GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften

Infrastruktureinrichtung für die Sozialwissenschaften

GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften ist die führende Infrastruktureinrichtung der empirischen Sozialwissenschaften in Deutschland und genießt auch international eine ausgezeichnete Reputation.[2]:11 Für die Sozialwissenschaften erbringt GESIS forschungsbasierte Dienstleistungen[3] und übernimmt so z. B. eine wichtige Rolle bei der Durchführung zentraler komparativer Langfristvorhaben der Sozialwissenschaften und deren internationaler Koordination. Hierzu zählen mit dem European Social Survey (ESS) und dem International Social Survey Programme (ISSP) einige der bedeutendsten internationalen Umfrageprogramme, die Daten zu subjektiven Lebenslagen und Werteinstellungen bereitstellen.[4] Zunehmend ist das Institut auch auf dem Gebiet der Computational Social Science aktiv.[4] GESIS gehört der Leibniz-Gemeinschaft an und wird durch den Bund und die Länder finanziert, Sitz ist Mannheim und Köln.

GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften
GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften
 
Kategorie: Forschungseinrichtung
Mitgliedschaft: Leibniz-Gemeinschaft
Standort der Einrichtung: Sitz: Mannheim
Außenstelle: Köln
Fächer: Sozialwissenschaften, Angewandte Informatik
Grundfinanzierung: Bund & Länder
Leitung: Christof Wolf (Präsident)
Mitarbeiter: 335 (Stand: 2019)[1]
Homepage: www.gesis.org

GeschichteBearbeiten

1986 wurde die Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen als Zusammenschluss von drei rechtlich selbstständigen Instituten gegründet, dem InformationsZentrum Sozialwissenschaften (IZ) in Bonn, dem Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung (ZA) in Köln und dem Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim. GESIS sollte der sozialwissenschaftlichen Forschung ein umfassendendes Dienstleistungsangebot zur Verfügung stellen, da seinerzeit „kein ausreichend konsolidiertes und zum Teil auch kein zureichendes Dienstleistungsangebot“ bestand.[5] Im Jahr 2007 wurden die drei Institute dann zu einer Infrastruktureinrichtung verschmolzen und in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen. Im November 2008 erhielt GESIS daher den Namenszusatz „Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften“. Im November 2011 wurden die Standorte Bonn und Köln in Köln, Unter Sachsenhausen 6–8, zusammengelegt.

Im Jahr 2013 wandelte GESIS seine Abteilung Fachinformationen für die Sozialwissenschaften in eine Abteilung für Computational Social Science um. Damit war das Institut europaweit die erste sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtung mit einem Schwerpunkt in diesem Bereich. Die Abteilung betreibt seither „sehr erfolgreiche Methodenforschung an der Schnittstelle von Sozialwissenschaften und angewandter Informatik“.[2]:11 2016 bekam das Institut im Zuge einer strategischen Erweiterung, einem Mechanismus zur Erweiterung der Grundfinanzierung für Institute der Leibniz-Gemeinschaft, die Möglichkeit, eine Reihe zentraler Umfrageprogramme, bzw. den deutschen Anteil hieran, dauerhaft zu finanzieren. Dazu gehören der European Social Survey (ESS) und die German Longitudinal Election Study (GLES).[4] Im Januar 2021 empfahl der Wissenschaftsrat GESIS im Zuge einer weiteren strategischen Erweiterung den Ausbau seines Arbeitsbereiches Computational Social Science zu ermöglichen. GESIS verfüge „aufgrund der wegweisenden Verbindung von Umfragedaten mit digitalen Verhaltensdaten, die wechselseitige Stärken und Schwächen der jeweiligen Datentypen nutzbringend ausgleicht, über ein europaweites Alleinstellungsmerkmal“.[2]:13

DienstleistungenBearbeiten

Das Angebot von GESIS richtet sich an Wissenschaftler, die mit Methoden der empirischen Sozialforschung arbeiten. Die Dienstleistungen folgen dabei den einzelnen Arbeitsschritten in einem idealtypischen Forschungsprozess ('Forschungsdatenzyklus'). Sie gliedern sich demnach in vier Phasen: Studien planen und Daten erheben, Daten finden und Daten abrufen, Daten aufbereiten und analysieren sowie Archivieren und teilen.[6]

