Gautier Giffard

normannischer Baron

Gautier Giffard (engl. Walter Giffard, genannt Giffard of Barbastre, lat. Galterius/Walterius Giffardus, † vor 1085), Seigneur de Longueville in der Normandie, war ein normannischer Baron, Angehöriger der Familie Giffard, Tenant-in-chief in England, christlicher Ritter, der auf der Iberischen Halbinsel gegen die Sarazenen kämpfte, sowie einer von 15 Begleitern Wilhelms des Eroberers in der Schlacht von Hastings 1066.

LebenBearbeiten

Gautier Giffard[1] war der Sohn von Osbern de Bolbec, Seigneur de Longueville, und Avelina[2], Schwester Gunnoras.[3][4] Somit war er ein Vetter von Wilhelm dem Eroberer.[3]

Ab Mitte der 1040er Jahre erscheint Gautiers Name unter den treuen Unterstützern von Wilhelm dem Eroberer.[5] Gautier gehörte zu den normannischen Baronen, die in der Schlacht von Mortemer Ende 1054 die Grafen Odo und Renaud, die das französische Kontingent anführten, um die Normandie von Osten aus anzugreifen, überraschten und besiegten.[6] Insbesondere stießen er und ein anderer großer Vasall auf Odos Armee Betrunkener, die im Dorf Mortemer lagerten, ohne Posten aufzustellen.[7] Die Normannen griffen die Franzosen im Schlaf an, die meisten wurden getötet oder gefangen genommen.[7] Während Odo selbst flüchtete, zog sich König Heinrich I. von Frankreich, als er vom Schicksal der Armee seines Bruders Odo erfuhr, unverzüglich aus der Normandie zurück.[7] Im gleichen Jahr 1054 war Gautier für die Aufrechterhaltung der Belagerung der Burg von Arques-la-Bataille gegen Wilhelm von Talou verantwortlich, der gegen den Herzog rebelliert hatte.[8] Wie viele andere normannische und französische Ritter während des 11. und frühen 12. Jahrhunderts diente Gautier auf der Iberischen Halbinsel als christlicher Ritter gegen die Sarazenen.[9] Sein Beiname de Barbastre[10] wurde verdient, als er an der Belagerung von Barbastro teilnahm, einem von Papst Alexander II. gegen die Mauren im Jahr 1064 sanktionierten Unternehmen, einer der berühmtesten Heldentaten dieser Zeit.[9]

Zur Zeit der Eroberung Englands war Walter mit einem Geschenk des „Königs von Spanien“ für Herzog Wilhelm, einem prächtigen Kriegspferd, in die Normandie zurückgekehrt – demselben Pferd, das Herzog Wilhelm am Morgen der Schlacht von Hastings anforderte.[9] Der in Rede stehende spanische König war aller Wahrscheinlichkeit nach Sancho Ramírez, König von Aragón (1093–1094), der dafür bekannt war, Bündnisse in Nordfrankreich zu schließen und von dort Ritter und Soldaten zu rekrutieren.[11] Gautier war auch einer der ersten, wenn nicht der erste in England, der nach Santiago de Compostela pilgerte, was er nach der Belagerung von Barbastro und vor seiner Rückkehr in die Normandie tat.[11]

Anfang Januar 1066, nachdem Herzog Wilhelm die Nachricht von der Krönung von Harold Godwinson zum König von England erhalten hatte, berief er ein Treffen ein, den „Rat von Lillebonne“, zu dem sechs seiner wichtigsten Magnaten gehörten, darunter Gautier Giffard.[12] Nachdem er ihnen von seinem Plan berichtet hatte, in England einzudringen und die Krone zu erringen, sagten ihm alle ihre volle Unterstützung zu, schlugen jedoch vor, er solle alle seine Vasallen zusammenrufen, was Wilhelm dann tat.[12] In der Vorbereitungsphase zur Schlacht von Hastings war Gautier einer der normannischen Magnaten, die Schiffe für Wilhelms Invasionsflotte stellten. Bei ihm waren es 30.[13] Walter war einer von zwei, die das Privileg erhalten hatten, Wilhelms Standarte in der Schlacht zu tragen, sich jedoch respektvoll weigerten: obwohl er bereits ein älterer, weißhaariger Krieger war, wollte er mit beiden Händen frei kämpfen.[14] Als Belohnung für seine Teilnahme erhielt Gautier die Baronie Long Crendon,[15] mit 107 Gütern, davon 48 in Buckinghamshire,[16]

Wann Gautier gestorben ist, ist nicht überliefert, bekannt ist, dass sein Sohn Walter vor 1085 seine Nachfolge angetreten hatte.[4][16]

FamilieBearbeiten

Gautier war mit Ermengarde, Tochter von Gérard Flaitel verheiratet.[4][16] Ihre Kinder waren:

