Kabuki-Syndrom

Krankheit
Klassifikation nach ICD-10
Q89.8 Sonstige näher bezeichnete angeborene Fehlbildungen
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Das Kabuki-Syndrom (früher auch Niikawa-Kuroki-Syndrom oder Kabuki-Make-up-Syndrom genannt) ist eine sehr seltene angeborene Krankheit, welche aus einem Gendefekt resultiert[1]. Der Name leitet sich von Kabuki, einer traditionellen japanischen Form des Theaters, ab, da die betroffenen Patienten spezielle Gesichtsmerkmale aufweisen, die an das dort verwendete Augen-Make-up erinnern. Der Zusatz "Make-up" wurde jedoch aus dem Namen genommen, da er von betroffenen Familien beanstandet wurde[2][3].

Vergleich des Kabuki-Theater-Make-ups mit den typischen Kabuki-Syndrom-Gesichtsmerkmalen
Ein Kind mit Kabuki-Syndrom, welches das “scrunchy face” macht

BeschreibungBearbeiten

Die Symptome des Kabuki-Syndroms können sehr unterschiedlich stark ausfallen, die meisten Betroffenen haben auffällige Gesichtsmerkmale, eine angeborene geistige Behinderung und mehrere organische Fehlbildungen.

Die Besonderheiten im Gesicht sind lange Lidspalten, die im äußeren Drittel herabhängen, lange Wimpern, gebogene Augenbrauen, hervorstehende Ohrmuscheln, eine flache und breite Nase sowie heruntergezogene Mundwinkel[4]. Die geistige Behinderung führt meist zu einer leichten bis mittleren Verminderung der Intelligenz. Angeborene Herzfehler, wie beispielsweise eine Aortenisthmusstenose oder ein atrio-ventrikulärer Septumdefekt, sind bei etwa 50 % der Patienten vorhanden. Unspezifische Anomalien im Skelettaufbau sind ebenfalls sehr häufig. Dazu gehören Klinodaktylie (Abknicken eines Fingerglieds im Handskelett), Skoliose (seitliche Verbiegung der Wirbelsäule) und Luxationen der Hüfte oder Kniescheibe.[5]Neurologische Symptome wie Muskelhypotonie, Krampfanfälle, Mikrozephalie, durch Nystagmus oder Schielen hervorgerufene Sehstörungen sind bei etwa 2/3 der betroffenen Patienten zu beobachten. Über 50 % der Patienten bekommen im Laufe ihres Lebens eine Verminderung der Hörfähigkeit. Sowohl im Milch- als auch im Dauergebiss fehlen häufig einige Zähne.[5]

Das Syndrom an sich reduziert nicht die Lebenserwartung der Betroffenen, aber die daraus folgenden Fehlbildungen können dazu führen.

InzidenzBearbeiten

Die Inzidenz liegt bei etwa 1:32.000[6], unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Umgebung[7]. In Japan wurde es bis 2005 bei etwa 100 Kindern diagnostiziert.[8] In einer Studie wurden dagegen 300 Patienten aufgeführt.[9]

GenetikBearbeiten

Die meisten in der Literatur beschriebenen Fälle sind sporadische De-novo-Mutationen. Es sind allerdings auch familiäre Fälle bekannt, die auf einen autosomal-dominanten Erbgang schließen lassen. Bislang sind zwei Gene bekannt, welche bei einem Defekt zum Kabuki-Syndrom führen: KMT2D und KDM6A.[10] KMT2D (vorher bekannt als MLL2, MLL4 oder ALR) wurde im Jahr 2010 als Verursacher für das Kabuki-Syndrom Typ 1 identifiziert,[11] zwei Jahre später wurden Mutationen in KDM6A als Grund für das Kabuki-Syndrom Typ 2 erkannt.[12]

DiagnoseBearbeiten

Im Jahr 2019 wurde von einem Team aus Experten ein Leitfaden zur klinischen Diagnose veröffentlicht.[13] Demnach kann die Diagnose zu jedem Alter gestellt werden, wenn eine Vorgeschichte aus infantiler Hypotonie, Entwicklungsverzögerung und/oder geistiger Behinderung sowie eines oder beide der folgenden Hauptkriterien vorliegen: (1) eine pathogene oder wahrscheinlich pathogene Mutation in KMT2D oder KDM6A; (2) typische dysmorphische Merkmale wie: lange Lidspalten mit Herabhängen des äußeren Drittels des unteren Augenlids und zwei oder mehr der folgenden Nebenkriterien: (1) gewölbte und breite Augenbrauen mit zerfranstem seitlichen Drittel, (2) breite und flache Nasenspitze, (3) große, prominente oder abstehende Ohren und (4) persistierende fetale Fingerpads.

