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Gedenktafel am Curiohaus

Die Curiohaus-Prozesse waren britische Militärgerichtsprozesse, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis Dezember 1949 im Hamburger Curiohaus stattfanden. Von den 329 britischen Militärgerichtsverfahren fanden 188 an diesem Orte statt; dort standen 445 Männer und 59 Frauen vor Gericht. Es wurden 102 Todesurteile gefällt und 267 Haftstrafen verhängt.

Mit dem Begriff Curiohaus-Prozess ist in der Regel der Neuengamme-Hauptprozess des britischen Militärgerichts gegen Täter und Verantwortliche des KZ Neuengamme gemeint, in dem auch die Ermordung von 20 Kindern im Nebenlager Bullenhuser Damm verhandelt wurde. Weitere britische Militärgerichtsprozesse, die im Curiohaus durchgeführt wurden, waren u. a. der Testa-Prozess, sieben Ravensbrück-Prozesse, sowie der Prozess gegen einen Täter des KZ Bergen-Belsen.

Neuengamme-ProzessBearbeiten

Der Neuengamme-Hauptprozess fand vom 18. März bis zum 3. Mai 1946 im Hamburger Curiohaus statt. Dabei standen 14 leitende SS-Führer und Aufseher unter Anklage, darunter der Lagerkommandant Max Pauly, der SS-Standortarzt Alfred Trzebinski sowie der Schutzhaftlagerführer Anton Thumann. Elf Todesurteile wurden ausgesprochen, die am 8. Oktober 1946 im Zuchthaus Hameln durch Hängen vollstreckt wurden.

In sieben Folgeprozessen mussten sich an diesem Ort weitere 15 Angeklagte wegen ihrer Verbrechen im Hauptlager Neuengamme verantworten. Es kam zu zwölf Todesurteilen, von denen acht bestätigt und vollstreckt wurden (darunter Albert Lütkemeyer). Neben Trzebinski wurden in einem Folgeprozess im Juli 1946 weitere unmittelbar am Kindermord Beteiligte zum Tode verurteilt und im Oktober 1946 hingerichtet: Ewald Jauch und Johann Frahm. Bezüglich der Ermordung von den 20 Kindern wurden auch SS-Arzt Dr. Kurt Heißmeyer, SS-Arzt Hans Klein und SS-Obersturmführer Arnold Strippel belastet, derer man aber noch nicht habhaft geworden war.

Fast alle Prozesse, die wegen eines Verbrechens im KZ Fuhlsbüttel oder in einem der Außen- und Nebenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen durchgeführt wurden, fanden ebenfalls im Curiohaus statt. Dabei standen als Beschuldigte leitende SS-Offiziere, im Wachdienst eingesetzte SS-Männer, Wehrmachts- und Zollangehörige, Aufseherinnen sowie einige Funktionshäftlinge und Firmenmitarbeiter vor Gericht.

Testa-ProzessBearbeiten

Der erste Prozess im Curiohaus verhandelte vom 1. bis 8. März 1946 gegen drei Personen der Firma Tesch & Stabenow (Testa), die Zyklon B auch an Konzentrationslager geliefert hatte. Ihnen wurde vorgeworfen, Giftgas zur Tötung alliierter Staatsangehöriger geliefert zu haben „mit vollem Bewußtsein, daß das erwähnte Gas so benutzt werden wird.“ Nach Zeugenaussage eines Buchhalters der Firma, der sich auf einen nicht aufgefundenen Reisebericht des Dr. Bruno Tesch bezog, hätte dieser sogar selbst vorgeschlagen, sein Zyklon B zur Tötung von Menschen einzusetzen.

Bruno Tesch und sein Prokurist Karl Weinbacher wurden zum Tode verurteilt; Joachim Drosihn wurde freigesprochen. Die von zahlreichen Personen unterzeichneten Gnadengesuche wurden abgelehnt und die beiden Verurteilten am 16. Mai 1946 im Zuchthaus Hameln gehängt.

Weitere ProzesseBearbeiten

Vom 17. bis 21. Oktober 1945 fand im Curiohaus der nach dem Hauptangeklagten Kapitänleutnant Heinz-Wilhelm Eck benannte Eck-Prozess statt, in dem das Geschehen nach der Versenkung des griechischen Frachtschiffs Peleus durch das von Eck kommandierte deutsche U-Boot U 852 in der Nacht vom 13. auf den 14. März 1944 aufgearbeitet wurde. Neben Eck wurden noch der Zweite Offizier August Hoffmann, der Bordarzt Walter Weispfenning, der Leitende Ingenieur Hans Richard Lenz und der Matrose Wolfgang Schwenker beschuldigt, im Anschluss an die Versenkung Peleus auf Befehl Ecks gezielt auf im Wasser treibende Rettungsflöße und auch auf Überlebende geschossen zu haben. Die Versenkung der Flöße sollte die Rettungschancen Überlebender zunichtemachen, um das Entdecken des U-Boots zu verhindern. Der Prozess endete mit Todesurteilen für Eck, Hoffmann und Weispfenning, die am 30. November 1945 trotz Gnadengesuchen durch Erschießen vollstreckt wurden. Die beiden anderen Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen. Dies war der einzige Kriegsverbrecherprozess, der nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten gegen Mitglieder deutscher U-Boot-Besatzungen geführt wurde.[1]

Am 16. April 1948 stand der Führer des Wachbataillons vom KZ Bergen-Belsen, SS-Hauptsturmführer Kurt Meyer, im Saal des Curiohauses vor seinen Richtern. Er bestritt die Vorwürfe, alliierte Häftlinge und eine Polin in Bergen-Belsen misshandelt zu haben. Er erklärte, er habe in seiner Funktion keinen freien Zutritt zum Schutzhaftlager gehabt. Die Zeugenaussagen widersprachen sich. Sein Verteidiger machte eine mögliche Personenverwechslung geltend.[2] Meyer wurde im hier verhandelten dritten Bergen-Belsen-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt, kam aber 1954 vorzeitig frei.

