Equal Care Day

CareCamp anlässlich des Equal Care Days in Bonn (2020)

Der Equal Care Day ist ein Aktionstag, der auf die mangelnde Wertschätzung und unfaire Verteilung von Fürsorgearbeit aufmerksam macht. Die Festlegung auf den 29. Februar, der als Schalttag nur alle 4 Jahre stattfindet und in den Jahren dazwischen übergangen wird, weist darauf hin, dass Care-Arbeit als weitgehend „unsichtbare Arbeit“ gilt, die oft nicht wahrgenommen und nicht bezahlt wird.[1] Der Tag symbolisiert außerdem das Verhältnis von 4:1 bei der Verteilung von Care-Arbeit und ruft in Erinnerung, dass Männer rechnerisch etwa vier Jahre bräuchten, um so viel private, berufliche und ehrenamtliche Fürsorgetätigkeiten zu erbringen wie Frauen in einem Jahr. Das Anliegen der Initiative ist es, die Aufgaben der Fürsorge und Pflege gleichmäßiger auf beide Geschlechter zu verteilen, sie generell aufzuwerten und ihre arbeitsrechtlichen sowie gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen zu verbessern.

GeschichteBearbeiten

Der Equal Care Day wurde 2016 von Almut Schnerring und Sascha Verlan ins Leben gerufen. Er entstand in Anlehnung an den Equal Pay Day, der daran erinnert, dass Frauen im Durchschnitt deutlich weniger verdienen als Männer.[2] Seit 2018 wird der Equal Care Day von klische*esc e.V. veranstaltet und wurde 2019 für ein Jahr von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. 2020 fanden bundesweit in über 20 Städten Veranstaltungen unter dem Dach des Equal Care Day statt.[3] Im Zentrum stand eine zweitägige Konferenz in Bonn, bei der die Care-Situation in Deutschland diskutiert wurde, um Forderungen und Lösungsansätze für ein Manifest zu erarbeiten. Die Grundlage lieferten acht Workshops, die Care-Arbeit vor der Wiege bis zur Bahre abbildeten: 1. Geburt und Geburtshilfe, 2. Familienarbeit und Kindererziehung, 3. Mental Load und Self Care, 4. Betreuung und Krankenpflege, 5. Grundeinkommen und Care-Konten, 6. Fürsorgliche Unternehmen, 7. Care und Umwelt, 8. Altenpflege und Sterbebegleitung.[4]

Equal Care ManifestBearbeiten

Das Equal Care Manifest[5] wurde am 20. Mai 2020 veröffentlicht und verlangt die Anerkennung von Sorgearbeit als gesellschaftliches Grundfundament. Unter Mitwirkung von Berufsverbänden, Wissenschaftlern und Hilfsorganisationen wurden 18 Forderungen aufgestellt, zu denen neben besserer Bezahlung in Care-Berufen und einer fairen Verteilung unbezahlter Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern auch die „Abbildung der Wertschöpfung durch unbezahlte Sorgearbeit in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und eine Übernahme von Care-Verantwortung durch privatwirtschaftliche Unternehmen“[6] zählt.

Die Initiative Equal Care Day ist Mitglied im Netzwerk Care Revolution. Sie wird unterstützt von Vertreterinnen und Vertretern politischer Parteien (Doris Achelwilm, Katja Dörner, Elke Ferner, Alexandra Geese, Anja Hagenauer, Caren Marks, Claudia Moll, Katja Kipping, Maria Noichl, Lisa Paus, Elfi Scho-Antwerpes, Ulla Schmidt, Ashok-Alexander Sridharan), Verbänden (DBB Beamtenbund und Tarifunion, Deutscher Hebammenverband, DGB, Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft), Organisationen (Aktion Mensch, BPW Germany, Oxfam, UN Woman Deutschland) sowie Personen aus Literatur und Journalismus (Renate Alf, Sibylle Berg, Patricia Cammarata, Ulrike Draesner, Christine Finke, Karin Jurczyk, Mareice Kaiser, Martin Rücker, Barbara Sichtermann, Margarete Stokowski), Wissenschaft (Gisela Bock, Karin Jurczyk, Antje Schrupp, Gabriele Winker), Wirtschaft (Henrike von Platen), Politik (Elke Büdenbender, Anke Domscheit-Berg, Herr und Speer, Raul Krauthausen, Kathrin Mahler Walther, Stevie Schmiedel), Musik und darstellende Kunst (Judith Holofernes, Dominique Macri, Lars Ruppel, Sookee).[7][8]

