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Kayalıpınar

Ort in Yıldızeli, Provinz Sivas, Türkei

Koordinaten: 39° 37′ 10″ N, 36° 31′ 40″ O

Reliefkarte: Türkei
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Kayalıpınar
Magnify-clip.png
Türkei
Siedlungshügel von Westen
Reliefblock aus Haus A

Kayalıpınar ist ein archäologischer Fundort in Zentralanatolien, ca. 1 km nordöstlich des gleichnamigen Dorfes im Landkreis Yıldızeli in der türkischen Provinz Sivas gelegen. Der Siedlungshügel war von der frühen Bronzezeit bis in die frühchristlich-römische Zeit bewohnt.

Inhaltsverzeichnis

LageBearbeiten

Kayalıpınar liegt wenige hundert Meter vom heutigen wie einstigen Bett des Flusses Kızılırmak (gr. Halys, heth. Maraššantija) entfernt. Der Fluss ist heute nur noch mit Kleinbooten schiffbar, doch für das 2. Jahrhundert v. Chr., als größere Teile Anatoliens bewaldet waren, ist ein höherer Pegelstand anzunehmen.

ForschungsgeschichteBearbeiten

T. Ökse sprach erstmals von einer ausgedehnten hethitischen Stadtruine. Nachdem 1999 auf der Geländeoberfläche ein erstes Tontafelfragment entdeckt wurde, konnten 2002 und 2003 mithilfe großflächiger geophysikalischer Prospektionen die Ausdehnung und Grundstrukturen der hethitischen Stadtruine erfasst werden. 2005 begannen Ausgrabungen durch das Vorgeschichtliche Seminar der Universität Marburg unter der Leitung von Andreas Müller-Karpe und Vuslat Müller-Karpe. Mehrere hethitische Bauten wurden bislang freigelegt. Die Arbeiten in den Gebäuden A – C konnten mittlerweile abgeschlossen werden. Die aktuellen Ausgrabungen betreffen in erster Linie Gebäude D, in dem 2013 u. a. ein Tontafelfragment des 13. Jahrhundert v. Chr. entdeckt wurde.

StratigrafieBearbeiten

  • Schicht 1B: 16 christlich-römische (weil beigabenlose) Gräber (Kerpiç- Stein- und Grubengräber) auf dem SO-Hügel. Zudem Gebäudereste und ein römischer Leistenziegel.
  • Schicht 1A: 102 hellenistisch/römische Gräber (Tonsarkophag-, Stein- und Grubengräber) auf dem Südosthügel.
  • (Späthethitische Periode und Eisenzeit: keine Bebauung)
  • Schicht 2: Wiederaufbau der Brandruinen. Bebauung aus der apäten Großreichszeit; öffentliche Gebäude, sonst kaum rekonstruierbar. Am Ende ein Brand, kein Wiederaufbau.
  • Schicht 3: Bauten aus der jüngeren mittelhethitischen Zeit: Z. B. Phase 2 von Gebäude A (Grundsteinlegung jedoch in Schicht 4). Zwischen 1400 und 1450 ein Grossbrand.
  • Schicht 4: Bauten aus älterer mittelhethitischer Zeit (d. h. die Zeit des alten Hatti-Reiches). Z.B. der Jungfernbau von Gebäude A.
  • Schicht 5: Zwei Häuser (Haus des Tamura und Haus am Osthang) aus der Karumzeit; Periode der altassyrischen Handelskolonien. Am Ende ein Vollbrand.
  • Schicht 6: Ca. 5 m langes Mauerstück unter einer Mittelwand des „Hauses des Tamura“.
  • noch Älteres: Am steilen Südhang zur Flussaue kamen chalkolithisch-frühbronzezeitliche Reste und Alişar-III-Ware zu Tage.

ArchitekturBearbeiten

Gebäude A wurde in Schicht 3 auf aus Schicht 4 stammenden Grundmauern an der südlichen Hangkante des Südost-Hügels errichtet, hat einen 43 × 20 m großen, nicht ganz rechtwinkligen Grundriss mit 18 EG-Räumen mit einem Eingang. Für einen hethitischen Wirtschafts- oder Wohnbau ist Gebäude A zu groß und zu aufwändig geschmückt (man sehe den Türlaibungsstein sowie weitere, aufgrund von Bruchstücken vermutete ebenbürtige Reliefblöcke). Es muss also ein Sakralbau oder ein Palast sein. Doch verglichen mit Tempelbauten in Hattuša und Šarišša kommt ein Heiligtum eher nicht in Frage. Es wird deshalb eine Herrscherresidenz vermutet. Im zentralen Bereich sind die etwas dickeren Schicht-4-Mauern von den dünneren Schicht-3-Mauern zu unterscheiden. Generell sind die Mauern um die zwei Meter dick, außer im (wohl Bediensteten vorbehaltenen) Westflügel. Dort dürfte Raum 4, der kleinste und schmalste aller, als Bedienstetenaufgang genutzt worden sein. Gebäude B steht nordöstlich davon, rechtwinklig zu A. Es ist annähernd rechteckig und hat eine Grundfläche von etwa 18 × 35,6 Metern. Es besteht aus 20 Räumen und war zweigeschossig.

