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Fachhochschule

Hochschulform, die Lehre und Forschung auf wissenschaftlicher Grundlage mit anwendungsorientiertem Schwerpunkt betreibt

Die Fachhochschule (FH) ist eine Hochschulform, die Lehre und Forschung mit anwendungsorientiertem Schwerpunkt auf wissenschaftlicher Grundlage (Hochschule für angewandte Wissenschaften – HAW) betreibt. Die englische Bezeichnung University of Applied Sciences (Universität der angewandten Wissenschaften) wird regelmäßig als Übersetzung und zum Teil auch als Namenszusatz gebraucht.

Geschichte und DefinitionBearbeiten

Der Begriff Fachhochschule wurde in der Bildungsdiskussion der 1960er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland geprägt. Die Verabschiedung der Fachhochschulgesetze und die Errichtung der Fachhochschulen durch die Bundesländer erfolgten zwischen 1969 und 1972. Ihre Vorläufer-Institutionen waren die Fachschulen und Ingenieurschulen, deren Studenten ab Ende der 60er Jahre eine Aufwertung ihres Ausbildungsweges forderten. Hintergrund war das deutsche Wirtschaftswunder in den 1950er und 60er Jahren, welches mehr gut ausgebildete, technische versierte und spezialisierte Fachkräfte benötigte.[1] Eine von der EWG geplante Neuregelung des Niederlassungsrechts für Ingenieure sorgte unter den Ingenieurschülern für zusätzlichen Unmut: Diese hätte sie zu Technikern, zu Ingenieuren zweiter Klasse, degradiert. Ziel der Studenten und ihrer Lehrkräfte war es, die Ingenieurschulen aus dem Schulverwaltungsgesetz herauszunehmen, sie als eigenständige Körperschaften anzuerkennen, Eingangsvoraussetzungen zu erhöhen, sie in Richtung einer wissenschaftlichen Einrichtung aufzuwerten. Dafür gingen sie auf die Straße und bestreikten im Sommersemester 1968 erstmals flächendeckend Vorlesungen.

Am 5. Juli 1968 einigten sich die Ministerpräsidenten der Länder darauf, den neuen Hochschultyp Fachhochschule einzuführen, am 31. Oktober 1968 benannte das "Abkommen zwischen den Ländern der Bundesrepublik zur Vereinheitlichung auf dem Gebiet des Fachhochschulwesens" deren Auftrag: "Sie vermitteln eine auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende Bildung."[2] Im Anschluss folgten die einzelnen Abkommen der Bundesländer. In Nordrhein-Westfalen war es das Fachhochschulgesetz vom 29. Juli 1969, welches sich die anderen Bundesländer zum Teil als Vorbild nahmen. In Schleswig-Holstein starteten in Lübeck, Flensburg und Kiel die ersten Fachhochschulen der Bundesrepublik schon zum ersten August 1969. 1970 folgte Hamburg, während die überwiegende Mehrheit der deutschen Fachhochschulen 1971 gegründet wurden.

Bis heute erfolgten zahlreiche Entwicklungsschritte. Einer folgte unmittelbar nach der deutschen Einheit 1990, die unter anderem zu einer Zusammenlegung von Fachschulen und polytechnischen Instituten zu Fachhochschulen oder auch zu einer Abwertung einzelner Hochschulen zu Fachhochschulen inklusive Verlust des Promotionsrechts führten.[3] Dies führte aber zu einer Aufwertung der Forschung an den neugegründeten ostdeutschen Fachhochschulen. Die neuen Hochschulgesetze der Länder, zwischen 1990 und 1993 veröffentlicht, gaben alle der anwendungsbezogenen Forschung und Entwicklung mehr Raum. In einigen Ländern wurde Forschung erstmals als Pflichtaufgabe für Fachhochschulen benannt.[4]

Seit den 1990er Jahren dürfen Fachhochschulen im deutschen Sprachraum ihren Namen mit einem englischen oder französischen Namenszusatz, etwa University of Applied Sciences (Universität für angewandte Wissenschaften), ergänzen. Seit 2000 erfolgte in Deutschland und Österreich, im Rahmen des Bologna-Prozesses die Umstellung auf die internationalen Bachelor- und Master-Studiengänge. Die „Fachhochschulen“ wurden damit „Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW)“. Die Bezeichnung macht zugleich deutlich, dass sich diese Hochschulform dezidiert auf anwendungsnahe Studiengänge und anwendungsbezogene Forschung fokussiert. Die Abschlüsse, die Fachhochschulen vergeben, entsprechen formell denjenigen von Universitäten und sind daher gleichlautend. Die Angabe der Hochschulart hinter dem akademischen Grad, zum Beispiel (FH) oder (univ), ist seit dem Bologna-Prozess nicht mehr verpflichtend.

