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Anett C. Oelschlägel.jpg
Tuwinische Gastfreundschaft, 2005

Anett Christine Oelschlägel ist eine deutsche Ethnologin mit Spezialisierung auf Sibirien und Zentralasien.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Anett C. Oelschlägel studierte Ethnologie, Zentralasienwissenschaften und Religionswissenschaft und promovierte im Jahr 2011 an der Universität Leipzig. Diverse Forschungsaufenthalte in der Russischen Föderation (Republik Tuwa), in Großbritannien (Cambridge) und in Kirgisistan ergänzten ihre Studien. Von 2005 bis 2013 war sie assoziierte Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale).[1] Seit 2015 ist sie darüber hinaus in sozialpädagogischen Projekten, besonders in der Migrantenhilfe, aktiv.[2]

WerkBearbeiten

 
Tuwinische Kinder in einer Jurte, 2005

Von 1995 bis 2015 arbeitete Anett C. Oelschlägel über die Tyva (Tuwiner) in Südsibirien. Die Ergebnisse ihrer ethnologischen Forschungen in der südsibirischen Republik Tyva (Republik Tuwa) veröffentlichte sie in Büchern und Aufsätzen, die in mehreren Sprachen erschienen sind.[3] Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen plurale Weltinterpretationen, Religionsethnologie (Animismus, historischer und zeitgenössischer Schamanismus, Divination), mündliche Tradition (zeitgenössische Sagen), Wirtschaftsethnologie (Hirtennomadismus und kombinierte Wirtschaftsformen), Postsozialismusforschung und Oral History.[4]

Plurale Weltinterpretationen. Das Beispiel der Tyva SüdsibiriensBearbeiten

Plurale Weltinterpretationen praktizieren wir täglich, meist ohne uns darüber bewusst zu sein. Zustande kommen sie durch die gleichzeitige und gleichwertige Existenz verschiedener Modelle der Weltinterpretation. Sie sind Produkte menschlicher Schöpferkraft und stehen als parallele Realitäten einander ergänzend und einander widersprechend nebeneinander. Das Buch führt am Beispiel der Tyva Südsibiriens in zwei Modelle der Weltinterpretation und in die Praxis des Umgangs mit ihnen ein. Es zeigt, wie einzelne lokale Akteure zwei von mehreren Modellen flexibel zum Einsatz bringen, um Situationen zu deuten und in ihnen zu handeln. Es wird deutlich, welchen Regeln die Tyva dabei folgen, welche Gründe sie leiten und welche Folgen sie zu tragen haben. Das Ergebnis ist ein Bild zeitgenössischer Kultur, das der gegenwärtig gegebenen Flexibilität und Pluralität des menschlichen Deutens, Handelns und Verhaltens gerecht wird.[5]

Der Taigageist. Berichte und Geschichten von Menschen und Geistern aus TuwaBearbeiten

Eine Schamanin schützt ihre Herde vor einem Dieb, in dem sie ihn für eine Nacht erstarren lässt. Bibliothekarinnen verhindern mit Hilfe von Geistern eine staatliche Kontrollkommission und eine junge Frau wird Opfer der Verführungskünste eines Albys-Geistes. Die in diesem Buch versammelten außergewöhnlichen Erzählungen kursieren an den Lagerfeuern der tuwinischen Nomaden. Sie erzählen vom Leben der einfachen Hirten, vom Wirken der Geister und von den Fähigkeiten berühmter Schamanen. Dabei sind es auf keinen Fall ausgedachte Geschichten, beteuerten ihre Erzähler. Jeder Tuwiner kann zu jeder Zeit mit Geistern zusammentreffen und Erfahrungen mit ihrem Willen, ihrem Zorn, ihrer Hilfsbereitschaft und ihrem Eigensinn machen. Die Sagen der tuwinischen Nomaden stehen beispielhaft für eine Realität, in der Menschen und Geister in enger Nachbarschaft zusammenleben. Sie erklären die Regeln, Normen und Tabus dieser Nachbarschaft und sie lehren ihre menschlichen Zuhörer, den Willen, die Eigenarten und die Bedürfnisse der Geister zu achten, um Glück, Gesundheit und Wohlstand unter den Tuwinern zu sichern.[6]

Plural World Interpretations. The case of the South-Siberian TyvansBearbeiten

Plural World Interpretations are part of our everyday lives, even if we are not aware of the fact. They result from the simultaneous existence of different but equal models for interpreting the world we live in. These models are the product of human constructivity and co-exist as parallel realities, complementing and contradicting each other. Based on fieldwork among the Tyva of southern Siberia, this book discusses practices of dealing with this multiplicity of world interpretations and shows how individual actors oscillate flexibly between two of many possible models for interpreting specific situations and act on them. The author analyses the rules Tyvans apply in varying contexts, the reasons behind their choices and the consequences they have to deal with. The result is an account of contemporary culture that explores the flexibility and plurality of human interpretation, action and behaviour.[7]

Der Weiße Weg. Naturreligion und Divination bei den West-Tyva im Süden SibiriensBearbeiten

