Wenn meine Seel in Euch, mein Licht, wie kann ich leben?

Wenn meine Seel in Euch, mein Licht, wie kann ich leben? ist ein Sonett von Andreas Gryphius. Gryphius hat es erstmals 1650 in Frankfurt am Main in seiner Sonettsammlung „Das Ander Buch“ publiziert, das achte von 50 Sonetten. Es trägt dort die Überschrift „An Eugenien“ und gehört damit zu den Eugenien-Gedichten.

Druck in der Auflage von 1657

Entstehung und ÜberlieferungBearbeiten

Hinter „Eugenie“ – einem fiktiven, „poetischen“[1] Namen – verbirgt sich nach den meisten Forschern Elisabeth Schönborner, die Tochter von Gryphius’ Förderer Georg Schönborner (1579–1637) auf dessen Gut in der Nähe des niederschlesischen Freystadt. Gryphius erzog dort von 1636 bis 1638 Schönborners Söhne, bevor er zum Studium an die Universität Leiden ging.[2] Die beiden ersten Eugenien-Sonette, „Schön ist ein schöner Leib, den aller Lippen preisen“ und „Was wundert Ihr Euch noch, Ihr Rose der Jungfrauen“, 1637 gedruckt, stammen aus dieser Zeit nahen Beieinanders mit Elisabeth. „Wenn meine Seel in Euch, mein Licht, wie kann ich leben?“ dagegen, das vierte und letzte Eugenien-Sonett, das Gryphius selbst publiziert hat, dreizehn Jahre nach den beiden ersten, entstand fern von Elisabeth und seiner schlesischen Heimat, in Leiden oder auf seiner sich 1644 anschließenden großen Bildungs- und Studienreise.

„Wenn meine Seel in Euch, mein Licht, wie kann ich leben?“ wurde zu Gryphius’ Lebzeiten 1657[3] und 1663 nachgedruckt. Die Fassung von 1650 hat Marian Szyrocki 1963 in Band 1 einer von ihm und Hugh Powell verantworteten Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke neu gedruckt, die 1663er Ausgabe letzter Hand unter anderen Thomas Borgstedt 2012. Aus Borgstedts Ausgabe stammt der folgenden Text.[4]

TextBearbeiten

000000000000000An Eugenien.
Wenn meine Seel in euch / mein Licht wie kan ich leben?
000Nun das Verhängnüß mich so ferne von euch reißt.
000Wie kan ich frölich seyn / wenn ihr mir euren Geist
Nicht für den Meinen woll’t / (den ihr gefangen) geben?
Man siht mich hir / doch nur als ein Gespenste schweben.
000Als ein verzaubert Bild / das sich beweglich weißt
000Durch frembder Künste Macht / diß was man Sterben heißt
Kan meine Schmertzen wol / nicht meine Flamm’ auffheben.
000Klagt euch das Hertze nicht / das ihr in Bande legt
000WIe scharff die Geissel sey die meine Glider schlägt?
Doch nein! es ist zu schwach / sein Elend auszusprechen.
000Es weiß nichts mehr von mir / es kennt euch nur allein /
000Es freu’t sich seiner Angst / und wündschet dise Pein
Der Bande / durch ein Band / das ewig sey / zu brechen.

InterpretationBearbeiten

Deutungen des Gedichts haben vor allem Dieter Arendt,[5] Tomas Borgstedt[6] und Andreas Solbach[7] gegeben. Arendt betont die biographischen Momente im Gedicht, Borgstedt und Solbach stehen dem kritisch gegenüber.

Das Gedicht ist wie Gryphius’ meiste Sonette in Alexandrinern verfasst. Das Reimschema lautet „abba abba“ für die Quartette und „ccd eed“ für die Terzette. Die Verse mit den „a“- und „d“-Reimen sind dreizehnsilbig, die Reime weiblich, die Verse mit den „b“-, „c“- und „e“-Reimen sind zwölfsilbig, daher hier entsprechend der Ausgabe von Borgstedt eingerückt, die Reime männlich.

Das erste Quartett beklagt die Ferne und den Schmerz der Trennung. Der dadurch verursachte Verlust der eigenen Seele, die bei der Geliebten weilt, ist eine häufige Vorstellung in der Liebesdichtung neulateinischer Abkunft.[8] Für Arendt ist das zweite Quartett, in dem das lyrische Ich nur noch als „ein Gespenste“ schwebt, Hinweis auf eine lebensbedrohliche Krankheit des Dichters, von der auch andere Gedichte sprechen. Borgstedt hält diese Lesart für unzutreffend. Arendt übersehe das zugrundeliegende Motiv des „todbringenden“ Seelenverlustes in der Liebe, das nichts mit einer realen Krankheitserfahrung zu tun habe.[9] Die folgenden Verse 6 und 7 verdichten die petrarkistischen Elemente. Der Liebende ist „ein verzaubert Bild […] / Durch frembder Künste Macht“. Selbst der Tod kann zwar seine Schmerzen stillen, nicht aber die „Flamm’“ seiner Liebe löschen. Das erste Terzett formuliert einen Unsagbarkeitstopos.[10] Das Herz vermag nicht mehr zu klagen: „es ist zu schwach / sein Elend auszusprechen“ (Vers 11).