TherapieBearbeiten

Eine Heilung für das Kabuki-Syndrom existiert nicht, die Behandlung erfolgt symptomatisch. Bei Neudiagnose werden in den meisten Fällen die Herzfunktion (Echokardiografie) und die Nierenfunktion (Ultraschall) untersucht, der Immunglobulinspiegel bestimmt sowie Seh- und Hörtests durchgeführt. Im Falle von beispielsweise Krampfanfällen werden Standard-Epilepsiemedikamente verabreicht[14]. Es wird aktuell (Februar 2019 bis März 2020) im University Hospital in Montpellier an 4 Kabuki-Patienten die CRISPR/Cas9-Technologie getestet. Zum einen soll hiermit das Syndrom erforscht werden, es sind aber auch therapeutische Ansätze geplant[15].

ErstbeschreibungBearbeiten

Das Kabuki-Syndrom wurde erstmals 1981 von den japanischen Ärzten Norio Niikawa[16] (新川 詔夫) und Yoshikazu Kuroki[17] (黒木 良和) beschrieben. Das Kabuki-Syndrom wird deshalb auch Niikawa-Kuroki-Syndrom genannt.

LiteraturBearbeiten

Review-Artikel

  • M. W. Wessels u. a.: Kabuki syndrome: a review study of three hundred patients. In: Clin Dysmorphol 11, 2002, S. 95–102, PMID 12002156.
  • N. Niikawa u. a.: Kabuki make-up (Niikawa-Kuroki) syndrome: a study of 62 patients. In: Am J Med Genet 31, 1988, S. 565–589, PMID 3067577.
  • M. P. Adam, L. Hudgins: Kabuki syndrome: a review. In: Clin Genet 67, 2005, S. 209–219, PMID 15691356.
  • D. Geneviève u. a.: Atypical findings in Kabuki syndrome: report of 8 patients in a series of 20 and review of the literature. In: Am J Med Genet A 129A, 2004, S. 64–68, PMID 15266618.

Fachartikel

  • G. E. Utine u. a.: Kabuki syndrome and trisomy 10p. In: Genet Couns 19, 2008, S. 291–300, PMID 18990985
  • G. Spano u. a.: Oral features in Kabuki make-up Syndrome. In: Eur J Paediatr Dent 9, 2008, S. 149–152, PMID 18844445
  • L. Rodríguez u. a.: A small and active ring X chromosome in a female with features of Kabuki syndrome. In: Am J Med Genet A 146A, 2008, S. 2816–2821, PMID 18925662.
  • H. Kuniba u. a.: Lack of C20orf133 and FLRT3 mutations in 43 patients with Kabuki syndrome in Japan. In: J Med Genet 45, 2008, S. 479–480, PMID 18593871.
  • J. M. Milunsky u. a.: A re-examination of the chromosome 8p22-8p23.1 region in Kabuki syndrome. In: Clin Genet 73, 2008, S. 502–503, PMID 18336587.
  • N. M. Maas u. a.: The C20orf133 gene is disrupted in a patient with Kabuki syndrome. In: J Med Genet 44, 2007, S. 562–569, PMID 17586838.
  • K. W. Kimberley u. a.: BAC-FISH refutes report of an 8p22-8p23.1 inversion or duplication in 8 patients with Kabuki syndrome. In: BMC Med Genet 7, 2006, S. 46, PMID 16709256.