Die Tyva (Tuwiner/Tuva) sind bekannt für ihren originellen Oberton- und Kehlgesang sowie für ein lebendiges Schamanentum. Doch wer in der westlichen Welt weiß, dass beide Phänomene Sinn und Existenz aus einer uns nicht vertrauten Sicht der Welt schöpfen? Auf der Suche nach dem „Heiligen“ spricht die Autorin von einer Religion des Alltags, und während ihres Exkurses durch die tyvanische Wirklichkeit bezeichnet sie dieses Glaubenssystem als Naturreligion – ein Begriff, dem sie mit Hilfe des tyvanischen Wissens eine neue Bedeutung verleiht.[8]

SchriftenBearbeiten

Monographien
  • Plural World Interpretations. The case of the South-Siberian Tyvans. Max Planck Institute for Social Anthropology: “Halle Studies in the Anthropology of Eurasia.” Lit-Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-643-90788-2[9]
  • Der Taigageist. Berichte und Geschichten von Menschen und Geistern aus Tuwa. Zeitgenössische Sagen und andere Folkloretexte. Tectum Verlag, Marburg 2013, ISBN 978-3-8288-3134-6[10]
  • Plurale Weltinterpretationen. Das Beispiel der Tyva Südsibiriens. SEC Publications/Kulturstiftung Sibirien gGmbH, Fürstenberg/Havel 2013, ISBN 978-3-942883-13-9[11]
  • Der Weiße Weg. Naturreligion und Divination bei den West-Tyva im Süden Sibiriens. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2004, ISBN 3-937209-52-2[12]
als Herausgeberin
  • „Roter Altai, gib dein Echo!“ Festschrift für Erika Taube zum 65. Geburtstag, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2005, Anett C. Oelschlägel, Ingo Nentwig und Jakob Taube, ISBN 3-86583-062-5[13]
Aufsätze (Auswahl)
  • Çoğulcu Dünya Yorumları: Güney Sibirya Tuvaları Örneği. In: İ. A. Aydemir and M. Erdem (eds.): Tuva Araştırmaları Tuvaca aryantların Belgelenmesi ve Tanımlanması, Ankara: Aralık 2017, 137–164.
  • Plural World Interpretations. The case of the Tyvans of South Siberia. In: Anthropos, 2014, 109/2: 551–566.
  • Анетт К. Ольшлегель, Множественныe интерпретации мира. Пример тувинцев Южной Сибири. [Plurale Weltinterpretationen. Das Beispiel der Tyva Südsibiriens] In: Этнографическое обозрение, 2014/5: 88–103.
  • Анетт К. Ольшлегель, Современные предания из Тувы [Zeitgenössische Sagen aus Tyva]. In: Новые Исследования Тувы/The New Research of Tuva, 2012, Nr. 4, Issue 16, S. 97–112.
  • Plurale Weltinterpretationen und Transdifferenz. Dominanz- und Interaktionsmodell in der alltäglichen Praxis der West-Tyva in Süd-Sibirien. Zeitschrift für Ethnologie, 2010, 135/2: 305–336.
  • Tuvan World Views and the Concept of Transdifference. In: Sayana Namsaraeva, Ni Ma und Wang Yudeng (Hg.): Makesi Pulangke shehui renleixue yanjiusuo: Xibolia huigu. Review on Siberian Studies at Max Planck Institute for Social Anthropology. Beijing, 2009, Minzu chubanshe. S. 120–157.
  • Ressource Wald. Porträt eines südkirgisischen Bergdorfes, 2007, Jahrbuch der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen
  • Der achte Kontinent. Warum Sibirien bis heute als die Wunder- und Schatzkammer Russlands gilt. In: Journal Universität Leipzig, Heft 3 (Juni 2007): 17–18.
  • Die Kraft der „Reinen Erde“. Wie Nomaden in Südsibirien ihre Umwelt wahrnehmen. In: Journal Universität Leipzig, Heft 1 (Februar 2006): 8–9.
  • Анетт К. Оельшлаегел, Тувинское гадание «хуваанак» - вопросы к природе. [Das tyvanische Orakel „chuvaanak“ – Fragen an die Natur.] In: Национальный музей «Алдан Маадыр» [Nationalmuseum „60 Recken“] (Hg.): Музей в XXI веке: проблемы и перспективы. [Das Museum im 21. Jahrhundert: Probleme und Perspektiven] Кызыл 2005: Anyjak, S. 89–95.
  • Der Weißbärtige Alte. Mythos und Gegenwart im Alltag der Tyva Südsibiriens, 2005, Katja Geisenhainer and Katharina Lange (ed.): Bewegliche Horizonte. Festschrift zum 60. Geburtstag von Bernhard Streck, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag
  • Deutung und Wahrheit. Zwei Divinationspraktiken bei den Tyva im Süden Sibiriens, 2005, Anett C. Oelschlägel, Ingo Nentwig and Jakob Taube (ed.): „Roter Altai, gib Dein Echo!“ Festschrift für Erika Taube zum 65. Geburtstag, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag
  • Religion des Alltags. Zur Naturreligion der Tyva im Süden Sibiriens, 2004, Tribus – Jahrbuch des Linden-Museums Stuttgart
  • Der Weg der Milch. Zur Produktion und Bedeutung von Milchprodukten bei den West-Tyva Südsibiriens, 2000, Tribus – Jahrbuch des Linden-Museums Stuttgart

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten