit den neuen Heilig-Geist-Erfahrungen einen Reformimpuls in die etablierten Kirchen zu geben, erfüllte sich somit nicht. In der Berliner Erklärung von 1909 verurteilten führende Männer des Gnadauer Verbandes und der Evangelischen Allianz und verschiedener Freikirchen die Erscheinungen der Pfingstbewegung als „nicht von oben, sondern von unten“ und Jonathan Pauls Heiligungslehre vom „reinen Herzen“ als unbiblisch.[4]

Personen und Gemeinschaften, die an der Pfingsterweckung festhielten, wurden in der Folge aus der Gemeinschaftsbewegung und der Evangelischen Allianz hinausgedrängt. Die Betroffenen schlossen sich 1913 unter Jonathan Paul zur Christlichen Kolportage-Gesellschaft mbH zusammen. Ab 1938 war die offizielle Benennung Christlicher Gemeinschaftsverband Mülheim a. d. Ruhr (CGV). Der Name verdeutlicht die Nähe zur Gemeinschaftsbewegung. Die Organisationsform als GmbH wurde gewählt, da die Gründer nicht an eine endgültige Trennung von der Gemeinschaftsbewegung glaubten und daher keine Körperschaftsrechte anstrebten.[5]

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der Mülheimer Gemeinschaftsverband zu einer gemäßigt pfingstkirchlichen Bewegung. Verstanden sich die Gemeinden des Verbandes in den ersten Jahrzehnten eher als Gemeinschaften mit enger Verbundenheit zu ihren landeskirchlichen Wurzeln, so entwickelten sie sich, lokal in durchaus unterschiedlicher Geschwindigkeit, immer mehr zu Gemeinden eines freikirchlichen Typus. Im Februar 1998 schließlich mündete dieser Prozess in der Verabschiedung eines neuen Selbstverständnisses und einer neuen Namensgebung: Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden.

2009, 100 Jahre nach der Verabschiedung der Berliner Erklärung, verabschiedete der Mülheimer Verband und der Evangelische Gnadauer Gemeinschaftsverband eine gemeinsame Erklärung zur Berliner Erklärung von 1909. Darin heißt es: „Wir erkennen in der ‚Berliner Erklärung‘ wie auch in der Mülheimer Erwiderung ein ernsthaftes geistliches Ringen, in kritischer Zeit Schaden von der Gemeinde Jesu abzuwenden. Diese historischen Dokumente haben jedoch für das gegenwärtige Miteinander von Gnadauer und Mülheimer Verband keine Bedeutung. Wir wissen, dass in der jeweils anderen Bewegung der Geist Jesu Christi wirkt.“

Im April 2013 gab sich der Verband auf seiner Delegiertentagung in Bremen eine neue Rechtsform als eingetragener Verein.[2]

ÖkumeneBearbeiten

Auf verschiedenen Ebenen pflegt der Mülheimer Verband Beziehungen zu anderen Kirchen. Seit 1970 bestand eine Gastmitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), seit 2009 ist der Mülheimer Verband Vollmitglied der ACK. Seit 1981 besteht eine Vollmitgliedschaft in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF).

Die frühere Zugehörigkeit zum Forum Freikirchlicher Pfingstgemeinden (FFP) wurde 2002 vom Mülheimer Verband beendet, einmal um keine Parallelstruktur zur Vereinigung Evangelischer Freikirchen zu fördern, aber auch, weil der Verband sich lehrmäßig nicht als klassische Pfingstkirche begreift.[6]

Die Gemeinden des Mülheimer Verbandes sind der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) eng verbunden. MV-Präses Ekkehart Vetter gehört seit 2004 zum Hauptvorstand der DEA, war ab 2012 Zweiter Vorsitzender und ist seit Januar 2017 Erster Vorsitzender dieses bundesweiten Netzwerks evangelischer Christen.

Ziele und VisionBearbeiten

2015 verabschiedete die Mitgliederversammlung die sogenannte DNA des Mülheimer Verbandes.[7] Dieser Text wurde dem MV-Selbstverständnis hinzugefügt. Darin wird zur Berufung, der Vision, der Glaubenskultur und den Werten der Gläubigen Stellung genommen.

StatistikBearbeiten

Lange lagen für den Mülheimer Verband keine genauen statistischen Zahlen vor. Die Zahl der Zugehörigen vor 1945 dürfte bei ca. 30.000 gelegen haben. Nach 1945 war der Verlust der starken Mitgliederverbände im Osten zu verkraften. Hinzu kam ein starker Schrumpfungsprozess in der Bundesrepublik in den ersten Nachkriegsjahrzehnten.[8] Die statistische Entwicklung der Mitgliederzahlen (Personen ab 14 Jahren) seit 2006:

Jahr 2006 2009 2012 2015
Mitglieder 3425 3858 4374 4509

Position zur HomosexualitätBearbeiten

Der Verband vertritt nach außen eine liberale, intern eine explizit homophobe Position zur Homosexualität.[9] Im Buch Ethische Entscheidungen treffen – Orientierung in stürmischen Zeiten, welches vom Mülheimer Verband 2017 neu herausgegeben wurde, wird sie ausführlich beschrieben.[10] Das Kapitel Homosexualität – Wie können wir homosexuell empfindende Menschen in unsere Gemeinde integrieren? ist 24 Seiten lang. Einerseits dürfen homosexuelle Menschen auf keinen Fall in ihrer Gemeinde diskriminiert werden, da "... die Haltung zur Homosexualität als Prüfstein für gesellschaftliche Anerkennung und Relevanz angesehen wird" (S. 256). Andererseits wird die Ablehnung der Homosexualität sehr ausführlich begründet. So vertritt der Verband die Ansicht, dass die sexuelle Orientierung von den Eltern oder dem sozialen Umfeld maßgeblich beeinflusst werde (S. 257). Da sie sich nicht in der biblischen Schöpfungsordnung wiederfinde, sei eine gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung abzulehnen (S. 257). Der Standpunkt, dass die sexuelle Orientierung genetisch festgelegt sei, wird zurückgewiesen und mit Argumenten des Psychologen Peter Fiedler begründet (S. 258). Dabei werden Parallelen zur Pädophilie und Sodomie gezogen.[11]

Der Verband vertritt die Ansicht, dass sich die sexuelle Orientierung durch eine "nachweislich ohne Druck oder Manipulation" stattfindende Begleitung verändern lässt (S. 259). Die Häufigkeitsstatistik aktiver homosexueller Männer und Frauen wird in Frage gestellt. Zitat: Denn ob Gott etwas für richtig oder falsch hält, etwas als Sünde oder als Tugend kennzeichnet, hängt nicht davon ab, ob es häufig vorkommt oder nicht. (S. 260). Ausführlich wird begründet, dass sowohl im Alten als auch im Neuen Testament Homosexualität abgelehnt wird; dazu werden die paulinischen Briefen herangezogen und auf das Schweigen Jesu zur Thematik verwiesen. Es wird aus der Denkschrift der EKD von 1996 Mit Spannungen leben zitiert, wonach homosexuelle Praxis nicht dem Willen Gottes entspräche (S. 268). Trotz des Liebesgebots Jesu dürfe Homosexualität nicht legitimiert werden, nur weil dies der gesellschaftliche Zeitgeist vorgebe, denn mit dieser Argumentation wäre auch die Pädophilie zu rechtfertigen (S. 268). Auf S. 284 empfiehlt der Verband die Website von Wüstenstrom.

Der Verband hält es für falsch, dass durch das Lebenspartnerschaftsgesetz gleichgeschlechtliche Partnerschaften eine vergleichbare Rechtsstellung wie Ehepartner erhalten. Kirchliche Segnungen werden aus biblischen Gründen abgelehnt, vergleiche S. 262: Die Segnung eines Menschen für eine bestimmte von ihm getroffene Entscheidung setzt immer die grundsätzliche Zustimmung Gottes voraus. Was Gott nicht erlaubt, können Christen nicht in seinem Auftrag segnen.

