Biologische Anstalt Helgoland

meeresbiologische Forschungs- und Serviceeinrichtung

Die Biologische Anstalt Helgoland (BAH) ist eine meeresbiologische Forschungs- und Serviceeinrichtung auf der Nordseeinsel Helgoland. Sie ist neben der Station auf Sylt eine der beiden Forschungsstationen des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Deutschland. An die Station ist das Zentrum für Wissenschaftliches Tauchen (AWI-CSD) angegliedert.

Logo der BAH auf dem Schornstein des Forschungsschiffs Heincke

GeschichteBearbeiten

 
Die Ikone der Helgoländer Biologie: Aufgenommen 1865 auf dem Weg nach Helgoland[1]: stehend v. l. n. r.: Die Biologen Anton Dohrn, Stettin; Richard Greeff, Bonn; Ernst Haeckel, Jena, vorne sitzend: Matthijs Salverda (1840–1886), Delft und Pietro Marchi, Florenz
 
Biologen der Zwischenkriegszeit Ende 1927 beim Kegeln mit Akademikern (meist der Bauverwaltung) Mitte, stehend mit Weste und Fliege, Wilhelm Mielck, Direktor der Anstalt. Rechts sitzend in weißem Pullover Arthur Hagmeier, sein Nachfolger ab 1934. Vorne 2.v.l. mit Pfeife Adolf Bückmann, Direktor von 1953 bis 1962, letzte Reihe 2 v. l. der Biologe und spätere NSDAP-Ortsgruppenleiter Karl Meunier, u. a.

Die Meeresforschung auf Helgoland ist älter als die Station: 1835 wies der Naturforscher Christian Gottfried Ehrenberg auf Helgoland nach, dass das Meeresleuchten um Insel durch den Einzeller Noctiluca scintillans hervorgerufen wird. Johannes Müller erkannte das Potential der Insel für seine Forschung und begründete 1845 auf Helgoland die Planktonforschung[2]. Hier entstanden viele Beschreibungen der lokalen Flora und Fauna und der Begriff Plankton selbst wurde hier erstmals eingeführt. Die Biologie der Fische in der Nordsee und der Vogelzug wurden untersucht. Berühmt wurde der Maler Heinrich Gätke als Ornithologe.

Nachdem Helgoland aus britischem Besitz zum Deutschen Reich gekommen war, wurde die Königlich Preußische Biologische Anstalt auf Helgoland 1892 gegründet. Erster Direktor wurde Friedrich Heincke, sein Nachfolger ab 1921 Wilhelm Mielck. Die Zweigstation in List auf der Insel Sylt wurde 1924 eingerichtet. Im Dritten Reich stellte das Institut den Ortsgruppenleiter und weitere führende Mitarbeiter der NSDAP-Helgoland.[3] Arthur Hagmeier war von 1934 bis 1953 Direktor, Helmuth Hertling von 1921 bis 1939 Assistent und Kustos der Anstalt. Nach der Sprengung von Bunkeranlagen auf Helgoland konnte provisorisch in der Zweigstation auf Sylt weitergearbeitet werden. Adolf Bückmann baute 1953 als Direktor die Arbeit auf der Insel wieder auf und schuf eine sogenannte Kopfstation in Hamburg. 1959 wurde die BAH wieder eröffnet. 1981 wurde in Hamburg ein weiteres Institutsgebäude als neue Zentrale eingerichtet. Zum Institut gehörte auch das Forschungsschiff Heincke.

Nachdem die BAH 20 Jahre direkt dem Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstellt gewesen war, wurde sie 1998 Teil der Stiftung Alfred-Wegener-Institut (AWI).[4]

