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Ein Argument (lateinisch argumentum, eigentlich Veranschaulichung, Darstellung; im übertragenen Sinn Beweismittel, Beweisgrund[1]) wird typischerweise dazu verwendet, etwas zu begründen oder jemanden zu überzeugen. Aus Sicht der Logik und Argumentationstheorie ist ein Argument eine Abfolge von Aussagen, die aus einer oder mehreren Prämissen und einer Konklusion besteht. Dabei werden Argumente typischerweise mit dem Anspruch vorgetragen, dass die Prämissen die Konklusion begründen. Ein Argument ist eine „Sammlung von Wahrheitswert-Trägern (also Dingen, die einen Wahrheitswert haben, oder wahr oder falsch sind), von denen einige als Gründe für einen bestimmten unter ihnen, die Konklusion, aufgeboten werden.“[2][3] Umgangssprachlich wird häufig mit Argument allein die Prämissen verweisen, die zur Begründung der Konklusion dienen („Argument für“ etwas).[4]

Eine Verknüpfung von mehreren Argumenten ist eine Argumentation. Wer Argumente aufstellt und diese schriftlich oder mündlich vorträgt, argumentiert. In einer Erörterung werden Argumente geprüft und gegeneinander abgewogen. In der Sprachwissenschaft und bestimmten Bereichen der Philosophie wird z. T. auch ein informelleres oder weiteres Verständnis von Argumenten zugrunde gelegt. Die Rhetorik befasst sich damit, wie Argumente überzeugend vorgebracht und formuliert werden können, der „Kampf“ um Überzeugungen wird in der Eristik behandelt. Einen Austausch von Argumenten sieht das scholastische Verfahren Sic et non vor.

Inhaltsverzeichnis

UnterscheidungenBearbeiten

Wissenschaftstheorie und RhetorikBearbeiten

Eine Argumentation zielt in ihrem Zusammenhang und Aufbau in der Wissenschaft auf Wahrheit in der Sache, in der Rhetorik auf die Überzeugung der Zuhörer bzw. Leser.

Weil die Absicht der Argumentation in beiden Bereichen differiert, ist auch die Bewertung der eingesetzten Mittel unterschiedlich. So ist z. B. die Wiederholung derselben Aussage in der Rhetorik ein anerkanntes Mittel, während dies in der wissenschaftlichen Argumentation unerwünscht ist, weil die Wiederholung eine These nicht richtiger macht und zudem die Informationsdichte herabsetzt.

Während es in der Wissenschaft um intersubjektiv nachvollziehbare, einsichtige und damit dauerhaft überzeugende Argumente geht, geht es der Rhetorik um möglichst wirksame Mittel der Überredung. So sind z. B. Schmeicheleien an das Publikum rhetorisch nützlich, aber wissenschaftlich ohne Belang. Ein Redner versucht an die unterschiedlichen Vorurteile seines jeweiligen Publikums anzuschließen, während der Wissenschaftler nach allgemein einsichtigen Argumenten sucht.

Linearer und Dialektischer AufbauBearbeiten

Bei einem linearen Aufbau der Argumentation fügen sich die einzelnen Argumente zu einer Argumentationskette zusammen, die dem Beweis der These (Behauptung, Kernaussage) des Redners/Autors dienen soll.

Der lineare Aufbau der Argumentation in Normalform:

Argument, ggf. mit Beispiel(en)
  1. Prämisse(n)
  2. Konklusion (Schlussfolgerung)
weitere Argumente.

Dabei können zuerst die Prämissen dargelegt werden, aus denen sich dann per Konklusion der Beweis der Behauptung ergibt. Die Argumentation kann aber auch in umgekehrter Reihenfolge ablaufen, d. h. zuerst wird die These vorgestellt, dann werden die Argumente dazu erläutert. Dies kann zur Steigerung der Dramatik oder aus taktischen Gründen nützlich sein.

In der Praxis werden im Unterschied zur so genannten Normalform nicht immer alle Prämissen explizit genannt, zum Beispiel wenn sie als bekannt und akzeptiert gelten.

Es existieren unterschiedliche Konzepte hinsichtlich der Reihenfolge, in der die Argumente vorgebracht werden: So kann das stärkste Argument am Anfang stehen, um die Aufmerksamkeit des Adressaten zu wecken (Primäreffekt), oder am Ende, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen (Rezenzeffekt).

Ursprünglich von Platon und Aristoteles als die Kunst der Gesprächsführung bezeichnet, konkludiert die dialektische Argumentation nicht eine oder mehrere Prämissen in gleicher Richtung, sondern verbindet Rede und Gegenrede, also zwei gegensätzliche Sätze miteinander zu einer Synthese. Die aristotelische Theorie der Argumentation liegt in seiner Schrift Topik vor. Das achte Buch dieser Schrift gewährt zudem Einblicke in die dialektischen Argumentationsübungen in der platonischen Akademie.

So sollen kontroverse Themen durch den Vortrag derart behandelt werden können, dass der Gegner sehe, man habe ihn recht verstanden, sei bereit ihm zu folgen und böte sogar einen Kompromiss zu der eigenen, weit entgegengesetzten Stellung am Ende der Rede redlich an.

Geschichte der ArgumentationstheorieBearbeiten

Erste Ansätze einer Argumentationslehre lassen sich in Europa auf Platon zurückführen. Er hat den Begriff der Dialektik geprägt. Die erste ausgearbeitete Argumentationstheorie findet sich in den Schriften Topik und Rhetorik seines Schülers und späteren Kritikers Aristoteles.

In der späteren Antike waren Kenntnisse der Dialektik Grundvoraussetzung für die Zulassung zum Disput. Erst wenn ein Redner vor dem Plenum zunächst die Argumente des Gegners mit eigenen Worten wiedergegeben hatte, bis dieser die Zusammenfassung (Paraphrasierung) bejahte, war die Gegenrede gestattet. Bei Verstoß gegen diese Regel wurde der Disputant vom Plenum (ähnlich wie in der heutigen europäischen Verfahrensordnung vor Gericht) ausgeschlossen.

Europäische und nordamerikanische Argumentationsformen im juristischen Bereich mit der Rede vor Gericht gehen auf antike Vorgaben zurück. Hier hat sich diese Form der Einbeziehung aller Verfahrensbeteiligten durch Einsicht in die Schriftsätze der jeweiligen Gegenseite zur Vorbereitung auf die Argumentation und Beweisführung im Verfahrensrecht mit dem Ziel etabliert, dass Staatsanwalt und Verteidigung in ihren Plädoyers die Argumente der jeweiligen Gegenseite paraphrasieren und selbst ausformulieren, bevor sie ihre eigenen Argumente einbringen.

Man kann zwischen deduktiven und nicht-deduktiven Argumenten unterscheiden. Ein deduktives Argument erhebt den Anspruch, logisch gültig zu sein. Ein nicht-deduktives Argument erhebt diesen Anspruch nicht. In einem induktiven Argument sollen Prämissen über Einzelnes eine allgemeine Aussage stützen. Ein schlechtes Argument nennt man auch Fehlschluss, Scheinargument oder Sophismus. Ein Argument, bei dem nicht alle notwendigen Prämissen genannt sind, nennt man ein Enthymem.

Praxis der ArgumentationBearbeiten

Im Laufe der Entwicklung rhetorischer Figuren hat sich die Lehre von der Argumentation auf allgemeine Lebensbereiche erweitert. Da die Wirkung von Argumentation darauf gerichtet ist, andere von der eigenen These zu überzeugen, spielt vor allem in der täglichen Praxis die Auswahl und Formulierung der Argumente eine wichtige Rolle. In der Psychotherapie, der Sozialarbeit und im Verkaufsgespräch wird als entscheidend angesehen, dass die Argumente verständlich und glaubwürdig formuliert werden und den situativen Kontext sowie die Motive, Erfahrungen, Erwartungen und Grundüberzeugungen des Gesprächspartners berücksichtigen.

Ethik der ArgumentationBearbeiten

Holm Tetens formuliert folgende Gebote einer Argumentation:[5]

  • Gebot der fairen Prüfung aller Überzeugungen,
  • Gebot der Offenheit und Freiheit,
  • Gebot der Orientierung an den Ergebnissen einer ernsthaften Diskussion,
  • Gebot der Überwindung kontingenter Beschränkungen einer Diskussion,
  • Gebot der Verständlichkeit und
  • Gebot der Wahrhaftigkeit.

