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InhaltBearbeiten

Die „Lais“, ein prächtiges Holzschiff, dessen Reiseziel geheim bleibt, wird mit einer mysteriösen und offenbar gefährlichen Fracht beladen; der Kapitän Waldemar Strunck, seine Tochter Ellena und ihr Verlobter Gustav Anias Horn quartieren sich an Bord ein, dabei reist Gustav als blinder Passagier, weil er die Nähe Ellenas nicht missen will. Letzterer entdeckt nach dem spurlosen Verschwinden Ellenas geheime Gänge und Schächte. Er wird vom Kapitän beauftragt Ellena zu suchen, wobei mit Stunden und Tagen jegliche Zuversicht schwindet, sie noch lebend zu finden. Ein Gefühl von Bedrohung ergreift die Schiffsbesatzung. Der Superkargo Georg Lauffer, ein vom Reeder im Staatsdienst beauftragter und wenig durchschaubarer Transportchef, versagt dabei jede Mitarbeit, so dass die abergläubische Mannschaft, während ein Sturm ausbricht, auf der Suche nach Ellena meuternd in die verschlossenen Laderäume eindringt, darin zunächst nur leere Kisten findet und glaubt, eine verborgene Tür entdeckt zu haben. Beim Aufbrechen der Metallplatte strömt jedoch Wasser ins Schiff, es sinkt, während sich die Mannschaft in die Boote retten kann. Dabei sieht sie mit Entsetzen eine sinkende Galionsfigur, deren üppige Frauenschenkel den Vorsteven umklammern; niemand hatte sie zuvor auf dem Schiff gesehen.

Entstehung, Rezeption und literarische WertungBearbeiten

 
„… zeigte sich die Galionsfigur. Aller Augen hingen an ihr […] Ein Bild wie aus gelbem Marmor […] Statue einer schimmernden […] Göttin.“[1].

Der in den Jahren von 1934 bis 1947 entstandene Roman ist ein Prolog zu „Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er 49 Jahre alt geworden war“, dem Hauptteil von Jahnns Trilogie „Fluss ohne Ufer“. Das Buch wurde zunächst als deutscher Seefahrtsroman betrachtet und verglichen mit den Romanen der englischsprachigen Schriftsteller Joseph Conrad und Herman Melville; andere sahen ihn als Kriminalroman, Jochen Vogt deutet ihn als „allegorischen Detektivroman“.[2] Allerdings erfährt man in diesem Buch noch nicht, wer der Täter (der Matrose Tutein, wie sich im folgenden Trilogieband herausstellt) ist. Die Handlung ist verrätselt, das Geschehen unwirklich. Das Schiff hat labyrinthische Räume. Die Menschen haben Ängste und Fantasien und fühlen sich ohnmächtig. Vieles, vor allem die Galionsfigur, ist als Allegorie zu deuten. In einem Brief an Werner Helwig schreibt Jahnn, dass „der ganze Roman nur von diesem Zeitbegriff, nämlich vom unveränderbaren Schicksal, das sich mit allen Mitteln der Zeit ankündigt“, handelt.[3] Jahnns Sprachstil – er verwendet meist Hauptsätze – ist eher konventionell, doch voll schöner und ungewohnter Bilder. Der offene Schluss und die unbeantworteten Fragen leiten zum Hauptteil über, den beiden Bänden Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er 49 Jahre alt geworden war, in denen das rätselhafte Verschwinden Ellenas aufgeklärt wird und wo der Verlobte Ellenas als Protagonist Horn zusammen mit dem Mörder Tutein ein schuldverstricktes gemeinsames Leben führt. Peter Suhrkamp wollte Das Holzschiff in dieser unvollendeten Form nicht bei S. Fischer verlegen, weshalb Jahnn zunächst geplant hatte, den neun Kapiteln des Buches ein zehntes anzuhängen[4]; es wurde weit mehr, es entstand auf diese Weise dann mit dem Fluss ohne Ufer eines der wichtigsten Werke der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Die Wochenzeitung Die Zeit hat Das Holzschiff auf ihre Liste der „50 wichtigsten Bücher für eine Schülerbibliothek“ gesetzt.

