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Valencianisch

mundartliche Variante der katalanischen Sprache, die in der Gemeinschaft Valencia gesprochen wird
(Weitergeleitet von Valencianische Sprache)
Varietäten der katalanischen Sprache am Golf von Valencia, den Balearen und Sardinien.

Valencianisch, auch Valenzianisch (Eigenbezeichnung valencià; spanisch valenciano), ist in der Autonomen Gemeinschaft Valencia (Spanien) Amtssprache. In der Sprachwissenschaft wird ganz überwiegend davon ausgegangen, dass es sich um eine Varietät der katalanischen Sprache handelt. Von einigen politischen Gruppierungen wird jedoch die These vertreten, dass es sich um eine eigenständige Sprache handelt.

VerbreitungBearbeiten

 
Traditionell valencianisch-sprachige Gebiete in der Comunitat Valenciana

Valencianisch als Varietät der katalanischen Sprache, die in der Valencianischen Gemeinschaft auch als Schriftsprache amtlich eingeführt wurde, ist in den Küstengebiete der Region Valencia und im Carxe genannten angrenzenden Gebiet in der Region Murcia verbreitet. Das Landesinnere und der Süden der Region Valencia sind dagegen traditionell spanischsprachig.[1] Viele Ortsnamen sind zweisprachig.

Während in den großen Städten València und Alacant die Mehrheit der Einwohner Spanisch spricht, wird in ländlichen Gegenden mit wachsendem Selbstbewusstsein das Valencianische gepflegt. Auch während der Diktatur des Franquismus wurde auf den Dörfern Valencianisch gesprochen, obgleich es in der Nachkriegszeit verboten war. Das Valencianische wird auch darum mit Protest gegen Madrid und Zentralismus assoziiert. Bis heute fällt es vielen alten Valencianern schwer, sich in der spanischen Sprache auszudrücken. Daher galt das Valencianische bei den Stadtbewohnern auch lange Zeit als „Bauernsprache“. Mittlerweile benutzen jedoch vor allem junge Intellektuelle der Region das Katalanische und Valencianische. Einige verbinden damit eine Idealisierung des Lebens an der Mittelmeerküste und das politische Ziel eines von Spanien unabhängigen Staates durch den politischen Zusammenschluss aller katalanischsprachigen Gebiete (Països Catalans).

 
Zweisprachiges Verkehrsschild in Valencia

Seit Anfang der 1990er Jahre läuft die Unterrichtung an Schulen bilingual und hat sich inzwischen häufig deutlich zum Valencianischen hin verschoben, das heißt, Hauptunterricht, Schulbücher und Examensaufgaben sind auf Valencianisch, Kastilisch ist nur noch Unterrichtsfach. Wer sich in der Region Valencia für eine Beamtenstelle bewirbt, hat Vorteile, wenn er Valencianisch spricht und vor allem korrekt schreibt. Es gibt valencianische Fernsehsender, deren aktuelles Programm auf Valencianisch läuft. Aber auch in so einem Fernsehprogramm kommt es oft vor, dass beispielsweise die Gäste einer Talkshow bunt gemischt auf Valencianisch und Spanisch diskutieren. In valencianischen Fernsehprogrammen gibt es, anders als in Katalonien, keine Filme mit katalanischer Synchronisation.

L'Alguerés

In geringem Umfang wird eine katalanische Varietät (L'Alguerés) auch in Alghero (kat.: L'Alguer) auf Sardinien gesprochen. Die Stadt gehörte seit 1354 zum Königreich Aragón; ihre ursprünglichen Einwohner wurden von katalanischen Siedlern aus Campo de Tarragona, Barcelona, Valencia, Tortosa und Mallorca vertrieben. In dieser Varietät vermischen sich ostkatalanische, valencianische und mallorquinische mit nordkatalanischen Einflüssen aus dem Roussillon und Elementen des Sardischen. Schon in der unterschiedlichen Schreibweise des Namens des Dialekts (westkatalanisch: alguerés oder ostkatalanisch: alguerès) drückt sich die mangelnde Übereinstimmung in der Frage der ost- oder westkatalanischen (valencianischen) Herkunft des Dialekts aus. Der spanisch-italienische Linguist Eduardo Blasco Ferrer konstatiert die Dominanz valencianischer und balearischer Elemente.[2] Der in Alghero geborene Linguist Rafael Caria, der sich für die Anerkennung der Varietät als schulisches Wahlfach einsetzte, hält die älteren Sprachdokumente in lexikalischer, morphologischer und phonetischer Hinsicht für westkatalanisch.[3] Diese Ansicht vertritt auch die Akademie für die valencianische Sprache. Nach dem Abbrechen der Kontakte nach Valencia und den Balearen verstärkten sich jedoch die Einflüsse des Ostkatalanischen (vor allem in phonetischer Hinsicht: kurze offene Vokale) und des Castellano sowie des Italienischen. Die Varietät ist als Minderheitensprache anerkannt.