Bekennende Homosexuelle sollen nicht getauft werden (S. 273). Sie können weder Gemeindemitglieder noch Mitarbeiter werden (S. 274).

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Ekkehart Vetter: Jahrhundertbilanz – erweckungsfasziniert und durststreckenerprobt. Missionsverlag des Mülheimer Verbandes, Bremen 2009, ISBN 978-3-923649-30-3.
  • Zeitschrift Gemeinde KONKRET. Erscheinungsweise: 2–3 Mal pro Jahr.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Mülheimer Verband in Zahlen (Stand 31. Dezember 2015), muelheimer-verband.de, abgerufen am 22. März 2017.
  2. a b c Bericht auf der Website der Deutschen Evangelischen Allianz: Mülheimer Verband: nach 100 Jahren neuer Dachverband, ead.de, Artikel vom 22. April 2013.
  3. Erich Geldbach: Freikirchen - Erbe, Gestalt und Wirkung. Bensheimer Hefte 70. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, S. 270 f.
  4. Erich Geldbach: Freikirchen - Erbe, Gestalt und Wirkung. Bensheimer Hefte 70. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, S. 272 f.
  5. Erich Geldbach: Freikirchen - Erbe, Gestalt und Wirkung. Bensheimer Hefte 70. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, S. 273f.; Aus der Geschichte des Mülheimer Verbandes auf muehlheimer-verband.de (abgerufen: 4. Juli 2012); Ekkehart Vetter: Jahrhundertbilanz – erweckungsfasziniert und durststreckenerprobt. Missionsverlag des Mülheimer Verbandes Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden, Mülheim a. d. Ruhr 2009, S. 11.
  6. Mülheimer Verband verlässt Pfingst-Forum, 23. September 2002, auf livenet.de (abgerufen: 4. Juli 2012)
  7. Ausrichtung und Vision des Mülheimer Verbands, abgerufen am 22. September 2019.
  8. Ekkehart Vetter: Jahrhundertbilanz. 1. Auflage. Missionsverlag des Mülheimer Verbandes, Bremen 2009, S. 334 ff.
  9. Mülheimer Verband (Hrsg.): Ethische Entscheidungen treffen - Orientierung in stürmischen Zeiten. 5. Auflage. Missionsverlag des Mülheimer Verbandes, Bremen 2017, ISBN 978-3-923649-23-5, S. 275: „Zitat: Wir weisen zurück, dass dieser am Schriftbefund der Heiligen Schrift entwickelte Standpunkt als „homophob“ bewertet wird.“
  10. Mülheimer Verband (Hrsg.): Ethische Entscheidungen treffen - Orientierung in stürmischen Zeiten. 5. Auflage. Missionsverlag des Mülheimer Verbandes, Bremen 2017, ISBN 978-3-923649-23-5, S. 258.
  11. Mülheimer Verband (Hrsg.): Ethische Entscheidungen treffen - Orientierung in stürmischen Zeiten. 5. Auflage. Missionsverlag des Mülheimer Verbandes, Bremen 2017, ISBN 978-3-923649-23-5, S. 258: „Zitat: Eine Diskussion, die in diesem Zusammenhang auftritt, zeigt die Problematik dieses Verständnisses: Zur Kategorie "sexuelle Identität" könnte man z. B. auch "Sodomisten" oder "Pädophilie" hinzuzählen. Einige Sexualwissenschaftler sowie pädophile Gruppen sehen die pädophile Präferenz tatsächlich als eine "sexuelle Identität". Verschiedene Fragestellungen entstehen infolgedessen: Warum ist eine homosexuelle Orientierung als identitätsstiftend zu verstehen, eine pädophile Orientierung jedoch abzulehnen und unter Strafe zu stellen? Aufgrund welcher Kriterien werden die Grenzen gezogen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Annahme einer genetisch bedingten sexuellen Orientierung?“