ScheinargumenteBearbeiten

Wissenschaften und Justiz erwarten eine an logischen Idealen orientierte Argumentation im Sinne von Beweisführung. Weniger streng ist die Praxis in anderen Bereichen: Um bestimmte Ziele zu erreichen, werden rhetorische Mittel wie Sophismen, also der absichtliche Gebrauch von Fehlschlüssen, Polemik und Eristik eingesetzt. Solche Praktiken werden auch als Rabulistik bezeichnet.

 
Gemälde von Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer stellte 38 solcher rhetorischer Mittel zusammen, die dazu dienen sollen, um des Rechtbehaltens willen Recht zu behalten. Diese von ihm selbst nie veröffentlichten Mittel sind geeignet, eine extrem unsachliche und herabwürdigende Argumentation mit Hilfe der Logik zu führen. Die dort beschriebenen Argumentationsformen sollen den Redner dazu befähigen, selbst dann Recht zu behalten, wenn er die Unwahrheit sagt. Julius Frauenstädt publizierte diese Eristische Dialektik 1864 im Nachlassband aus Schopenhauers Notizen. In der Politik, aber auch im US-amerikanischen Strafrechtssystem treten an die Stelle von schlüssigen Argumenten häufig überspitzte Formulierungen und/oder persönliche Angriffe, welche die Glaubwürdigkeit des Gegners unterminieren sollen.

Kennzeichen geeigneter ArgumenteBearbeiten

Argumente sind Äußerungen, die durch überprüfbare Tatsachen bewiesen oder durch Berufung auf Autoritäten belegt werden. Die Faktenargumente sowie die Autoritätsargumente sind jedoch nur zwei Möglichkeiten, um jemanden zu überzeugen. Da der Mensch ein moralisches Wesen ist und Werte vertritt, kann er – je nach Situation – auch mit sogenannten normativen Argumenten überzeugt werden. Beispiel: „Wir sind es zukünftigen Generationen schuldig, mehr Geld in erneuerbare Energien zu investieren.“ Häufig werden auch analogisierende Argumente eingesetzt. Man versucht dabei, über einen Vergleich – meist aus einem anderen Lebensbereich – den Gesprächspartner zu überzeugen. Beispiel: „In meiner Freizeit trainiere ich regelmäßig Marathon. Das Durchhaltevermögen ist hierbei ein wesentlicher Aspekt, den ich auch im Beruf unter Beweis stellen kann.“ Das Faktenargument, das Autoritätsargument, das normative und analogisierende Argument sind nur einige Beispiele des Argumentierens. Es geht dabei stets um die geschickte Kombination verschiedener Argumenttypen in der jeweiligen Situation.

Grundsätzlich kann man sagen, dass ein überzeugendes Argumentieren von der Wahl der Argumente bzw. der Argumentationsstrategie, dem Grad der Konkretheit und der Adressatenorientierung abhängt. Grundsätze:

  • Je konkreter ein Argument, desto überzeugender ist es. Hierzu gehören z. B. Beispiele, die ein Argument illustrieren und verdeutlichen.
  • Je besser ein Argument auf den Adressaten ausgerichtet ist, desto eher wirkt es. Was mich überzeugt, muss nicht zwangsläufig auch den Gesprächspartner überzeugen. Entsprechend muss man sich überlegen, was dem Anderen wichtig ist. Welche Werte vertritt er (normative Argumente)? Welche Menschen hat er als Vorbild (Autoritätsargument)? Solche Überlegungen münden schließlich in den dritten Punkt:
  • Welche Strategie soll gewählt werden? Befindet man sich in einem sachlichen Gesprächskontext, wählt man eher eine rationale Strategie. Je nach Situation ist auch eine moralische, emotionale oder plausible Strategie denkbar. Dabei gilt: Je gezielter die Strategie im jeweiligen Kontext eingesetzt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Gesprächspartner überzeugt werden kann.

