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Neue Ära

Regierungspolitik in Preußen von 1858 bis 1862

Neue Ära ist die Bezeichnung für die Regierungspolitik im Königreich Preußen zwischen Herbst 1858 und Frühjahr 1862. Sie folgte auf die Reaktionsära unter Friedrich Wilhelm IV.[1] Die Neue Ära wird und wurde „in der Forschung eher am Rande behandelt“, obwohl sie „eine der interessantesten Phasen der neueren preußisch-deutschen Geschichte“ war.[2]

AnfängeBearbeiten

Die Neue Ära begann mit der Regentschaft von Wilhelm am 7. Oktober 1858, der 1861 als Wilhelm I. König von Preußen wurde. Nach der reaktionären Politik seines Bruders versuchte der neue Regent Reformen anzustoßen. Korruption in der Wirtschaft und offizielle Frömmelei widerstrebten König Wilhelm.[3] Der Kurswechsel dokumentierte sich sowohl in „der Bildung eines liberal-konservativen (Ministeriums)“ als auch in einer Vielzahl politischer Programme, die „im Vorfeld der Wahl zum Abgeordnetenhaus vom November 1858 entworfen wurden.“[4] Diese Wahl wurde so „übereilt angesetzt, daß der gewählte Termin jedenfalls für die neue Regierung zeitlich kaum ungünstiger hätte liegen können.“ Denn am 30. Oktober wurde bekannt gegeben, dass „die Urwahlen am 12., die Abgeordnetenwahlen am 23. November stattfinden.“[5] Nach der Berufung von Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen zum Ministerpräsidenten ernannte der Prinzregent am 6. November sieben neue Minister: Eduard Flottwell zum Innenminister (interimistisch seit 7. Oktober), Rudolf von Auerswald zum Minister ohne Ressort, Alexander von Schleinitz zum Außenminister, Eduard von Bonin zum Kriegsminister, Robert von Patow zum Finanzminister, Erdmann von Pückler zum Landwirtschaftsminister und Moritz August von Bethmann-Hollweg zum Kultusminister. Nur Handelsminister August von der Heydt und Justizminister Ludwig Simons übernahm er aus der vorherigen Regierung.[6] Die neue konservativ-liberale Regierung konnte sich auf eine große Mehrheit im neugewählten Abgeordnetenhaus stützen. Nur 30 Prozent der 1855 gewählten Abgeordneten wurden 1858 wiedergewählt.[7] Allerdings wurden Reformvorhaben durch die Abgeordneten aus dem Junker-Adel im Herrenhaus blockiert. Erst 1861 konnte die Krone durch Ernennung zahlreicher neuer Abgeordneter die Grundsteuerbefreiung des Landadels aufheben lassen.

Neuwahlen Dezember 1861 und Mai 1862Bearbeiten

Wilhelm erklärte einerseits, die bestehende preußische Verfassung achten zu wollen, andererseits wandte er sich gegen eine wesentliche Mitsprache des Landtags. Zugleich zeigte sich auch die bürgerlich-liberale Bewegung unentschlossen, in welchem Ausmaß ein Parlamentarismus nach englischem Vorbild erstrebenswert sei.[8] Dass die Heeresreform „nicht über den Weg der Gesetzgebung unter Mitbeteiligung des Landtags ins Leben trat, gehörte zum Kern des Heereskonflikts. Dieser Konflikt trug zusammen mit einer ganzen Reihe von steckengebliebenen und gescheiterten Reformvorhaben der Neuen Ära dazu bei, daß viele Liberale sich enttäuscht fühlten, radikalisierten und neu formierten“.[9] Die Gründung der Fortschrittspartei im Sommer 1861 nahm hier ihren Ausgang. Die Konservativen hingegen unterstützten die Krone insbesondere bei ihrem Vorhaben, eine Mitsprache des Landtags in Militärangelegenheiten zurückzuweisen. Um eine konservative Mehrheit im Herrenhaus zu erreichen, setzte Wilhelm Neuwahlen an. Zwar erhielten die Konservativen 29,5 Prozent der Sitze und die Macht der Altliberalen wurde mit 40 Prozent stark eingeschränkt. Da eine stabile Mehrheit jedoch verfehlt wurde, löste der König den Landtag ein zweites Mal auf. Die erneute Neuwahl brachte keine Veränderung.

