Vokalfarbenleiter

poetischer Einsatz aller deutschen Vokale, meist in der Reihenfolge a – e – i – o – u

Eine Vokalfarbenleiter ist ein Rhetorisches Stilmittel, bei dem alle Vokale der deutschen Sprache systematisch eingesetzt werden, meist in der Reihenfolge a e i o u. Damit sollen Stimmungen ausgedrückt werden. In der Literatur[1] tauchen auch Begriffe wie Vokalfächer, Vokalspiel auf.

Das „Sommergedicht“ von Walther von der Vogelweide ist ein frühes Beispiel das etwa 1210 entstanden sein soll.[1] Sein Schüler Ulrich von Singenberg (1209–1228), sowie Rudolf der Schreiber (1220–1254) seien seinem Beispiel gefolgt. Spätere Beispiele finden sich in einem Gedichtzyklus von Seifried Helbling,[1] in den Carmina Burana[1] und auch in Französischen und Spanischen Texten des Mittelalters. Aus der Neuzeit ist ein Text von Friedrich von Logau mit einer Vokalfarbenleiter bekannt und auch das Ehegeheimnis der Diphthonge von Clemens Brentano verwendet dieses Stilmittel, ebenso Gottfried Kellers Abendlied. Auch aus Volksliedern und Scherzgedichten sind Vokalleitern bekannt.[2]

August Wilhelm von Schlegel ordnete in seinen „Betrachtungen über die Metrik“[3] jedem Vokal eine Farbe zu.

Vokal Farbe
Ä gelb
A rot oder lichthell
Ö bräunlich
E grau
O purpurn
I himmelblau
Ü violett
U dunkelblau

Er bemerkt aber: „Man könne auch dem A die weiße und U die schwarze Farbe geben“. Dem E ordnet er zwischen diesen beiden Vokalen stehend die Farbe Grau zu.

Jacob Grimm habe in der dritten Ausgabe seiner deutschen Grammatik ebenso eine Vokalfarbenleiter abgedruckt, wobei sich nicht feststellen lasse, ob er die Fassung Schlegels gekannt habe.[4] Abgesehen vom Gegensatz zwischen A und U deutet Grimm die Farben jedoch anders als Schlegel:

Vokal Farbe
A weiß
I roth
U schwarz
E gelb
O blau
ei orange
iu violett
ái rosa
áu himmelblau

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Hans Emons: Sprache als Musik. Frank & Timme, Berlin 2011, ISBN 978-3-86596-327-7, S. 27 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Gerhard Grümmer: Spielformen der Poesie. Verlag Werner Dausien, Hanau 1985, ISBN 3-7684-4521-6, S. 33–37.
  3. August Wilhelm von Schlegel: Betrachtungen über Metrik. An Friedrich Schlegel. In: Eduard Böcking (Hrsg.): August Wilhelm von Schlegel’s sämtliche Werke. Weidmann’sche Buchhandlung, Leipzig 1846, S. 175 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Alfred Liede: Dichtung als Spiel: Studien zur Unsinnspoesie an den Grenzen der Sprache. Mit einem Nachtrag „Parodie“, ergänzender Auswahlbibliographie, Namenregister. 2. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 1992, ISBN 3-11-012923-X, S. 224 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).