Studien planen und Daten erhebenBearbeiten

Phase 1 zielt darauf ab Forschende dabei zu unterstützen, eine Studie auf dem neusten Stand der Forschung und auf Basis hochqualitativer Daten durchführen zu können. So berät GESIS Forschende, z. B. zur Ziehung von Stichproben, zur Auswahl geeigneter Fragen oder Skalen aber auch zur Übersetzung von Fragebögen. Das Angebot kognitiver Pretests kann dabei unterstützen, geeignete Erhebungsinstrumente zu evaluieren. Hinweise zu häufig auftretenden Fragen werden in den sog. 'GESIS Survey Guidelines' zusammengefasst. Das GESISPanel bietet Sozialwissenschaftlern die Gelegenheit, im Rahmen eines probabilistischen Omnibus-Access-Panel i. d. R. kostenfrei Daten zu erheben. Diese Daten sind repräsentativ für die deutschsprachige Bevölkerung im Alter von 18 bis 70 Jahren (zum Zeitpunkt der Rekrutierung) mit Wohnsitz in Deutschland.

Daten finden und abrufenBearbeiten

Phase 2 umfasst Angebote zum Zugang zu Forschungsdaten. Die Vorgängereinrichtung des Datenarchivs bei GESIS wurde bereits 1960 als Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln gegründet und ist damit das älteste seiner Art in Europa.[7] Es bietet über 6500 Studien, meist repräsentative Umfragen, die recherchiert, heruntergeladen bzw. ggf. bestellt werden können. Sie können für Sekundäranalysen oder als Referenz für eigene Erhebungen herangezogen werden.

Zu den Daten bei GESIS gehören einige der wichtigsten Studien in den Gesellschaftswissenschaften.

  • Der ALLBUS (Allgemeine Bevölkerungsumfrage) dokumentiert Daten zu aktuellen Einstellungen, Verhaltensweisen, zu deren Veränderungen über Zeit sowie zur Sozialstruktur der Bevölkerung in Deutschland.
  • Das ISSP (International Social Survey Programme) führt jährlich eine gemeinsame Umfrage zu sozialwissenschaftlich relevanten Themen in knapp 50 Ländern durch. Auch diese Daten können bei GESIS abgerufen werden.
  • Der European Social Survey ist eine sozialwissenschaftliche Umfrage, die soziale Merkmale und politische Einstellungen der Bevölkerung in Europa untersucht.
  • Die European Values Study ist eine in 47 Ländern durchgeführte empirische Langzeitstudie, Daten zu Werten und deren Wandel über Zeit bereitstellt.
  • Die GLES (German Longitudinal Election Study) ist die größte nationale Wahlstudie und bietet eine große Palette von Daten zu Kandidaten, Wählern und Parteien.
  • Die Comparative Study of Electoral Systems ist eine internationale Wahlstudie und integriert Daten von Nachwahlbefragungen aus rund 40 Ländern.
  • Die Daten des Politbarometers erlauben Forschung zu aktuellen und langfristigen Trends bei politischen Themen in Deutschland.
  • Das regelmäßig von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene Eurobarometer dokumentiert die Meinungen und Einstellungen zu politischen Themen in den Ländern der EU.
  • Das PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) ist eine OECD-Studie und bietet Daten zum Kompetenzniveau Erwachsener in 24 Ländern.
  • Auch die Daten des GESIS Panel stehen Primär- und Sekundärforschern kostenfrei zur Verfügung.

Daten aufbereiten & analysierenBearbeiten

Angebote aus Phase 3 unterstützen die Aufbereitung von Daten, ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu ihrer Analyse. Neben Beratung auch in diesem Bereich, steht u. a. die virtuelle Analyseumgebung GESIS-Notebooks auf Basis von Jupyter Notebooks zur Verfügung, ebenso wie auch Tools zur Arbeit mit Daten aus der Wikipedia.[8] Das German Microdata Lab wirkt als Schnittstelle zwischen empirischer Sozialforschung und amtlicher Statistik und erschließt deutsche und europäische Mikrodaten für die Forschung.

Die Forschungsdatenzentren bei GESIS bieten Expertise und Beratung für Aufbereitung und Analyse der Daten aus einigen Umfrageprogrammen, bei denen GESIS beteiligt ist. Folgende Forschungsdatenzentren (FDZ) sind durch den RatSWD akkreditiert: FDZ ALLBUS, FDZ German Microdata Lab, FDZ International Survey Programmes, FDZ PIAAC sowie das FDZ Wahlen.

Archivieren und teilenBearbeiten

Für Phase 4 des Forschungsdatenzyklus bietet GESIS eine Reihe von Dienstleistungen nach der Erhebung bzw. Aufbereitung von Forschungsdaten an. Die Datenservices umfassen die folgenden sieben Bereiche: Daten sichern, Daten bereitstellen, Daten bekannt machen, Daten prüfen, Daten anreichern, Daten dokumentieren sowie Schulungen für Gruppen. Mit der Zusammenstellung sozialwissenschaftlicher Items und Skalen beheimatet GESIS außerdem ein Open Access-Repositorium für sozial- und verhaltenswissenschaftliche Messinstrumente (z. B. Tests, Skalen, Indices). Das Social Science Open Access Repository – SSOAR bietet darüber hinaus freien Zugang zu 61.000 Volltexten (Stand: März 2021).[9] Forscher haben die Möglichkeit, ihre eigenen Publikationen der Scientific Community zur Verfügung zu stellen.Insbesondere das Teilen von Forschungsdaten wird durch die Registrierungsagentur da|ra unterstützt, die Forschungsdaten mittels DOI dauerhaft identifizierbar und verfügbar macht. Im Daten-Repositorium SowiDataNet können eigene Forschungsdaten beschrieben und anderen Forschenden zur Verfügung gestellt werden.

TrainingsangeboteBearbeiten

GESIS führt eine Vielzahl von wissenschaftlichen Weiterbildungsveranstaltungen, insbesondere Kurse in Methoden der empirischen Sozialforschung, durch. Im Vordergrund steht das Erlernen praxisrelevanter Fertigkeiten und der Erwerb differenzierten Hintergrundwissens. Die Kurse finden vorrangig zu sozialwissenschaftlichen Methoden, zunehmend aber auch zu Methoden der Computational Social Science statt und richten sich an nationale und internationale (Nachwuchs-)Wissenschaftler und praktisch Forschende. Seit 2012 findet die GESIS Summer School zu Methoden der Datenvermittlung für Nachwuchswissenschaftler aller Fachrichtungen statt. Eine noch längere Tradition haben das Spring Seminar für fortgeschrittene Verfahren der quantitativen Datenanalyse und das Methodenseminar für Grundlagenwissen und -fertigkeiten im Umgang mit quantitativen Forschungsdaten, die seit über 40 bzw. 30 Jahren angeboten werden. Ergänzt wird das Angebot durch zahlreiche Workshops zu aktuellen Forschungsmethoden und Umfrageprogrammen.

Im Bereich Computational Social Science (CSS) bietet GESIS ab 2021 ein Fall Seminar, das das Methodenseminar ablöst, sowie weitere Kurse zu Data Science an.

CESSDA-Training ist ein Angebot im Rahmen des Consortium of European Social Science Data Archives (CESSDA) ERIC. GESIS fördert dadurch die Einführung und Nutzung von Standards für das Forschungsdatenmanagement und die Archivierung.

ZeitschriftenBearbeiten

Die GESIS-Zeitschriften beinhalten Beiträge zu den Gebieten historische Sozialforschung (Historische Sozialforschung (HSR)), Methoden der Umfrageforschung (methods, data, analyses – mda) und bis 2020 Sozialberichterstattung (Informationsdienst Soziale Indikatoren – ISI).

Die gemeinsam von FORS und GESIS herausgegebene Online-Zeitschrift Survey Methods: Insights from the Field fördert den Austausch zu praxisorientierten Fragen und Entwicklungen der Umfrageforschung.

ForschungBearbeiten

Die Angebote für den Forschungsprozess basieren auf eigener kontinuierlicher und interdisziplinärer Forschung in den vier Bereichen Umfragemethodik, Forschungsdatenmanagement, Aktuelle gesellschaftliche Fragen und Angewandte Informatik sowie innerhalb deren Schnittmengen. GESIS ist dem Open-Science-Gedanken verpflichtet.

Vernetzung in die Scientific CommunityBearbeiten

GESIS kooperiert durch gemeinsame Berufungen eng mit den Universitäten in Aachen, Düsseldorf, Koblenz-Landau, Köln und Mannheim. Das Institut ist außerdem an wichtigen europäischen und internationalen Projekten wie dem Consortium of European Social Science Data Archives (CESSDA), European Social Survey (ESS), International Social Survey Programme (ISSP), European Value Study (EVS) und Comparative Study of Electoral Systems (CSES) beteiligt.