EndeBearbeiten

Als Ende der Neuen Ära werden die Auflösung des neu gewählten preußischen Abgeordnetenhauses und die Ernennung des Fürsten Adolf zu Hohenlohe-Ingelfingen zum „interimistischen“ Ministerpräsidenten angesehen, beides am 11. März 1862. Am 17. März des Jahres wurden die altliberalen Minister der Neuen Ära, Auerswald, Patow, Schwerin, Bernuth und Pückler, entlassen und die Leitungen von vier Fachministerien konservativ besetzt: Heinrich Friedrich von Itzenplitz wurde Landwirtschaftsminister, Heinrich von Mühler Kultusminister, Leopold zur Lippe-Biesterfeld-Weißenfeld Justizminister und Gustav von Jagow Innenminister. Der liberale August von der Heydt, der das Handelsministerium interimistisch behielt, wurde Finanzminister und damit de facto zur maßgebenden Persönlichkeit in der Regierung, aber auch unterstützt von monarchistisch gesinnten Konservativen wie Kriegsminister Albrecht von Roon. Der Ministerwechsel fand eigentlich am 18. März statt, wurde aber wegen der Assoziation zum Berliner Barrikadenkampf vom 18. März 1848 auf den 17. März datiert.[10] Von der Heydt verließ bereits im September 1862 das Kabinett, nachdem Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten berufen worden war.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Wolfgang Jäger: Kursbuch Geschichte: Von der Antike bis zur Gegenwart. Cornelsen Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-464-64303-4, S. 319 f.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. preussenchronik.de
  2. Rainer Paetau: Die regierenden Altliberalen und der „Ausbau“ der Verfassung Preußens in der Neuen Ära (1858–1862). In: Bärbel Holtz, Hartwin Spenkuch (Hrsg.): Preußens Weg in die politische Moderne. Akademie Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-05-003580-3, S. 169.
  3. Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1958, S. 293–295.
  4. Rainer Paetau: Die Protokolle des Preußischen Staatsministeriums 1817–1934/38. Bd. 5. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Jürgen Kocka und Wolfgang Neugebauer. Olms-Weidmann, Hildesheim/Zürich/New York 2001, ISBN 3-487-11002-4, S. 3 (Einleitung).
  5. Günther Grünthal: Die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus von 1858. In: Ders. (Verf.), Frank-Lothar Kroll u. a. (Hrsg.): Verfassung und Verfassungswandel. Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11140-0, S. 189.
  6. Vgl. Rainer Paetau: Die Protokolle des Preußischen Staatsministeriums 1817–1934/38. Bd. 5. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Jürgen Kocka und Wolfgang Neugebauer. Olms-Weidmann, Hildesheim/Zürich/New York 2001, ISBN 3-487-11002-4, S. 421 f.
  7. Vgl. Günther Grünthal: Die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus von 1858. In: Ders. (Verf.), Frank-Lothar Kroll u. a. (Hrsg.): Verfassung und Verfassungswandel. Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11140-0, S. 205 f.
  8. Golo Mann, S. 307.
  9. Rainer Paetau: Die Protokolle des Preußischen Staatsministeriums 1817–1934/38. Bd. 5. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Jürgen Kocka und Wolfgang Neugebauer. Olms-Weidmann, Hildesheim/Zürich/New York 2001, ISBN 3-487-11002-4, S. 12 (Einleitung).
  10. Rainer Paetau: Die regierenden Altliberalen und der „Ausbau“ der Verfassung Preußens in der Neuen Ära (1858–1862). In: Bärbel Holtz, Hartwin Spenkuch (Hrsg.): Preußens Weg in die politische Moderne. Akademie Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-05-003580-3, S. 180.
    Rainer Paetau: Die Protokolle des Preußischen Staatsministeriums 1817–1934/38. Bd. 5. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Jürgen Kocka und Wolfgang Neugebauer. Olms-Weidmann, Hildesheim/Zürich/New York 2001, ISBN 3-487-11002-4, S. 421.