Das letzte Terzett mündet in den Wunsch nach einem „Band / das ewig sey“ (Vers 14). Es bringt nach Arendt eine paradoxe Pointe:[11] „Das kranke Herz, das sich loslöst vom hiesigen Ich, freut sich seiner Todes-Angst, denn mit dem Tode lösen sich die Bande der Welt- und Liebes-Pein und damit knüpft sich erst das überirdische ewige Band.“ Borgstedt und Solbach interpretieren näher am Text. Die Pointe bildet nach Borgstedt ein „wohlbekanntes, zugleich aber ambivalentes Concetto: die petrarkistischen Liebesbande werden hier scharfsinnig einerseits in die Bande der Ehe überführt, andererseits ist dieses ‚ewige Band‘ aber gleichermaßen auf den christlichen Gottesglauben zu beziehen.“[8] Ähnlich Solbach:[10] Sollte mit dem ewigen Band „eine konkrete und reale Eheschließung gemeint sein, wäre dies ein klarer Bruch mit der petrarkistischen Konvention; aber davon ist nicht auszugehen. Gryphius spielt allenfalls mit einer solchen Idee, die aber hinter der platonisierenden Idee einer Seelengemeinschaft im Jenseits verblaßt. So sehen wir […] hier eine Rückwendung zu einem entindividualisierenden Petrarkismus, der allenfalls verdeckte und zielgerichtet verwischte Bezüge zur konkreten historischen Adressatin erkennen läßt.“

LiteraturBearbeiten

  • Dieter Arendt: Andreas Gryphius’ Eugenien-Gedichte. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Band 87, Nr. 2, 1968, S. 161–179.
  • Ralf Georg Bogner: Leben. In: Nicola Kaminski, Robert Schütze (Hrsg.): Gryphius-Handbuch. Walter de Gruyter, Berlin 2016, ISBN 978-3-11-022943-1, S. 1–18.
  • Thomas Borgstedt: Topik des Sonetts. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2009, ISBN 978-3-484-36638-1.
  • Thomas Borgstedt (Hrsg.): Andreas Gryphius. Gedichte (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 18561). Reclam-Verlag, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-15-018561-2.
  • Andreas Solbach: Gryphius und die Liebe. Der poeta als amator und dux in den Eugenien-Sonetten. In: Marie-Thérèse Mourey (Hrsg.): La Poésie d’Andreas Gryphius. Actes de la journée tenue à la Maison Heine de Paris le 4 février 2012. Centre d’études germaniques interculturelles de Lorraine (CEGIL), Nancy 2012, OCLC 931023067, S. 35–46.
  • Marian Szyrocki (Hrsg.): Andreas Gryphius. Sonette (= Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1; Neudrucke deutscher Literaturwerke. N. F., Band 9). Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1963, DNB 456834893.

Einzelnachweise und AnmerkungenBearbeiten

  1. Arendt 1968, S. 166.
  2. Bogner 2016, S. 10–11.
  3. Das Bild stammt aus einer 1658er Titelauflage der Auflage von 1657.
  4. Borgstedt 2012, S. 40–41. Der 1657er Text unterscheidet sich vom 1663er außer orthographisch nur den – wohl verdruckten – Beginn von Vers 8 „Kan meine Schertzen wol“.
  5. Dieter Arendt (1922–2015) war Professor für Deutsche Literatur an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Gedenkseite für Dieter Arendt. In: FAZ.net, abgerufen am 26. Februar 2022.
  6. Thomas Borgstedt ist Germanist und seit 2002 Präsident der Internationalen Andreas Gryphius Gesellschaft. Vita und Kurzprofil. In: uni-frankfurt.de, abgerufen am 26. Februar 2022.
  7. Andreas Solbach war seit 1999 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Univ.-Prof. Andreas Solbach (emeritiert). In: uni-mainz.de, abgerufen am 26. Februar 2022.
  8. a b Thomas Borgstedt: Topik des Sonetts. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2009, ISBN 978-3-484-36638-1, S. 340.
  9. Thomas Borgstedt: Topik des Sonetts. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2009, ISBN 978-3-484-36638-1 Anmerkung 166.
  10. a b Andreas Solbach: Gryphius und die Liebe. Der poeta als amator und dux in den Eugenien-Sonetten. In: Marie-Thérèse Mourey (Hrsg.): La Poésie d’Andreas Gryphius. Actes de la journée tenue à la Maison Heine de Paris le 4 février 2012. Centre d’études germaniques interculturelles de Lorraine (CEGIL), Nancy 2012, OCLC 931023067, S. 35–46, hier S. 46.
  11. Arendt 1968, S. 174.