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Ohne Rüstung Leben e.V. (ORL) ist eine Ende der 1970er-Jahre entstandene ökumenische Organisation der Friedensbewegung in Deutschland. Als konsequent pazifistische Basisbewegung möchte sie Frieden „ohne Waffen politisch entwickeln“.[1] Zudem tritt sie für den prinzipiellen Verzicht auf jeglichen militärischen Schutz ein.

GeschichteBearbeiten

Der Verein geht auf die württembergische Initiative Pro Ökumene zurück. Der evangelische Pfarrer Werner Dierlamm, ein Mitglied des Antimilitarismus-Arbeitskreises von Pro Ökumene, stellte Ende August 1977 auf einer Tagung in Mannheim eine Selbstverpflichtung zur Diskussion, in der die Bereitschaft ausgedrückt wurde, ohne Waffen leben zu wollen. Wolf-Dietrich Hardung, Dekan des Kirchenbezirks Bad Cannstatt, ergänzte daraufhin diese Erklärung um die Forderung nach einer politischen Entwicklung des Friedens.[2] Die in Mannheim konzipierte und später noch ausgearbeitete Selbstverpflichtung lautete somit: „Ich bin bereit, ohne den Schutz militärischer Rüstung zu leben. Ich will in unserem Staat dafür eintreten, dass Frieden ohne Waffen politisch entwickelt wird.“ Sie wurde die Grundlage von der im Frühjahr 1978 ins Leben gerufenen Aktion Ohne Rüstung Leben, die zunächst ein Arbeitskreis von Pro Ökumene war.[3]

Der Anlass für diese Erklärung und damit für die Gründung von Ohne Rüstung Leben war ein Appell der Fünften Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Weltkirchenrat) 1975 in Nairobi/Kenia. Darin wurde gefordert: „Die Kirche sollte ihre Bereitschaft betonen, ohne den Schutz von Waffen zu leben, und bedeutsame Initiativen ergreifen, um auf eine wirksame Abrüstung zu drängen.“[4]

Im April 1978 gingen die Initiatoren von Ohne Rüstung Leben – neben Dierlamm und Hardung waren das unter anderem auch die Pfarrer Niels Hueck, Hermann Mayer, Hermann Schäufele, Gerhard Schubert, Reinhardt Seibert und Gerhard Voß – erstmals mit der Selbstverpflichtung an die Öffentlichkeit. Sie stand unter dem Titel „Aufruf ‚An alle Christen‘“.[5] Unterstützt wurde dieser öffentliche Appell von anderen Organisation wie der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg, dem Internationalen Versöhnungsbund und der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistenden (EAK),[5] nicht aber von der württembergischen Landeskirche. Sie erkannte Ohne Rüstung Leben jedoch als Friedensgruppe an und ließ die Aktion gewähren.[6]

Die erste größere Möglichkeit, sich und ihre Selbstverpflichtung in der Öffentlichkeit darzustellen, bot sich dem Verein beim Evangelischen Kirchentag in Nürnberg im Juni 1979.[7] Der Aufruf „An alle Christen“ wurde zudem über die nächsten Jahre hinweg auch in mehreren großen Tages- und Wochenzeitungen veröffentlicht.[8] Die Zahl der Selbstverpflichter wuchs dadurch langsam aber stetig: Von 834 Unterzeichnern im Juni 1978 auf 15.800 im April 1981.[9] Der Verein war somit laut dem Spiegel: „binnen drei Jahren zur größten der neuen Friedensgruppen in der evangelischen Kirche“ geworden.[10] Ende Juli 1983 hatten schließlich 23.800 Menschen die Erklärung signiert.[11] Gleichzeitig haben sich viele Unterzeichner in Ortsgruppen organisiert. So gab es 1982 120 regionale oder lokale Gruppen von Ohne Rüstung Leben.[12] Die meisten davon haben sich inzwischen wieder aufgelöst.

Von Anfang an standen Aufklärung und Bewusstseinsbildung im Mittelpunkt der friedenspolitischen Arbeit der Initiative Ohne Rüstung Leben,[13] die seit 1983 als eingetragener gemeinnütziger Verein mit Sitz in Stuttgart tätig ist.[14] Dazu gab und gibt sie noch immer Informationsmaterial wie etwa Rundbriefe, die seit 1978 bis heute regelmäßig quartalsweise erscheinende Zeitschrift „Informationen“ oder diverse Abhandlungen heraus, in denen vor allem friedens- und rüstungspolitische Themen behandelt werden. Des Weiteren bestand die Friedensarbeit des Vereins aber auch in Aktionen, die sie selbst durchgeführt oder gefördert hat: Neben der regelmäßigen Beteiligung am Kirchentag waren das zum Beispiel Friedensketten, Protestmärsche, Fasten-, Schweige- oder Postkartenaktionen, Verfassungsbeschwerden, Steuerverweigerungen, Mitarbeit im „Koordinationsausschuss der Friedensbewegung“,[15] aus dem sie jedoch 1986 wieder offiziell austrat,[16] oder Aktionen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams, wie etwa Blockaden.