WeblinksBearbeiten

Commons: Kabuki-Syndrom – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Sarah B. Ng et al.: Exome sequencing identifies MLL2 mutations as a cause of Kabuki syndrome. In: Nature genetics. Band 42, Nr. 9, 2010, ISSN 1061-4036, S. 790–793, doi:10.1038/ng.646, PMID 20711175, PMC 2930028 (freier Volltext).
  2. H. E. Hughes, S. J. Davies: Coarctation of the aorta in Kabuki syndrome. In: Archives of Disease in Childhood. Band 70, Nr. 6, 1994, ISSN 1468-2044, S. 512–514, doi:10.1136/adc.70.6.512, PMID 8048822, PMC 1029872 (freier Volltext).
  3. L. W. Burke, M. C. Jones: Kabuki syndrome: underdiagnosed recognizable pattern in cleft palate patients. In: The Cleft Palate-Craniofacial Journal: Official Publication of the American Cleft Palate-Craniofacial Association. Band 32, Nr. 1, 1995, ISSN 1055-6656, S. 77–84, doi:10.1597/1545-1569_1995_032_0077_ksurpi_2.3.co_2, PMID 7727492.
  4. N. Bögershausen, B. Wollnik: Unmasking Kabuki Syndrome. in: Clinical Genetics Band 83, 2013, S. 201-211. doi:10.1111/cge.12051
  5. a b orpha.net: Kabuki-Syndrom. abgerufen am 31. Dezember 2008.
  6. N. Niikawa et al.: Kabuki make-up (Niikawa-Kuroki) syndrome: a study of 62 patients. In: American Journal of Medical Genetics. Band 31, Nr. 3, 1988, ISSN 0148-7299, S. 565–589, doi:10.1002/ajmg.1320310312, PMID 3067577.
  7. Margaret P Adam: National Organization for Rare Disorders: Kabuki Syndrome.
  8. S. Fisch: Erstbeschreibung eines seltenen Syndroms. (Memento des Originals vom 26. April 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.springermedizin.at In: Ärztewoche 42, 2005.
  9. Marja W. Wessels, Alice S. Brooks, Jeannette Hoogeboom, Martinus F. Niermeijer, Patrick J. Willems: Kabuki syndrome: a review study of three hundred patients. In: Clinical Dysmorphology. Band 11, Nr. 2, 2002, ISSN 0962-8827, S. 95–102, PMID 12002156.
  10. Chong Kun Cheon, Young Bae Sohn, Jung Min Ko, Yeoun Joo Lee, Ji Sun Song, Jea Woo Moon, Bo Kyoung Yang, Il Soo Ha, Eun Jung Bae, Hyun-Seok Jin, Seon-Yong Jeong: Identification of KMT2D and KDM6A mutations by exome sequencing in Korean patients with Kabuki syndrome. In: Journal of Human Genetics. Band 59, Nr. 6, 2014, ISSN 1435-232X, S. 321–325, doi:10.1038/jhg.2014.25, PMID 24739679.
  11. Sarah B. Ng et al.: Exome sequencing identifies MLL2 mutations as a cause of Kabuki syndrome. In: Nature genetics. Band 42, Nr. 9, 2010, ISSN 1061-4036, S. 790–793, doi:10.1038/ng.646, PMID 20711175, PMC 2930028 (freier Volltext).
  12. Damien Lederer et al.: Deletion of KDM6A, a Histone Demethylase Interacting with MLL2, in Three Patients with Kabuki Syndrome. In: The American Journal of Human Genetics. Band 90, Nr. 1, 2012, ISSN 0002-9297, S. 119–124, doi:10.1016/j.ajhg.2011.11.021, PMID 22197486.
  13. Margaret P Adam et al.: Kabuki syndrome: international consensus diagnostic criteria. Journal of Medical Genetics. February 2019;56(2) 89-95 0:1-7. DOI: 10.1136/jmedgenet-2018-105625
  14. Margaret P Adam, L Hudnins, M Hannibal: Kabuki-Syndrom Gene Reviews [Internet] PMID 21882399
  15. University Hospital, Montpellier: Exploiting Epigenome Editing in Kabuki Syndrome: a New Route Towards Gene Therapy for Rare Genetic Disorders (Epi.KAB). https://ClinicalTrials.gov Identifier NCT03855631
  16. N. Niikawa et al.: Kabuki make-up syndrome: a syndrome of mental retardation, unusual facies, large and protruding ears, and postnatal growth deficiency. In: The Journal of Pediatrics. Band 99, Nr. 4, 1981, ISSN 0022-3476, S. 565–569, doi:10.1016/s0022-3476(81)80255-7, PMID 7277096.
  17. Y. Kuroki et al.: A new malformation syndrome of long palpebral fissures, large ears, depressed nasal tip, and skeletal anomalies associated with postnatal dwarfism and mental retardation. In: The Journal of Pediatrics. Band 99, Nr. 4, 1981, ISSN 0022-3476, S. 570–573, doi:10.1016/s0022-3476(81)80256-9, PMID 7277097.