Neben den genannten Punkten gibt es weitere Faktoren, die entscheidend für den Erfolg sind. Hierzu gehört etwa die Frage, ob man induktiv oder deduktiv vorgehen will, also ob man zum Beispiel seine Forderung gleich zu Beginn nennt und danach die Argumente ins Feld führt oder umgekehrt.[6]

Das Abwägen von Gründen, das Gegenüberstellen von pro und contra, nennt man Erörterung. Durch satzverknüpfende Ausdrücke wird ein gedanklicher Zusammenhang ersichtlich. Solche Ausdrücke sind z. B.: deshalb; darum; folglich; dazu kommt, dass; darüber hinaus ist wichtig, dass; aus den genannten Beispielen ergibt sich, dass ... Solche Wendungen dienen dazu, den Lesern oder Zuhörern den Zusammenhang des Gedankens zu verdeutlichen. Oft stehen diese Ausdrücke am Beginn eines Absatzes.

Grundlegende Eigenschaften von ArgumentenBearbeiten

Argumente bestehen aus Prämissen und einer Konklusion, wobei die Prämissen typischerweise die Konklusion begründen sollen. Argumente dienen häufig dazu, jemanden zu überzeugen. Dementsprechend gibt es verschiedene Gesichtspunkte, unter denen man ein Argument betrachten kann:[7]

  1. Status der Prämissen. Z.B.: Sind die Prämissen wahr? Sind sie ihrerseits gut begründet?[8]
  2. Status der Konklusion. Z.B.: Ist die Konklusion wahr? Ist die Konklusion überhaupt strittig? Handelt es sich um eine normative oder um eine deskriptive Aussage? Steht die Konklusion im Widerspruch zu anderen Überzeugungen?[9]
  3. Verhältnis von Prämissen und Konklusion. Z.B.: Begründen die Prämissen die Konklusion überhaupt? Angenommen die Prämissen sind wahr, ist dann zwingend die Konklusion wahr, oder ist die Konklusion dann zumindest wahrscheinlicher?[10]

Diese ersten drei Gesichtspunkte bestimmen die “rationale Stärke” eines Arguments. Wie sich an den ersten beiden Gesichtspunkten erkennen lässt, kann die rationale Stärke eines Arguments von Kontext zu Kontext eine andere sein. Von dieser rationalen Stärke des Arguments sind zum Beispiel zu unterscheiden:[11]

  • Tatsächliche Überzeugungskraft (“rhetorische Kraft”). Z.B.: Wird eine bestimmte Person aufgrund dieses Arguments tatsächlich von der Konklusion überzeugt oder in ihrer Überzeugung gefestigt? Ist das Argument hinreichend verständlich und interessant, um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden?
  • Literarische Qualität. Z.B.: Werden die Aussagen des Arguments in einer Weise formuliert und wird der Gedankengang der Begründung in einer Weise entfaltet, die unter ästhetischen Gesichtspunkten als wertvoll gelten kann?

Grundlegende Eigenschaften, die ein Argument im Hinblick auf seine rationale Stärke besitzen kann, sind: deduktive Gültigkeit, induktive Stärke, Relevanz, Stichhaltigkeit, Zirkularität.

Deduktive ArgumenteBearbeiten

In einem deduktiv gültigen (auch: deduktiv korrekten) Argument garantiert die Wahrheit der Prämissen die Wahrheit der Konklusion. Das bedeutet: Es ist unmöglich, dass alle Prämissen wahr sind und die Konklusion falsch ist.[12] Stärker als bei deduktiv gültigen Argumenten kann die Begründungsbeziehung zwischen Prämissen und Konklusion nicht sein. Deduktiv gültige Argumente sind außerdem monoton, d. h. sie bleiben unter Hinzufügung beliebiger weiterer Prämissen gültig, und sind nicht ampliativ, d. h. die Konklusion geht nicht über den Gehalt der Prämissen hinaus.

Deduktiv gültige Argumente können ganz unterschiedliche Inhalte haben:

Beispiel 1: Die Begründung der Impact-Hypothese bezüglich der Entstehung des Nördlinger Ries

(1) Bei der Entstehung des Nördlinger Ries wurde das Mineral Coesit erzeugt.
(2) Coesit entsteht nur unter den extremen Bedingungen eines Meteoriteneinschlags.
Also: (3) Bei der Entstehung des Nördlinger Ries gab es einen Meteoriteneinschlag.

Beispiel 2: Ein Argument für Nudging

(1) Ganz gleich wie man die Gerichte in einer Kantine präsentiert, die jeweils erstgenannten werden (statistisch gesehen) immer bevorzugt.
(2) Wenn die jeweils erstgenannten Gerichte in einer Kantine (statistisch gesehen) immer bevorzugt werden, ganz gleich wie man die Gerichte präsentiert, dann ist es moralisch zulässig, die gesündesten Gerichte immer an erster Stelle zu nennen.
Also: (3) Es ist moralisch zulässig, die gesündesten Gerichte immer an erster Stelle zu nennen.

Beispiel 3: Das handlungstheoretische Argument für den Materialismus

(1) Meine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen etc. können physikalische Zustände (nämlich Körperbewegungen) verursachen.
(2) Die physikalische Welt ist kausal geschlossen, d. h. physikalische Zustände können nur durch physikalische Zustände verursacht werden.
Also: (3) Meine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen etc. sind selbst physikalische Zustände.

Deduktiv gültige Argumentationen bestehen aus deduktiv gültigen (Teil-)Argumenten.

Beispiel 4: Eine wirtschaftsliberale Argumentation gegen die Effektivität von Ausgabenpolitik

(1) Eine Erhöhung der Staatsausgaben kann nur über Steuern oder über Schulden finanziert werden.
(2) Werden höhere Staatsausgaben über Steuern finanziert, so reduzieren die Haushalte den privaten Konsum entsprechend der höheren Steuerlast.
(3) Werden höhere Staatsausgaben indes über Schulden finanziert, so antizipieren die Haushalte die zukünftig höheren Steuerzahlungen.
(4) Antizipieren die Haushalte zukünftig höhere Steuerzahlungen, reduzieren sie den privaten Konsum bereits heute entsprechend.
Also (aus 1–4): (5) Wenn die Staatsausgaben erhöht werden, dann reduzieren die Haushalte den privaten Konsum (heute) entsprechend.
(6) Zieht eine Erhöhung der Staatsausgaben eine entsprechende Reduktion des privaten Konsum nach sich, so ist eine Erhöhung der Staatsausgaben konjunkturell wirkungslos.
(5) Wenn die Staatsausgaben erhöht werden, dann reduzieren die Haushalte den privaten Konsum (heute) entsprechend.
Also (aus 5,6): (7) Eine Erhöhung der Staatsausgaben ist konjunkturell wirkungslos.

Induktive ArgumenteBearbeiten

In sog. induktiv starken oder nicht-deduktiv korrekten Argumenten besteht eine geeignete Begründungsbeziehung zwischen Prämissen und Konklusion, allerdings ist die Stützungsrelation schwächer als in deduktiv gültigen Argumenten:[13] Die Wahrheit der Prämissen garantiert hier nicht die Wahrheit der Konklusion, stattdessen wird die Konklusion durch die Prämissen – so die Standardformel – plausibler oder wahrscheinlicher gemacht. [14] Je nachdem, wie stark die Konklusion gestützt wird, spricht man von induktiv schwächeren und stärkeren Argumenten.[15] Induktiv starke Argumente sind nicht monoton: Wenn man eine Prämisse hinzufügt, kann aus einem induktiv starken ein induktiv schwaches Argument werden.[16] Zudem sind induktiv starke Argumente in der Regel ampliativ, d. h. die Konklusion behauptet mehr, als bereits mit den Prämissen ausgesagt wird. Generell sind induktive Argumente nicht logisch zwingend.

Beispiele für induktiv starke Argumente:

Beispiel 5: Friedliche Demokratien (enumerative Induktion)

(1) Bisher hat noch kein demokratischer Staat einen anderen demokratischen Staat militärisch angegriffen.
Also: (2) Demokratien führen keine Kriege untereinander.

Beispiel 6: Medikamentenversuch (statistischer Test)

(1) Wenn das getestete Medikament wirkungslos ist, dann ist es extrem unwahrscheinlich, dass ein Patient, dem das Medikament verabreicht wurde, gesundet

und dass sich der Zustand eines Patienten, der ein Placebo eingenommen haben, verschlechtert.

