Sammellager Müngersdorf

Internierungslager in Köln-Müngersdorf

Das Sammellager Müngersdorf war ein von den Nationalsozialisten 1941 in Müngersdorf eingerichtetes Lager im ehemaligen Fort V des Äußeren Kölner Festungsrings und ein in unmittelbarer Umgebung errichtetes Barackenlager, in dem die jüdische Bevölkerung aus Köln und Umgebung ab Ende 1941 ghettoisiert wurde. Ab 1942 erfolgten von hier aus die Deportationen ins Ghetto Theresienstadt und in die Vernichtungslager im Osten.

GeschichteBearbeiten

Das Fort V wurde als Teil des Äußeren Festungsrings von 1874 bis 1876 errichtet. Bis 1918 wurde das Bauwerk als Militärgefängnis genutzt. Nachdem es seine Funktion als Verteidigungsbauwerk und Gefängnis verloren hatte, wurden die Festungsanlagen 1921/1922 bis auf die Kehlkaserne und den Flankengraben geschleift. Nach Plänen des Gartendirektors Fritz Encke und des Baurates Theodor Nußbaum wurde das eingeebnete Gelände zu einer Grün- und Sportanlage umgestaltet.[1][2]

NationalsozialismusBearbeiten

Im Sommer 1941 wurde vonseiten der nationalsozialistischen Stadtverwaltung der Beschluss gefasst, das ehemalige Militärgefängnis im Fort V als Sammellager für die in Köln lebenden Juden einzurichten. 1941 lebten noch 6.200 der ehemals (im Jahr 1933) knapp 15.000 jüdischen Mitbürger in Köln.[3] Bereits am 30. April 1939 wurde in Köln ein Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden in Kraft gesetzt, in dem angeordnet wurde, dass Juden nur noch in Häusern von jüdischen Eigentümern wohnen dürften. Nach einer Reihe von Luftangriffen auf Köln im Frühjahr 1941 verschlechterte sich die Wohnungs- und Versorgungssituation in der Stadt. Ende Mai 1941 wurde verfügt, dass sämtliche „arische“ und eine Reihe von jüdischen Häusern in der Innenstadt „kurzfristig von ihren jüdischen Bewohnern freizustellen sind“.[4]

Die Stadt Köln beschloss am 23. August 1941, dass Bombengeschädigte in die Wohnungen von jüdischen Eigentümern ziehen sollten und diese in den Räumen des ehemaligen Militärgefängnisses im Fort V zu kasernieren seien. Gleichzeitig wurde der Bau eines Barackenlagers 200 Meter nordwestlich der Kaserne, unmittelbar an der Bahnstrecke Köln–Aachen und an einer Flakstellung, beauftragt. Die Kosten für das zu errichtende Barackenlager in Höhe von 800.000 RM mussten von der jüdischen Gemeinde getragen werden. Von den ursprünglich geplanten 36 Baracken wurden jedoch nicht alle fertiggestellt.

Die ersten Kölner Juden bezogen im September 1941 die feuchten und ungeheizten Kasematten im Fort V. Ab Oktober 1941 wurde begonnen, die Kölner Juden, die noch in der Stadt wohnten, in die Ghettos Litzmannstadt und Riga zu verschleppen. Bis Anfang Dezember 1941 wurden 3000 der Kölner Juden deportiert.

Kurz vor Weihnachten 1941 mussten die ersten Juden in die noch halbfertigen, unbeheizten Baracken im Lager an der Bahnstrecke einziehen. Die Möbel mussten mitgebracht werden: pro Person ein Bett, für vier Personen ein Schrank und für acht Personen ein Esstisch.[5] Im Winter Anfang 1942 waren 203 Personen im Fort V und 1232 Menschen im Barackenlager interniert. Über 1000 Kranke und gebrechliche Personen wurden darüber hinaus auf engstem Raum im Israelitischen Asyl in Neuehrenfeld untergebracht.

Anfang 1942 wurden vorübergehend die Deportationen aus Köln ausgesetzt. Nach dem Tausend-Bomber-Angriff auf Köln in der Nacht zum 31. Mai 1942, bei dem 45.000 Einwohner obdachlos und unter anderem auch viele Kölner Krankenhäuser zerstört wurden[6], ließ die nationalsozialistische Verwaltung das kaum beschädigte israelitische Asyl und das jüdische Krankenhaus in der Otto-Straße einen Tag später innerhalb von zwei Stunden räumen. Die Patienten und Bewohner des Altenheims wurden mit Lastkraftwagen ins Barackenlager Müngersdorf verbracht, wo viele der Kranken infolge fehlender medizinischer Versorgung starben.[7]