LiteraturBearbeiten

  • Thomas Andrew Archer, Giffard of Barbastre, in: The English Historical Review, Band 18, Nr. 70 (April 1903), S. 304
  • Reginald Allen Brown (Hrsg.) Anglo-Norman Studies X, Proceedings of the Battle Conference 1987, The Boydell Press, Woodbridge, UK 1988, Appendix 4. “Ships list of William the Conqueror”
  • George Edward Cokayne, The Complete Peerage of England Scotland Ireland Great Britain and the United Kingdom, Extant Extinct or Dormant, Vol. II, Ed. Vicary Gibbs (London: The St. Catherine Press, Ltd., 1912), S. 387
  • David Bruce Crouch,The Normans (New York: Hambledon Continuum, 2002), S. 64
  • David Charles Douglas, William the Conqueror (Berkeley and Los Angeles: The University of California Press, 1964), S. 68 und S. 388
  • Edward Augustus Freeman, The History of the Norman Conquest of England, Band 3 (Oxford: At the Clarendon Press, 1869), S. 465
  • Charles Warren Hollister, The Strange Death of William Rufus, in: Speculum, Band 48, Nr. 4 (Oktober 1973), S. 645–646
  • Elisabeth M.C. van Houts, The Ship List of William the Conqueror, in: R. Allen Brown (Hrsg.), Anglo-Norman Studies X; Proceedings of the Battle Conference 1987,: The Boydell Press, Woodbridge, UK 1988, S. 161
  • K.S.B. Keats-Rohan, Domesday People, A Prosopography of Persons Occurring in English Documents 1066-1166, Band I, Domesday Book (The Boydell Press, Woodbridge, 1999), S. 456
  • Derek William Lomax, The First English Pilgrims to Santiago de Compostela, in: Henry Mayr-Harting, R.I. Moore (Hrsg.) Studies in Medieval History: Presented to R.H.C.Davis, London: The Hambledon Press, 1985, S. 166
  • François Neveux, A Brief History of the Normans, Übers. Howard Curtis, London: Constable & Robinson, Ltd., 2008, S. 127
  • I. J. Sanders, English Baronies: A Study of their Origin and Descent 1086–1327, Oxford, 1960, S. 62–4
  • Detlev Schwennicke, Europäische Stammtafeln: Stammtafeln zur Geschichte der Europäischen Staaten, Neue Folge, Band III Teilband 4 (Marburg, Germany: Verlag von J. A. Stargardt, 1989, Tafel 695)

AnmerkungenBearbeiten

  1. Dieser Gautier/Walter Giffard ist zu unterscheiden von seinem Sohn, Walter Giffard, 1. Earl of Buckingham. Ordericus Vitalis brachte Berichte über Vater und Sohn durcheinander, während Freeman nicht wusste, dass der ältere Gautier/Walter zu Lebzeiten des Eroberers gestorben war. Es wurde angenommen, dass Wilhelm Rufus den ersten Gautier/Walter zum Earl of Buckingham ernannt hatte, während tatsächlich der Sohn der erste Earl wurde. Siehe: „Records of Buckinghamshire“, Band 8, Ed. John Parker (Aylesbury: G. T. de Fraine, “Bucks Herald” Office, 1903), S. 289–293
  2. Robert von Torigni nennt sie Wevia, The Complete Peerage, Band 2, S. 386, Fußnote (a) stellt fest, dass beide Schwestern von Gunnora waren, wobei unsicher bleibt, welche die Ehefrau Osberns war. Auch Schwennicke nennt sie Weva.
  3. a b Cokayne, S. 386 Fußnote (a)
  4. a b c d e Schwennicke
  5. Crouch
  6. Douglas, S. 68
  7. a b c Neveux
  8. Douglas, S. 388
  9. a b c Archer
  10. Als Beispiel für einige Fallstricke, die in Übersetzungen früherer Werke gefunden wurden, erscheint Gautier Giffards Beiname de Barbastre in einem Vers von Geoffrey Gaimar. Der erste seiner englischen Übersetzer vermutete, dass „de Barbastre“ sich auf Walter als Barbier bezog. Geoffreys zweiter Übersetzer meinte, „de Barbastre“ sei in gewisser Weise ein Hinweis darauf, dass Gautiers Cousin William der Eroberer ein Bastard war. Tatsächlich war Gautier de Barbastre ein Ehrenname, der ihm bei der erfolgreichen Belagerung von Barbastro in Aragonien in der Nähe von Saragossa gegeben wurde. Vgl. Archer, 'Giffard of Barbastre', EHR, 18, 70 (1903), S. 304–05; Lomax
  11. a b Lomax
  12. a b van Houts
  13. Brown
  14. Freeman
  15. Sanders
  16. a b c Cokayne, S. 387
  17. Keats-Rohan
  18. Hollister