Bildnis Bella Potocka

Porträt in Pastell

Das Bildnis Bella Potocka, ein Porträt in Pastell, das bis in das 20. Jahrhundert immer wieder kopiert wurde, reihte Zofia Potocka (1760–1822) in den Kanon der sowohl schönsten als auch interessantesten Frauen des 18. und 19. Jahrhunderts ein. Das Werk, einst im Besitz des Kupferstichkabinetts in Berlin, genoss große Beachtung: So erwähnt der Reiseführer Berlin und die Berliner von 1905 alle Sehenswürdigkeiten Berlins, auch die wichtigsten, nur kurz mit sehr wenigen Details, das im Neuen Museum ausgestellte Pastellporträt der Zofia Potocka jedoch wird ausdrücklich genannt.[1]

Französische Schule (?): „Bella Potocka“, Pastell, ehemals Berlin.
Reproduktion des Bildnisses in einer illustrierten Zeitschrift Russisch-Polens, 1868.

Wie viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wurde auch Zofia Potocka mehrmals porträtiert. Zwei dieser überlieferten Porträts schuf Johann Baptist Lampi der Ältere.[2] Mythologisch überhöht zeigen diese Zofia de Witte als „Siegreiche Venus“ und „Vestalin“.[3] Neil Jeffares dokumentiert zudem, dass auch Jahre später Kopien eines besonders interessanten Porträts angefertigt wurden.[4]

Dieses sie der Überlieferung nach darstellende Porträt könnte auch Apolline-Helene Potocka, geb. Massalska, Gattin von Wincenty Potocki zeigen.[5][6] Gesichert ist jedoch, dass es ein über viele Jahrzehnte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wiederholtes Pastell ist, das wohl aus dem Nachlass des Prinzen Heinrich von Preußen in das Berliner Kupferstichkabinett kam und dort ausgestellt wurde.[7] Noch 1940 wurde es – mit dem sicherlich tradierten Begriff – „Bella Potocka“ betitelt.[8] Die öfter zu findende Zuschreibung dieses Werks an Salvatore Tonci (1756–1844) ist nicht stichhaltig zu verifizieren, vielmehr ist es so, dass von Tonci kaum Werke zum Vergleich nachgewiesen sind und zudem biografische Daten gegen seine Autorenschaft sprechen.[9]

Die faszinierende Schönheit, die in diesem in Komposition und Ikonografie ungewöhnlichen, weil schlichten Porträt reflektiert wurde, findet sich gespiegelt in der häufigen und immer wiederkehrenden Erwähnung der Porträtierten mit dem Hinweis auf ihre Schönheit. Nicht selten spielt dabei die Bezugnahme auf dieses Berliner Porträt eine Rolle, bis weit in das 20. Jahrhundert wurde dieses erwähnt, wenn die weibliche Schönheit thematisiert werden sollte.[10] Die Anziehungskraft ging so weit, dass im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unzählige Repliken, meist als Miniaturbildnis auf Elfenbein, für den europäischen Markt gefertigt wurden.[11] Aber es entstanden auch zahlreiche Kopien in verschiedenen künstlerischen Techniken, oft vor dem Original,[12] die auch heute noch weltweit immer wieder auf dem Kunstmarkt zu finden sind. Diese Aufnahme eines weiblichen Schönheitstypus in einen überzeitlichen Schönheitskanon teilt dieses Porträt mit der Schönheitengalerie Joseph Karl Stielers, den dieser für Ludwig II. von Bayern bis 1850 schuf. Auch diese Porträts wurden in der Technik der Miniaturmalerei kopiert und über viele Jahre auf breiter Front in den unterschiedlichsten Qualitätsstufen vermarktet.

Da das Originalporträt in Pastell nach dem Zweiten Weltkrieg als Kriegsverlust zu verzeichnen ist,[13] ist die künstlerische Qualität und Autorenschaft nicht abschließend zu klären. Neil Jeffares als einer der Experten für Porträtmalerei in der Pastelltechnik des 18. Jahrhunderts[14] hält Alexander Kucharski für einen der wahrscheinlicheren Schöpfer dieses Werkes.[15] Die Komposition und der Verzicht auf jegliches ausschmückendes Dekorum deutet in diesem spätbarocken Porträt darauf hin, dass es schon zur Entstehungszeit ein recht avantgardistisches Zeugnis eines neuen Kunst- und Schönheitsverständnisses war. Stilistisch ist es nach Jeffares gut möglich, dass Alexander Kucharski die Autorenschaft zugesprochen werden kann, die künstlerische Technik kann allerdings nicht zur weiteren Verifizierung hinzugezogen werden, da der Verlust des Originals dieses unmöglich macht.

