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Linearschrift A

Schriftsystem der minoischen Kultur Kretas
Bruchstücke von Linear-A-Täfelchen aus Akrotiri
Tafel mit Linearschrift A (Archäologisches Museum Chania)
Linearschrift A auf einer Vase, gefunden in Akrotiri
Linearschrift A

Die Linearschrift A (oft verkürzt als Linear A bezeichnet) ist neben der kretischen Hieroglyphenschrift eines der beiden Schriftsysteme der minoischen Kultur Kretas. Sie wurde vom 17. bis ins 15. Jahrhundert v. Chr. verwendet und konnte bisher nur ansatzweise entziffert werden. Ihr Gebrauch ist aus den Perioden MM II bis SM I B der minoischen Kultur bezeugt.[1] Geschrieben wurde von links nach rechts.[2][3] Aus Linearschrift A wurden später die an das Griechische angepasste Linearschrift B sowie die kypro-minoische Schrift entwickelt. Da die abstammenden Schriften (vorwiegend) Silbenschriften sind, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei Linear A um eine Silbenschrift.

Im Juni 2014 wurde die Schrift im Standard Unicode 7.0 als Unicodeblock Linear A (U+10600–U+1077F) aufgenommen.[4]

Inhaltsverzeichnis

BeschreibungBearbeiten

Bekannt sind etwa 70 Silbenzeichen, 100 Zeichen mit Wortbedeutung, die teilweise mit Silbenzeichen kombiniert und dadurch näher bestimmt wurden, sowie diverse Zahlzeichen. Obwohl die der Schrift zugrundeliegende minoische Sprache unbekannt ist und bisher keiner bekannten Sprachfamilie zugeordnet werden konnte, lässt sich der Lautwert vieler Silbenzeichen durch Vergleiche mit der Linearschrift B mehr oder weniger erschließen.

Die große Zahl von logographischen Zeichen ermöglicht die inhaltliche Erschließung aufgefundener Texte. Es wird angenommen, dass die auf Tontäfelchen eingeritzten Notizen häufig der Verwaltung dienten, so dass ihre Entzifferung vor allem Rückschlüsse auf wirtschaftliche Verhältnisse der Epoche ermöglichen würde. Die meisten Texte sind offenbar Listen, bei einzelnen, die die sog. Libationsformel enthalten, handelt es sich vermutlich um Dedikationsinschriften; längere Texte fehlen ganz.

Für das Schreiben in Ton ist das Ritzen von Linien, wie bei den Linearschriften, wenig geeignet. Man geht daher davon aus, dass hauptsächlich auf anderen, nicht sehr haltbaren Materialien wie Papyrus oder Pergament geschrieben wurde. Die Tontafeln waren wohl Notizzettel, die nur kurze Zeit aufbewahrt wurden. Erhalten blieben sie uns wahrscheinlich nur deshalb, weil sie durch Brandkatastrophen gebrannt und so für Jahrtausende konserviert wurden.

Einige Zeichen der Linear A sind den archaischen Urbildern der mesopotamischen Keilschrift sehr ähnlich. Eine Verwandtschaft beider Schriftsysteme, die einen Weg zum Verständnis der Linear-A-Inschriften bahnen könnte, gilt daher als möglich, wenn auch wegen des zeitlichen Abstandes als unwahrscheinlich.[5]

Harald Haarmann sieht bei 40 % bis 50 % des Zeicheninventars von Linear A Äquivalenzen mit der Donauschrift. Sie stehe in der Kulturtradition der „balkanisch-ägäischen Konvergenzzone“.[6]

Verzeichnis der ZeichenBearbeiten

Zeichen und Nummerierung nach E. Bennett. Das Lesen von Zeichen basiert auf Analoga von Linear B.
*01-*20 *21-*30 *31-*53 *54-*74 *76-*122 *123-*306
  DA

*01

  QI

*21

  SA

*31

  WA

*54

 

*76

 

*123

  RO

*02

 

*21f

 

*34

 

*55

  KA

*77

 

*131a

  PA

*03

 

*21m

  TI

*37

  PA3

*56

  QE

*78

 

*131b

  TE

*04

  MI?