Equal Care Day und Equal Pay DayBearbeiten

Während der Fokus des Equal Pay Day auf der Entgeltgleichheit bezahlter Erwerbsarbeit liegt, nimmt der Equal Care Day auch die unbezahlte Sorgearbeit in den Blick, die in der Familie und als Ehrenamt erbracht wird. Er macht darauf aufmerksam, dass sich die Konditionen bezahlter und unbezahlter Leistungen gegenseitig bedingen, voneinander abhängen und teilweise auch in Konkurrenz zueinander stehen: „Von der Arbeit in der Familie behaupten viele PolitikerInnen und ÖkonomInnen, sie sei unbezahlbar – und zwar im doppelten Sinne [...]. Da ist vor allem die Rede von der ‚aus Liebe’ zur Familie erbrachten Betreuungsleistung oder vom Ehrenamt für die ‚Rettung der Menschheit’ und, meist etwas leiser, auch davon, dass die Milliarden unbezahlter Arbeitsstunden, wollte man sie tatsächlich bezahlen, unfinanzierbar seien. Die geschlechtsspezifische Entgeltlücke rührt zum Teil daher, dass so eine Konkurrenz der unbezahlten zur bezahlten Arbeit entsteht, in deren Folge die professionelle Sorgearbeit zu gering bewertet wird. Geringschätzung von Frauen und ihrer Arbeitsleistung führt zu Entgeltdiskriminierung, dem Gender Pay Gap [...]“, so Hannelore Buls.[9] Neben den geschlechts- und den daraus resultierenden branchenspezifischen Lohnunterschieden macht der Equal Care Day auch auf die unbezahlte Arbeit aufmerksam, deren Umfang bei 4,5 Stunden pro Tag liegt, die Frauen in Deutschland durchschnittlich erbringen, ohne dafür bezahlt zu werden (Stand 2019).[10] Eine von Oxfam 2020 veröffentlichte Studie zu sozialer Ungleichheit zeigte, dass Frauen weltweit 12 Milliarden Stunden Arbeit leisten, ohne dafür bezahlt zu werden.[11]

Gender Care GapBearbeiten

Der Gender Care Gap gilt als Indikator für die Gleichstellung der Geschlechter. Er beziffert die geschlechtsspezifische Differenz des Zeitaufwands, der für unbezahlte Sorgearbeit aufgebracht wird. Aus dem 2019 veröffentlichten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung[12] geht hervor, dass sich Frauen beim Thema Care in größerem Maß engagieren als Männer. Der Gender Care Gap beträgt ihm zufolge 52,4 Prozent und wurde auf Basis einer Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes von 2012 und 2013[13] berechnet. Der Gender Care Gap variiert je nach Alter und Lebenssituation. Seinen Höchstwert erreichte er mit 110,6 Prozent in der Gruppe der 34-Jährigen und verringerte sich mit zunehmendem Alter. In Familien mit Kindern war die Care-Lücke mit 83,3 Prozent besonders hoch, aber auch alleinlebende Frauen wendeten mehr Zeit für Care-Tätigkeiten auf als alleinlebende Männer.[14] Die globale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam wies darauf hin, dass Mädchen und Frauen weltweit hauptverantwortlich für die unbezahlte Care-Arbeit sind und dies auch dazu führt, dass Mädchen weniger Zugang zu Bildung haben, was sich negativ auf ihre berufliche Entwicklung auswirkt und die soziale Ungleichheit noch verschärft.[15]