(2) Es ist aber der Fall, dass nahezu alle Patienten, denen das Medikament verabreicht wurde, gesunden, während sich der Zustand der Patienten, die ein Placebo eingenommen haben, ausnahmslos verschlechtert.
...
Also: (3) Das Medikament ist nicht wirkungslos.

Hier kommt noch eine Reihe impliziter Annahmen hinzu: Was häufig beobachtet wird, kann nicht extrem unwahrscheinlich sein. (1) kann als Subjunktionssatz in drei Fällen wahr sein: a) wenn der Wenn..-Teil (Antezedens) und der Dann...-Teil wahr sind; b) wenn der Wenn...-Teil und der Dann...-Teil falsch sind; oder c) wenn der Wenn....-teil wahr, der Dann...-Teil aber falsch ist. Also kann, wenn Prämisse (2) wahr ist, die Prämisse (1) nur wahr sein, wenn ihr Wenn...-Teil falsch ist. Aus seiner Negation folgt (3). Etwas vorsichtiger kann man den Schluss auch anders formalisieren und kommt dann zur Konsequenz „Dass das Medikament wirkungslos ist, ist extrem unwahrscheinlich“. Die Induktion liegt aber immer in der Auswertung von (2), also der Annahme, dass die beobachteten Fälle Aufschluss über die Wahrscheinlichkeit für alle möglichen Fälle bieten.

Beispiel 7: Arzturteil (Argument aus der Expertise)

(1) Mein Arzt sagt, dass ich gesund bin.
(2) Mein Arzt ist ein Experte für Sachverhalte, die meine Gesundheit betreffen.
Also: (3) Ich bin gesund.

Fügt man dem Argument in Beispiel 7 als weitere Prämisse hinzu, dass mein Arzt unter Drogen steht und dass sein Stellvertreter mich krankgeschrieben hat, so wird daraus ein induktiv schwaches Argument. Dies illustriert die Nicht-Monotonie induktiv starker Argumente.

RelevanzBearbeiten

Viele Argumente enthalten Prämissen, die irrelevant sind, weil sie entfernt werden können, ohne dass das Argument deduktiv ungültig wird oder an induktiver Stärke einbüßt.[17]

Beispiel 8: Verbot von Killerspielen

(1) Killerspiele machen süchtig.
(2) Killerspiele verherrlichen Gewalt.
(3) Was süchtig macht, sollte verboten werden.
Also: (4) Killerspiele sollten verboten werden.

Das Argument in Beispiel 8 ist deduktiv gültig; die Prämisse (2) ist allerdings in diesem Argument nicht relevant, denn Konklusion (4) folgt bereits zwingend aus (1) und (3).

StichhaltigkeitBearbeiten

Die Eigenschaften der deduktiven Gültigkeit und induktiven Stärke charakterisieren einzig das Verhältnis zwischen Prämissen und Konklusion. Sie sagen nichts darüber aus, ob die Prämissen wahr oder falsch sind. Ein induktiv starkes oder deduktiv gültiges Argument, das außerdem noch die Eigenschaft besitzt, dass alle seine Prämissen wahr sind, nennt man stichhaltig.[18]

Nach allem, was wir heute über das Nördlinger Ries wissen, ist das Argument in Beispiel 1 nicht nur deduktiv gültig, sondern auch stichhaltig.

Das folgende Argument (Beispiel 9) besitzt indes falsche Prämissen. Es ist deduktiv gültig, aber nicht stichhaltig. Dass ein deduktiv gültiges Argument falsche Prämissen besitzt, bedeutet nicht zwangsläufig, dass seine Konklusion falsch ist (wie das Beispiel zeigt).

