Hauptmenü öffnen

Gräberfeld von Gültlingen

Gräberfeld im Landkreis Calw in Baden-Württemberg

Koordinaten: 48° 38′ 54,5″ N, 8° 46′ 54,8″ O

Aus dem alamannischen Gräberfeld von Gültlingen aus der Merowingerzeit im Landkreis Calw in Baden-Württemberg, das zwischen 1894 und 1905 weitgehend unbeobachtet zerstört wurde, sind nur zwei geschlossene Grabinventare – alamannische Männergräber u. a. mit Goldgriffspatha – dokumentiert, ansonsten liegen lediglich Einzelfunde zerstörter Gräber vor. Anhand des vorliegenden Fundmaterials wird das Gräberfeld sicher den Alamannen zugeordnet und auf die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts datiert.

Gräberfeld von Gültlingen
p1
f1
Lage Baden-Württemberg, Deutschland
Fundort Gültlingen
Gräberfeld von Gültlingen (Baden-Württemberg)
Gräberfeld von Gültlingen
Wann 460–510 n. Chr.
Wo Gültlingen, Landkreis Calw, Baden-Württemberg
ausgestellt Schausammlung "LegendäreMeisterWerke" im Alten Schloss, Dauerausstellung, Archäologische Sammlungen, Landesmuseum Württemberg in Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

FundbeschreibungBearbeiten

Das alamannische Gräberfeld aus der Merowingerzeit im Osten des Ortes Gültlingen, Stadt Wildberg, Kr. Calw, Baden-Württemberg wurde beim Tuffabbau und beim Straßenbau zwischen den Jahren 1894 und 1905 nahezu zerstört. Trotz dieser Quellenlage – es wurden nur zwei geschlossene, jedoch wohl unvollständige, Grabinventare dokumentiert; daneben liegen nur Einzelfunde aus dem zerstörten Gräberfeld vor – lässt sich aussagen, dass hier zwischen 460 und 510 eine alamannische Gruppe mit überregionalem Wirkungskreis ihre Toten bestattete.[1] Bedeutend wird der Fundplatz durch die reiche Ausstattung der beiden geschlossenen Männergräber mit Goldgriffspathas. Das Männergrab von 1901 enthielt zusätzlich einen Spangenhelm.[2] Für Joachim Werner charakterisieren diese Elitegräber zusammen mit den Funden aus Flonheim Grab 5 seine Gruppe I "Stufe Flonheim-Gültlingen".[3]

Herausragende Frauengräber sind belegt durch ein Paar Bügelfibeln, eine Sonderanfertigung mit Almandineinlagen.[4]

InterpretationBearbeiten

Nach 510 bricht die Belegung des Gräberfeldes entweder ab, wie auf etlichen anderen alamannischen Friedhöfen vom Typ Hemmingen[5], oder dünnt zumindest sehr aus, wie in Basel-Kleinhüningen oder Pleidelsheim.[6] Funde liegen erst wieder für ab der Mitte des 6. Jahrhunderts vor.[7] Herausragende Gräber sind allerdings nicht mehr festzustellen.[8] Das Abbrechen der alamannischen Friedhöfe und Siedlungen – archäologisch belegt für die Höhensiedlung auf dem Runden Berg bei Urach – wird auf den Sieg der Franken über die Alamannen und deren Eingliederung in das fränkische Reich zurückgeführt.[9]

Das Gräberfeld in Gültlingen weist, wie viele Friedhöfe der Alamannen der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, deutlich Einflüsse aus dem elbgermanischen und mittleren Donauraum auf, die, so Dieter Quast, durch Zuwanderungen aus diesen Räumen bedingt sein dürften.[10] Das Helmgrab von 1901 bezeugt die Verbindungen der alamannischen Elite zum spätrömischen Mittelmeerraum.[11]

Das HelmgrabBearbeiten

Die Ausstattung des 1901 in Gültlingen aufgefundenen, sogenannten Helmgrabes weist es als ein Elitegrab der Alamannen aus. Neben einer Goldgriffspatha war der Tote mit einem Spangenhelm[12] aus Eisen mit vergoldeten Kupferspangen ausgestattet. Zudem besaß der Tote einen Prunkgürtel mit einer Gürtelschnalle aus Meerschaum und einen Taschenverschluss im Stil der Cloisonnéarbeiten aus dem Childerichgrab[13]. Dazu kamen ein eiserner Schild, ein Wurfaxt eine Lanze sowie eine fränkische Glasschale. Weiterhin gehört ein Anhänger aus Bergkristall zum wertvollen Grabinventar. Die eiserne Spatha mit dem Goldgriff wies eine Länge von ca. 90 cm und Breite von 6 cm aus, der vergoldete Spangenhelm ohne Wangenklappen eine Höhe von 17,7 cm und ein Hutmaß von 59 cm auf.[14] Das Schwert, sowie der Helm und der Gürtel stammen möglicherweise aus byzantinischen Werkstätten und wurden von ihrem Besitzer vielleicht während einer Dienstzeit im römischen Militär erworben.[14]

Die GoldgriffspathasBearbeiten

Die Männergräber von 1889 und 1901 enthielten jeweils eine Goldgriffspatha[15] alamannischen Typs, ein zweischneidiges Hiebschwert, dessen Griff mit Goldblech überzogen ist und das hauptsächlich östlich des Rheins in alamannischen Gebieten des späten 5. und frühen 6. Jahrhunderts vorkommt.[16] Im Gegensatz zu den fränkischen Goldgriffspathas weisen die beiden alamannischen Prunkschwerter aus Gültlingen typgerecht keine Cloisonnéverzierung auf.

AusstellungBearbeiten

Der wertvolle Grabfund der Merowingerzeit aus Gültlingen – der Spangenhelm und die Goldgriffspathas der alamannischen Elite – sind Teil der Archäologischen Sammlungen des Landesmuseums Württemberg und in der Schausammlung "LegendäreMeisterWerke" im Alten Schloss ausgestellt. Zu den Grabbeigaben gehören weiterhin eine Wurfaxt sowie eine Lanze und ein Schild sowie eine vergangene Gürteltasche mit prunkvollen Beschlägen aus Gold und Almandin, ein Gürtel mit Meerschaumschnalle mit Gold, Almandin- und Glaseinlage, eine weitere Schnalle aus Magnesit mit einem vergoldeten Dorn aus Bronze und Almandineinlage und eine kleine Glasschale. Grabfunde der Merowingerzeit aus Gültlingen wurden in der Sonderausstellung „Die Alamannen“ vom 11. Dezember 2001 bis 28. April 2002 im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart gezeigt.[14]

WeblinksBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Dieter QuastGültlingen. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 13, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-016315-2, S. 153–154. (online)
  • Landesmuseum Württemberg (Hrsg.): LegendäreMeisterWerke. Kulturgeschichte(n) aus Württemberg. Begleitband zur Dauerausstellung. Landesmuseum Württemberg, Stuttgart 2012, S. 122–221.
  • Heike Schröder (Red.): Kunst im Alten Schloß. Landesmuseum Württemberg. Stuttgart 1998, S. 68
  • Horst-Wolfgang Böhme: Der Frankenkönig Childerich zwischen Attila und Aëtius. Zu den Goldgriffspathen der Völkerwanderungszeit. In: Festschrift Otto-Herman Frey. 1994, S. 69–110.
  • Ursula Koch: Besiegt, beraubt. vertrieben. Die Folgen der Niederlagen von 496/497 und 506. In: Die Alamannen. Ausstellungskatalog Stuttgart, 1997, S. 191–201.
  • Reto Marti: Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Saint-Sulpice. In: (VD). 1990.
  • Max Martin: Bemerkungen zur chronologischen Gliederung der frühen Merowingerzeit. In: Germania 67. 1989, S. 121–141 (online).
  • Wilfried Menghin: Schwerter des Goldgriffspathenhorizonts im Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin. In: Acta Praehistorica et Archaeologica 26/27, 1994/95, S. 140–191.
  • Dieter Quast: Die merowingerzeitlichen Grabfunde von Gültlingen (Stadt Wildberg, Kr. Calw), 1993.
  • Dieter Quast: Schmuckstein- und Glasschnallen des 5. und frühen 6. Jahrhunderts aus dem östlichen Mittelmeergebiet und dem "Sasanidenbereich". In: Archäologisches Korrespondenzblatt 26. 1996, S. 333–345.
  • Dieter Quast: Vom Einzelgrab zum Friedhof. Beginn der Reihengräbersitte im 5. Jahrhundert. In: K. Fuchs: Die Alamannen. Ausstellungskatalog Stuttgart, 1997, S. 171–190.
  • Dieter Quast: Goldgriffspathen - Höhensiedlungen - donauländische Einflüsse. Veränderungen im archäologischen Quellenmaterial der Alamannia im 5. Jahrhundert und ihre Interpretation. In: Actes des XVIIIe Journées internationales d'Arch. mérovingienne, Saint-Germain-en-Laye 1997, Antiqu. Nationales (im Druck).
  • Heiko Steuer: Herrschaft von der Höhe. In: Die Alamannen. Ausstellungskatalog Stuttgart, 1997, S. 149–162.
  • Joachim Werner: Münzdatierte austrasische Grabfunde. In: Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit Band 3. Berlin/Leipzig 1935.

AnmerkungenBearbeiten

  1. Vgl. Dieter Quast: Die merowingerzeitlichen Grabfunde von Gültlingen. 1993.
  2. Vgl. Hermann Ament u. a.: Franken. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 9, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1995, ISBN 3-11-014642-8, S. 373–461.; vgl. Torsten Capelle u. a.: Fürstengräber. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 10, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-015102-2, S. 168–220.
  3. Vgl. Joachim Werner: Münzdatierte austrasische Grabfunde. In: Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit Band 3. Berlin/Leipzig 1935, S. 30 ff.
  4. Vgl. Dieter Quast: Die merowingerzeitlichen Grabfunde von Gültlingen. 1993, S. 1, S. 9; vgl. Reto Marti: Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Saint-Sulpice. In: (VD). 1990, S. 44 ff.
  5. Vgl. Dieter Quast: Hemmingen. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 14, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-016423-X, S. 378.
  6. Vgl. Ursula Koch: Besiegt, beraubt. vertrieben. Die Folgen der Niederlagen von 496/497 und 506. In: Die Alamannen. Ausstellungskatalog Stuttgart, 1997, S. 191–201, S. 191 mit Anmerkung 5.
  7. Dieter Quast: Die merowingerzeitlichen Grabfunde von Gültlingen. 1993, S. 104.
  8. Zur Chronologie vgl. Max Martin: Bemerkungen zur chronologischen Gliederung der frühen Merowingerzeit. In: Germania 67. 1989, S. 121–141; kritisch vgl. Wilfried Menghin: Schwerter des Goldgriffspathenhorizonts im Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin. In: Acta Praehistorica et Archaeologica 26/27, 1994/95, S. 140–191.
  9. Vgl. Ursula Koch: Besiegt, beraubt. vertrieben. Die Folgen der Niederlagen von 496/497 und 506. In: Die Alamannen. Ausstellungskatalog Stuttgart, 1997, S. 191–201; kritisch vgl. Heiko Steuer: Herrschaft von der Höhe. In: Die Alamannen. Ausstellungskatalog Stuttgart, 1997, S. 149–162, S. 160–161.
  10. Vgl. Dieter Quast: Vom Einzelgrab zum Friedhof. Beginn der Reihengräbersitte im 5. Jahrhundert. In: Die Alamannen. Ausstellungskatalog Stuttgart, 1997, S. 171–190.
  11. Dieter Quast: Die merowingerzeitlichen Grabfunde von Gültlingen. 1993, S. 104; vgl. Horst-Wolfgang Böhme: Der Frankenkönig Childerich zwischen Attila und Aëtius. Zu den Goldgriffspathen der Völkerwanderungszeit. In: Festschrift Otto-Herman Frey. 1994, S. 81–82, S. 106–107; Dieter Quast: Schmuckstein- und Glasschnallen des 5. und frühen 6. Jahrhunderts aus dem östlichen Mittelmeergebiet und dem "Sasanidenbereich". In: Archäologisches Korrespondenzblatt 26. 1996, S. 340; vgl. Dieter Quast: Goldgriffspathen - Höhensiedlungen - donauländische Einflüsse. Veränderungen im archäologischen Quellenmaterial der Alamannia im 5. Jahrhundert und ihre Interpretation. In: Actes des XVIIIe Journées internationales d'Arch. mérovingienne. Saint-Germain-en-Laye 1997, Antiqu. Nationales.
  12. Zum 'Baldenheimer Spangenhelm' vgl. Peter F. Stary u. a.: Helm. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 14, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-016423-X, S. 317–338.
  13. Vgl. Kurt Böhner u. a.: Childerich von Tournai. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 4, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1981, ISBN 3-11-006513-4, S. 440–460.
  14. a b c Vgl. alamannisches Helmgrab mit Goldgriffspatha, Landesmuseum Württemberg, Archäologische Sammlungen
  15. Vgl. Hermann Ament: Goldgriffspatha. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 12, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-016227-X, S. 333–335.
  16. Hermann Ament: Goldgriffspatha. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 12, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-016227-X, S. 333.