Programmatik und KontroversenBearbeiten

Das friedenspolitische Bestreben der Initiatoren von Ohne Rüstung Leben beruhte auf dem Neuen Testament und hier insbesondere auf der Bergpredigt (vor allem Matthäus 5,38–48).[17] Das Evangelium wurde von ihnen als „Befreiung und Verpflichtung zum Frieden“ verstanden.[18] Sie vertraten die Auffassung, dass das Wort Jesu dabei nicht nur für den religiösen Bereich gelte, sondern auch für den weltlichen.[19] Sie schlussfolgerten daraus, dass Christen nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern auch im politischen Bereich „zum Friedenmachen ermächtigt“[18] seien beziehungsweise verpflichtet seien, sich für den Frieden einzusetzen.[20] Ohne Rüstung Leben forderte einseitige Abrüstungsschritte, die Auflösung von Militärallianzen und eine Erziehung zum Frieden.[13]

Der Aufruf zur Selbstverpflichtung von Ohne Rüstung Leben hat insbesondere in den evangelischen Kirchen leidenschaftlich geführte Diskussionen ausgelöst und schließlich dazu geführt, dass sich im Jahr 1980 als direkte Reaktion auf die „radikal pazifistische“[21] und „eher gesinnungsethische“[22] Position von Ohne Rüstung Leben mit dem Arbeitskreis „Sicherung des Friedens“ in München eine „eher verantwortungsethische“[21] und „eher gesinnungsethische“[22] christliche Gegenbewegung formierte. Darin waren prominente evangelische Christen wie etwa der Akademiedirektor a. D. Eberhard Müller und der frühere Chefredakteur der Evangelischen Kommentare, Eberhard Stammler, vertreten. Sie waren der Ansicht, dass Frieden in Verantwortung für den Nächsten verteidigt werden müsse – und das „im äußersten Fall mit Waffengewalt“,[23] was sie auch in einer Gegendarstellung zu der Selbstverpflichtung von Ohne Rüstung Leben betonten.[24] Daher sei ein Rüstungsgleichgewicht notwendig.[25] Wie Ohne Rüstung Leben argumentierte auch „Sicherung des Friedens“ mit den Inhalten der Bergpredigt, verknüpfte diese jedoch mit dem fünften Gebot des Dekalogs (Tötungsverbot), das nicht nur Mord verbiete, sondern auch „den – notfalls bewaffneten – Schutz des Lebens, der grundlegenden Menschenrechte und der Freiheit“ gebiete.[26]

OrganisationBearbeiten

Der Verein ist seit 1983 als eingetragener Verein in Stuttgart eingetragen[27] und als gemeinnützig anerkannt.[28] Die Organisation finanziert sich im Wesentlichen aus Spenden und nicht aus Mitgliedsbeiträgen.[12] Einer der hauptamtlichen Mitarbeiter ist Paul Russmann.

Ziele und AktivitätenBearbeiten

Der Verein engagiert sich gegen die Rüstungsproduktion und den Rüstungsexport und für eine atomwaffenfreie Welt und den Ausbau des zivilen Friedensdienstes. Dabei setzt die Initiative vor allem auf öffentlichkeitswirksame Protestaktionen und Kampagnen sowie auf Informations-, Aufklärungs- und Lobbyarbeit. Dazu gehören Informationsveranstaltungen und friedenspolitische Aktionen ebenso wie Kundgebungen und Demonstrationen.

Ohne Rüstung Leben war oder ist Mitinitiator zahlreicher Kampagnen und Aktionen, wie etwa:

  • „Produzieren für das Leben. Rüstungsexporte stoppen“
  • „Daimler-Minen stoppen“
  • „Nacht der 100.000 Kerzen für eine Welt ohne Atomwaffen“
  • „Friedenskampagne Türkei/Kurdistan Schweigen tötet – Frieden jetzt!“
  • „Schulfrei für die Bundeswehr“
  • „Atomwaffen abschaffen“, „Unsere Zukunft – atomwaffenfrei“ und „Atomwaffenfrei jetzt!“
  • „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“
  • „20 Millionen mehr vom Militär“ (Kampagne für den Ausbau des Zivilen Friedensdienstes)

Überdies koordiniert Ohne Rüstung Leben die „Kritischen Aktionäre Daimler“, beteiligte sich am Aufbau und der inhaltlichen Weiterentwicklung eines deutschen Friedensfachdienstes und unterstützte Projekte der zivilen Konfliktbearbeitung in Krisenregionen.

AuszeichnungenBearbeiten

Ohne Rüstung Leben wurde im Jahr 2011 gemeinsam mit der Fachgruppe „Rüstungsexporte“ der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet.

Im November 2012 erhielt Ohne Rüstung Leben gemeinsam mit anderen Organisationen wie Pax Christi und der Deutschen Friedensgesellschaft / Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen für die „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“ den Stuttgarter Friedenspreis 2012.