Geschichte und BesonderheitenBearbeiten

Nachdem das Gebiet im 13. Jahrhundert durch die christliche Reconquista den Mauren entrissen wurde, erfolgte eine Wiederbesiedlung durch Aragonesen und Katalanen. Deren Sprache ging mit Resten des zuvor in Valencia lebendigen Mozarabisch eine Synthese ein, die auch Einflüsse der okzitanischen Sprache erkennen lässt. In den ältesten Texten aus dem 14. Jahrhundert wird das Idiom von Valencia als catalanesc bezeichnet, seit dem 15. Jahrhundert als valencià. Auch die Sprache der Bibelübersetzung des Bonifacio Ferrer von 1478 wird als lengua latina en la nostra valenciana bezeichnet.

Im ländlichen Raum unterscheiden sich Aussprache und Wortschatz teilweise von Ort zu Ort; es handelt sich um ein Dialektkontinuum mit fließendem Übergang zwischen den Regionen Katalonien und Valencia. Die valencianischen Dialekte werden zur Gruppe des Westkatalanischen gezählt, zu der auch die westlichen Gebiete Kataloniens, der katalanischsprachige Teil Aragoniens und Andorra gehören. Es gibt im Valencianischen Besonderheiten in der Lexik, Morphologie und Grammatik. Die Orthografie wird wie im restlichen katalanischen Sprachgebiet gelehrt und geht auf die so genannten Normen von Castelló aus dem Jahre 1932 zurück, die unter Anpassung an die valencianischen Spracheigenschaften die Normen übernimmt, die Pompeu Fabra Anfang des 20. Jahrhunderts in Katalonien etabliert hatte.

Speziell sind bpsw. der Gebrauch der Präposition ad, der breite semantische Gebrauch der Präposition en (en el meu amic, „mit meinen Freunden“), des sächlichen Pronomens ho (von lat.: hoc) oder des Adverbialspronomens hi in Verbindung mit aver (hi avia wie im Französischen: il y avait, „es gab“), die Beibehaltung des Aussprache des r in der Endung -er usw.[4]

 
Graffiti in Els Poblets (2012) mit den ersten Worten eines bekannten Gedichts von Vicent Andrés Estellés (1924–1993), der sich um die Wiederbelebung des Valencianischen verdient machte.[5]

Manche phonetische Eigenheiten des Valencianischen werden auch in die Schriftsprache übernommen, beispielsweise werden die Possessiva „mein, dein, sein/ihr“ nicht wie im Standardkatalanischen mit v, sondern mit u geschrieben – „la meua, la teua, la seua“ statt „la meva, la teva, la seva“. Die erste Person Singular wird mit -e statt mit -o gebildet („jo cante“) und es gibt unterschiedliche Wörter, beispielsweise für „Kartoffel“ und „Mädchen“. Auch die Prosodie unterscheidet sich insgesamt vom Ostkatalanischen. Das Valencianische kann jemand, der das Katalanische beispielsweise aus Barcelona kennt, verstehen, muss sich aber einhören, während etwa ein Sprecher aus Lleida keine Schwierigkeiten haben wird, da auch die dortige Varietät zum Westkatalanischen gehört.

Kontroverse um eine Abgrenzung zum KatalanischenBearbeiten

Der Status des Valencianischen – ob es als eigenständige Sprache oder als Varietät des Katalanischen anzusehen ist – wurde lange Zeit kontrovers diskutiert (siehe auch den vergleichbaren Fall des Balearischen).

 
Sprachräumliche Entwicklung Südwesteuropas im 2. Jahrtausend n. Chr.

Die These, dass das Valencianische eine eigenständige Sprache gegenüber dem Katalanischen sei, vertreten vor allem konservative, auf einen zentralspanischen Nationalismus ausgerichtete politische Kräfte. Ihr Ziel ist die Schwächung des katalanischen Nationalismus in der Region Valencia. Der dort von 1995 bis 2015 regierende konservative Partido Popular hat die These der Eigenständigkeit der valencianischen Sprache aus diesem Grund stark gefördert. Für die Eigenständigkeitsthese werden vor allem politische Gründe vorgebracht, die häufig mit einem starken Antikatalanismus einhergehen. Als sprachhistorisches Argument wird angeführt, dass das Valencianische seit ungefähr dem 15. Jahrhundert im Königreich València eine eigene Bezeichnung (valenciano bzw. valencià) hatte. Als Hauptargument gilt, dass das Valencianische sich eigenständig aus dem Mozarabischen herausgebildet habe. Letztere Hypothese wurde allerdings von Germà Colon widerlegt, was viele romanistische Linguisten – auch der Universität Valencia – anerkennen. Die Acadèmia Valenciana de la Llengua, nach Artikel 41 des valencianischen Autonomiestatuts Wächterin über die valencianische Sprache, äußerte sich am 9. Februar 2005 zur Sprachfrage, gemäß „den überzeugendsten Beiträgen der Romanistik“ ab dem 19. Jahrhundert sei die eigene Sprache der Valencianer „vom philologischen Standpunkt aus“ mit der Sprache der übrigen Països Catalans (dabei die Regionen einzeln ausgeführt) „gemein“: „Die verschiedenen Sprechweisen dieser Gebiete bilden eine Sprache“, ungeachtet der unterschiedlichen Bezeichnungen.[6] Diese sich schon 2004 abzeichnende Entscheidung führte zu Kontroversen und rief insbesondere den Protest konservativer Politiker und der valencianistas hervor.[7] Die Akademie stellte jedoch auch fest, dass Valencianisch die adäquate Selbstbezeichnung des regionalen Idioms sei, welches zur Sprachfamilie des ehemaligen Königreiches Aragon gehört, die Katalanisch genannt wird.[8] Nach der Veröffentlichung des Diccionari normatiu valencià im jahr 2014, das die lokalen und regionalen Eigentümlichkeiten und Synonyme stärker berücksichtigte, hielt dieser Streit an: Während konservative valencianische Politiker sich über die Gleichsetzung des Valencianischen mit dem Katalanischen erregten, kritisierten katalanische Linguisten, dass das Wörterbuch zu viele Ausdrücke des populären Wortschatzes sowie lokale Dialektbegriffe aufgenommen habe, ohne an die Auswahl klare Kriterien angelegt zu haben. Das gefährde die Einheit der katalanische Sprache.[9]