Global Care ChainBearbeiten

Das hierarchische Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bei der Verteilung der Betreuungs-, Emotions-, Haushalts- und Pflegeaufgaben umfasst auch Merkmale der ethnischen Zugehörigkeit sowie des sozialen Status und zeigt sich in der Arbeitsmigration im Betreuungssektor. Als Global Care Chain wird in der Soziologie diese globale Umverteilung bezahlter wie unbezahlter Betreuungsaufgaben innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen bezeichnet. In einem typischen transnationalen Care-Arragement stellt eine wohlhabende Familie aus einem Industriestaat eine Migrantin aus einem wirtschaftlich ärmeren Land ein, deren eigene Fürsorgearbeit zu Hause durch ärmere, ältere oder vom Land kommende Frauen übernommen wird.[16]

Mental LoadBearbeiten

Mental Load bezeichnet den unsichtbaren Bereich der Care-Arbeit, der all die Management-Prozesse umfasst, die hinter den sichtbaren Aufgaben liegen. „Es sind die vielen wiederkehrenden einfachen und komplizierten To-Dos und Fragen des Alltags: Welche Lebensmittel müssen wann eingekauft werden? Welche Rechnungen sind zu bezahlen? Dem Vermieter schreiben! Neue Zahnpasta kaufen!“[17]