FundeBearbeiten

Der bedeutendste Fund war in Gebäude A ein Türlaibungsstein aus weißem Kalkstein. Links oben und auf der echten Seite sind große Teile abgebrochen. Der Stein ist mit einem Relief geschmückt. Dieses stellt eine sitzende Gottheit dar. Sie sitzt auf einem einfachen Schemel mit Löwenpranken als Füßen. Ob eine Lehne vorhanden war, ist wegen der Beschädigung nicht mehr feststellbar. Die Gestalt trägt eine runde Kappe, an der Ansätze von Hörnern erkennbar sind, was sie als Gott ausweist. Über der Kappe befand sich wahrscheinlich ein nur noch in Spuren erhaltenes Tuch, was auf eine weibliche Gottheit hinweist. Das gut erhaltene Gesicht zeigt ebenfalls weibliche Züge. In der rechten, zum Mund geführten Hand hält sie eine Trinkschale, auf der rechten sitzt ein Vogel, von dem nur noch der zum Körper weisende Schwanz erhalten ist. Von den vermutlich früher darüber vorhandenen Hieroglyphen, die Aufschluss über die Identität der Person geben könnten, sind keine Spuren erhalten. Rechts von den mit Schnabelschuhen bekleideten Füßen ist die Spitze eines weiteren Fußes zu sehen. Demnach stand der Gottheit wahrscheinlich eine Person gegenüber. Nach Vergleichen mit anderen Darstellungen handelte es sich hier wohl um einen der Gottheit opfernden oder sie anbetenden Herrscher. Im Areal gefundene Bruchstücke des gleichen Kalksteins geben Anlass zur Vermutung, dass die gesamte Sockelzone des Gebäudes mit ähnlichen Reliefblöcken geschmückt war. Ein Backofen aus Schicht 2 überlagerte zum Teil den Steinblock und gibt somit einen terminus ante quem für das Relief, das demnach vor dem späten 13. Jahrhundert v. Chr. entstanden sein muss. Mirko Novák datiert allerdings den Stein aufgrund seiner Ausarbeitung in spätere Zeit.

Weitere Funde waren (bis 2009) 22 mit Keilschrift beschriebene Tontafeln, davon eine altassyrisch, zwei hurritisch und der Rest in hethitischer Sprache. Bei den hethitischen und hurritischen Texten handelte es sich um Ritualtexte und Briefe, die altassyrische ist eine Kaufurkunde aus der Zeit der assyrischen Handelskolonien (Schicht 5). Auf dem Südosthügel traten außerdem mehrere Terrakotten zu Tage, die Pferde darstellten. Es sind verkleinerte Rhyta. Aus Schicht 1 wurden, den gesamten Hügel überlagernd, 128 (bis 2005) Gräber und Knochensammlungen gefunden. Durch sie waren Teile der darunterliegenden Architektur gestört. Die Gräber stammen aus verschiedenen Epochen, von späthethitischer über hellenistische bis frühchristliche Zeit.

Die Funde sind heute im Archäologischen Museum Sivas ausgestellt, eine Kopie des Reliefs wurde vor Ort aufgestellt.

Antiker NameBearbeiten

Folgende Überlegungen bringen Müller-Karpe auf die Identifikation Kayalıpınars mit Šamuḫa (2000:363): Der Text des Ištar-Festrituals selbst liefert zwar keinen Hinweis. Doch die Wichtigkeit der Stätte in Kayalıpınar (verkehrstechnisch wichtige Lage, Größe der Stadt von 20 ha, Abhaltung von Ritualen wohl im Beisein des Großkönigs) lässt annehmen, dass sie in den Boğazköy-Archiven registriert war. Davon kommen nur Ḫurma und Šamuḫa in Frage, wegen deren engen geografischen Bezugs zu Šarišša. Davon lag nur Šamuḫa zusammen mit Pitiyarika und Arziya (die beide weniger groß und bedeutend waren) an einem schiffbaren Fluss, der im nahen Umfeld von Šarišša nur der Kızılırmak sein kann, neben dem oberen Euphrat der einzig schiffbare Fluss Inneranatoliens. Zudem war Šamuḫas wichtigste Gottheit die Ištar, genau wie Kayalıpınars „Göttliche Herrin“ (dGAŠAN) gemäß einer Tontafel eine Ištar-Gestalt war. dGAŠAN muss zudem laut Studien van Gessels (1998:35) als Šaušga gelesen werden, was der hurritischen Form der Ištar entspricht. Und gerade der Kult in Šamuḫa war allgemein hurritisch geprägt. So kommt Müller-Karpe (ebd.) zum Schluss: „Die Mehrzahl der Indizien spricht somit insgesamt für die Lokalisierung von Šamuḫa an diesem Platz.“

LiteraturBearbeiten

  • Andreas Müller-Karpe: Kayalıpınar in Ostkappadokien. Ein neuer hethitischer Tontafelfundplatz. In: Mitteilungen der deutschen Orientgesellschaft 132, 2000, S. 355–365.
  • Andreas Müller-Karpe: Untersuchungen in Kayalıpınar 2005. In: Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 138, 2006, S. 41–77.
  • Andreas Müller-Karpe, Vuslat Müller-Karpe: Untersuchungen in Kayalıpınar 2006-2009. In: Mitteilungen der deutschen Orientgesellschaft 141, 2010, S. 173–238.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Kayalıpınar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien