Besetzung der polnischen Botschaft in Bern

Ereignis 1982 in der Schweiz

Die Besetzung der polnischen Botschaft in Bern von 1982 war eine politisch sowie finanziell motivierte Geiselnahme.

Info zur Audio-Datei
Originalton des Geiselnehmers Florian Kruszyk: Telefonischer Hinweis der Geiselnehmer auf gefundene Spionageakten
Das heutige Konsulatsgebäude der polnischen Botschaft in Bern (2014)

AblaufBearbeiten

Eine Gruppe von vier Exilpolen besetzte am 6. September 1982 die Botschaft der Volksrepublik Polen in der Schweiz und nahm mehrere der im diplomatischen Dienst stehenden Botschaftsmitarbeiter als Geiseln. Die Gruppe forderte die Aufhebung des Kriegsrechts in Polen sowie die Freilassung politischer Gefangener und drohte mit der Übergabe geheimer Akten an die schweizerischen Behörden und der Sprengung des Botschaftsgebäudes. Die vier Geiselnehmer bezeichneten sich als Mitglieder der «Aufständischen Heimatarmee» (poln. Powstańcza Armia Krajowa), die bereits am 18. Februar 1982 für einen tödlichen Anschlag auf Zdzisława Karosa, einen Angehörigen der polnischen Bürgermiliz, verantwortlich gemacht wurde. Rädelsführer der in Polen als Terroristen bezeichneten Gruppe war Florian Kruszyk, ein wegen krimineller Delikte gesuchter ehemaliger Mitarbeiter des polnischen Staatssicherheitsdienstes.

In die Verhandlungen unter Leitung des Bundesrats Kurt Furgler wurde auch der Dominikanerpater Joseph Maria Bocheński eingeschaltet.[1] Die polnischen Behörden beabsichtigten zunächst die Botschaft mit Hilfe eines eigenen Sonderkommandos zu stürmen. Als die Situation für die Geiselnehmer immer auswegloser wurde, forderten sie gegen Ende statt der politischen Massnahmen nur noch ein Lösegeld und die Möglichkeit der Flucht ins Ausland, vorzugsweise nach Albanien. Die Geiselnahme wurde schliesslich von der Sondereinheit «Stern» der Stadtpolizei Bern am 9. September 1982 beendet, ohne dass ein Schuss abgefeuert wurde. Wie 2013 bekannt wurde, kopierten Schweizer Behörden in einer völkerrechtswidrigen Aktion[2] nach der Befreiung Spionageakten der Botschaft.[3]

Bis zur Beendigung der Besetzung war die Mehrzahl der ursprünglich 14 Geiseln freigelassen worden. Die Geiselnehmer wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, darunter Kruszyk zu sechs Jahren.[4] Eine Auslieferung nach Polen wurde von den schweizerischen Behörden abgelehnt.

VerfilmungBearbeiten

1984 verfilmte der polnische Regisseur Janusz Kidawa die Geiselnahme unter dem Titel «Ultimatum».

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Ost-Europa, Band 33, 1983, S. 737.
  • Schweizerisches Bundesarchiv, Bestände E4001E und E4320C.
  • Erich Aschwaden: Geiseln, Geheimakten, Gegenspionage: Das Drama in der polnischen Botschaft. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 198, 28. August 2017, S. 11 (nzz.ch).
  • Schweiz – Hart bleiben. In: Der Spiegel. Nr. 37, 1982 (online).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Die Zeit, 10. September 1982
  2. Art. 24 Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen
  3. Julian Schmidli, Martin Stoll, Balz Spörri: Die Botschaftsakten, in: SonntagsZeitung.
  4. Erich Aschwaden: Geiseln, Geheimakten, Gegenspionage: Das Drama in der polnischen Botschaft. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 198, 28. August 2017, S. 11 (nzz.ch [abgerufen am 28. August 2017]).

Koordinaten: 46° 56′ 17,3″ N, 7° 27′ 44,9″ O; CH1903: 601814 / 198563