RezeptionBearbeiten

Medien wie Emma,[18] Taz,[19] Süddeutsche Zeitung[20] und Die Zeit[21] berichteten über die Einführung des Aktionstags. In den Folgejahren wurde das bewusste Übergehen des Equal-Care-Day zwischen den Schaltjahren als Aufhänger für Veranstaltungen,[22] Fernsehberichte,[23][24] Social-Media-Aktionen[25] und politische Aufrufe[26][27][28] genutzt. Unter dem Hashtag #equalcareday werden seit 2016 Tweets[29] und Blogbeiträge zum Thema verfasst. 2018 riefen die Organisatorinnen und Organisatoren zu einer deutschlandweiten Briefaktion auf. In Form persönlicher Briefe an ein Kind der nächsten oder übernächsten Generation sollten Wünsche und Gedanken zur Situation der Care-Arbeit formuliert werden.[30] Im Vorfeld des Equal Care Day 2020 wurde unter dem Hashtag #unverSichtbar ein Aufruf gestartet, Personen, die unbeachtet Fürsorge leisten, für eine „Galerie der unsichtbaren Arbeit“ vorzuschlagen und zu porträtieren.[31][32]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ursula Apitzsch, Marianne Schmidbaur: Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Frauen in Europa (= Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)). Nr. 37-38, 7. September 2011 (bpb.de [abgerufen am 17. November 2019]).
  2. Pressemitteilung Nr. 099 des Statistischen Bundesamtes vom 15. März 2018: Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern in Deutschland 2017 bei 21%
  3. Veranstaltungsübersicht. In: Internetseite das Equal Care Day. Abgerufen am 29. Februar 2020.
  4. Equal Care Day Workshops. In: Internetseite das Equal Care Day. Abgerufen am 29. Februar 2020.
  5. Das Equal Care Manifest. In: Website des Equal Care Day. Abgerufen am 20. Mai 2020.
  6. Lisa Ecke: Care-Arbeit wird nicht wertgeschätzt. neues deutschland, 20. Mai 2020, abgerufen am 20. Mai 2020.
  7. Unterstützer*innen. In: Internetseite das Equal Care Day. Abgerufen am 16. November 2019.
  8. Equal-Care-Day-Gala. In: Gala zum Equal Care Day in Bonn. Abgerufen am 1. März 2020.
  9. Deutscher Frauenrat und Bundesforum Männer: Pressemitteilung zum Equal Pay Day 2016. Zitat von Hannelore Buls. 16. März 2016, abgerufen am 16. November 2019.
  10. Frauen arbeiten täglich 4,5 Stunden unbezahlt. In: Zeit Online. 6. Mai 2019, abgerufen am 16. November 2019.
  11. Oxfam Deutschland e.V. (Hrsg.): Im Schatten der Profite. Wie die systematische Abwertung von Hausarbeit, Pflege und Fürsorge Ungleichheit schafft und vertieft. Ungleichheits-Bericht Oxfam 2020 – Factsheet (deutsch). (oxfam.de [PDF; abgerufen am 31. Januar 2020]).
  12. Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 24. Januar 2019, abgerufen am 16. November 2019.
  13. Arbeitszeit von Frauen: ein Drittel Erwerbsarbeit, zwei Drittel unbezahlte Arbeit. Pressemitteilung Nr. 179. Statistisches Bundesamt, 18. Mai 2015, abgerufen am 16. November 2019.
  14. Gender Care Gap – ein Indikator für die Gleichstellung. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 27. August 2019, abgerufen am 16. November 2019.
  15. Mara Brückner: 12 Milliarden Stunden nicht entlohnte Care-Arbeit. Abgerufen am 31. Januar 2020.
  16. Helma Lutz, Ewa Palenga-Möllenbeck: Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand. Heinrich-Böll-Stiftung, 1. März 2014, abgerufen am 31. Januar 2020.
  17. Lisa Großmann: „Gibt’s noch Klopapier?“ In: Frankfurter Rundschau. 14. Januar 2019, abgerufen am 3. April 2020.
  18. Gute Idee: Der Equal Care Day, Emma 17. Februar 2016
  19. Vier Jahre nacharbeiten, die Herren! von Simone Schmollack, taz 28. Februar 2016
  20. Ein Schalttag für die Care-Arbeit von Sarah Schmidt, Süddeutsche, 29. Februar 2016
  21. Ein Tag für die Gleichberechtigung im Haushalt von Tina Groll, Zeit online 1. Februar 2016
  22. Ihr nennt es Liebe, wir nennen es unbezahlte Arbeit. Abendveranstaltung zum Equal Care Day im Museum für Moderne Kunst, 28. Februar 2017, Frankfurt a. M.
  23. Equal Care Day - Briefe an die nächste Generation, WDR, frautv, 1. März 2018 (in der Mediathek bis 1.3.19)
  24. Vorstellung des Equal-Care-Day-Aktionstages in der Sendung scobel: Geschäfte mit der Hausarbeit, 3sat, 26. April 2018. Einspieler: Am Ende klafft eine große Lücke und Unser Leben besteht auch aus Fürsorge
  25. Straßeninterview: Girls'Day fragt nach: Care-Arbeit. In: Youtube. Girls'Day, abgerufen am 1. März 2018 (2018-09-29).
  26. Elke Ferner: ASF-Bundesvorsitzende Elke Ferner fordert mehr Anerkennung für Sorgearbeiten. 1. März 2017, abgerufen am 29. September 2018.
  27. Birgit Strahlendorff: Jeder Tag sollte ein Equal Care Day sein. In: vdl-hessen.info. dbb bundesfrauenvertretung, 28. Februar 2018, abgerufen am 29. September 2018.
  28. Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Pflegepolitik: Equal Care Day: Care-Arbeit endlich attraktiver machen. Bundestagsfraktion Bündnis 90 – Die Grünen, 1. März 2018, abgerufen am 29. September 2018.
  29. Hashtag #equalcareday auf Twitter. Abgerufen am 22. September 2018.
  30. Briefe zum Equal Care Day 2018. 28. Februar 2018, abgerufen am 16. Oktober 2018.
  31. Margit Warken-Dieke: Equal Care Day in Bonn. Ein Aktionstag für Menschen, die Fürsorge leisten. In: General-Anzeiger Bonn. 26. November 2019, abgerufen am 1. Februar 2020.
  32. Die Galerie der unsichtbaren Arbeit. Portrait-Reihe im Rahmen des Equal Care Day. In: Website des Equal Care Day. Abgerufen am 1. Februar 2020.