Performativer Widerspruch

Ein performativer Widerspruch liegt vor, wenn eine Selbstbeschreibung und die damit verbundene Bedeutung oder Vorstellung dem Handeln oder Zustand der sich äußernden Person unmittelbar widerspricht, wenn also die Aussage und die implizierte Handlung oder Existenzweise nicht übereinstimmen können.

BeispieleBearbeiten

"Ich schlafe jetzt tief!"

„Das ist, wie wenn jemand den Sprechakt äußern würde: ‚Ich schlafe jetzt tief‘. Indem er diesen Satz äußert, beweist er, dass er nicht schläft. Denn bereits durch den Vollzug der Äußerung widerspricht er deren Inhalt. Eine solche ‚existentielle Inkonsistenz‘, die durch den bloßen Vollzug einer Sprechhandlung entsteht, nennt man einen performativen Widerspruch.“

"Ich habe keinen Körper!"

„Die Verneinung der Äußerung ‚Ich habe einen Körper‘ ist (...) ein performativer Widerspruch. Denn bereits zum Vollzug dieser Äußerung brauche ich den Kehlkopf.“[1]

"Ich existiere nicht!"

„Wenn ich denke, dass ich nicht existiere, so denke ich etwas, was im Widerspruch zu dem steht, was ich unterstellen muss. Dies ist kein logischer Widerspruch, denn der Gedanke ‚Ich existiere nicht‘ ist nicht in sich widersprüchlich. Vielmehr steht er im Widerspruch zu einer anderen Aussage, nämlich der Aussage ‚Ich existiere‘ und die Wahrheit dieser Aussage muss ich unterstellen, wenn ich denke ‚Ich existiere nicht‘. Man nennt dies auch einen ‚performativen Widerspruch‘, einen Widerspruch in der Handlung.“[2]

Pfister führt den performativen Widerspruch ein als ein verunglücktes „transzendentales Argument“, bei dem gegenüber dem performativen Widerspruch die Bedingung der Möglichkeit einer Aussage plausibel gegeben ist. Als positives Beispiel nennt er hier das berühmte Dictum des französischen Philosophen René DescartesIch denke, also bin ich“.

EinordnungBearbeiten

Ein performativer Widerspruch als Widerspruch von Aussage und implizierter Existenz steht somit klassifikatorisch zwischen einerseits den logischen Widersprüchen von Aussagen und andererseits den Widersprüchen in der Realität, den so genannten „dialektischen“ oder realen Widersprüchen[3] . Transzendentale Argumente[4] und performative Widersprüche in ihrer wie in den Beispielen eher trivialen Form "spielen im Alltag und in anderen Wissenschaften (...) so gut wie keine Rolle."[5] In politischen und ethischen Diskursen dagegen sind Selbstbeschreibungen als "gut", "vorbildlich", "gemeinschaftsorientiert", "demokratisch" usw. sowie ihre Relation zum tatsächlichen Verhalten eines Handelnden ein Hauptthema der Auseinandersetzung; aber weder transzendentale Schlussfolgerungen noch Widersprüche sind in der Regel unmittelbar aus diesen Äußerungen abzuleiten, sondern benötigen empirische Daten, die von verschiedenen Standpunkten auch verschieden interpretiert werden.

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe. Band 2, S. 97 f.
  2. Jonas Pfister: Werkzeuge des Philosophierens. S. 98.
  3. Holm Tetens: Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung. S. 68 ff.
  4. Längere Ausführung hierzu bei: Holm Tetens, Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung, S. 68 ff.
  5. Jonas Pfister: Werkzeuge des Philosophierens. S. 97.