Kelten-Goldschatz von Manching

Depotfund auf dem Gelände des keltischen Oppidums bei Manching (1999)

Der Kelten-Goldschatz von Manching ist ein Depotfund aus der Zeit um 100 v. Chr., der 1999 auf dem Gelände des keltischen Oppidums bei Manching geborgen wurde. Der Fundkomplex umfasst 483 Goldmünzen (Statere) inklusive eines Goldgusskuchens und stammt aus dem Gebiet der Boier – also dem heutigen Böhmen. Bei einem Einbruch am 22. November 2022 in das Manchinger Kelten-Römer-Museum wurde der gesamte Goldschatz gestohlen.

Kelten-Goldschatz von Manching

FundbergungBearbeiten

Am 26. August 1999 fielen Matthias Leicht vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege bei einer routinemäßigen Geländebegehung einige pfostenartige Verfärbungen im Boden auf. In einer dieser Verfärbungen machte er einen schmalen gelblichen Gegenstand aus, der sich bei genauerer Betrachtung als Goldmünze entpuppte. Mithilfe eines Metalldetektors konnte die Feststellung erbracht werden, dass noch mit weiteren Münzfunden in dem Areal gerechnet werden musste. Während der Bergung der teils verstreut liegenden Münzen, des Goldgusskuchens sowie dreier Bronzeringe wurden keine Nachweise eines Keramikgefäßes erbracht, sodass davon auszugehen ist, dass der Hort in einem Leder- bzw. Stoffbeutel vergraben worden war.[1] Da die Archäologen befürchteten, ein Teil des Schatzes könnte Raubgrabungen zum Opfer fallen, war Eile geboten:

„Trotz der fortgeschrittenen Zeit und den schlechter werdenden Lichtverhältnissen war klar, dass der Befund vollständig zu sichern war, um einer Beraubung und Zerstörung durch Sondengänger zuvorzukommen. Auch die umliegenden Befunde wurden mit der Sonde begangen, dabei wurden aber keine Anzeigen mehr festgestellt. Nachdem davon ausgegangen werden konnte, dass keine weiteren Funde mehr zu bergen waren, wurde die Aktion um 20 Uhr beendet. Eine erste Zählung erbrachte neben dem größeren Gusskuchen und den Bronzeringen 438 Münzen, die am gleichen Abend in die Forschungsstelle der Römisch-Germanischen Kommission nach Ingolstadt verbracht wurden. Eine Nachuntersuchung am folgenden Tag, bei der das gesamte Sediment noch einmal untersucht wurde, erhöhte die Anzahl um weitere 13 Stück auf insgesamt 451.“[1]

31 weitere Goldmünzen wurden tatsächlich entsprechend den Befürchtungen der Archäologen von einem Sondengänger illegal ausgegraben, konnten dann aber sichergestellt werden, als der Raubgräber den Versuch unternahm, diese zu veräußern.[2]

Zusammensetzung des FundensemblesBearbeiten

 
Schatz und dazugehörige Bronzeringe aus Vogelperspektive

Der Hort umfasst 483 Goldmünzen sowie einen mehr als 200 Gramm schweren Goldklumpen, der offensichtlich „aus zusammengeschmolzenem Rohmaterial besteht“ und den man „in der Antike rundherum befeilt“ hat. Zu vermuten ist, „dass das Stück über ein ganz bestimmtes Gewicht verfügen sollte, ganz ähnlich wie die Münzen, die man nach einem vorgegebenen Gewichtsstandard geprägt hatte.“ Die drei bei den Münzen liegenden Bronzeringe dienten wahrscheinlich als Verschluss eines Stoff- oder Lederbeutels zur Aufbewahrung des Goldschatzes.

Keltische Münzschätze waren vereinzelt in der Oberpfalz, Niederbayern und Schwaben gefunden worden, beim Schatzhort von Manching handelt es sich allerdings „nicht nur um den ersten großen Goldschatz aus dem Oppidum von Manching, sondern um den größten keltischen Goldfund“ des 20. Jahrhunderts.[3]

Bernward Ziegaus von der Archäologischen Staatssammlung München betont in diesem Zusammenhang:

„Interessanterweise handelt es sich bei dem neuen Fundkomplex jedoch nicht um die gut bekannten südbayerischen Regenbogenschüsselchen, sondern zur Gänze um Goldmünzen aus Böhmen. Keltische Gold- und Silbermünzen aus dem Gebiet der Boier waren in Manching bisher selten bezeugt. Die Größenordnung des Schatzfundes verstärkt nun den Eindruck, dass es zwischen den keltischen Siedlungen in Bayern und Böhmen intensivere Kontakte gab, als bisher vermutet. Im Schatzfund sind ausschließlich große Goldstücke mit Gewichten zwischen 7 und 7,5 Gramm vertreten, obwohl Funde von vereinzelten Goldmünzen aus Böhmen belegen, dass man dort auch Teilstücke prägte. Die böhmischen Goldmünzen des Schatzfundes sind von wissenschaftlicher Seite als „boische Statere der Älteren Goldprägung“ anzusprechen. Sie wurden im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. geprägt und bestehen aus dem Gold, welches die Kelten im Bergbau und beim Goldwaschen an Flüssen gewonnen hatten. Die Münzen sind aus einer hochwertigen Goldlegierung hergestellt und verfügen über einen höheren Gehalt als die südbayerischen Regenbogenschüsselchen. Der Wert einer böhmischen Goldmünze lag damit in der Antike deutlich über dem eines Regenbogenschüsselchens, so dass der neue Schatzfund aus Manching alle bisher bekannten Wertgrößen übersteigt.“[3]

Historische EinordnungBearbeiten

Bereits zum Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. hatte man in der Manchinger Keltensiedlung Goldmünzen – allerdings in nur geringen Stückzahlen – geprägt. Infolge des Aufschwungs des Oppidums zu „einem zentralen Ort im 2. Jahrhundert v. Chr. begann eine umfangreiche Münzprägung in Gold und Silber.“[3] Das Oppidum „zeichnete sich in keltischer Zeit durch seine verkehrspolitisch günstige Lage aus“:

„Das 380 ha große Oppidum, das in seiner Spätphase von einer 7 km langen Mauer umgeben war, lag an der Mündung der Paar in die Donau und verfügte mit einem in das Oppidum eingreifenden Donau-Altarm über eine ideale Schiffslände. Umgeben von Sumpferz und anderen lebenswichtigen Ressourcen bot es mit seiner Lage in der Ebene einen perfekten Wirtschaftsstandort.“[4]

Susanne Sievers von der Römisch-Germanischen Kommission nimmt folgende Kontextualisierung des archäologischen Fundes vor:

„Den Münzschatz in die bewegte Geschichte der Siedlung einzuordnen, ist nicht einfach, da er nur allgemein ins 2. und frühe 1. Jh. datiert werden kann. Wann genau er in diesem Zeitraum niedergelegt worden ist, ist vorerst rätselhaft, wenn auch ausgeschlossen werden kann, dass er mit dem Ende Manchings zu tun hat. Er steht damit nicht allein, denn auch ein 1936 geborgener Silber-Münzschatz aus dem Oppidum gehört diesem Zeithorizont an. Will man nicht an eine Niederlegung aus kultischen Gründen, etwa ein Opfer, denken, dann kann es sich nur um einen Versteckfund handeln. Dies würde auf kriegerische Zeiten oder eine Katastrophe schließen lassen, denn andernfalls wäre der verborgene Schatz wieder gehoben worden. Zu fragen ist aber auch, ob der Münzschatz mit seinem goldenen Gusskuchen nicht einen handwerklichen Aspekt spiegelt. Schließlich war Manching mit seinen zahlreichen Gussformfunden für Münzschrötlinge (sog. Tüpfelplatten) und einer jüngst entdeckten Patrize für einen Stempel, mit dem Silbermünzen geschlagen wurden, ein zentraler Ort für die Münzprägung. Die Münzen waren, vom damaligen Wert her gesehen, wohl kaum im Besitz eines Händlers oder gar eines Handwerkers; vielmehr gehörten sie dem Stamm oder einer politisch führenden Persönlichkeit. Überraschend ist vor allem, dass das Depot ausschließlich aus boischen (also böhmischen) Münzen besteht. Gemeinsam mit einer Manchinger Scherbe, die den Schriftzug BOIOS trägt - ‚einer, der aus Böhmen kommt‘ - liefert der Münzschatz den bisher beeindruckendsten Beleg für die damals engen Verbindungen zwischen Bayern und Böhmen, das für seinen Goldreichtum bekannt war. Es ist unklar, auf welche Art und Weise die boischen Münzen nach Manching gelangt sind. Die Tatsache, dass der Münzschatz zwischen dem Hafen und einem Sitz der Nobilität gefunden wurde, lässt einen Zusammenhang mit dem von der Oberschicht kontrollierten Fernhandel erahnen. Manching hat als internationales Zentrum aus dem Mittelmeerraum u. a. Wein und Fischsaucen in Amphoren, bronzenes Tafelgeschirr und kostbare gläserne Trinkschalen importiert. Es bleibt Aufgabe der künftigen Bearbeitung zu klären, welche Rolle der Manchinger Goldschatz in diesem Gefüge gespielt hat. Er unterstreicht die damalige Bedeutung Manchings, aber er belohnt auch die Ausgräber für vier Jahre mühevoller Arbeit.“[4]