Zwei Wochen später, am 15. Juni 1942, wurden die Deportationen aus dem Rheinland fortgesetzt. 963 Personen aus den Kölner Juden- bzw. Ghettohäusern, der Rheinlandloge und vor allem aus dem Sammellager Müngersdorf wurden in das Konzentrationslager/Ghetto Theresienstadt deportiert; am gleichen Tag verließ noch ein weiterer Deportationszug mit über 1000 Personen Köln, vermutlich ins Vernichtungslager Sobibor. Kurz vor den Deportationen verübten zahlreiche Menschen aus Furcht vor der Deportation in den Ghettohäusern und im Lager Suizid.[8] Bis Ende Juli 1942 wurden fast alle jüdischen Einwohner von Köln nach Theresienstadt oder Minsk verschleppt. Dort wurden sie zum Teil direkt nach der Ankunft ermordet, wie alle Kölner Juden, die mit dem Deportationszug Da 219 am 20. Juli 1942 nach Minsk verschleppt wurden und am Tag der Ankunft im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet wurden.[9][10]

Im Sammellager Müngersdorf wurden jetzt die Juden aus dem Rheinland und Kölner, die in so genannten „Mischehen“ lebten, kaserniert und nach kurzer Zeit mit kleineren Transporten, teilweise über Berlin nach Auschwitz deportiert. Im Jahr 1943 befand sich im Sammellager auch die Bezirksstelle Rheinland der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.[11]

Zeitweilig waren im Fort V und in den umliegenden Barackenkomplexen auch noch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter untergebracht. Bei einem Luftangriff am 14. Februar 1943 brannten die Baracken am Fort V teilweise aus. In den Baracken von Fort V starben 25 französische Zwangsarbeiter.[11]

Am 12. September 1944 wurden die Ehepartner von sogenannten „Mischehen“ aus Köln und Umgebung aufgefordert, sich mit allen Familienangehörigen innerhalb von zehn Tagen im Barackenlager Eichorn in Köln-Müngersdorf einzufinden. Ab Ende des Monats wurden die jüdischen Familienmitglieder nach Theresienstadt deportiert, die „arischen“ Ehepartner wurden aus dem Rheinland ausgewiesen, die Kinder bei Familienangehörigen untergebracht.[12][11]

Nach der Bombardierung und Zerstörung des als Arbeitserziehungslagers umgebauten Gebäudekomplexes in der Messe in Köln-Deutz am 14. Oktober 1944 wurden die Häftlinge nach Müngersdorf gebracht.[12] In dem sogenannten „Messelager“ war eine Außenstelle des KZ Buchenwald untergebracht. Die Häftlinge wurden in Köln zur Beseitigung von Trümmern und zur Entschärfung von Blindgängern eingesetzt. Nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler wurden in der sogenannten Aktion Gitter zahlreiche politische Gegner verhaftet und im Messelager inhaftiert. Zu den Verhafteten gehörten auch der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer und der Zentrumspolitiker Otto Gerig.

Ab dem 9. November 1944 diente das Barackenlager in Müngersdorf als Ersatz für das „Arbeitserziehungslager“ in Deutz. Auf dem Gelände war auch eine Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt untergebracht. Ende 1944 wurde das Lager in Müngersdorf ebenfalls bombardiert und die Häftlinge und das NSV-Personal wurden auf andere Lager verteilt. Kurz vor dem Erreichen der westlichen Kölner Stadtgrenze durch die amerikanische Armee wurde das Lager Müngersdorf aufgelöst und die verbliebenen Häftlinge mussten sich zu Fuß in das östlicher gelegene Arbeitserziehungslager Hundswinkel und andere Konzentrationslager begeben. Nach dem Einmarsch der amerikanischen Armee am 4. März 1945 wurden die Vorratslager der NSV u. a. mit Gummistiefeln, Speisefetten und Alkohol, die sich im Fort befanden, für die Bevölkerung geöffnet.[13][11]

GegenwartBearbeiten

 
Gedenkstein auf dem ehemaligen Gelände des Fort V in Müngersdorf

Das Barackenlager an der Bahnstrecke wurde bereits kurz nach Kriegsende eingeebnet und auf dem Gelände die Kleingartenanlage Waldfriede errichtet. Das Fort V wurde 1962 abgerissen, das Gelände weitestgehend eingeebnet und in die Gestaltung des Äußeren Grüngürtels einbezogen. 1981 brachte der Rat der Stadt Köln auf einem Findling in der Nähe des ehemaligen Fort V eine Gedenktafel an, die an die jüdischen Mitbürger aus Köln erinnert, die ab 1941 hier zusammengetrieben wurden.[2]