Da das Valencianische international nicht als eigenständige Sprache klassifiziert wird, teilt es sich die ISO-639-Sprachkürzel ca und cat sowie den SIL-Code CLN mit dem Katalanischen.

Kenntnis der SpracheBearbeiten

In der folgenden Karte wird das Prozent der Bevölkerung jeder comarca gezeigt, die angeben, Valencianisch sprechen zu können:

 

LiteratenBearbeiten

  • Jordi de Sant Jordi (ca. 1398–ca. 1424)
  • Ausiàs March (ca. 1397–1459)
  • Joanot Martorell: Tirant lo Blanc (1490)
  • Joan Roís de Corella (1433/43–1497)
  • Jaume Roig (ca. 1400–1478): Espill o Llibre de les dones, y la escuela satírica valenciana
  • Sor Isabel de Villena (1430–1490)
  • Vicent Andrés i Estellés (1924–1993)

LiteraturBearbeiten

  • Hans-Ingo Radatz: „Katalanisch“ oder „Valencianisch“? Zum sprachlichen Sezessionismus im Land València. In: Zeitschrift für Katalanistik. Band 6, 1993, S. 97–120 (online).
  • Manuel Sanchis Guarner: La llengua dels valencians. Eliseu Climent, València 1996, ISBN 84-7502-082-8.
  • Antje Voß: Das Valencianische zwischen Autonomie und Assimilation. Sprachgeschichtliche und soziolinguistische Untersuchungen zu einer spanischen Comunidad Autónoma. Peter Lang, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-631-38552-8.
  • Max Doppelbauer: Wie aus dem valencià eine eigene Sprache wurde. Kritische Analyse des Dictamen und des Nou Estatut. In: Zeitschrift für Katalanistik. Band 21, 2008, S. 281–296 (online: PDF; 173 KB).
  • Hanna Budig: Sprache als Symbol identitärer Divergenz. Das Katalanische in Valencia zwischen Nationalsprache, Standardsprache und Dialekt (= Bamberger Beiträge zur Linguistik. Band 20). University of Bamberg Press, Bamberg 2019, ISBN 978-3-86309-660-1, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche (Volltext der Dissertation (PDF; 4,2 MB), Universität Alicante, 2018).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Una isla valenciana en Murcia. abc.es, 26. Dezember 2011, abgerufen am 7. August 2015 (spanisch).
  2. Eduardo Blasco Ferrer: Grammatica storica del catalano e dei suoi dialetti con speciale riguardo all'algherese. G. Narr, Tübingen 1984.
  3. Rafael Caria: Documents d'història toponímica algueresa: el "Llibre de las lacanas", in: Revista de l'Alguer, 1992, 3. S. 175–230.
  4. Pau Giner i Bayarri u. a.: El Valencià, una llengua des segle XXI. Online (valencianisch, spanisch, englisch, deutsch, mit ausführlicher Bibliographie) (PDF)
  5. No hi havia a València dos amants com nosaltres – „Es gab in Valencia keine zwei Liebenden wie wir.“ Vicent Andrés Estellés: Els amants auf cancioneros.com.
  6. Diari Oficial de la Generalitat Valenciana vom 6. Mai 2005 (katalanisch, spanisch).
  7. La equiparación del valenciano al catalán por la Academia Valenciana de la Lengua exaspera a entidades valencianistas. auf: elconfidencialdigital.com, 14. Februar 2004.
  8. Acord de l’Acadèmia Valenciana de la Llengua (AVL), adoptat en la reunió plenària del 9 de febrer del 2005, pel qual s’aprova el dictamen sobre els principis i criteris per a la defensa de la denominació i l’entitat del valencià, S. 4.
  9. Francesc Esteve: Dialectalitzant, incoherent, multiplicador de variants... i sovint sense criteri („Dialektlastig, inkohärent, Varianten anhäufend ... und oft ohne Kriterien“) auf: vilaweb.cat, 7. Februar 2014.