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Arbeitserziehungslager Farge

ehemaliges Arbeitserziehungslager in Niedersachsen

Das Arbeitserziehungslager Farge (kurz AEL Farge) war in der Zeit des Nationalsozialismus eines der ersten und größten Arbeitserziehungslager in Niedersachsen. Es wurde von der Gestapo Bremen geführt und befand sich nacheinander an drei Standorten in Farge und im Grenzgebiet der damaligen Gemeinden Neuenkirchen und Rekum. Heute befinden sich die ehemaligen AEL-Standorte in den Bundesländern Niedersachsen und Bremen. Das AEL Farge existierte von 1940 bis 1945.

Es gehörte zu den insgesamt sieben nationalsozialistischen Lagern in der Region Farge/Rekum und Neuenkirchen/Schwanewede, die der Unterbringung von Bau- und Wachpersonal, freiwilligen Arbeitskräften sowie zur Zwangsarbeit gezwungenen Menschen (Kriegsgefangene, Häftlinge und Zwangsarbeiter) für mehrere militärische Groß-Bauvorhaben dienten.

GeschichteBearbeiten

Im „Gemeinschaftslager Tesch“ auf der Baustelle des Wifo-Tanklagers Farge richtete die Gestapo im Oktober 1940 das erste sogenannte Arbeitserziehungslager überhaupt ein, das AEL-Farge. Dieses Straflager diente der Disziplinierung sogenannter „Bummelanten“, Arbeitsverweigerer, Regimegegner und später „Halbjuden“. Aufgrund seiner besonderen Härte wurde es schnell zu einem Vorzeigelager, das die Historikerin Gabriele Lotfi als eines der wenigen „Todeslager“ unter den Arbeitserziehungslagern bezeichnete.[1] Die Häftlinge wurden „erzieherischen Maßnahmen“ unterworfen – auf 56 Tage beschränkt. Die Gestapo konnte weitere 21 Tage Schutzhaft anordnen. Zudem sind Fälle bekannt, dass jemand nach kurzer Freiheit erneut ins Lager gebracht wurde. Das Arbeitserziehungslager wurde im Sommer 1942 von Farge in das Marinegemeinschaftslager nach Rekum verlagert, und von dort im Juli 1943 in einen neu erbauten Barackenkomplex am nahegelegenen Speckberg. Im AEL befanden sich bis zu 600 Häftlinge auf engstem Raum. Mindestens 150 Häftlinge sollen durch die menschenverachtenden Arbeits- und Lebensbedingungen ums Leben gekommen sein. Das Lagerpersonal war äußerst brutal. Im Februar 1945 zeigte der in Rekum niedergelassene praktische Arzt Dr. Walter Heidbreder, dem am 1. Februar 1942 die Zuständigkeit für das "Arbeitserziehungslager", das "Lager Tesch" und das Marinegemeinschaftslager Neuenkirchen übertragen worden war, den damaligen Kommandanten des "Arbeitserziehungslagers", Heinrich Schauwacker,[2] wegen mehrerer Mordtaten bei der Bremer Gestapo-Führung an. Schauwacker wurde seines Postens enthoben und bestraft.[3] Die britische Militärjustiz verurteilte 1948 in Hamburg im "Bremen-Farge case" der sogenannten Curiohaus Prozesse weitere, an Verbrechen Beteiligte (mit Ausnahme des flüchtigen Schauwacker) zu Haftstrafen.[4] Ein anderer zeitweiliger Lagerkommandant, Sebastian Schipper, wurde in Wilhelmshaven 1946 (Gelbkreuz-Gefängnis-Prozess) zum Tode verurteilt; er wurde am 23. Januar 1947 im Zuchthaus Hameln hingerichtet.[5]

 
Zeitungsausschnitt, Weser-Kurier vom 26. Februar 1948

Die Gebäude (Baracken) des AEL Farge wurden am 1. August 1945 vom Bauamt Bremen-Lesum übernommen[6] und bis in die 1960er Jahre als Notunterkünfte für wohnungslose Menschen genutzt.

Nicht zu verwechseln ist das AEL Farge mit dem KZ Farge (einem Außenlager des KZ Neuengamme), dem Marinegemeinschaftslager I (in dem Soldaten der Marineersatzabteilung untergebracht waren) und dem Marinegemeinschaftslager II (in dem unter anderem Arbeiter der Organisation Todt und Personal der Marinebauabteilung untergebracht waren).[7] Die Häftlinge wurden primär zum Bau des U-Boot-Bunkers Valentin eingesetzt. Auf dem ehemaligen Lagergelände befindet sich heute eine Gedenkstätte, der Dokumentations- und Lernort Baracke Wilhelmine.[8]

Namentlich bekannte HäftlingeBearbeiten

  • Nicolaus von Borstel
  • Adolf Burgert
  • Paul Brodek
  • Wilhelm Nolting-Hauff
  • Klaas Touber
  • Wilhelm Schmidt
  • Willy Schramm
  • Antonio Karl-Heinz Thermer[9]
  • Wilhelm Aron aus Osterholz-Scharmbeck
  • Kuno Brandt aus Bremen
  • Harry Callan aus Nordirland
  • Wladislaw Florek
  • Ewald Frese aus Bremen
  • Bernhard Henze aus Neuenkirchen
  • Hinrich Heitmann aus Kirchlinteln
  • Anatoli Kleyow
  • William Hutchison Knox aus Republik Irland
  • Richard Lahmann (1924–2017) aus Bremerhaven
  • Ernst Lüders aus Bremen
  • Egon Pundsack aus Bremen
  • Jan Schinckel aus Holland
  • Paul Sinasohn aus Platjenwerbe bei Bremen
  • Friedrich Sonnet aus Bremen, zeitweise Bassum[10][11]

LiteraturBearbeiten

  • Andrea Tech: Arbeitserziehungslager in Nordwestdeutschland 1940–1945. (= Bergen-Belsen-Schriften, Band 6). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-35134-8, S. 119, 135, 276 (zugleich Dissertation, Universität Hannover 1998).
  • Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8.
  • Jan-Friedrich Heinemann, Ingo Hensing, Karin Puzicha, Klaus Schilder und Klaus-Peter Zyweck. Der U-Boot-Bunker 'Valentin'. Beitrag zum Schülerwettbewerb „Deutsche Geschichte“ um den Preis des Bundespräsidenten. Typoskript. Schulzentrum Lehmhorster Straße Blumenthal 1983. S.21–22. Projekt Nr. 1983-0395, 4. Preis der Körber-Stiftung
  • Inge Marßolek, Rene Ott. Bremen im 3. Reich. Anpassung-Widerstand-Verfolgung. Unter Mitarbeit von Peter Brandt, Hartmut Müller und Hans-Josef Steinberg. Carl Schünemann Verlag Bremen. 1986. ISBN 3-7961-1765-1
  • Barbara Johr und Hartmut Roder. Der Bunker. Ein Beispiel nationalsozialistischen Wahns Bremen-Farge 1943–45. Edition Temmen Bremen 1989. ISBN 3-926958-24-3
  • Eva Determann. Zwangsarbeit in Bremen- ein Überblick. In: Verein Walerjan Wrobel Zwangsarbeit e.V.(Hg.) Vergessene Opfer. Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen Heft 40, 2007. ISBN 978-3-925729-54-6

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gabriele Lotfi: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich. Stuttgart 2000, ISBN 3-421-05342-1, S. 80,193.
  2. Marc Buggeln: Der Bau des U-Boots-Bunker "Valentin", der Einsatz von Zwangsarbeitern und die Beteiligung der Bevölkerung. S. 7, abgerufen am 15. August 2018.
  3. Staatsarchiv Bremen Sign 4,89/2 und 3. Ermittlungsakten des Landeskriminalamtes Bremen (Anzeige Franz Güse), 1960
  4. Military Court (War Crimes) Trial BREMEN-FARGE, Case 15th March 1948: Curio-Haus Hamburg. Abgerufen am 27. Juni 2018.
  5. Bernhard Gelderblom: Das Zuchthaus Hameln in der Nachkriegszeit. S. 6, abgerufen am 4. September 2019.
  6. Staatsarchiv Bremen, Sign 4,64/6-235 Bl.630/2
  7. Arbeiterlager bei den Tanklagern in Bremen-Farge & Schwanewede. relikte.com, abgerufen am 28. August 2012.
  8. Website des Dokumentations- und Lernorts Baracke Wilhelmine.
  9. Denkort Bunker Valentin: Biografien. Antonio Karl-Heinz Thermer. Abgerufen am 17. Oktober 2018.
  10. Verdener Familienforscher e.V. verdener-familienforscher.de, abgerufen am 5. September 2019 (Eintrag Sonnet).
  11. Gustav-Heinemann-Bürgerhaus Bremen, Antifaschistischer Arbeitskreis (Hrsg.): „Wir wußten, daß die Schwachen im Recht waren und der Starke dort im Unrecht war“: Erinnerung an die Todesmärsche Anfang 1945. Bremen 1987, S. 124 (Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung [PDF; abgerufen am 5. September 2019] Electronic ed.: Bonn : FES Library, 2005, S. 16 im Teil Seiten 109 - 131).

Koordinaten: 53° 12′ 57,5″ N, 8° 31′ 42″ O