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Scharmützel von Borovo Selo

historischer Staat
Borovo Selo (Kroatien)
Borovo Selo
Borovo Selo
Das heutige Borovo auf der Landkarte von Kroatien

Die Borovo-Selo-Vorfälle am 2. Mai 1991 waren tödliche Auseinandersetzungen in der Anfangsphase des Zerfalls Jugoslawiens. Zahlreiche kroatische Polizisten und Serben wurden bei der bewaffneten Auseinandersetzung in der überwiegend von Serben bewohnten Ortschaft Borovo nahe Vukovar in Ostkroatien getötet. Das Ereignis beschleunigte den Ausbruch der Jugoslawienkriege.

AblaufBearbeiten

In den frühen Morgenstunden des 1. Mai 1991 betraten vier kroatische Polizisten Borovo Selo und versuchten, die Flagge der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien gegen eine kroatische Flagge auszutauschen.

Die Polizisten wurden von Serben, die über Nacht im Ort Wache hielten, an der Tat gehindert. Bei der anschließenden Schießerei wurden zwei Polizisten verwundet und in Gefangenschaft genommen.[1][2]

Am 2. Mai veranlassten die kroatischen Behörden im nahegelegenen Osijek die Entsendung von etwa 150 Polizeikräften nach Borovo Selo, um die Gefangenen zu befreien.[3]

 
Gedenkstätte für die getöteten kroatischen Polizisten in Borovo Selo

Die Polizeikräfte, die sich in einem Konvoi von Bussen und Polizeiautos auf den Weg machten, erreichten zwar die Ortschaft, wurden aber in eine Schießerei verwickelt.

Es gibt zumindest drei unterschiedliche – und in Konflikt zueinander stehende – Beschreibungen der Ereignisse in Borovo Selo. Diese Versionen weichen, je nach ethnischem Hintergrund und politischer Ausrichtung des Erzählenden, stark voneinander ab:

  • Die kroatischen Behörden behaupten, dass die Polizeikräfte, die in die Ortschaft entsendet wurden, zu einem Treffen eingeladen wurden, das von beiden Seiten vereinbart wurde. Sie reisten angeblich mit weißen Flaggen, wurden jedoch von ortsansässigen militanten Gruppen und „Terroristen“ aus Serbien (von Šešeljs paramilitärischen Verbänden) in einen Hinterhalt gelockt. Dabei sollen 12 kroatische Polizisten getötet und weitere 20 verwundet sowie einige Serben getötet worden sein, die Zahlen sprechen von 3 bis 20 Toten.[4][5]
  • Eine andere Version, die Journalisten den Aussagen der lokalen Bevölkerung entnommen haben sollen, besagt, dass die Polizeikräfte die Ortschaft betraten und auf alles zu schießen begannen, das sich bewegte. Dieser Version zufolge nahmen die Polizeikräfte serbische Frauen und Kinder als Geiseln, wurden jedoch von der lokalen Bevölkerung, welche die Geiseln ohne jegliche Hilfe von außen befreiten, vertrieben.
  • Schlussendlich verkündete SRS-Gründer Vojislav Šešelj seine Version im Belgrader Fernsehen, die auch mit Videomaterial seiner eigenen Männer belegt sein soll. Er behauptete, dass 14 seiner Männer, zuzüglich 6 Männern aus der Ortschaft und zweier anderer serbischer Freiwilliger für den Kampf gegen die „Ustascha“ verantwortlich waren. Diese töteten angeblich 100 kroatische Polizisten, wobei auch ein Zivilist getötet worden sein soll[6]. In seinen späteren Aussagen vor dem Kriegsverbrechertribunal hingegen reduzierte er seine Behauptung auf 30 Getötete auf kroatischer Seite. Er behauptete ebenfalls, dass hierbei kurdische Söldner mitbeteiligt gewesen sein sollen.[7][8]

FolgenBearbeiten

Nach einer Sitzung der jugoslawischen Regierung am 4. Mai, die die Morde von Borovo Selo verurteilte, beorderte das Jugoslawische Verteidigungsministerium die Jugoslawische Volksarmee (JNA) in die Region, um einen Puffer zwischen den beiden Seiten zu bilden. Premierminister Ante Marković reiste nach Borovo Selo, um über die Freilassung der gefangenen kroatischen Polizisten zu verhandeln.

