Blutaar

mutmaßliche Form der Hinrichtung bei den Wikingern

Der Blutaar oder Blutadler (altnordisch blóðörn) war eine mutmaßliche Form der Hinrichtung bei den Wikingern.

Detail aus den Bildsteinen von Stora Hammars zeigt einen Mann, der mit einer Waffe auf dem Rücken eines auf dem Bauch liegenden Mannes hantiert. Das über der Szene befindliche dreieckige Valknut-Symbol wird als Symbol für einen ekstatischen Zustand gedeutet.

Dem lebenden Opfer wurde dabei der Rücken aufgeschnitten, die Rippen beidseitig von der Wirbelsäule getrennt und – wie Adlerschwingen – zur Seite geklappt. Manche vermuten, dass noch die Lungen herausgezogen wurden. Allerdings wird die Version von anderen Wissenschaftlern verworfen, da die Lunge nach einem derart gewaltsamen Öffnen in Sekunden zusammenfallen würde. Sie gehen davon aus, dass die Schulterblätter noch mit hochgeklappt wurden.

Der Blutaar ist in verschiedenen Sagas, Skaldengedichten und Eddaliedern als Rache an Feinden gut belegt, so zum Beispiel in der Orkneyinga saga, den Reginsmál oder der altnorwegischen Königsbiographie Heimskringla[1] aus dem 12. Jahrhundert. Die Ragnarssona þáttr berichtet davon, dass der in England eingefallene dänische König Ragnar Lodbrok von König Ælle besiegt und in einer Schlangengrube hingerichtet wurde. Ragnars Söhne unterwarfen Ælle später und töteten diesen durch das Ritzen eines Blutadlers.

Der Hintergrund des Rituals ist jedoch ebenso umstritten wie die Frage, ob es tatsächlich ausgeübt worden ist oder ob es vielleicht auch nur eine besonders grausam wirkende literarische Ausschmückung zur Unterhaltung der Zuhörer war. So zumindest argumentiert die Skandinavistin Roberta Frank.[2] Andere Interpretationen sehen im Blutaar die Weiterentwicklung eines ursprünglichen Menschenopfers an den Gott Odin oder aber eine spezielle Racheform, die Söhne am Mörder ihres Vaters vollzogen.

„Wie Frank jedoch überzeugend dargelegt hat, beruht das Motiv ‚Ritzen des Blutadlers‘ – zumindest im Falle von Ella – auf dem Missverständnis einer Strophe aus Sigvatrs Knútsdrápa (11. Jh.) in der es von der Tötung Ellas heißt: ‚Und Ívarr, der in York saß, ließ Ellas Rücken von einem Adler geschnitten werden‘ (Knútsdrápa 1; s. u. und vgl. Frank 1984, 334–339); Während andere Forscher Sigvatrs Strophe als zweiten Beleg – neben Reginsmál 26 – für das Blutadler-Motiv in der Dichtung betrachten, sieht Frank [eine Edda-Forscherin] Sigvatrs Strophe als eines der außerordentlich zahlreichen Beispiele für das Motiv ‚Vogel der Walstatt (Adler, Rabe) zerreißt den gefallenen Krieger mit den Klauen oder dem Schnabel‘, präziser: ‚der siegreiche Krieger läßt die Vögel der Walstatt die Gefallenen zerreißen‘ o.ä. (vgl. Frank 1984, 337–339; Frank 1988; Frank 1990).“

Klaus von See: Edda-Kommentar zu den Reginsmál (Heidelberg, 2006)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Karl von Amira: Das altnorwegische Vollstreckungsverfahren: eine rechtsgeschichtliche Abhandlung. Theodor Ackermann, München 1874, S. 17.
  2. Roberta Frank: Viking Atrocity and Skaldic Verse. The Rite of the Blood-Eagle. In: The English Historical Review. Band 99, Nr. 391, 1984, ISSN 1477-4534, S. 332–343, JSTOR:568983 (englisch).