Auch die Angeklagten der sieben Ravensbrück-Prozesse standen an diesem Ort vor Gericht.

Weiterhin stand ab dem 11. Oktober 1948 der SS-Obersturmbannführer Fritz Knöchlein im Curiohaus von Gericht. Er war angeklagt, da Angehörige der unter seinem Befehl stehenden 3. Kompanie im 2. SS-Totenkopf-Regiment (mot.) der SS-Division Totenkopf etwa 100 britische Kriegsgefangene, die in die Hände der SS gefallen waren, am 27. Mai 1940 in dem Massaker von Le Paradis erschossen hatten. Auch Knöchlein wurde schuldig gesprochen und am 21. Januar 1949 in Hameln erhängt.[3]

Vom 23. August 1949 bis zum 19. Dezember 1949 wurde hier gegen den Generalfeldmarschall Erich von Manstein verhandelt. Es war dies der letzte alliierte Kriegsverbrecherprozess.

RechtsgrundlageBearbeiten

Grundlage für die britischen Militärgerichtsprozesse gegen deutsche Kriegsverbrecher bildete der sogenannte königliche Auftrag vom 14. Juni 1945. Der Rechtsgrundsatz nulla poena sine lege wurde hier nicht verletzt, weil nur das zur Tatzeit gültige Völkerrecht angewendet wurde. Das Gericht setzte sich aus drei hohen Militärs, einem Ersatz-Richter und einem juristischen Berater ohne Stimmrecht zusammen. Die Verhandlung war öffentlich. Berufung war nicht möglich; Gnadengesuche wurden vom Kriegsminister oder einem beauftragten Generalmajor entschieden.

In diesen Militärgerichtsverfahren wurden nur zwei Gruppen von Tätern unter Anklage gestellt: Erstens Personen, die zum Schaden von britischen Staatsbürgern gegen das Kriegsrecht verstoßen hatten, und zweitens Personen, die im Gebiet der britischen Besatzungszone an Alliierten Verbrechen begangen hatten.

Für britische Militärgerichtsverfahren war der Rechtsbegriff Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch unbekannt. Nach neuer deutscher Rechtsauslegung reicht die Mitwirkung an einem Vernichtungsprogramm zu einer Verurteilung wegen Beihilfe zu Mord, wobei dem Beschuldigten eine konkrete Einzeltat nicht nachgewiesen werden muss. Einen solchen Ansatz hatte auch die alliierte Rechtsprechung gewählt.[4]

LiteraturBearbeiten

  • Kurt Buck: Die frühen Nachkriegsprozesse (= Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 3). Herausgegeben von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Edition Temmen, Bremen 1997, ISBN 3-86108-322-1.
  • Angelika Ebbinghaus: Der Prozeß gegen Tesch und Stabenow – Von der Schädlingsbekämpfung zum Holocaust. In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. 13, 2, 1998, ISSN 0930-9977, S. 16–71.
  • Jürgen Kalthoff, Martin Werner: Die Händler des Zyklon B. Tesch & Stabenow. Eine Firmengeschichte zwischen Hamburg und Auschwitz. VSA-Verlag, Hamburg 1998, ISBN 3-87975-713-5; siehe auch http://media.offenes-archiv.de/Kalthoff_Werner_Tesch_und_Stabenow.pdf
  • KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Die Hamburger Curiohaus-Prozesse. NS-Kriegsverbrechen vor britischen Militärgerichten. Texte, Fotos und Dokumente. Hamburg 2017 Beschreibung und Details auf den Tafeln
  • Oliver von Wrochem: Die Auseinandersetzung mit Wehrmachtsverbrechen im Prozeß gegen den Generalfeldmarschall Erich von Manstein 1949. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 46, 4, 1998, ISSN 0044-2828, S. 329–353, (Anklagepunkte / Urteil / Haftentlassung / Öffentlichkeit).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hans Herlin: Verdammter Atlantik - Schicksale deutscher U-Boot-Fahrer. 11. Auflage. Wilhelm Heyne Verlag München, 1979, ISBN 3-453-00173-7, S. 205–279.
  2. Alexandra-Eileen Wenck: Verbrechen als ‚Pflichterfüllung’? Die Strafverfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen am Beispiel des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. In: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Die frühen Nachkriegsprozesse. Bremen 1997, ISBN 3-86108-322-1, S. 44
  3. Gerald Reitlinger, The SS. Alibi of a Nation, 1922–1945. Arms and Armour Press, London 1985. ISBN 0-85368-187-2, S. 148f.
  4. KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Die Hamburger Curiohaus-Prozesse. NS-Kriegsverbrechen vor britischen Militärgerichten. Texte, Fotos und Dokumente. Hamburg 2017, S. 66.