MitgliedschaftenBearbeiten

Ohne Rüstung Leben ist unter anderem Mitglied in:

LiteraturBearbeiten

  • Frieden stiften. Die Christen zur Abrüstung – eine Dokumentation, hg. v. Günter Baadte, Armin Boyens, Ortwin Buchbender, München 1984.
  • Hardung, Wolf-Dietrich: Friedensbewegung als Teil der Ökumene. In: Und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist. 25 Jahre offene Kirche, hg. v. Eva-Maria Agster, Reutlingen o. J.
  • Leif, Thomas: Die strategische (Ohn-)Macht der Friedensbewegung. Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen in den achtziger Jahren, Opladen 1990.
  • Lienemann, Wolfgang: Frieden: vom „gerechten Krieg“ zum „gerechten Frieden“, Göttingen 2000.
  • Manz, Hans-Ulrich: Friedensarbeit in der Provinz. Erfahrungen, Handlungsmöglichkeiten und Perspektiven in einer Kirchengemeinde, Wissenschaftliche Arbeit zur Diplomierung (FH) als Sozialpädagoge, Tuttlingen 1982.
  • Ohne Rüstung leben. Arbeitskreis von Pro Ökumene, hg. v. Ohne Rüstung leben, Gütersloh 1981.
  • Schregel, Susanne: Der Atomkrieg vor der Wohnungstür. Eine Politikgeschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik 1970–1985, Frankfurt/M. 2010.
  • Zander, Helmut: Die Christen und die Friedensbewegung in beiden deutschen Staaten. Beiträge zu einem Vergleich für die Jahre 1978–1987, Berlin 1989.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. http://www.ohne-ruestung-leben.de/frieden-entwickeln.html
  2. Vgl. Zander, Helmut: Die Christen und die Friedensbewegung in beiden deutschen Staaten. Beiträge zu einem Vergleich für die Jahre 1978–1987, Berlin 1989, S. 74f.
  3. Vgl. Ohne Rüstung leben. Arbeitskreis von Pro Ökumene, hg. v. Ohne Rüstung leben, Gütersloh 1981, S. 20.
  4. Ohne Rüstung leben, 1981 S. 32. Siehe auch: Lienemann, Wolfgang: Frieden: vom „gerechten Krieg“ zum „gerechten Frieden“, Göttingen 2000, S. 152 ff.
  5. a b Vgl. Manz, Hans-Ulrich: Friedensarbeit in der Provinz. Erfahrungen, Handlungsmöglichkeiten und Perspektiven in einer Kirchengemeinde, Wissenschaftliche Arbeit zur Diplomierung (FH) als Sozialpädagoge, Tuttlingen 1982, S. 5. Siehe auch: Schregel, Susanne: Der Atomkrieg vor der Wohnungstür. Eine Politikgeschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik 1970–1985, Frankfurt/M. 2010, S. 47; Ohne Rüstung Leben, 1981, S. 20ff.
  6. Vgl. Manz, S. 5; Zander, S. 75.
  7. Vgl. Manz, S. 6; Zander S. 74.
  8. Vgl. Manz S. 6. Siehe zum Beispiel: Die Zeit Nr. 23/1981: An alle Christen vom 29. Mai 1981, S. 11.
  9. Friedensbewegung: Sanfter Kreuzzug. In: Der Spiegel. Nr. 18, 1981, S. 19–21 (online27. April 1981).
  10. Friedensbewegung: Sanfter Kreuzzug. In: Der Spiegel. Nr. 18, 1981, S. 20 (online27. April 1981).
  11. Frieden stiften. Die Christen zur Abrüstung – eine Dokumentation, hg. v. Günter Baadte, Armin Boyens, Ortwin Buchbender, München 1984, S. 58.
  12. a b Vgl. Zander, S. 75.
  13. a b Zander, S. 78.
  14. Siehe Vereinsregister beim Amtsgericht Stuttgart
  15. Vgl. Zander, S. 79.
  16. Leif, Thomas: Die strategische (Ohn-)Macht der Friedensbewegung. Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen in den achtziger Jahren, Opladen 1990, S. 35.
  17. Ohne Rüstung Leben, 1981, S. 10ff.
  18. a b Ohne Rüstung Leben, 1981, S. 24.
  19. Ohne Rüstung Leben, 1981, S. 12.
  20. Ohne Rüstung Leben, 1981, S. 20.
  21. a b Frieden stiften, S. 60.
  22. a b Zander, S. 82.
  23. Siehe Selbstdarstellung auf der Webseite der Organisation: http://www.sicherung-des-friedens.de/sicherung%20des%20friedens_003.htm
  24. Zander, S. 77 und S. 80ff; Frieden stiften S. 60ff; Lienemann, S. 164.
  25. Lienemann, S. 164.
  26. Frieden stiften, S. 60ff, Ohne Rüstung Leben, 1981, S. 55.
  27. Siehe Vereinsregister beim Amtsgericht Stuttgart
  28. Siehe Website von Ohne Rüstung Leben