Die Gleichrangigkeit war ein wesentliches Argument in dem vielbeachteten Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 13. April 2010, in dem festgestellt wurde, dass Fachhochschulprofessoren sich auf Artikel 5 Abs. 3 GG berufen können: "Schließlich haben sich Annäherungen zwischen Universitäten und Fachhochschulen im Zuge des so genannten Bologna-Prozesses ergeben, die erkennen lassen, dass nach dem Willen des Gesetzgebers auch Fachhochschulen als wissenschaftliche Ausbildungsstätten angesehen werden sollen."

Im Gegensatz zu den Universitäten besitzen Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften kein Promotionsrecht. In einigen bundesdeutschen Ländern gibt es allerdings Pilotprojekte für Promotionen an Fachhochschulen.[5] Hessen startete 2017 zwei Promotionszentren für angewandte Informatik und soziale Arbeit in denen ausschließlich (Fach-)Hochschulen vertreten sind.[6][7] In Nordrhein-Westfalen sieht das Hochschulgesetz vom 11. Juli 2019 vor, das bestehende Graduierteninstitut für angewandte Forschung in ein Promotionskolleg zu überführen und diesem nach positiver Begutachtung durch den Wissenschaftsrat das Promotionsrecht zu verleihen.[8]

Ungeachtet ihrer deutlich fachspezifischen Ausrichtung zählen z. B. Musik-, Theater-, Film- sowie generell alle der Kunst gewidmeten Hochschulen (also auch fachspezifisch ausgerichtete Konservatorien oder Akademien) nicht zu Fachhochschulen im eigentlichen Sinne. Stattdessen werden all jene normalerweise unter dem Begriff Kunsthochschulen zusammengefasst.

Situation in einzelnen LändernBearbeiten

Fachhochschulen gibt es in den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz, sowie in Südtirol (in der Form der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe „Claudiana“). Die heutige Universität Liechtenstein ist im Jahre 1992 als Fachhochschule Liechtenstein gegründet worden. In Österreich wurde der Beschluss zum Aufbau von Fachhochschulen im Jahr 1990 gefasst, in der Schweiz im Jahr 1995.

In weiteren Ländern existieren verwandte Hochschulformen:

  • Dänemark: Professionshøjskoler
  • Finnland: Ammattikorkeakoulu (Schwedisch: Yrkeshögskola)
  • Niederlande: hogeschool (hbo):
hier besteht in der Regel die Möglichkeit, von dieser mit hbo (hoger beroepsonderwijs) bezeichneten Ausbildung in das wissenschaftliche Studium WO (wetenschappelijk onderwijs) zu wechseln.
  • Norwegen: Høgskole
  • Schweden: Högskola

Im angelsächsischen Sprachraum wird häufig der Begriff University college für den Fachhochschulen verwandte Hochschulformen verwendet, dieser Begriff ist aber mehrdeutig.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Universities of Applied Sciences – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Fachhochschule – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Werner Mayer: Bildungspotential für den wirtschaftlichen Wandel. Die Entstehung des Hochschultyps "Fachhochschule" in Nordrhein-Westfalen. Essen 1997, S. 98.
  2. Holuscha: Das Prinzip Fachhochschule. Erfolg oder Scheitern? Eine Fallstudie am Beispiel Nordrhein-Westfalen. MArburg 2012, S. 71.
  3. Jörg-Peter Pahl: Fachhochschule. Von der Fachschule zur Hochschule für angewandte Wissenschaften. Bielefeld 2018, S. 70.
  4. Christian Braun: Promotionsrecht für Fachhochschulen? Bonn 1994, S. 146–153.
  5. http://www.duz.de/duz-magazin/2015/03/dr-fh-zum-ausgang-bitte/300
  6. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften Hessen: Hochschulübergreifendes Promotionszentrum Angewandte Informatik - HAW Hessen. Abgerufen am 17. Juli 2019.
  7. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften Hessen: Hochschulübergreifendes Promotionszentrum Soziale Arbeit - HAW Hessen. Abgerufen am 17. Juli 2019.
  8. „Ein innovatives Modell mit Vorbildcharakter“. Graduierteninstitut NRW, Bochum, 11. Juli 2019, abgerufen am 26. August 2019.