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Böhmen am Meer ist ein wiederkehrendes Motiv in der deutschen Literatur und Kunst. Es geht zurück auf einen fiktiven Ort in William Shakespeares Komödie Ein Wintermärchen: „Bohemia. A desert country near the sea.“[1]

Bei der Ortsangabe handelt es sich um ein Adynaton: das historische Land Böhmen ist gerade durch seine europäische Binnenlage gekennzeichnet und von der Ostsee, der Adria und dem Schwarzen Meer jeweils durch hunderte Kilometer und mehrere Landesgrenzen getrennt. Historiker haben aber darauf hingewiesen, dass der Machtbereich mehrerer Könige von Böhmen sich in kurzen historischen Momenten bis auf wenige Dutzend Kilometer Meeresküsten genähert hat: Unter Karl IV. nach dem Erwerb der Mark Brandenburg der pommerschen Ostseeküste und unter Ottokar II. Přemysl, der auch über die Krain herrschte, der triestinischen oder slowenischen Adriaküste. Als Könige sowohl von Böhmen als auch von Ungarn beherrschten die Jagiellonen Vladislav II. und Ludwig II. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts auch Teile der Küstenregion Dalmatien.

In der deutschen Literatur wird Böhmen am Meer gerne als Projektionsfläche eines utopischen Idealzustandes verwendet. Bekannte Beispiele sind das Gedicht Böhmen liegt am Meer von Ingeborg Bachmann (1964)[2] und der Essay Böhmen am Meer, den Hans Magnus Enzensberger in seinem Sammelband Ach Europa! veröffentlicht hat. Franz Fühmann entnahm der shakespearschen Komödie verschiedene Motive für seine frühe Erzählung Böhmen am Meer, in der er Sudetendeutsche darstellt, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Böhmen nach Deutschland vertrieben und an der Ostsee angesiedelt wurden. Volker Braun schuf 1989/1990 das Theaterstück „Böhmen am Meer“.

Von Anselm Kiefer gibt es ein Gemälde von 1995, das den Titel „Böhmen liegt am Meer“ trägt. Es ist in der Sammlung Burda in Baden-Baden zu sehen.[3] Ein gleichnamiges Gemälde von 1996 befindet sich im Metropolitan Museum.

Die Formulierung wird gelegentlich auch als Motto für Ausstellungen, Kolloquien und andere kulturelle Veranstaltungen benutzt, wenn diese eine wie auch immer geartete europäische Fragestellung haben.

WerkeBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Erich Fried: Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land. Über Ingeborg Bachmann – Erinnerung, einige Anmerkungen zu ihrem Gedicht Boehmen liegt am Meer und ein Nachruf, Berlin 1983, ISBN 3-921592-14-3
  • Hans Höller und Arturo Larcat: Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag. Die Geschichte von ‚Böhmen liegt am Meer‘. Piper, München 2016, ISBN 978-3-492-97467-7.
  • Stefan Troebst: ”Intermarium” und ”Vermählung mit dem Meer”: Kognitive Karten und Geschichtspolitik in Ostmitteleuropa. In: Die Ordnung des Raums: Mentale Landkarten in der Ostseeregion. Hrsg. v. Norbert Götz, Jörg Hackmann, Jan Hecker-Stampehl. Baden-Baden 2006 (= The Baltic Sea Region: Northern Dimensions – European Perspectives), ISBN 3-8305-1088-8.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. [Antigonus] „Thou art perfect then, our ship hath toucht vpon / The Desarts of Bohemia.“ A Winter's Tale III, 3, line 1439, First Folio Edition 1623
  2. Ingeborg Bachmann: Böhmen liegt am Meer
  3. Link zur Sammlung Burda@1@2Vorlage:Toter Link/www.sammlung-frieder-burda.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.