 
Mit dem Bau des Aquarium 1902 zeigte die Biologische Anstalt ihre Verbindung zur deutschen Festung Helgoland, mit der Kriegsmarine wurde gerne zusammengearbeitet. Der Adler samt Goethe-Zitat an der Front sollte den Inselbesuchern 12 Jahre nach Annektierung Helgolands die enge Verbindung von deutschem Imperialismus und biologischer Forschung verdeutlichen. Das Gebäude wurde im 1. Weltkrieg mit „Maschinengewehren und anderen Nahkampfmitteln“ ausgerüstet.[5]
Das Gebäude von 1936 besetzte nun fast den ganzen Nordoststrand, der vorher vom Tourismus geprägt war. Es zeigte die Bedeutung, die die Biologie im 3. Reich hatte. „Nationalsozialismus ist angewandte Biologie“ wurde damals gesagt. Kühne Baupläne wurden entwickelt und mit Hilfe des Regimes verwirklicht. Erweiterungen wurden noch 1944 geplant.[6]
Zu ihrem Bedauern musste die Biologische Anstalt nach dem verlorenen Krieg 1959 einen bescheideneren Platz unterhalb des Felsens beziehen, außerhalb des ursprünglichen Unterlands. Links das Aquarium (Aufnahme von 2007)[7]
1976 gab es mit der Umweltbewegung wieder eine gesellschaftliche Bewegung, die Biologie-freundlich war. Der wieder repräsentative Bau an prominenter Stelle gegenüber der Landungsbrücke wurde Ökolabor genannt, es gibt wieder wie 1902 einen Turm. In Planung ist heute (2019) der Umbau des Aquariums. Die Bedeutung der Naturwissenschaft in der gesellschaftlichen Diskussion um den Klimawandel soll genutzt werden. Die Besucher sollen sich selbst als Naturwissenschaftler erleben.

ArbeitBearbeiten

 
Wasserturm zur Meerwasserversorgung der Öko-Laboratorien (2013)
 
Das Arthur-Hagmeier-Gästehaus auf dem Oberland

Die Biologische Anstalt Helgoland unterhält Forschungslabors, meeresbiologische Materialversorgungseinrichtungen für Forschungs- und Lehranstalten (Tauchergruppe, Tierversand), deutschlandweit einzigartige Kurssäle mit Seewasserversorgung für studentische und schulische Exkursionen und akademische Fortbildungen sowie eine der längsten Plankton-Daueruntersuchungen weltweit. Im Zentrum für Wissenschaftliches Tauchen findet jährlich ein Ausbildungskurs für die Zertifizierung zum geprüften Forschungstaucher statt.

Meeresbiologie-Studenten können dort auch als studentische Forschungsassistenten Praxiserfahrungen sammeln, so wie die heutige Leibnizpreisträgerin und Bremer Professorin Nicole Dubilier seinerzeit.

WeblinksBearbeiten

Commons: Biologische Anstalt Helgoland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vgl. Robert J. Richards, The Tragic Sense of Life, Chicago and London 2008, Seite 118 und D. Zissler, Five scientists on excursion — a picture of marine biology on Helgoland before 1892, in: Helgoländer Meeresuntersuchungen (Helgoland Marine Research) Vol. 49, Seite 103–112, 1995
  2. Standort - AWI. In: www.awi.de. Abgerufen am 3. Mai 2016.
  3. Eckhard Wallmann: Eine Kolonie wird deutsch – Helgoland zwischen den Weltkriegen. Bredstedt 2012.
  4. Ulrich Schlüter: Warum verlor die Biologische Anstalt Helgoland nach über einhundertjähriger Existenz ihre Selbständigkeit? In: Deutsches Meeresmuseum und Ozeaneum Stralsund (Hrsg.): Historisch-Meereskundliches Jahrbuch. Band 22. Stralsund 2017, S. 91 -114.
  5. Petra Werner, Die Gründung der Königlichen Biologischen Anstalt auf Helgoland und ihre Geschichte bis 1945. (= Helgoländer Meeresuntersuchungen. Band 47 Supplement). Hamburg 1993, Seite 62 und 68
  6. Petra Werner, Die Gründung der Königlichen Biologischen Anstalt auf Helgoland und ihre Geschichte bis 1945. (= Helgoländer Meeresuntersuchungen. Band 47 Supplement). Hamburg 1993, Seite 76f
  7. Erik Hagmeier, Aus der Geschichte der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH),(= Helgoländer Meeresuntersuchungen. Band 52 Supplement). Hamburg 1998, Seite 32

Koordinaten: 54° 10′ 40,2″ N, 7° 53′ 29″ O