Die Schlichtheit in Komposition und Ikonografie spricht dafür, dass hier tatsächlich eine Frau porträtiert wurde, die nicht aus großem Hause stammte – das dafür erforderliche standesgemäße Dekorum in der Darstellung fehlt völlig.[16] Es gibt auch keinerlei narrative Momente, die eine Ausdeutung dieses Pastell als Allegorie oder schlichte Ereignisdarstellung zuließe. Dieses belegt ein fast zeitgleiches spätbarockes Pastell von Adélaïde Labille-Guiard, L’heureuse surprise von 1779, das sich im verdeutlichenden Unterschied dazu eines narrativen Moments bedient.[17] Der nach Jeffares „französische Stil“[18] des Pastells deutet auf eine Entstehung im französischen Kulturkreis hin, und da sowohl Zofia Potocka als auch Apolline-Hélène Massalska, später ja ebenfalls eine Potocka, zwischen 1780 und 1785 in Paris weilten und zudem so später den gleichen Titel „Comtessa“ und auch Nachnamen trugen, ist wegen der augenscheinlichen physischen Ähnlichkeit nach dem heutigen Forschungsstand wohl keine belastbare Entscheidung zu treffen, wen das hier thematisierte Pastell darstellt: Das Porträt der Apolline-Hélène Potocka Prinzessin Massalska von Adélaïde Labille-Guiard weist eine große Ähnlichkeit auf.

LiteraturBearbeiten

  • Neil Jaffares: Dictionary of pastellists before 1800. London 2006. online (Referenzliteratur für die Portraitmalerei in Pastell des 18. Jh.)
  • v. Holzhausen: Eine berühmte Schönheit. In: Die Gartenlaube. Heft 41, 1867, S. 655 (Volltext [Wikisource]).
  • Un ritrattista nell’ Europa delle Corti: Giovanni Battista Lampi, 1751 – 1830. Hrsg. F. Mazzocca. Trento 2001.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Berlin und die Berliner. Karlsruhe 1905, S. 197.
  2. Un ritrattista nell’ Europa delle Corti: Giovanni Battista Lampi, 1751–1830. Hrsg. F. Mazzocca, Trento 2001, für die „Vestalin“ Katalognr. 30 Seite 230 ff., für die „Siegreiche Venus“ Katalognr. 50, S. 252 ff.
  3. Beide Gemälde sind signiert, die „Vestalin“ befindet sich in der Pinakothek des Castello del Buonconsiglio in Trient (inventarisiert unter der Nummer M.P.A. 2303, mehrfach ausgestellt, publiziert als Werk Johann Baptist Lampis), eine Kopie befindet sich im Regionalmuseum in Winnyzja (Ukraine) – über die Autorenschaft dieser Kopie ist keine belastbare Zuschreibung bekannt. Die diskutierte Zuschreibung an Louis Eugene Bertier (1809–?) ist aus biographischen und stilistischen Gründen unwahrscheinlich.
  4. Neil Jeffares: Dictionary of pastellists before 1800. London 2006
  5. Jeffares thematisiert die Möglichkeit, dass die Dargestellte nicht Zofia Potocka ist, sondern möglicherweise Apolline-Helene Potocka, geb. Massalska, Gattin von Wincenty Potocki pastellists.com (PDF)
  6. Th. Schrader: Gräfin Sofia Potocka. In: Mitteilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte. Band 33.1913, S. 426.
  7. v. Holzhausen: Eine berühmte Schönheit. In: Die Gartenlaube. Heft 41, 1867, S. 655 (Volltext [Wikisource]).
  8. Das Schwarzweißphoto des Originalpastells aus dem Kupferstichkabinett Berlin aus dem Jahre 1940 abrufbar unter bildindex.de unter dem Suchwort „Potocka“
  9. Zitat aus pastellists.com (PDF) After serving in the army in Naples, Salvatore Tonci moved in 1797 to St Petersburg and thence to Moscow, where he lived for many years under the name Nikolay Ivanovich. His varied talents in literature and music ensured success in society, and the portraitist married Princess N. I. Gagarina. He was taught drawing in the Moscow school of architecture. No pastel is securely attributed, and the suggestion that he may be the author of the celebrated Belle Potocka … does not seem probable on biographical grounds.
  10. Triumphe der Schönheit (mit Abb.). In: Scherl’s Magazin, 5.1929, Heft 6, S. 606 ff.
  11. Als Beispiel dient die in diesem Artikel eingebundene Miniatur auf Elfenbein in einem typischen Rahmen aus vergoldetem Metallguss.
  12. v. Holzhausen: Eine berühmte Schönheit. In: Die Gartenlaube. Heft 41, 1867, S. 655 (Volltext [Wikisource]). schildert Autor die sich immer wieder zahlreich vor dem Original im Neuen Museum sich einfindenden Kopisten; Jeffares zeigt unter pastellists.com (PDF) zahlreiche Pastellkopien dieses Porträts.
  13. siehe beispielhaft unter dem Stichwort „La comtesse Potocka“ unter pastellists.com (PDF)
  14. Neil Jeffares: Dictionary of pastellists before 1800. London 2006. Diese Referenzliteratur auch online, dieses in einer ständig überarbeiteten Version, unter pastellists.com
  15. Jeffares erwähnt unter pastellists.com Alexandre Kucharski, Salvatore Tonci (1756–1844), Anton Graff, Angelika Kaufmann und die „Französische Schule“ als im Laufe der Jahre erwähnte mögliche Schöpfer.
  16. Das hier ebenfalls gezeigte in konventioneller Manier gemalte Porträt der Apolline-Hélène Potocka Prinzessin Massalska von Peter Adolf Hall zeigt den Unterschied deutlich.
  17. Neil Jeffares: Leading the Revolution. In: Apollo. 172, Nr. 582, Dezember 2010, S. 90.
  18. siehe unter dem Stichwort „La comtesse Potocka“ unter pastellists.com (PDF)