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Heirat Napoléons I. mit Marie-Louise

Heiratspolitik im napoleonischen Zeitalter

Die Heirat Napoléons I. mit Marie-Louise geschah im Jahr 1810, um das Thronfolgeproblem im Französischen Kaiserreich zu lösen. Zugleich sollte die Heiratsverbindung nach dem Ende des Fünften Koalitionskrieges ein Bündnis zwischen dem Kaisertum Österreich und Frankreich begründen.

Inhaltsverzeichnis

VorgeschichteBearbeiten

Das ThronfolgeproblemBearbeiten

 
Napoléons erste Ehefrau: Joséphine de Beauharnais

Die Kinderlosigkeit in Napoléons erster Ehe mit Joséphine de Beauharnais erwies sich als zunehmend problematisch, denn durch die Umwandlung des französischen Konsulats in ein erbliches Kaisertum wurde ein männlicher Erbe notwendig, der die Dynastie Bonaparte weiterführen konnte. Joséphine war kurz vor der Krönung Napoléons jedoch schon 41 Jahre alt gewesen, weshalb im Umfeld Napoléons die Forderung lauter wurde, sich von ihr scheiden zu lassen und neu zu heiraten. Joséphine ihrerseits nutzte eine ihr sich bietende Gelegenheit, um Napoléon eine Scheidung zu erschweren: Anlässlich seiner Krönung wollte er sich von Papst Pius VII. salben lassen. Dem in diesem Zusammenhang in Paris aufhaltenden Papst beichtete Joséphine, ohne kirchlichen Segen mit Napoléon verheiratet zu sein. Da ihre standesamtliche Trauung von der katholischen Kirche nicht anerkannt wurde, konnte der Papst Napoléon damit drohen, nicht an dem Ritus teilzunehmen. Napoléon lief damit Gefahr, die Krönung vor den Augen der aus ganz Europa angereisten Diplomaten verschieben zu müssen. Am Abend des 1. Dezember 1804 – einen Tag vor der Krönung – ließen sich Napoléon und Joséphine in einer Kapelle des Tullerienschlosses trauen. Der Akt geschah mit Wissen des Papstes, wurde aber gegenüber der Öffentlichkeit geheimgehalten. Da das Kirchenrecht keine Möglichkeit einer Scheidung vorsah, schien Joséphine ihre Stellung an der Seite Napoléons gesichert zu haben.[1]

Auch in anderer Hinsicht konnte Joséphine den dynastischen Ambitionen Napoléons zunächst noch gerecht werden: Noch in der Zeit des Konsulats war es ihr gelungen, ihn davon zu überzeugen, ihre Tochter Hortense mit seinem Bruder Louis zu verheiraten. Auf diese Weise war bereits am 11. Oktober 1802 mit Napoléon Charles ein Kind geboren worden, das Napoléon, wenn auch inoffiziell, zu seinem Nachfolger erklärt hatte und es bei dessen Volljährigkeit adoptieren wollte. Napoléon Charles verband die Familie Napoléons mit der Joséphines, was ihre Stellung weiter stabilisieren sollte. Der frühe Tod von Napoléon Charles am 5. Mai 1807 machte Joséphines Konzept von einer eigenen Dynastie jedoch wieder zunichte. Das Thronfolgeproblem wurde damit erneut aktuell. Am kaiserlichen Hof wurden abermals Stimmen laut, die den französischen Kaiser zu einer Scheidung von Joséphine rieten. Vor allem der ehemalige französische Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord und Polizeiminister Joseph Fouché taten sich hier hervor.[2][3]

Napoléon schenkte dieser Kritik jedoch kein Gehör, solange er noch davon ausging, selbst unfruchtbar zu sein. Trotz seiner zahlreichen außerehelichen Affären, etwa mit Madame Duchatel, Félicie Longroy und Carlotta Gazzani, hatte er zunächst keine Kinder vorzuweisen. Joséphine hatte hingegen zwei Kinder aus erster Ehe. Selbst als eine von Napoléons Geliebten, Éléonore Denuelle, schwanger wurde, zog dieser seine Vaterschaft in Zweifel. Er hielt Joachim Murat für den wahren Vater. Allerdings wies der am 15. Dezember 1806 geborene Léon Denuelle große äußerliche Ähnlichkeiten mit Napoléon auf.[4]

Scheidung von JoséphineBearbeiten

 
Die polnische Geliebte Napoléons: Maria Walewska
 
Künstlerische Rezeption von der ohnmächtigen Kaiserin Josephine

Gegen die Entscheidung für eine Scheidung sprach die Beliebtheit Joséphines im Volk und Napoléons persönliche Zuneigung ihr gegenüber. Andererseits hatte im Jahr 1809 die Schwangerschaft seiner polnischen Mätresse Maria Walewska gezeigt, dass er zeugungsfähig war, also möglicherweise noch einen Thronfolger zeugen konnte. Diesmal erkannte Napoléon auch seine Vaterschaft an. Schließlich führte ihn der am 12. Oktober 1809 gescheiterte Attentatsversuch Friedrich Stapß’ vor Augen, wie bedroht das französische Imperium bei seinem Tod wäre. Nur durch einen leiblichen Sohn, der ihm auf den Thron nachfolgen konnte, glaubte er, den dauerhaften Fortbestand seines Kaiserreiches sichern zu können. Dennoch unterrichtete Napoléon seine Ehefrau erst mehr als einen Monat nach seiner Rückkehr aus Österreich über sein Scheidungsvorhaben. Er war ihr beispielsweise unter dem Vorwand, auf die Jagd zu gehen, nach Schloss Fontainebleau ausgewichen. Am 30. November 1809 lud er Joséphine schließlich zu einem gemeinsamen abendlichen Dinner ins Tullerienschloss ein. Anschließend rechtfertigte er sich, im Interesse Frankreichs sich von ihr trennen zu müssen. Daraufhin soll Joséphine angeblich in Ohnmacht gefallen sein oder zumindest so getan haben. Napoléon soll seinen Schlosspräfekten François-Joseph de Bausset gerufen haben, um Josephine in ihr Schlossappartement zu tragen. Am 15. Dezember 1809 gegen 20:00 Uhr gaben Napoléon und Joséphine im offiziellen Kreis der kaiserlichen Familie, hohen staatlichen Würdenträger und Offiziere ihre zivile Scheidung ebenfalls im Tullerienschloss bekannt. Auf Druck Napoléons beeilte sich am 9. Januar 1810 auch die Pariser Diözesenbehörde, die kirchliche Heirat Napoléons mit Joséphine für ungültig zu erklären.[5][6]

Bündnispolitische Überlegungen für eine NeuverheiratungBearbeiten

 
Befürworter der Scheidung: Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord

Bei der Suche nach einer neuen Ehefrau kamen nur drei Kandidatinnen in die nähere Auswahl des französischen Kaisers: eine sächsische Prinzessin, eine Schwester des russischen Zaren Alexanders I. und Marie-Louise, die Tochter des österreichischen Kaisers. Mit solchen Heiratsverbindungen wollte Napoléon, der seinen Aufstieg nicht der Geburt, sondern lediglich militärischen Erfolgen und politischem Geschick verdankte, sein Herrscherhaus endgültig in die Reihe der alteingesessenen Dynastien Europas integrieren. Gegenüber Marie-Louise gab es aufgrund des Österreichisch-Französischen Krieges von 1809 zunächst noch Vorbehalte. Nach dem Sieg über Österreich hatte Napoléon sogar schon die Zerstückelung der Habsburgermonarchie vorgesehen. Er hatte bereits ein Dekret vorbereiten lassen, dass Ungarn in die Unabhängigkeit entlassen sollte. Gedrängt von Talleyrand willigte Napoléon jedoch in Gespräche mit dem Wiener Hof ein. Talleyrand beabsichtigte ein Bündnis mit Österreich, mit dessen Hilfe er ein machtpolitisch stabiles Gleichgewicht in Europa installieren wollte. Auf diese Weise sollten weitere die Kräfte Frankreichs überfordernde Feldzüge verhindert und eine dauerhafte Friedensordnung etabliert werden. Durch die Verheiratung mit Napoléon Bonaparte erhoffte sich auch Marie-Louises Vater Kaiser Franz I. die Festigung der politischen Verhältnisse. Es lag im österreichischen Interesse, eine Heirat Napoléons mit der russischen Prinzessin Anna Pawlowna zu vereiteln, da ansonsten eine Umklammerung durch Frankreich im Westen und dem Zarenreich im Osten drohte. Daher reagierte Franz I. auf einen Brief vom 23. Februar 1810, in dem Napoléon um die Hand Marie-Louises bat, positiv.[7]

 
Österreichischer Vermittler der Heirat: Klemens Wenzel Lothar von Metternich

Die zusagende Haltung des österreichischen Kaisers hing auch mit dem Einfluss einer neuen wichtigen Figur in der Wiener Politik zusammen: Klemens Wenzel Lothar von Metternich war an die Stelle des bisherigen österreichischen Außenministers Johann Philipp von Stadion getreten. Stadion hatte den für Österreich verlorenen Krieg von 1809 befürwortet und auf eine „ausgebliebene national[e] Erhebung“ gesetzt (so der Historiker Wolfram Siemann). Neben der Ausarbeitung eines neuen außenpolitisches Konzeptes war Metternich indirekt als Moderator der Heirat aktiv. Napoléon wendete sich bei einem Pariser Maskenball an Metternichs Ehefrau Eleonore von Kaunitz, die die Heiratsanfrage brieflich an den in Wien sich aufhaltenden Metternich weiterleitete. Dieser zählte zu den Hauptbefürwortern der Hochzeit, da sie seinem außenpolitischen Konzept entgegenkam, Österreich zunächst an das „triumphierende französische System anzuschmiegen“ und dessen „Kraft auf bessere Zeiten aufzuheben“. Langfristig sah Metternich in der bevorstehenden Heirat mit Marie-Louise einen großen taktischen Fehler Napoleons: Österreich war aufgrund der schlechten Erfahrungen im Siebenjährigen Krieg, der Hinrichtung Marie Antoinettes und der harten Friedensbedingungen von Schönbrunn ein für Frankreich kaum zu gewinnender Bündnispartner. Seit dem Frieden von Tilsit bestand hingegen eine Allianz zwischen Russland und Frankreich, die Napoléon mit der Heirat Marie-Louises aber nun offen in Frage stellte. Mit seiner Entscheidung gegen Anna Pawlowna trieben Russland und Frankreich weiter ungebremst auf eine militärische Eskalation zu. Im Falle eines russisch-französischen Krieges wiederum sah Metternich die Chance, die Heiratsverbindung im Nachhinein als vom Sieger aufgezwungen darzustellen: „Kann man zwischen dem Untergang einer ganzen Monarchie und dem persönlichen Unglück einer Prinzessin wählen?“ Auf diese Weise sollte Österreich sich insgeheim die Option eines Bündniswechsels offenhalten. Zugleich wurde Metternich vom österreichischen Kaiser mit der Aufgabe betraut, Erzherzogin Marie-Louise von der Notwendigkeit der Hochzeit zu überzeugen. Marie-Louise musste sich hier den Vorstellungen der Dynastie beugen. Ihr wurde keine persönliche Entscheidungsfreiheit zugestanden.[8][9]

Diplomatische Vorbereitung und Stellvertreterhochzeit in WienBearbeiten

Offizielle Überreichung des HeiratsantragesBearbeiten

 
Überbringer des Heiratsantrages: Louis-Alexandre Berthier

Napoléon betraute Marschall Louis-Alexandre Berthier mit der offiziellen Überreichung des Heiratsantrages. Berthier war ein Befürworter der österreichischen Heirat und genoss das volle Vertrauen Napoléons. Noch Ende 1809 war er vom französischen Kaiser zum Fürsten von Wagram ernannt worden. Am 22. Februar 1810 brach Berthier auf und erreichte Wien am 4. März, wo er von der Bevölkerung als Friedensbringer bejubelt wurde. Drei Tage später erschien Berthier vor Kaiser Franz I. In seiner Rede bekräftigte er, dass Frankreich eine Aussöhnung mit Österreich suche: „Die Politik meines Souveräns [Napoléons] entspricht den Wünschen seines Herzens. Diese Vereinigung von zwei mächtigen Familien wird zwei großzügigen Nationen neue Zusicherungen von Ruhe und Glück geben.“ Anschließend wurde Marie-Louise zur Audienz vorgelassen. Berthier übergab ihr einen Brief und ein Porträt Napoléons. Am 9. März unterschrieb sie eine sogenannte Renuntiationsurkunde, die Napoléon jedes Erbrecht auf den österreichischen Thron entziehen sollte.[10]

Stellvertreterhochzeit in WienBearbeiten

 
Stellvertreter Napoleons: Erzherzog Karl

Am 11. März 1810 fand in der Wiener Augustinerkirche eine Stellvertreterhochzeit zwischen der achtzehnjährigen Erzherzogin und dem Kaiser der Franzosen statt. Dies war nicht unproblematisch, da Napoléon sich erst kürzlich von Joséphine geschieden hatte und somit Zweifel an der kirchlichen Rechtsgültigkeit der neuen Ehe aufkamen. Um derartige Kritik zu unterdrücken, sprach der Erzbischof von Wien der Hochzeit seinen Segen aus. Der nicht anwesende Napoléon ließ sich von Erzherzog Karl vertreten, der ihm im Französisch-Österreichischen Krieg von 1809 noch als Gegenspieler gegenübergestanden hatte. Napoléon selbst hatte ihn in einem Brief vom 25. Februar 1810 für diese Aufgabe ausgewählt und Berthier am 8. März zu einer Audienz zum Erzherzog geschickt, um seiner Forderung nochmals Nachdruck zu verleihen. Die österreichische Kaiserin Maria Ludovika begleitete Marie-Louise zum Altar, wo sich „der Erzherzog Prokurator und Marie-Louise gegenseitig die Ringe an die Finger steckten“ (so das Hofprotokoll am darauffolgenden Tag). Bei der Zeremonie wurden insgesamt zwölf Eheringe geweiht, da am Wiener Hof die Fingerstärke des französischen Kaisers unbekannt war. Die Ringe wurden mit auf die Reise nach Frankreich geschickt und sollten – so sah es das Protokoll vor – von Marie-Louise an Napoléon übergeben werden. Zum Abschluss des Ritus sang ein Chor das Kirchenlied „Gott, wir loben dich“.[11][12][13]

Reise Marie-Louises nach FrankreichBearbeiten

Reisestationen Marie-Louises auf dem Weg von Wien nach Paris im Jahr 1810

Abreise aus Wien und Übergabezeremonie in Braunau am InnBearbeiten

 
Der Abschied Marie-Louises von ihrer Familie, Pauline Auzou, 1812

Die Reise der nun französischen Kaiserin Marie-Louise von Wien nach Paris erforderte ein aufwendiges höfisches Zeremoniell, bei dem Napoléon an die Tradition des Ancien Régime anknüpfen wollte. Er bestand darauf, die Brautfahrt der Marie Antoinette von 1770 nachzuahmen. Dazu gehörte etwa die Veranstaltung einer feierliche Übergabezeremonie an der Grenze zwischen der französischen und österreichischen Einflusszone sowie eine erste Begegnung des Ehepaares bei Schloss Compiègne. Marie-Louise verabschiedete sich am 13. März 1810 von ihrer Familie und reiste aus Wien ab. Ein aus 300 Personen bestehender Hofstaat begleitete sie. Der Konvoi setzte sich aus insgesamt 83 Kutschen zusammen, die von 454 Pferden gezogen wurden. Am 16. März betrat Marie-Louise bei Braunau am Inn die Grenze zwischen Österreich und dem mit Frankreich verbündeten Königreich Bayern. In einem eigens für die Zeremonie errichteten Holzpavillon fand die inszenierte Übergabe Marie-Louises an Frankreich statt. Der Pavillon bestand aus drei Räumlichkeiten: Ein östlicher Saal repräsentierte Österreich, ein westlicher Frankreich und der dazwischen liegende Saal war als neutraler Boden vorgesehen. Ebenso waren zwei Eingänge (ein französischer und ein österreichischer) vorhanden. Um 14 Uhr durchschritt Marie-Louise den österreichischen Saal und gelangte in den neutralen Saal, wo sie von dem österreichischen Diplomaten Ferdinand von Trauttmansdorff an Berthier übergeben wurde. Hier musste sich Marie-Louise endgültig von ihrem österreichischen Hofstaat verabschieden. Nachdem sie auf einem im Saal positionierten Thron Platz genommen hatte, erschien ihr neuer französischer Hofstaat. Im französischen Saal wurde ihr ihre österreichische Reisekleidung abgenommen. Sie erhielt in einem zwei Stunden andauernden Akt eine komplett neue, französische Ausstattung. Marie-Louise wurde parfümiert, neu gekleidet und bekam eine neue Haarfrisur, womit die symbolische Wandlung zur französischen Kaiserin abgeschlossen war.[14][15]

Einzug in MünchenBearbeiten

 
Oberhaupt der Wittelsbacher: König Maximilian I. von Bayern

Am Abend des 17. März 1810 erreichte Marie-Louise und ihr aus 38 Kutschen bestehendes Gefolge die bayerische Hauptstadt München. Die dort residierende Dynastie der Wittelsbacher betrachtete die neue Heiratsverbindung aus zwei Gründen mit Sorge: Erstens war die älteste Tochter des bayerischen Königs mit Eugène de Beauharnais, dem Sohn von Josèphine, verheiratet. Mit der Scheidung von Josèphine hatte Napoléon also seine dynastische Verbindung zum bayerischen Königshaus entwertet. Zweitens verlor Bayern durch Napoléons neue Heirat an geostrategischer Bedeutung. Seit der Schließung des Bogenhausener Vertrages hatte Bayern gegenüber dem angrenzenden Österreich als „Bollwerk“ und französisches Aufmarschgebiet fungiert, wofür Napoléon es territorial vergrößerte. Im Zuge der Heirat mit Marie-Louise schien fortan jedoch eine Einigung zwischen Österreich und Frankreich zum Nachteil Bayerns möglich. Nicht zuletzt trugen auch der nur mühsam niedergeschlagene Aufstand im bayerischen Tirol, die anti-napoléonische Haltung des bayerischen Thronprinzen Ludwig und die bayerische Blockade einer Rheinbundverfassung zu einem angespannten Verhältnis zu Frankreich bei. Folglich sah die bayerische Regierung den feierlichen Einzug Marie-Louises in München als Gelegenheit, um Napoléon versöhnlich zu stimmen: Kronprinz Ludwig musste Marie-Louise von Haag nach München begleiten. Vor den Toren der Stadt wurde ihr Konvoi von fünf bayerischen Einheiten empfangen. Als Marie-Louises Kutsche die Alte Isarbrücke erreichte, begannen im selben Moment die Kirchenglocken der Stadt zu läuten. Zusätzlich gaben Geschütze Salutschüsse ab. Anhaltender Starkregen behinderte allerdings die städtische Illumination.[16][17]

Marie-Louises Begleitung bestand auch jetzt nicht ausschließlich aus Franzosen. Metternich etwa folgte dem Konvoi bis Paris und sollte in der französischen Hauptstadt noch 181 Tage bleiben. Unter der Vorgabe, Marie-Louise zu betreuen, sah er die Chance, in Verhandlungen persönlich auf Napoléon einwirken zu können und so eine Revision des für Österreich harten Friedensvertrages von Schönbrunn (85 Millionen Franc Kriegsentschädigung und eine Armeebegrenzung auf 150.000 Mann) zu bewerkstelligen. Am 15. März 1810 war Metternich aus Wien abgereist und holte den Konvoi in Straßburg acht Tage später ein. Dem österreichischen Kaiser übermittelte er regelmäßige Berichte über die Reise, das Verhalten und die Befindlichkeiten von Marie-Louise. Obwohl Metternich letztlich keine Abmilderung der Friedensbedingungen erreichen konnte, gelang es ihm doch, die Heirat als Erfolg zu verkaufen, mit dem Österreich sich Jahre der Erholung vom Krieg sicherte.[18]

Zusammentreffen bei CompiègneBearbeiten

Um die Strapazen der Reise möglichst in Grenzen zu halten, sah die Route für den 27. März 1810 ursprünglich einen Aufenthalt in Soissons vor. Der Ort war die letzte Station vor dem geplanten Zusammentreffen mit Napoléon in Compiègne am darauffolgenden Tag. Die Stadt Soissons hatte sich bereits auf den Empfang und die Unterbringung der Kaiserin vorbereitet. Napoléon ging dies jedoch nicht schnell genug. Er war bereits am 20. März 1810, um etwa 19 Uhr, in Compiègne eingetroffen und hatte dort persönlich letzte Änderungen in den Schlossräumen der Kaiserin veranlasst. Am 27. März 1810 beschloss er das Zusammentreffen um einen Tag vorzulegen. Er ritt inkognito, begleitet nur von seinem General Murat, dem Konvoi von Marie-Louise entgegen. Bei Courcelles-sur-Vesle fand Napoléon den Tross schließlich beim Pferdewechsel vor. Er nutzte die Gelegenheit, um unter Missachtung aller höfischen Konventionen in die Kutsche Marie-Louises zu steigen. Er ließ die Kutschen anschließend bis nach Compiègne durchfahren, wo das Paar um 21:30 Uhr eintraf.[19][20]

Pariser HochzeitBearbeiten

Die offizielle Hochzeit wurde am 1. April 1810 in der Kapelle des Louvre vollzogen.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Thierry Lentz: Le sacre de Napoléon, 2 décembre 1804. Nouveau Monde Édition. Paris 2003. S. 132.
  2. Thierry Lentz: Le Premier Empire. 1804–1815. Fayard, Paris 2018, S. 502–504.
  3. Kate Williams: Joséphine. désir et ambition. Laffont, Paris 2013, S. 234.
  4. Jean Tulard: Napoléon Les grands moments d’un destin. Paris 2006, S. 37.
  5. Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseum im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux, Paris 2010, S. 16.
  6. Kate Williams: Joséphine. désir et ambition. Laffont. Paris 2013, S. 334–335.
  7. Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise. In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseum im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux, Paris 2010, S. 17.
  8. Jean Tulard: Napoleon oder der Mythos des Retters. Eine Biographie. Wunderlich, Tübingen 1978, S. 404.
  9. Wolfram Siemann: Metternich Staatsmann zwischen Restauration und Moderne. Beck, München 2010, S. 44.
  10. Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseum im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux, Paris 2010, S. 18.
  11. Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseum im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux. Paris 2010. S. 18
  12. Franz Wiltschek: Erzherzog Karl. Der Sieger von Aspern. Styria, Graz 1983, S. 297.
  13. Sigrid-Maria Größing: Schatten über Habsburg: mit Porträts nach zeitgenössischen Gemälden und Photographien. Scheriau, Wien 1991, S. 175.
  14. Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseum im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux, Paris 2010, S. 19–20.
  15. Philip Dwyer: Citizen Emperor. Napoleon in Power 1799–1815. Bloomsbury. London 2013. S. 331–332.
  16. Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseum im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux, Paris 2010, S. 20.
  17. Eberhard Weis: Die Begründung des modernen bayerischen Staates unter König Max I. (1799-1825) In: Max Spindler (Hrsg.): Handbuch der bayerischen Handbuch der bayerischen Geschichte. Bd. 4. München 1974. S. 3–86, hier, S. 37.
  18. Wolfram Siemann: Metternich Staatsmann zwischen Restauration und Moderne. Beck, München 2010, S. 46.
  19. Ch. Gastinel-Coural: Notes sur les décors textiles et les tapis des appartements de Marie-Louise S. 115–126, hier S. 117.
  20. Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseum im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux, Paris 2010, S. 19.