Als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft unterhält GESIS institutionelle und projektbezogene Kooperationen zu anderen Instituten der Leibniz-Gemeinschaft und ist an folgenden vier Leibniz-Forschungsverbünden beteiligt: Bildungspotenziale, Infections‘21, Krisen einer globalisierten Welt und Science 2.0.

OrganisationBearbeiten

GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften ist ein eingetragener Verein mit folgenden Organen. Satzungsgemäßer Vorstand ist der Präsident. Weitere Organe sind die Mitgliederversammlung, das Kuratorium als Aufsichtsgremium, sowie Wissenschaftlicher Beirat und Nutzerbeirat.[3]

Präsidenten seit Aufnahme in Leibniz-GemeinschaftBearbeiten

BinnenstrukturBearbeiten

GESIS gliedert sich in fünf wissenschaftliche Abteilungen, welche die forschungsbasierten Dienstleistungen erbringen und jeweils von gemeinsam berufenen wissenschaftlichen Leitungen geführt werden:

  • Datenarchiv für Sozialwissenschaften (DAS)
  • Dauerbeobachtung der Gesellschaft (DBG)
  • Computational Social Science (CSS)
  • Survey Design and Methodology (SDM)
  • Wissenstechnologien für Sozialwissenschaften (WTS)

Quer zu den Abteilungen sind vom die vom RatSWD akkreditierten Forschungsdatenzentren platziert, die nicht nur Zugang zu besonderen Daten, sondern auch Sonderaufbereitungen vorhandener Datensätze, Zusatzmaterialien und Kontextinformationen sowie Beratungen auf der Basis der eigenen Forschungsarbeit anbieten.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. GESIS Jahresbericht 2019. (pdf) GESIS, S. 72, abgerufen am 17. Februar 2021.
  2. a b c Wissenschaftsrat: Stellungnahme zum Antrag auf strategische Erweiterung von GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Mannheim und Köln, großer strategischer Sondertatbestand im Rahmen der Ausführungsvereinbarung WGL (Drs. 8820-21). Köln 2021 (wissenschaftsrat.de [PDF]).
  3. a b GESIS-Satzung. In: gesis.org. GESIS, 1. Juli 2016, abgerufen am 8. März 2021.
  4. a b c Wissenschaftsrat: Stellungnahme zum Antrag auf eine strategische Erweiterung von GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften e.V., Mannheim/Köln, großer strategischer Sondertatbestand im Rahmen der Ausführungsvereinbarung WGL (Drs. 5224-16). Köln 2016, S. 11 (wissenschaftsrat.de [PDF]).
  5. Wissenschaftsrat: Stellungnahme zur Gründung einer "Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen e.V." (GESIS) (Drs. 7174-86). Köln 1986, S. 43 (wissenschaftsrat.de [PDF]).
  6. Unsere Angebote für Ihr Forschungsprojekt. GESIS, abgerufen am 1. März 2021.
  7. Reiner Mauer: Das GESIS Datenarchiv für Sozialwissenschaften. In: R. Altenhöner, & C. Oellers (Hrsg.): Langzeitarchivierung von Forschungsdaten: Standards und disziplinspezifische Lösungen. Berlin 2012, S. 197–215 (d-nb.info).
  8. vgl. z. B. WikiWho, das bei der Auswertung der Autorenschaft der Wikipedia-Seiten zum Einsatz kommt. Fabian Flöck: wikiwho: authorship attribution and more. 11. April 2014, abgerufen am 9. März 2021.
  9. Social Science Open Access Repository. In: gesis.org. Abgerufen am 1. März 2021.
  10. Kerstin Hollerbach: GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften hat einen neuen Präsidenten. (PDF; 1,4 MB) In: gesis report 6/09. 6. Dezember 2009, S. 1, abgerufen am 17. Februar 2021.
  11. Christian Kolle: Präsidentenwechsel bei GESIS. (PDF; 5,1 MB) In: gesis report 1/15. 11. Februar 2015, S. 16, abgerufen am 17. Februar 2021.
  12. Sophie Zervos: Prof. Dr. Christof Wolf ist neuer Präsident bei GESIS. Informationsdienst Wissenschaft, 3. Juli 2017, abgerufen am 20. Juli 2017.

Koordinaten: 49° 29′ 8,5″ N, 8° 27′ 46,6″ O