In jüngster Vergangenheit gibt es Pläne, einen Gedenkort auf dem Gelände der ehemaligen Sammellager zu errichten.[14] Am 19. November 2018 wurde vom Rat der Stadt Köln beschlossen, ein Mahnmal des Künstlers Simon Ungers zu realisieren, das ursprünglich vom Künstler als Wettbewerbsbeitrag für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin entworfen worden war. Der Entwurf, der den 1. Platz belegte, wurde noch nicht umgesetzt. Das Mahnmal Wall bildet eine Weiterentwicklung des Berliner Entwurfs. Es wurde nach dem Tod des Künstlers von seiner Schwester Sophia Ungers für den Gedenkort zur Verfügung gestellt.[15][16] Im November 2019 gedachten die örtliche katholische Gemeinde und die Synagogengemeinde Köln der Opfer und hielten damit ihren Wunsch nach dieser neuen Gestaltung des Gedenkorts lebendig.[17]

 
Gedenkort an das Deportationslager Köln-Müngersdorf, errichtet 2020 posthum nach Plänen von Simon Ungers. Links im Vordergrund der bisherige Gedenkstein

Im Januar 2020 erfolgte der Aufbau eines Gedenkortes in Form einer Cortenstahlwand von Simon Ungers.[18] Am 15. März 2020 sollte der Gedenkort feierlich eingeweiht werden, was wegen Corona entfiel. Stattdessen wurde im Juli eine Broschüre herausgegeben. Q: Bürgerverein Köln-Müngersdorf e.V.

LiteraturBearbeiten

  • Kurt Schlechtriemen: Opfer des Nationalsozialismus in Köln-Müngersdorf. Köln 2017, ISBN 978-3-00-057778-9.
  • Kurt Schlechtriemen: Schicksale jüdischer Menschen in Köln-Müngersdorf. Köln 2014.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Henriette Meyen (Hrsg.): Festungsstadt Köln: das Bollwerk im Westen. Emons, Köln 2010, ISBN 978-3-89705-780-7, S. 502.
  2. a b Eintrag zu Fort V im Äußeren Grüngürtel in der Datenbank „KuLaDig“ des Landschaftsverbands Rheinland, abgerufen am 10. Dezember 2018.
  3. NS-Dokumentationszentrum Köln - Jüdisches Schicksal. Abgerufen am 18. November 2018.
  4. Albert Kramer, Siegfried Bernhard: Bekanntmachung der Abteilung Wohnungsberatung. Hrsg.: Jüdische Kultusvereinigung, Synagogengemeinde Köln e. V. Köln Mai 1941.
  5. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Krankenhaus in Köln: die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869 bis 1945. Emons, Köln 2004, ISBN 3-89705-350-0, S. 344.
  6. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Krankenhaus in Köln: die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869 bis 1945. Emons, Köln 2004, ISBN 3-89705-350-0, S. 335.
  7. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Krankenhaus in Köln: die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869 bis 1945. Emons, Köln 2004, ISBN 3-89705-350-0, S. 335 ff.
  8. Bernd Haunfelder: Humanität und Diplomatie: die Schweiz in Köln 1940–1949. Aschendorff, Münster 2001, ISBN 3-402-05385-3, S. 160.
  9. Anne Burgmer: Ausstellung: Die vergessene Vernichtungsstätte. In: Kölner Stadt-Anzeiger. (ksta.de [abgerufen am 18. November 2018]).
  10. Werner Jung, Kulturamt der Stadt Köln (Hrsg.): NS-Dokumentationszentrum Jahresbericht 2017. Köln 2017, ISBN 978-3-938636-28-2, S. 22 ff.
  11. a b c d NS-Dokumentationszentrum Köln – Lager der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und der KZ-Häftlinge in Köln | Details. Abgerufen am 18. November 2018.
  12. a b Hans Clemens: Müngersdorf im Spiegel der Geschichte. In: Heimatverein Alt-Köln (Hrsg.): Beiträge zur kölnischen Geschichte, Sprache und Eigenart. Band 50. Köln 1968, S. 182.
  13. Bürgerverein Köln-Müngersdorf e. V. (Hrsg.): 1000 Jahre Müngersdorf. Köln 1980, S. 90.
  14. Bürgerverein Köln-Müngersdorf e. V. - „Wall“ von Simon Ungers. Abgerufen am 11. November 2018.
  15. Köln erhält einen würdigen Erinnerungsort. Abgerufen am 21. November 2018.
  16. Bürgerverein Köln-Müngersdorf e. V. - „Wall“ von Simon Ungers. Abgerufen am 21. November 2018.
  17. Gedenkort: Von Köln-Müngersdorf in die Vernichtungslager. Kölner Stadtanzeiger, 21. November 2019.
  18. Uta Winterhager: Eine lange Geschichte, eine lange Wand. arge koelnarchitektur.de, 6. Februar 2020, abgerufen am 19. März 2020 (deutsch).

Koordinaten: 50° 56′ 34,6″ N, 6° 52′ 15,5″ O