Detlev Glanert komponierte eine Opernfassung des Holzschiffs. Sie wurde am 9. Oktober 2010 in einer Inszenierung von Johann Kresnik im Nürnberger Staatstheater uraufgeführt.[5]

SprachstilBearbeiten

Beachtenswert an Jahnns Sprache ist die Beschreibung der emotionalen Verfassung, die oft die wörtliche Rede und eigentliche Handlung ersetzt. Diese präzise beschriebenen Gefühle werden durch nicht weiter vertiefte Gespräche, innere Monologe oder Gedankenkonstrukte aufgerufen, wobei die semantische Rolle des "Patiens" deutlich überwiegt. Beispiele dafür sind:

„… So gab er hastige und oberflächliche Erwägungen zumbesten, die keinen anrührten. …“

Hans Henny Jahnn[6]

„… Die Nachbarn entsetzten sich tiefer als zuvor. Aber sie entgegneten nichts. …“

Hans Henny Jahnn[7]

„… Ein wilder Strom von Worten und Gleichnissen. Gustav war wie betäubt. Er war unfähig zu ergrübeln, wie diese Begegnung enden sollte. …“

Hans Henny Jahnn[8]

„… Seine Stimme belebte sich mehr und mehr, um schließlich die Höhe pathetischer Kraft zu gewinnen …“

Hans Henny Jahnn[9]

„… Über Waldemar Struncks Gesicht ging ein drohender Schein. Man erkannte, er bezwang eine große Gemütsbewegung. …“

Hans Henny Jahnn[10]

Beispiele für die bildreiche Sprache sind:

„… Die Stunden wurden augenscheinlich in brüchige Formen gegossen …“

Hans Henny Jahnn[11]

„… Man wurde an das knorrige finstere Dachgeschoß eines alten Speichers erinnert, an Mühlen die an den Sünden ihrer Besitzer geisterhaft verödeten. …“

Hans Henny Jahnn[12]

„… Seine zu Ausschweifungen bereite Einbildungskraft hatte den Mißbrauch des beschatteten Herzens eingestellt. Jedenfalls waren die inwendigen Wunden unter guten Pflastern versteckt. …“

Hans Henny Jahnn[13]

Figuren im ersten Teils des RomansBearbeiten

Ellena ist die Frauengestalt an Bord des Schiffes und muss sich den Eifersüchten und Verliebtheiten der Besatzung stellen.

Gustav Anias Horn ist die Hauptfigur und der Verlobte Ellenas, der mit Wissen des Superkargos und des Kapitäns als Blinder Passagier an Bord geht und anfangs nur wegen der Proteste Ellenas geduldet wird. Nach ihrem Verschwinden wird Gustav mit der Aufgabe betraut, das Schiff nach Ellena abzusuchen.

Waldemar Strunck ist Kapitän und Vater Ellenas.

Superkargo Georg Lauffer reist im Auftrag des Reeders und als Staatsdiener mit und überwacht die geheime Ladung, er wird während der aussichtslosen Suche nach Ellena als Mörder denunziert und glaubt alle zum Feind zu haben.

Erwähnung des Mörders und späteren Wegbegleiters Alfred Tutein:

„… Ein Mund zischte, flüsterte ein Wort: »Gefahr«. Die Tür fiel wieder ins Schloß. Es war der Leichtmatrose gewesen. Alfred Tutein, achtzehn Jahre alt. …“ S. 76 ebd.

„… Alfred Tutein, dieser gespensterhaft schleichende Jüngling, der es darauf angelegt hatte, sich immer wieder finden zu lassen, wartete nur darauf angesprochen zu werden …“ S. 164 ebd.

„… Alfred Tutein gab dunkle Aufklärung, behilfliche Lügen und zornentbrannte Beteuerungen der Viehhändler und Roßtäuscher. Klatsch, der mit seiner Überfülle, seiner Ungenauigkeit, seiner zähen Raserei die Verstocktheit der einfältigen Menschen abbildete. …“ S. 166 ebd.

ZitatBearbeiten

„Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar. Mit dem breiten gelbbraunen, durch schwarze Pechfugen gegliederten Bug und der starren Ordnung der drei Masten, den ausladenden Rahen und dem Strichwerk der Wanten und Takelage. Die roten Segel waren eingerollt und an den Rundhölzern verschnürt. Zwei kleine Schleppdampfer, hinten und vorn dem Schiff vertäut, brachten es an die Kaimauer.“

Hans Henny Jahnn[14]

WerkausgabenBearbeiten

Deutsche AusgabenBearbeiten

ÜbersetzungenBearbeiten

  • 1966: Italienisch (La nave di legno)
  • 1969: Polnisch (Drewniany statek)
  • 1970: Englisch (The Ship)
  • 1974: Norwegisch (Treskipet)
  • 1993: Französisch (Le navire de bois), ISBN 2-7143-0494-X.
  • 2013: Russisch (Деревянный корабль)

LiteraturBearbeiten

  • Luise Rinser: Traum, Spuk und Trauer. In: Die neue Zeitung vom 21. Mai 1949
  • Lothar Strehlow: Hans Henny Jahnn. Das Holzschiff. in: Geist und Zeit. Zweimonatsschrift für Kunst, Literatur und Wissenschaft. Darmstadt 1961. Nr. 1
  • Heinz Ludwig Arnold (Hrg.): Hans Henny Jahnn. Text + Kritik 2/3. München 1980, ISBN 3-921402-78-6
  • Julia Genz: "Nur das Zwecklose wird vom Hauch des Ewigen berührt." Melancholie in Hans Henny Jahnns Roman "Fluss ohne Ufer". Ibidem, Stuttgart 1998, ISBN 3-932602-35-8.
  • Ulrich Greiner: Den Träumen kann man nicht trotzen. In: Die Zeit vom 16. April 2003. Nr. 17
  • Nanna Hucke: „Die Ordnung der Unterwelt“. Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“ und den Interpretationen seiner Deuter. Münster 2009, ISBN 978-3-86582-943-6. (open access [1]).
  • Jochen Vogt: Hans Henny Jahnns Romantrilogie „Fluß ohne Ufer“. Fink, Paderborn 1970 (2. Auflage 1986), ISBN 3-7705-2366-0, (Zugleich Dissertation an der Universität Bochum 1968 unter dem Titel: Struktur und Kontinuum).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Zitiert aus: Das Holzschiff. 1959. S. 247
  2. Jochen Vogt: Das vierdimensionale Labyrinth. In: Text + Kritik. Hans Henny Jahnn. Nr. 2/3. 1980 ISBN 3-921402-78-6
  3. Werner Helwig: Briefe um ein Werk. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 1951
  4. Hans Mayer: Versuch über Hans Henny Jahnn. Rimbaud, Aachen 1984. ISBN 3-89086-998-X
  5. Gerhard Koch: Mörderische Träume, sanft geliftet. Detlef Glanerts Oper „Das Holzschiff“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Oktober 2010
  6. Das Holzschiff Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, 3.Bde in Werke in Einzelbänden. 1986 Hamburg. Seite 25
  7. Das Holzschiff Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, 3.Bde in Werke in Einzelbänden. 1986 Hamburg. Seite 121
  8. Das Holzschiff Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, 3.Bde in Werke in Einzelbänden. 1986 Hamburg. Seite 161
  9. Das Holzschiff Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, 3.Bde in Werke in Einzelbänden. 1986 Hamburg. Seite 187
  10. Schlußabsatz in Das Holzschiff Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, 3.Bde in Werke in Einzelbänden. 1986 Hamburg. Seite 217
  11. Das Holzschiff Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, 3.Bde in Werke in Einzelbänden. 1986 Hamburg. Seite 86
  12. Schlussabsatz in Das Holzschiff Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, 3. Bde in Werke in Einzelbänden. 1986 Hamburg. Seite 190
  13. Schlußabsatz in Das Holzschiff Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, 3. Bde in Werke in Einzelbänden. 1986 Hamburg. Seite 91
  14. Textausgabe 1959, Seite 5

WeblinksBearbeiten