*22

  E

*38

  JA

*57

  WO2?

*79

 

*131c

 

*05

 

*22f

  PI

*39

  SU

*58

  MA

*80

 

*164

  NA

*06

 

*22m

  WI

*40

  TA

*59

  KU

*81

 

*171

  DI

*07

  MU

*23

  SI

*41

  RA

*60

 

*82

 

*180

  A

*08

 

*23m

  KE

*44

  O

*61

 

*85

 

*188

  S

*09

  NE

*24

 

*45

  JU

*65

 

*86

 

*191

 

*10

  RU

*26

 

*46

  TA2

*66

  TWE

*87

 

*301

 

*11

  RE

*27

 

*47

  KI

*67

 

*100/
*102

 

*302

  ME

*13

  I

*28

 

*49

  TU

*69

 

*118

 

*303

  QA2

*16

 

*28b

  PU

*50

 

*70

 

*120

 

*304

  ZA

*17

 

*29

  DU

*51

  MI

*73

 

*120b

 

*305

  ZO

*20

  NI

*30

 

*53

  ZE

*74

 

*122

 

*306

Verwandte ThemenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Louis Godart, Jean-Pierre Olivier: Recueil des inscriptions en Linéaire A, 5 Bände; Études Crétoises 21; Librairie Orientaliste Paul Geuthner, Paris 1976–1985; ISSN 1105-2236 (Umfassendes Inschriftencorpus).
  • David W. Packard: Minoan Linear A. University of California Press, Berkeley / Los Angelas / London 1974, ISBN 0-520-02580-6.
  • Franz Steinherr: Minoisch und Hieroglyphenhethitisch. In: Minos: Revista de filología egea. Nr. 3. Consejo Superior de Investigaciones Cientificas, 1954, ISSN 0544-3733, S. 30–54 (Online [abgerufen am 14. Februar 2014]).
  • Johannes Sundwall: Minoische Beiträge I. In: Minos: Revista de filología egea. Nr. 3. Consejo Superior de Investigaciones Cientificas, 1954, ISSN 0544-3733, S. 107–117 (Online [abgerufen am 14. Februar 2014]).
  • Johannes Sundwall: Minoische Beiträge II. In: Minos: Revista de filología egea. Nr. 4. Consejo Superior de Investigaciones Cientificas, 1956, ISSN 0544-3733, S. 43–49 (Online [abgerufen am 14. Februar 2014]).
  • Johannes Sundwall: Minoische Beiträge III. In: Minos: Revista de filología egea. Nr. 5. Consejo Superior de Investigaciones Cientificas, 1957, ISSN 0544-3733, S. 93–98 (Online [abgerufen am 14. Februar 2014]).

WeblinksBearbeiten

QuellenBearbeiten

  1. Ivo Hajnal: Grammatik des mykenischen Griechisch (Teil I) S. 5–9 Onlinepublikation auf der Website des Instituts für Sprachen und Literatur der Universität Innsbruck (PDF-Datei, 1,09 MB)
  2. Thomas Balistier: Der Diskos von Phaistos. Zur Geschichte eines Rätsels & den Versuchen seiner Auflösung. 3. Auflage. Dr. Thomas Balistier, Mähringen 2008, ISBN 978-3-9806168-1-2, Blick- und Laufrichtung der Bildzeichen, S. 95.
  3. Writing direction index. www.omniglot.com, abgerufen am 24. September 2012 (englisch).
  4. Unicode 7.0.0. Unicode Consortium, 16. Juni 2014, abgerufen am 17. Juni 2014 (englisch).
  5. Hans Glarner: Sumerische Schriftzeichen in der Linear A. In: Kadmos 41 (2002), S. 121–122.
  6. Haarmann, Harald: Auf den Spuren der Indoeuropäer. Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen. Beck, München 2016, S. 323.