Hauptmenü öffnen
Spieltisch der Wurlitzer-Kinoorgel im Orpheum Theatre, Los Angeles
Pfeifenwerk einer Kinoorgel (Wurlitzer Kino-Orgel im Meyer Theatre in Green Bay, Wisconsin)
Große Trommel mit pneumatischem Schlegel in einer Kinoorgel (Wurlitzer Kino-Orgel im Meyer Theatre in Green Bay, Wisconsin)

Eine Kinoorgel ist eine Pfeifenorgel, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Begleitung von Stummfilmen in Lichtspielhäusern eingesetzt wurde. Kinoorgeln verbreiteten sich von den USA aus nach Europa und weltweit, verloren aber nach Einführung des Tonfilms zunehmend an Bedeutung.

Inhaltsverzeichnis

BesonderheitenBearbeiten

Durch die Erfindung der separaten, elektro-pneumatischen Ansteuerung jeder einzelnen Orgelpfeife (siehe Multiplexsystem im Orgelbau) des englischen Ingenieurs Robert Hope-Jones wurde es möglich, mit weniger Pfeifen sehr viel mehr Klangfarben (Register) darzustellen. Die Orgeln ließen sich so kompakt und kostengünstig herstellen. Bedingt durch die neue Art der Spieltraktur konnte der Spieltisch unabhängig von der Position des Pfeifenwerks platziert werden. Damit war die Voraussetzung geschaffen, diese Orgeln im Kino einzusetzen.

Klanglich soll die Kinoorgel ein Orchester imitieren und wird daher mit hohem Winddruck für das Pfeifenwerk versehen, um so dem Orchesterklang näher zu kommen. Kinoorgeln besitzen zusätzlich chromatische Schlagwerke wie Xylophon, Schlittenglocken oder Glockenspiel, sowie Schlagwerke wie Pauken, Trommeln oder Klanghölzer. Weiterhin wurden diverse Effektregister zur Erzeugung von Geräuschen eingebaut (Telefonklingeln, Dampflokpfeife, Donnergrollen, Huftrappeln).

Der Spieltisch von Kinoorgeln ist meistens hufeisenförmig ausgebildet und oftmals reich verziert. Das Pedal ist üblicherweise radial konkav ausgeführt. Die Register werden nicht über Manubrien, sondern über Kippschalter bedient. Gegenüber Manubrien ergibt sich eine platzsparende Anordnung der durch die Anwendung des Multiplexverfahrens recht zahlreichen Registerschalter. Durch die Hufeisenform des Spieltisches befinden sich alle Registerschalter in der Nähe der Manuale, wodurch schnelle Registerwechsel während des Spiels ermöglicht werden. Bei den hufeisenförmig ausgebildeten Spieltischen etablierte sich zudem ein Standard bezüglich der Anordnung und der Farben der Registerschalter sowie der Zuordnung der Manuale. Das unterste Manual ist als Begleitmanual ausgeführt und wird mit "Accomp" (englische Abkürzung für "Accompaniment", deutsch: Begleitung) bezeichnet. Es enthält daher vor allem 8′- und 4′-Register. Aus klanglichen Gründen fehlen laute 16′-Register sowie Aliquotregister ggf. mit Ausnahme einer Quinte 223′. Das nächstobere Manual enthält praktisch alle Register, die aus den vorhandenen Pfeifenreihen generiert werden, darunter auch meist eine Quinte 223′ und eine Terz 135′. Andere Aliquoten, Mixturen und andere gemischte Stimmen sowie Oktavregister höher als 2′ kommen nur vereinzelt in großen Instrumenten vor. Bei zweimanualigen Orgeln wird dieses Manual als "Solo" (Solowerk) oder "Great" (Hauptwerk) bezeichnet, bei drei- und mehrmanualigen Orgeln immer "Great". Das Pedal enthält 16′-, 8′- und 4′-Register. 32′-Pedalregister sind selten. Register in höheren Lagen werden nicht benötigt, da die Ausführung einer Diskant- oder Altsolostimme auf dem Pedal einer Kinoorgel unüblich ist. Die Registerschalter für das Pedal befinden sich ganz links. Daneben befinden sich die Registerschalter für das unterste Manual. Die Registerschalter für das oberste Manual befinden sich ganz rechts. Für jedes Manual und für das Pedal sind die Registerschalter jeweils von links nach rechts von tiefen nach hohen Registern angeordnet, also v. l. n. r. 16′ 8′ 4′ (223′ 2′ 135′). Zur schnellen optischen Unterscheidung grundsätzlich unterschiedlicher Klangfarben sind die Registerschalter farbig gestaltet. Die Farben der Registerschalter sind üblicherweise weiß für Labialregister und chromatische Schlagwerke, gelb für labiale Schwebungsregister, rot für Lingualregister und schwarz für Koppeln. Kinorgeln enthalten meist mehrere Tremulanten, deren Gebrauch wesentlich zum typischen Kinoorgelklang beiträgt. Neben einem Tremulanten, der auf alle Pfeifen wirkt, gibt es Tremulanten, die nur auf einzelne Pfeifenreihen und damit auf alle aus dieser Pfeifenreihe generierten Register wirken. Häufig aus Platzgründen aber auch aus klanglichen Gründen wird bei einigen Pfeifenreihen die Kontraoktave weggelassen. Ein aus so einer Pfeifenreihe generiertes 16′-Register klingt erst ab der Taste c0 (englisch: "Tenor c"). Solche 16′-Register finden sich nicht im untersten Manual und im Pedal. Auf den Registerschaltern für solche Register findet sich häufig die zusätzliche Aufschrift "Tenor c" (Abk.: "Ten. c").