Einbruch im Kelten-Römer-Museum und Entwendung des GoldschatzesBearbeiten

Am 22. November 2022 brachen Unbekannte in das Kelten-Römer-Museum ein, wo der Depotfund seit 2006 als Hauptattraktion ausgestellt war, und stahlen den 3,724 Kilogramm schweren Goldschatz. Es wurden zwei Türen aufgehebelt und zwei Sicherheitsglas-Vitrinen aufgebrochen. Aus der zweiten Vitrine wurden drei weitere, deutlich größere Münzen entwendet.

Zuvor war es zu einer Sabotage des Manchinger Telefonnetzes gekommen, als Einbrecher in einem Technikraum der Telekom mehrere Glasfaserkabel durchtrennten. Dadurch waren Telefonnetz, Internet und einige Mobilfunkbasisstationen im weiteren Umfeld des Kelten-Römer-Museums und dessen Alarmanlage lahmgelegt. Offenbar hatten die Einbrecher die Telekom-Leitungen gezielt zerstört, um ungestört in das Museum eindringen zu können. In der Folge waren Notdienste sowie mehr als 13.000 Nutzer vom Telekommunikationsnetz abgetrennt. Der Verlust des Goldschatzes wurde erst am nächsten Morgen bemerkt.

Der reine Materialwert der Goldmünzen lag zum Zeitpunkt des Diebstahls bei etwa 250.000 Euro, der Handelswert bei 1,6 Millionen Euro, wobei jede einzelne Münze 3000 bis 4000 Euro Verkaufswert besitzt. Eine zwanzigköpfige Sonderkommission der Kriminalpolizei mit dem Namen „Oppidum“ ermittelt nun wegen Bandendiebstahls und Sachbeschädigung.

Der bayerische Kunstminister Markus Blume sprach vor diesem Hintergrund von einer „Attacke auf unser kulturelles Erbe und auch auf den Kulturstaat“.

Der Sammlungsdirektor der Archäologischen Staatssammlung München, Rupert Gebhard, äußerte gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Ich könnte heulen“. Er bezeichnete den Depotfund als ein „einmaliges Dokument“; der Verlust für die Wissenschaft sei immens, da die Forschung in Bezug auf das keltische Handelsnetz noch unabgeschlossen gewesen sei. Ferner schloss er sich der Befürchtung der Polizei an, der bedeutende Fund könnte eingeschmolzen und damit endgültig vernichtet werden: „Meine große Sorge ist, dass es nur um den Goldwert geht."[5][6][7][8][9]

WeblinksBearbeiten

Commons: Goldschatz von Manching – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Matthias Leicht: Keltischer Goldschatz – Fundbergung. In: Kelten-Römer-Museum. Abgerufen am 24. November 2022.
  2. Ruth Stückle: Geheimhaltung war beim Fund das oberste Gebot. Matthias Leicht hat den Goldschatz 1999 entdeckt. Es ist der Fund seines Lebens. In: Pfaffenhofener Kurier. 24. November 2022.
  3. a b c Bernward Ziegaus: Keltischer Goldschatz - Numismatischer Überblick. In: Kelten-Römer-Museum. Abgerufen am 24. November 2022.
  4. a b Susanne Sievers: Keltischer Goldschatz - Allgemeine Einordnung. In: Kelten-Römer-Museum. Abgerufen am 24. November 2022.
  5. Keltenschatz: Nach Goldschatz-Diebstahl sucht die Polizei verzweifelt Zeugen. In: Focus online. 24. November 2022, abgerufen am 24. November 2022.
  6. Handelswert von gestohlenem Gold bei 1,6 Millionen Euro. In: Zeit Online. 23. November 2022, abgerufen am 24. November 2022.
  7. Manching: Goldschatz schwer verkäuflich - Polizei befürchtet, Diebe könnten historische Münzen einschmelzen. In: Spiegel Online. 23. November 2022, abgerufen am 24. November 2022.
  8. Zweite Vitrine aufgebrochen. In: Ingolstadt Today. 24. November 2022, abgerufen am 24. November 2022.
  9. Tanja Kipke: Unbekannte durchtrennen Glasfaserkabel: Polizei sieht Verbindungen zu millionenschwerem Museums-Diebstahl. In: Merkur.de. 25. November 2022, abgerufen am 25. November 2022.