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Abraham Cahan, Gründer und bis 1945 Herausgeber des Forverts
Das Jewish Daily Forward Buildung, erbaut 1912, bis 1974 Sitz der Redaktion
Schriftzug פֿאָרווערטס (Forverts) im Giebel des Hauses
Zeitungsjungen warten auf die Morgenausgabe des Forverts, März 1913

The Forward, bis 2015[1] The Jewish Daily Forward, beziehungsweise auf Jiddisch פֿאָרווערטס Forverts (inoffiziell auch: The Yiddish Forward für die jiddische, The English Forward für die englischsprachige Ausgabe), sind zwei jüdisch-amerikanische Zeitschriften. Die englischsprachige Ausgabe ist ein Magazin für Politik, Gesellschaft und Kultur, wogegen sich die jiddische heute auf kulturelle und gesellschaftliche Themen beschränkt.

Gegründet wurde das Forverts als jiddische, sozialistische Tageszeitung im Jahr 1897; die englischsprachige Redaktion wurde 1990 eingerichtet. In jüngerer Zeit erst in eine Wochen- und dann in eine Monatszeitung umgewandelt, wurden die beiden Printversionen 2019 eingestellt und durch zwei elektronische Publikationen ersetzt.

Herausgegeben werden beide Zeitschriften von der Forward Association, deren Sitz sich in New York befindet.

GeschichteBearbeiten

Anfänge und BlütezeitBearbeiten

Die Tageszeitung wurde am 22. April 1897 von Abraham Cahan gegründet, der die Leitung noch bis 1950 innehatte. Sie stand damals dem Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes (Bund) im russischen Zarenreich nahe und war folglich bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges hinein dezidiert sozialistisch[2] und antizionistisch ausgerichtet. Anfang 1917 schrieb beispielsweise Leo Trotzki eine regelmäßige Kolumne.[3] Der Name Forverts – eigentlich ein deutsches Wort; jiddisch müsste es foroys heißen – wurde von dem gleichnamigen Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, dem Vorwärts, übernommen. Das Blatt entwickelte sich schnell zur führenden Zeitung in jiddischer Sprache in den Vereinigten Staaten und war für die jüdischen Immigranten aus Europa, zu deren Integration in die amerikanische Gesellschaft es erheblich beitrug, von großer Bedeutung. Redaktionssitz war von 1912 bis 1974 ein Hochhaus am Seward Park, das heute in Appartements aufgeteilt ist, aber unter Denkmalschutz steht.[4]

Während des Ersten Weltkrieges betrug die tägliche Auflage 200.000 Exemplare in elf lokalen und regionalen Ausgaben. Anfang der 1930er-Jahre wurden täglich über 275.000 Exemplare gedruckt.[2] Während einiger Zeit war die Leserzahl des Forverts damit höher als die der New York Times.[5] Für die Zeitung schrieben viele bekannte Autoren, so etwa Morris Rosenfeld oder die Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer und Elie Wiesel. Darüber hinaus besaß die Zeitung einen Radiosender in jiddischer Sprache, den WEVD – bekannt als „der Sender, der Ihre Sprache spricht.“ Auf dem WEVD sendete beispielsweise Nahum Stutchkoff seine beliebten Sitcoms sowie die Serie mame-loshn (Muttersprache). Eine legendäre, ab 1906 erscheinende Kolumne war A bintl briv („Ein Bündel Briefe“), in der Abraham Cahan den Einwanderern (grine „Grüne“) Ratschläge erteilte, wie sie sich in Amerika zurechtfinden konnten.[2][6] Ins Englische übersetzte Auszüge aus der Kolumne erschienen ein erstes Mal 1971; 1990 publizierte Isaac Metzger das Buch A Bintel Brief,[7] das die Grundlage für eine Graphic Novel[6] und ein im Yiddish Theatre Montreal aufgeführtes Theaterstück bildete. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg vermochte das Forverts renommierte Kolumnisten wie Elie Wiesel (1950er- und 1960er-Jahre) zu engagieren.[8]

Jüngere Vergangenheit und GegenwartBearbeiten

Später ging die Leserzahl stark zurück, weshalb die Zeitung ab 1983 nur noch als Wochenzeitung, vorerst ergänzt um eine englischsprachige Beilage, herausgegeben wurde. Die englische Ausgabe wurde 1990 autonom, die jiddische und die englische Version verfügen seither je über eine unabhängige Redaktion, die jedoch in der Forward Association nach wie vor eine gemeinsame Herausgeberschaft haben. Ab 1995 erschien überdies eine russische Ausgabe, die 2004 verkauft wurde und seit 2007 unter dem Namen Forum erscheint. Die politische Ausrichtung der englischen Ausgabe ist linksliberal, diejenige der ursprünglich sozialistischen jiddischen Ausgabe schwankte in der Zeit, als sie als Wochen- beziehungsweise Zweiwochenzeitung erschien, je nach Artikelverfasser von sozialdemokratisch über liberal bis zu national- bzw. religiös-konservativ.[9][2]

Die englische Wochenzeitung hatte Anfang 2013 eine Auflage von 28.000 Exemplaren (hinzuzurechnen waren monatlich etwa 400.000 unterschiedliche Besucher der Website). Die jiddische Printversion hingegen, die Anfang 2013 eine Auflage von nur noch 2.100 Exemplaren hatte und von etwa 6.000 Personen in gedruckter Form sowie noch einmal 6.000 Personen in digitaler Form gelesen wurde, wandelte die Herausgeberschaft Anfang Februar 2013 wegen wachsenden finanziellen Drucks in eine vierzehntäglich erscheinende Zeitung um; als Kompensation wurde die Online-Version täglich aktualisiert.[10][11]

Im Frühling 2016 wurde die gedruckte Ausgabe der jiddischen Zeitung in ein monatliches Kulturjournal umgestaltet.[12] Den gleichen Schritt vollzog 2017 die englische Ausgabe, ohne aber (wie die jiddische) auf politische Inhalte zu verzichten.

Am 16. Januar 2019 kündigten Herausgeberschaft und Redaktionen an, dass sowohl die jiddische als auch die englische Printversion im April gleichen Jahres eingestellt würden. Seit Mai 2019 erscheinen beide Publikationen ausschließlich elektronisch.[13][2]

LiteraturBearbeiten

  • Jewish Daily Forward. In: Encyclopaedia Judaica, 1972, Band 10, Sp. 49–51.
  • Julian Levinson: Forverts. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 2: Co–Ha. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02502-9, S. 359–361.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Matthew Kassel: The Jewish Daily Forward Is Assimilating. In: Observer, 17. Mai 2015. 
  2. a b c d e Ross Perlin: Why We Mourn the Loss of a Printed ‘Forward’. The Nation, 30. Januar 2019 (abgerufen 13. Januar 2019).
  3. Kenneth D. Ackerman: Trotsky in New York, 1917: A Radical on the Eve of Revolution, auf wsws.org, abgerufen am 31. Oktober 2016.
  4. Franz Lerchenmüller: Unter Marx und Engels zur Arbeit an die Wallstreet. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 107, 9. Mai 2018, S. R 3. „Die Besitzer müssen noch immer jeden Morgen auf ihrem Weg zur Arbeit unter einem prächtigen Marmorbogen mit den Reliefs von Marx, Engels, Lassalle und Liebknecht hindurch.“
  5. The Jewish Daily Forward: Embracing an Immigrant Community – Ausstellungsinformation 2007 des Museum of the City of New York.
  6. a b David Kippen: Dear Mr. Editor: Oy, the Tsoris I’ve Seen. New York Times Book Review, 22. April 2014 (abgerufen 31. Januar 2019).
  7. Isaac Metzger: A Bintel Brief: Sixty Years Of. Schocken, New York 1990, ISBN 978-0-8052-0980-8
  8. Zu Elie Wiesels Mitarbeit vgl. „Forverts“-shrayber Elye Wizl kritikirt Martin Luter King. Online publiziert 5. Juli 2016, gedruckt in der Ausgabe vom August 2016, S. 11.
  9. Ricki Hollander: Jewish Journalism: Focus on the Forward.. CAMERA – Committee for Accuracy in Middle East Reporting in America, 15. November 2017 (abgerufen am 6. Februar 2019).
  10. The Yiddish Forverts Goes Biweekly in Print – Artikel des Jewish Daily Forward.
  11. Teaching an Old Tongue New Tricks – Artikel der New York Times.
  12. Sore-Rokhl Schaechter: Groyse enderungen baym „Forverts“. Online publiziert 28. April 2016, gedruckt in der Ausgabe vom 13. Mai 2016.
  13. Rukhl Schaechter: After 122 Years In Print, The Forverts Moves Forward. Forward, 13. Februar 2019 (abgerufen 14. Februar 2019); Andrea Meisterberg: Historic NYC “Forward” Newspaper to Cease Print Edition After 121 Years. The Jewish Voice, 22. Januar 2019 (abgerufen 23. Januar 2019); Ben Sales: How the Forward ran low on cash — and miracles — before ending its print edition and laying off its top editors. Jewish Telegraphic Agency, 18./22. Januar 2019 (abgerufen 23. Januar 2019).