Beispiel 9: Paris

(1) Paris ist die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs.
(2) In der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs steht der Eiffelturm.
Also: (3) In Paris steht der Eiffelturm.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

EinführungenBearbeiten

  • Tracy Boswell, Gary Kemp: Critical Thinking – A Concise Guide. 3. Auflage. Routledge, London 2010, ISBN 978-0-415-47182-4.
  • Axel Bühler: Einführung in die Logik. Argumentation und Folgerung. 3. Auflage. Alber, Freiburg (Breisgau) u. a. 2000, ISBN 3-495-47905-8.
  • Andreas Edmüller, Thomas Wilhelm: Argumentieren. Trainingsbuch für Beruf und Alltag. 3. Auflage. München, 2005, ISBN 3-448-06974-4.
  • Jonas Pfister: Werkzeuge des Philosophierens (= Reclams Universal-Bibliothek. 19138). Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-019138-5.
  • Walter Sinnott-Armstrong, Robert Fogelin: Understanding Arguments. An Introduction to Informal Logic. 8. Auflage. Cengage Learning, Wadsworth 2010, ISBN 978-0-495-60396-2.
  • Holm Tetens: Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung (= Beck'sche Reihe. 1607). Beck, München 2004, ISBN 3-406-51114-7.
  • Anne Thomson: Argumentieren – und wie man es gleich richtig macht. Mit praktischen Übungen und Lösungen Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Malte W. Ecker. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, ISBN 3-608-94202-5. (Originaltitel: Critical Reasoning – A Practical Introduction. London, 2009)
  • Anthony Weston: A Rulebook for Arguments. Hackett Publishing Company, 2009, ISBN 978-0-87220-954-1.

ArgumentationstheorieBearbeiten

LogikBearbeiten

  • Ansgar Beckermann: Einführung in die Logik. 2., neu bearb. und erw. Auflage. Walter de Gruyter, 2003, ISBN 3-11-017965-2.
  • Volker Halbach: The Logic Manual. Oxford University Press, 2010, ISBN 978-0-19-958784-1.
  • Wilfrid Hodges: Logic. 2. Auflage. Penguin Books, London 2001, ISBN 0-14-100314-6. (Erstauflage 1977)

WeblinksBearbeiten

  Wiktionary: argument – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  Wikiquote: Argument – Zitate
  Wiktionary: Argument – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch
  2. „[An argument is] a collection of truth-bearers (that is, the things that bear truth and falsity, or are true and false) some of which are offered as reasons for one of them, the conclusion.“ (Matthew McKeon, Eintrag „Argument“, in: Internet Encyclopedia of Philosophy, eigene Übersetzung)
  3. „Ein Argument ist ein Versuch, Beweise zugunsten einer Ansicht zu liefern.“ - „[An argument is] an attempt to provide evidence in favour of some point of view.“ Leo Groake: Infomal Logic, Abschnitt "What is an argument?". In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.
  4. Siehe: Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. 2009, S. 206.
  5. Holm Tetens: Philosophisches Argumentieren. 2004, S. 161–164.
  6. Jeannette Philipp, Christian Stadler: Argumentieren! Fallanalyse, Grundlagen, Übungen. vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, Zürich 2016, ISBN 978-3-7281-3722-7, S. 33–64.
  7. Siehe auch: Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. 2009, S. 203.
  8. Vgl. z. B. Bayer: Argument und Argumentation, 86f.
  9. Vgl. z. B. Bayer: Argument und Argumentation, 190f.
  10. Vgl. z. B. Bayer: Argument und Argumentation, 88f.
  11. Vgl. Feldman, Reason and Argument, 22f.
  12. Vgl. Salmon, Logik, S. 5ff.; Bayer, Argument und Argumentation, S. 101; Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. 2009, S. 237; Jonas Pfister, Werkzeuge der Philosophie, S. 23. Allerdings bezeichnen einige Autoren deduktiv gültige Argumente auch als “schlüssig” (vgl. Tetens, Philosophisches Argumentieren, S. 24; Detel, Grundkurs Philosophie: Logik, S. 48).
  13. Vgl. Salmon, Logik, S. 63ff.; Bayer, Argument und Argumentation, S. 125; Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. 2009, S. 237; Jonas Pfister, Werkzeuge der Philosophie, S. 27
  14. S. Lexikon der Philosophie, hrsg. von Jordan und Nimtz, Induktion, S. 139
  15. Vgl. Salmon, Logik, S. 35f.
  16. Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. 2009, S. 277f.
  17. Vgl. Bayer, Argument und Argumentation, S. 86; Feldman, Reason and Argument, S. 181ff.
  18. Vgl. Pfister, Werkzeuge der Philosophie, 26.