Die kroatische Regierung ihrerseits stimmte einer erhöhten Präsenz der JNA in diesem Gebiet zu, was wichtige Konsequenzen für den bevorstehenden Bürgerkrieg haben sollte. Die Regierung sah politischen Schwierigkeiten als Folgen der Geschehnisse entgegen, die eine ernsthafte taktische Fehleinschätzung der Situation von Seiten der kroatischen Behörden deutlich machte. Es gab Berichte, dass die Nachricht von den Tötungen und Leichenschändungen „Panik“ unter älteren Persönlichkeiten der kroatischen Regierung hervorgerufen hätte, die besorgt waren über die wahrscheinlichen politischen Folgen für Zagreb.[9]

Der Bürgermeister von Osijek, Zlatko Kramarić, kritisierte in seinen späteren Memoiren heftig die mangelnde Vorbereitung der Kroaten. Osijeks Polizeichef Josip Reihl-Kir ließ ebenfalls öffentlich verlauten, dass kroatische Extremisten die lokale Situation vereinnahmt hätten und die Bemühungen, Frieden zu vermitteln, blockierten. Zwei Monate später kam er bei einem Attentat ums Leben, das ein kroatischer Polizeioffizier mit Verbindung zur regierenden HDZ auf ihn verübte.[10]

Der Vorfall diente beiden Seiten zur weiteren Radikalisierung. Kroatische Nationalisten beschrieben ihn als Teil von Miloševićs vermutlicher „bolschewikischer“ Strategie, serbischen Ultranationalismus und Paramilitarismus nach Kroatien zu importieren. Eine kroatische Zeitung schrieb von serbischen Paramilitärs als „Bestien in Menschengestalt“, „bärtigen Tieren auf zwei Beinen“ und Blutsaugern. Moderatoren des staatlichen Fernsehens begannen, die serbischen Rebellen generell als Cetniks zu bezeichnen und brachten so die Termini des Zweiten Weltkriegs zurück in den Alltag.[11]

Am Tag nach den Vorkommnissen von Borovo Selo erschien Präsident Tuđman im kroatischen Fernsehen. Er warnte davor, dass der „offene Krieg“ begonnen hätte und dass, falls „es notwendig werde“, das kroatische Volk zu den Waffen greifen sollte, um „die Freiheit und Unabhängigkeit der Republik Kroatien zu verteidigen.“[10]

Am selben Tag kam es in den dalmatinischen Städten Zadar und Šibenik, auf der anderen Seite Kroatiens, zu anti-serbischen Pogromen, bei denen Tuđmans HDZ der Mittäterschaft beschuldigt wurde.

Die serbischen Medien ihrerseits behaupteten, der Vorfall wäre durch „genozidale“ kroatische Bemühungen verursacht worden, die serbische Minderheit zu unterdrücken und zogen explizit Parallelen zum kroatischen Genozid an Serben während des Zweiten Weltkriegs.

Jede Seite interpretierte den Vorfall als Zeichen, dass ihre weitere Existenz von der jeweils anderen Seite bedroht wäre und dass die Sezession (von Jugoslawien respektive Kroatien) die einzige Möglichkeit wäre, das nationale Überleben zu sichern.[12]

Wie es ein Kommentator auf den Punkt brachte, wurden in der Folge „die Chancen für Initiativen, irgendeine Art von nicht-gewaltsamem Kompromiss zu erzielen, enorm verringert“.[13]

Nur wenige Monate später fand sich Borovo Selo in den Frontlinien der Schlacht um Vukovar, der größten Einzelschlacht des Kroatien-Kriegs.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. John B. Allcock (hg.): Conflict in the Former Yugoslavia., ABC-Clio Inc, 1998, S. 20.
  2. R. Craig Nation: War in the Balkans, 1991-2002. Strategic Studies Institute, August 2003 (PDF, 1,6 MB; auf strategicstudiesinstitute.army.mil).
  3. Judge K. Parker e.a.: Judgement. UN ICTY, 27. September 2007, abgerufen am 22. November 2018 (englisch).
  4. Robert J. Donia: Bosnia-Hercegovina: A Tradition Betrayed. C. Hurst & Co., 1994, S. 224.
  5. Mihailo Crnobrnja: The Yugoslav Drama. McGill-Queens University Press, 1996, S. 157.
  6. Ejub Štitkovac: Croatia: The First War. In Jasminka Udovicki, James Ridgeway (hrsg.): Burn This House: The Making and Unmaking of Yugoslavia, Duke University Press, 2000, S. 157–159.
  7. Vojislav Šešelj: Testimony to the ICTY. 24. August 2005 (auf un.org).
  8. Vojislav Šešelj: Testimony to the ICTY. 24. August 2005 (auf un.org).
  9. Allan Little, Laura Silber, The Death of Yugoslavia, p.155 (Penguin Books, 1996)
  10. a b Paul Hockenos, Homeland Calling: Exile Patriotism and the Balkan Wars, p. 58–59. (Cornell University Press, 2003)
  11. Jonathan Glover, Humanity: A Moral History of the Twentieth Century, p. 130. (Yale University Press, 2001)
  12. Ejub Štitkovac, „Croatia: The First War“, pp. 157–159, in Burn This House: The Making and Unmaking of Yugoslavia, ed. Jasminka Udovicki & James Ridgeway. (Duke University Press, 2000)
  13. Hannes Grandits and Carolin Leutloff, „Discourses, actors, violence: the organisations of war-escalation in the Krajina region of Croatia 1990-91“, p. 37, in Potentials of Disorder: Explaining Conflict and Stability in the Caucasus and in the Former Yugoslavia, ed. Jan Koehler, Christoph Zurcher. (Manchester University Press, 2003)