Hersteller und ModelleBearbeiten

 
Ein Hausorganist des Kinos El Capitan in Hollywood spielt vor jeder Filmaufführung auf der 1929 ursprünglich für das Fox Theater in San Francisco hergestellten Mighty Wurlitzer.

Es gab mehrere namhafte Hersteller, nachfolgend die in Deutschland vertretenen Marken.

WurlitzerBearbeiten

Die amerikanische Rudolph Wurlitzer Company baute von 1914 bis etwa 1940 Kino- und Theaterorgeln. Der größere und bekanntere Typ The Wurlitzer-Hope-Jones Unit Orchestra, bekannt als The Mighty Wurlitzer, wurde von Robert Hope-Jones entworfen und als „Ein-Mann-Orchester“ zur Untermalung von Stummfilmen hergestellt. Der kleinere Typ war eine damals übliche Kombination von kleiner Orgel und Klavier, auf der der Spieler die Instrumente während des Spielens wechseln konnte. Klanglich und technisch waren die Instrumente von Wurlitzer in jener Zeit in Deutschland führend. Spielbereite Instrumente finden sich im Musikinstrumenten-Museum Berlin und im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt.

Welte & SöhneBearbeiten

Welte & Söhne baute ab 1914 in den USA zahlreiche Kinoorgeln[1][2] und nahm den Bau dieser Instrumente ab 1922 in Deutschland auf.

Oskalyd-KinoorgelnBearbeiten

Oskalyd-Orgeln (Oskalyd ist ein aus den Namen Oskar Walcker und Hans Luedtke zusammengesetzter Kunstbegriff) wurden von 1923 bis 1931 von den Orgelbau-Firmen E.F. Walcker & Cie, Sauer und P. Furtwängler & Hammer in Kooperation hergestellt. Die Oskalyd-Orgel hatte, je nach Modell, zwei bis zu 20 Register und dazu Effektregister. Produziert wurden insgesamt 120 Instrumente, was einem Marktanteil von ca. 40 % in Deutschland entsprach. Das ehemals spielbereite Instrument im Heidelberger Schloss wurde 2007 aufgrund von Baumaßnahmen am Gebäude abgebaut und eingelagert.[3] 2014 wurde das Instrument in das Orgelzentrum Valley verbracht.[4]

FunkorgelBearbeiten

1927/1928 baute die damals in Stuttgart ansässige Firma Orgelbau Friedrich Weigle eine Rundfunk-Orgel für das Studio des Senders Frankfurt. Der Sender München ließ 1930 eine Weigle-Orgel mit drei Manualen und 50 Registern in seinen Sendesaal einbauen, der Sender Berlin im selben Jahr eine Weigle-Orgel mit fahrbarem Spieltisch und 30 Registern.[5]

Waren die Orgeln von Weigle Konzertsaalorgeln, auch zum Zusammenspiel mit dem Orchester gedacht, kam mit der Funk-Orgel von M. Welte & Söhne in Freiburg i. Br. die Kinoorgel als Soloinstrument ins Spiel. 1930 entstand als letzte Kinoorgel von Welte diese Spezialform der Rundfunk-Orgel für die Nordische Rundfunk AG Hamburg (NORAG), einen Vorläufer des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Diese Multiplex-Orgel wurde nicht auf den Raum, in dem sie steht, intoniert, sondern für die Mikrofone der Rundfunkaufnahmen konzipiert. Sie steht noch am Originalstandort im ältesten noch benutzten Rundfunkstudio der Welt.[6]

1940 wurde von Gebr. Rieger für den neugebauten Sendesaal im Rundfunkstudio des Reichssenders Breslau ebenfalls eine auf die Sendepraxis hin konzipierte Orgel gebaut.[7][8]

J. D. PhilippsBearbeiten

Die Frankfurter Musik-Werke Fabrik J. D. Philipps und Söhne baute 1929 für das Berliner Kino Babylon eine Multiplexorgel. Sie ist neben der Rundfunkorgel des NDR die einzige Kinoorgel in Deutschland, die noch am Original-Standort betrieben wird.

LiteraturBearbeiten

Historische LiteraturBearbeiten

  • Hans Erdmann, Giuseppe Becce: Allgemeines Handbuch der Film-Musik. Unter Mitarbeit von Ludwig Brav. Schlesinger, Berlin-Lichterfelde, Leipzig 1927.
  • Reginald Whitworth: The Cinema and Theatre Organ. Musical Opinion, London 1932.
  • Ernö Rapée: Motion picture moods for pianists and organists: a rapid-reference collection of selected pieces; adapted to fifty-two moods and situations arr. by Erno Rapée, Schirmer, New York 1924. Reprint: Ayer, North Stratford, NH 2002, ISBN 0-405-01635-2.
  • John Stepan Zamecnik: Sam Fox Film-Gebrauchs-Musik. 31 Ausgaben mit verschiedenen Titeln. Cleveland, Ohio, Berlin 1919–1928.[9]
  • George Tootell: How to Play the Cinema Organ. A Practical Book by a Practical Player. Paxton, London 1927.

Moderne LiteraturBearbeiten

  • Michael Donald: Memoirs of the theatre organ. Cinema Organ Publications, Brighton 1956.
  • John W. Landon: Behold the mighty Wurlitzer: the history of the theatre pipe organ. Greenwood Press, Westport, Conn. 1983, ISBN 0-313-23827-8.
  • Karl Schütz: Theater- und Kinoorgeln in Wien. Verlag der Österreichischen Akadademie der Wissenschaften, Wien 1991, ISBN 3-7001-1788-4.
  • Karl Heinz Dettke: Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland. Metzler, Stuttgart, Weimar 1995, ISBN 3-476-01297-2.
  • Karl Heinz Dettke: Kinoorgeln: Installationen der Gegenwart in Deutschland. Mit Beiträgen von Dagobert Liers. Bochinsky, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-923639-18-X.
  • Karl Heinz Dettke, Thomas Klose: Kino- und Theaterorgeln: eine internationale Übersicht. Tectum, Marburg 2001, ISBN 3-8288-8265-X.
  • Bärbel Dalichow: Die Welte-Kinoorgel – The Welte cinema organ. Filmmuseum Potsdam, Potsdam 2009, ISBN 978-3-9812104-1-5.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. The New York City Organ Project
  2. James Lewis: The Welte organ in America: an installation list. South Freeport, ME, Ascensius Pr., 2012
  3. Chronologie eines zu Ende gedonnerten Regens. Archiviert vom Original am 12. April 2012; abgerufen am 12. April 2012.
  4. Neuzugang aus dem Stummfilmkino. In: mk online. Sankt Michaelsbund Diözesanverband München und Freising e.V., 20. Januar 2014, abgerufen am 24. April 2018.
  5. Gustav Schödel: Ein neuer Begriff im Orgelbau: Die Rundfunkorgel. In: Zeitschrift für Instrumentenbau, Bd.: 51, Leipzig, 1930–1931, S. 23–25
  6. Gerhard Dangel: Geschichte der Familie und des Hauses Welte. In: Automatische Musikinstrumente aus Freiburg in die Welt – 100 Jahre Welte-Mignon: Augustinermuseum Freiburg, 2005, S. 143
  7. Zeitschrift für Instrumentenbau Bd. 63, 1942, Nr. 5/6, S. 32
  8. Zeitschrift für Instrumentenbau Bd. 63, 1943, Nr. 9/10, S. 57 (Disposition)
  9. Liste der Titel im SWB

WeblinksBearbeiten